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Wie sich Aachen auf eine Atom-Katastrophe vorbereitet

Weil das belgische Kraftwerk Tihange immer maroder wird, stocken Apotheken in der Grenzregion den Vorrat an Jod-Tabletten auf. Die Behörden raten zu Hamsterkäufen.

von Niclas Seydack
08 August 2017, 3:52pm

Foto: imago | Zuma Press

Wer in Aachen Angst vor der atomaren Katastrophe hat, geht zu Wilhelm Thevis. Der 54-Jährige ist Apotheker in der Aachener Innenstadt und bekommt im Moment – wie knapp 300 Apotheken in der Region – Notfall-Jod-Tabletten von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen geliefert. Ab dem 1. September können sie die Aachener bei ihm abholen. "Panik ist ein schlechter Ratgeber", sagt er. Aber: Gerade einmal 70 Kilometer entfernt rottet das belgische Atomkraftwerk Tihange vor sich hin: "Ich hab ein sehr unwohles Gefühl."

Eine drohende Atomkatastrophe – mitten in Deutschland? Tatsächlich fürchten sich Menschen in der Grenzregion Aachen, rund um Mönchengladbach und Leverkusen, vor den maroden Kraftwerken im belgischen Tihange und Doel. Die Lokalpresse warnt vor den "Bröckel-Reaktoren", Bürger in Deutschland und Belgien haben eine grenzübergreifende Initiative gegründet, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) fordert die Abschaltung des belgischen Atomkraftwerks Tihange.

Dort häufen sich nämlich die Zwischenfälle. Der Reaktor hat mittlerweile 16.000 kleine Risse, das Kraftwerk musste schon mehrfach heruntergefahren werden. Doch die belgischen Verantwortlichen betreiben Tihange und Doel weiter. Der Leiter von Tihange hält es für eines der sichersten Kraftwerke Europas. Obwohl die belgische Staatsanwaltschaft wegen der Mängel ermittelt und die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen gegen den Betrieb des Kraftwerks geklagt hat. Im Juni demonstrierten 50.000 Menschen in der gesamten Grenzregion für die Abschaltung. Aachen und die umliegenden Städte könnten, im Fall eines GAU, schwer atomar verseucht werden.


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Deshalb hat das Land Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr 21 Millionen Jod-Tabletten angeschafft, die Apotheker in der Region Aachen verteilen. Für eine solche Anschaffung ist eigentlich der Bund zuständig. Weil der allerdings nichts unternommen hat, hat NRW die Tabletten für 800.000 Euro selbst angeschafft. Diese Tabletten werden jetzt an die Apotheken ausgeliefert.

So eine Notfalltablette enthält die tausendfache Menge einer normalen Jod-Tablette. Wer sie einnimmt, sorgt dafür, dass die Schilddrüse kein radioaktiv verseuchtes Jod aufnimmt. Besonders Kinder können so geschützt werden. Menschen über 45 dagegen wird abgeraten, die Tablette einzunehmen. Das hochdosierte Jod könnte mehr Schaden anrichten als abhalten. Bürger können einen Antrag auf eine kostenlose Jod-Tablette stellen. Alleine in der Stadt Aachen, sagte eine Sprecherin, seien über 150.000 Menschen berechtigt, sich ab dem 1. September eine Tablette in einer Apotheke abzuholen.

"Ob so'n Tablettchen hilft, weiß ich nicht", sagt die Mitarbeiterin einer Apotheke.

Doch gegen andere atomare Stoffe wie Cäsium, Strontium und radioaktiven Staub helfen ohnehin keine Tabletten. Und das Jod aus der Apotheke kann bloß die Schilddrüse schützen. Der Rest des Körper würde im Fall eines atomaren GAU trotzdem verseucht werden. "Ob so'n Tablettchen wirklich hilft, weiß ich nicht", sagt die Mitarbeiterin einer Apotheke in der Aachener Innenstadt.

Selbst wenn die Tablette keinen Rundumschutz bietet, bedient sie ein Gefühl. Sie ist ein Symbol. Dafür, dass man sich zumindest ein wenig gegen die Verstrahlung wehren kann.

Das Verteilen von Jod-Tabletten ist Teil eines Notfallsplans der Stadtregion Aachen. Die hatte bereits im März dieses Jahres eine Broschüre herausgebracht hat. Sie soll die Bevölkerung auf den Ernstfall vorbereiten:

  • "Schalten Sie Ihr Radio ein. Vergessen Sie nicht, die Durchsagen der Behörden am Rundfunkgerät laufend zu verfolgen."
  • "Legen Sie einen Nahrungsmittelvorrat für 14 Tage an!"
  • "Im Ereignisfall sollten Kellerfenster per Klebeband abgedichtet werden, um besonders Schwangere optimal schützen zu können."
  • "Körperflächen gründlich mit fließendem Wasser waschen, damit radioaktive Partikel direkt abgespült werden."

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks kritisiert zwar die Zustände in Doel und Tihange – allerdings liefert der Bund weiterhin Brennstäbe für die Kraftwerke. Widerwillig, wie die Ministerin sagt. Aber: "Solange die Kernbrennstoffe dort nicht missbräuchlich verwendet werden, etwa als Waffen oder zu terroristischen Zwecken", könne man Verträge nicht kündigen. Erst im Dezember hatten Deutschland und Belgien ein gemeinsames Atomabkommen unterzeichnet. Da Belgien keine Atombomben baut, liefert der Bund weiter – und gefährdet so die Sicherheit der Menschen in der Grenzregion Aachen.

Es spreche nichts gegen einen Weiterbetrieb der Atomkraftwerke Tihange und Doel, heißt es von der belgischen Regierung. Sie hält die deutsche Angst für Hysterie. Es ist dieselbe Regierung, die ihre Bevölkerung überhaupt erst über die Risse in den Reaktoren informiert hat, nachdem eine Abgeordnete sie dazu gezwungen hatte.

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