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trauer

Meine Eltern wussten, dass sie sterben, bevor ich neun werde

Wie sie mich auf ein Leben ohne sie vorbereitet haben.

von Sydni Dunn
22 Mai 2018, 4:00am

Alle Fotos bereitgestellt von Sydni Dunn

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Das Kino war leer, bis auf uns beide. Als der Abspann lief, machten wir den Saal zu unserem Spielplatz: Wir tanzten in unseren Kinosesseln, machten Radschläge die Gänge runter und lachten, bis die Lichter angingen und das Reinigungspersonal reinkam.

Eigentlich hätte ich in der Schule sein sollen, aber meine Mutter hatte darauf bestanden, dass wir uns stattdessen die 1-Dollar-Vormittagsvorstellung im Kino anschauen. Sie zeigten Little Princess, einen meiner Lieblingsfilme. Genau wie ich hat die Heldin keinen Vater. Im Film kommt er am Ende zurück; meiner hat das nie getan.

Vielleicht hatte meine Mutter deswegen die kleine Turneinlage nach dem Film gestartet, um mich von der Handlung abzulenken. Oder sie wollte einfach etwas Spaß mit ihrem kleinen Mädchen haben. Wie auch immer, ich bin froh, dass sie es getan hat. Dieser Kinobesuch zählt zu meinen schönsten Erinnerungen. Ich kann noch das Popcorn riechen und meinen Bauch fühlen, der mir vor lauter Lachen wehtat.

Wir grinsten immer noch, als wir unseren Nissan Altima auf dem Parkplatz erreichten. Wir schnallten uns an und meine Mutter startete die Zündung, aber wir fuhren nicht los. Sie drehte sich zur Rückbank, wo ich auf meinem Kindersitz saß, und sagte mit ruhiger Stimme: "Sydni, ich möchte, dass du weißt, dass – falls Mama jemals etwas passiert, falls Mama zu Papa in den Himmel zieht –, dass du dann sicher bist."

Sie sagte weiter: Ich würde von Texas nach Louisiana ziehen, um dort bei ihrer Schwester und meinem Cousin und meiner Cousine zu wohnen. Dann hätte ich einen Bruder und eine Schwester, die mit mir spielen könnten. Ich könnte meine Großeltern, die in derselben Stadt leben, so oft sehen, wie ich will. Mein Hund, Charlie, würde auch mit mir mitkommen. Was ich von dem Plan halten würde? Habe ich irgendwelche Fragen?

Hatte ich nicht. Ich war mir sicher, dass das nicht passieren würde. Ja, sie war oft krank, aber sie lag jetzt nicht im Sterben. Immerhin war das hier dieselbe Frau, die ein paar Augenblicke zuvor noch ihre Arme nach oben genommen hatte und wie eine Ballerina auf Zehenspitzen durch den Kinosaal getänzelt war.

Wir sollten diese Unterhaltung in den kommenden paar Jahren immer wieder führen – auf dem Rückweg vom Softball-Training, während der Werbepausen beim Fernsehen oder wenn wir die Eisenbahnschienen zusammenbauten, die um unseren Weihnachtsbaum führten. Wir sollten diese Unterhaltung im Wartezimmer ihres Arztes führen; zu Hause, wenn sie zu schwach war, um vom Badezimmerboden aufzustehen, und zusammengekuschelt in ihrem Krankenhausbett, untermalt vom Piepen der Geräte und umgeben von einem Gewirr aus Kabeln. Und ich sollte die Unterhaltung ein weiteres Mal mit meiner Familie führen, an einem Morgen im April. Kurz davor hatte mich die Nachricht geweckt, dass meine Mutter in der Nacht zuvor friedlich verstorben war, in Anwesenheit ihrer Eltern und Geschwister.

Keine noch so gute Vorbereitung kann ein Kind für den Tod eines Elternteils wappnen. Keine noch so gute Vorbereitung kann ein Kind darauf gefasst machen, mit acht Jahren Waise zu werden. Aber meine Mutter, die mitangesehen hatte, wie ihre High-School-Liebe und der Vater ihres einzigen Kindes seinen Kampf gegen AIDS verlor, während sie ihre eigene Schlacht schlug, tat, was sie konnte, um mich mit den Werkzeugen auszustatten, die ich brauchen würde, um die Tage, Monate, Jahre und Jahrzehnte nach ihrem Tod zu bewältigen.

Anstatt mich vor der Tragödie zu schützen, ermutigte meine Mutter mich dazu, mich damit auseinanderzusetzen. Als mein Vater drei Monate vor meinem vierten Geburtstag starb, nahm sie mich mit zu seiner Beerdigung. Ich durfte auf den hölzernen Kniestuhl vor seinem Sarg klettern, um hineinzugucken. Sie erklärte mir so, wie es ein Kindergartenkind verstehen konnte, warum er nicht wieder aufwachen wird.

Das hörte auch nicht beim Friedhof auf. Obwohl er physisch nicht mehr unter uns war, integrierte sie meinen Vater in unseren Alltag. Mein Papa hätte mein neues Tweety-Sweatshirt gemocht. Mein Papa wäre so stolz darauf gewesen, was für ein schlaues Mädchen ich bin. Mein Vater war der Künstler hinter den pinken Zuckerwatte-Sonnenuntergängen, die wir bei unseren Abendspaziergängen bewunderten. Meine Mutter brachte mir bei, dass es ein gesunder Teil des Trauerprozesses ist, über den Tod zu reden. Sie versicherte mir, dass es nicht nur gerechtfertigt ist, wenn ich traurig war oder mich einsam fühlte, sondern normal.

Gleichzeitig förderte sie meine Unabhängigkeit: Ich wählte meine Anziehsachen selbst aus. Ich allein legte die Prioritäten meiner Freizeitaktivitäten fest. Mir wurde zugetraut, den Notarzt zu rufen, wenn sie einen brauchte. Sie lebte mir Stärke vor und gab mir das Gefühl, etwas wert zu sein. Ich war stark und mutig. Ich konnte alles tun. Es war: Wir gegen die Welt.

Vor allem aber erschuf sie Erinnerungen, die lange nach ihr weiterlebten. Wir drehten uns in den riesigen pastellfarbenen Teetassen von Disney World, bis uns schwindelig war. Wir schlugen mit Besenstilen gegen die Decke, damit der Nachbar über uns aufhörte, "My Heart Will Go On" auf der Heimorgel zu üben. Zu unserem traditionellen "Friday Pie Day" stapelten auf unseren Cafeteria-Tabletts Haufenweise Kuchen in jeglicher Geschmacksrichtung.

Andere Erinnerungen offenbarten sich mir erst mit der Zeit: Nachdem ich beim Umzug nach Louisiana einen Berg Briefumschläge gefunden hatte, wurde mir klar, dass meine Mutter mein heimlicher Verehrer gewesen war, der eine Zeit lang unseren Briefkasten mit Karten gefüllt hatte. Ich entdeckte Fotobeweise von meiner lachenden Mutter, die mit einer Packung Babypuder über einer Schablone mit Pfotenabdrücken gebeugt steht und Osterhasenspuren in unserem Haus verteilt. Sie hatte Fotoalbum über Fotoalbum mit Bildern unseres Lebens archiviert, jeder einzelne Schnappschuss versehen mit Ort und Datum.

Meine Familie führte ihre Methode fort, als meine Mutter es nicht mehr konnte. Sie ließen mich ihren perlweißen Sarg aussuchen und den Rosenstrauß, der ihn bedecken sollte. Sie ließen mich eine Playlist mit Celine-Dion- und N*Sync-Balladen für ihren Trauergottesdienst zusammenstellen. Sie erzählten Geschichten aus der Kindheit meiner Eltern, organisierten Zusammenkünfte an Geburts- und Jahrestagen. Beim Weihnachtsessen blieben immer zwei Plätze frei. Sie waren ehrlich mit mir, was die Todesursache meiner Eltern anging, als ich mich in der Highschool zufällig für die AIDS-Aufklärung engagierte. Sie verstanden, dass ich wütend und traurig darüber war, als Letzte die Wahrheit zu erfahren. Sie besuchten jede Aufklärungsveranstaltung, die ich danach organisierte.


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Der Tod meiner Eltern hat sich bei mir eingebrannt. Ich unterteile mein Leben in Kapitel: davor und danach. Dinge, die ich nicht kontrollieren kann, lösen bei mir Angststörungen aus. Bei erfreulichen Anlässen wie Abschlussfeiern, neuen Jobs oder meiner Hochzeit ist mein Schmerz nie weit. Aber die gemeinsamen Bemühungen meiner Mutter und meiner Familie haben mir gezeigt, wie ich die unausweichlichen Hürden des Lebens von einem jungen Alter an meistern konnte. Sie haben mich zu der gemacht, die ich heute bin.

Ich bin jetzt so alt wie meine Mutter, als sie erfuhr, dass sie mit mir schwanger ist – so alt wie sie, als sie erfuhr, was es bedeutet, HIV positiv zu sein. Ich bin so alt wie meine Mutter, als sie begann, gleichzeitig den Anfang und das Ende ihres nächsten Lebensabschnitts zu planen.

Wenn ich über das alles nachdenke und selbst überlege, eine Familie zu gründen, kann ich die emotionale Kapazität einfach nicht begreifen, die man braucht, um das zu tun, was sie tat. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, unter einer Krankheit zu leiden, die Anfang der 90er vielen nicht nur unbekannt war, sondern die auch tabuisiert wurde.

Ich kann nur wertschätzen, was sie mir über das Leben und bedingungslose Liebe beigebracht hat – und das weiterzugeben. Sollte ich Mutter werden, will auch ich alles in meiner Macht Stehende tun, um meinem Kind ein glückliches und gesundes Leben zu ermöglichen. Ich werde dafür sorgen, dass meine Mutter gehört und geschätzt wird. Und ich werde nie eine Gelegenheit auslassen, mit ihr in den Gängen eines leeren Kinosaals zu tanzen.

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