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"Die Götter haben mich hergerufen" – Bei Metal-Heiden auf einem Wikingerfriedhof

Das norwegische Festival Midgardsblot vereint Extreme Metal mit heidnischer Kultur und Geschichte. Wir haben mit den Besuchern gesprochen.

von Ruby Morrigan; Fotos von Stig Pallesen; Übersetzt von Daniel Stächelin
11 September 2017, 11:12am

All photos by Stig Pallesen

Der Wind trägt Trommelrhythmen durch die Birken. Langhaarige und bärtige Menschen stehen ums Feuer, viele haben die Augen geschlossen und scheinen in Trance. Es riecht nach Holzrauch, Met und Leder. Die Heiden haben sich bei den Grabhügeln versammelt, um mit Musik und Tanz den Göttern zu huldigen.

Diese Szene hat sich nicht vor tausend Jahren zugetragen, sondern vor wenigen Wochen, auf dem Pagan- und Metal-Festival Midgardsblot. Das dreitägige Event bei einem uralten Gräberfeld an der Südküste Norwegens kombiniert Extreme Metal und Folk mit altnordisch-heidnischer Kultur. Zum diesjährigen Lineup gehörten neue Black-Metal-Größen wie Gaahls Wyrd und Oranssi Pazuzu, alte Pagan-Metal-Legenden wie Moonsorrow und Týr, die mongolische Heiden-Horde Tengger Cavalry und die isländischen Genre-Sprenger Sólstafir. Und dann gab es da noch ein nachgebautes Wikingerdorf, jede Menge historische Bildung und das Blót, das Opferritual für die alten Götter.

Damit bedient das noch junge Festival einen Trend: Wikinger und die Religion des germanischen Neuheidentums erleben zur Zeit einen kleinen Boom, nicht zuletzt angetrieben von Entertainment-Hits wie Vikings oder Marvels Thor.

Das germanische Neuheidentum ist, wie der Name schon sagt, recht neu – auch wenn sich viele Anhänger zu regelrechten Amateur-Historikern entwickeln, um den extrem dürftig dokumentierten Glauben nach Art ihrer entfernten Vorfahren zu praktizieren. Dabei können Probleme auftreten: Ahnenkult, Ablehnung des Christentums als fremde "Invasoren-Religion" und moderne Annahmen über die damalige Stammes- und Familienkultur bieten oft fruchtbaren Boden für völkisch-rassistische Ideologien. Neuheiden müssen sich in Acht nehmen, wenn sie nicht für Neonazis gehalten werden wollen – die sich nicht nur gern Runen auf die Fahne schreiben, sondern sich häufig auch selbst als Heiden verstehen. (Ein Thema, über das ich mich schon mit dem führenden Neuheiden Einar Selvik von Wardruna unterhalten habe.)

Wer sich auf Midgardsblot unters Folk mischt, findet zwar eine Menge Anhänger von Odin, Frigg, Thor und Co., aber auf sonderlich völkische Denkweisen deutet nichts hin. Auf dem Festival herrscht eine friedliche, inklusive Stimmung, Menschen aus aller Welt kommen zusammen (auch wenn die meisten nord- oder mitteleuropäischer Abstammung sind). Ich habe mich mit einigen Fans darüber unterhalten, was ihnen das Heidentum bedeutet und wie dieses Festival sie tief in die nordische Pampa locken konnte.


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Jannicke Wiese-Hansen, Norwegen

Hi, Jannicke. Was macht Midgardsblot für dich so besonders?
Es ist einfach ein fantastisch geiles Festival – schau dir nur mal an, wie viele hier mit einem Lächeln rumlaufen. Hier haben wir das Beste aus zwei verschiedenen Welten, zur Hälfte Metal und zur Hälfte Wikingermusik. Und von den Leuten hier nimmt sich niemand zu ernst.

Was ist das Verrückteste, das du hier gesehen hast?
Metal-Yoga, eindeutig.

Warum hast du dich fürs Heidentum entschieden?
Ich bin ein Mitglied der heidnischen Organisation Åsatrufelleskapet Bifrost. Früher in der Schule hat uns eine Lehrerin beim Mittagessen von den Wikingern und ihren Sklaven vorgelesen, das hat damals mein Interesse geweckt. Ich habe mich dafür entschieden, weil es eine Ahnen-Religion ist, die die Kunst und Kultur des alten Norwegen ehrt.

Welche ist dieses Jahr deine Lieblingsband?
Ich hatte Gänsehaut, als Gaahls Wyrd den Song "Steg" gespielt haben. Ansonsten haben Sólstafir am zweiten Abend eindeutig alles gerult.

John Colin McAleese, Schottland


John, warum ist Midgardsblot besser als andere Festivals?

Wikinger und Metal in einem – besser geht's doch wohl nicht! Außerdem ist es ein kleineres Festival, dadurch ist die Atmosphäre intimer und alle sind wie eine große Familie.

Hat dich etwas hier besonders beeindruckt?

Von dem Eröffnungsritual, dem Blót, war ich total fasziniert. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Wie hast du zum Heidentum gefunden?
Mein Bruder hat mich darauf gebracht. Als ich dann noch jemanden aus meiner Familie verloren habe, wurde mir klar, dass ich den Glauben nicht mehr ignorieren kann.

Welche Band hat es dir besonders angetan?
Týr – sie kommen von den Färöer-Inseln, und das ist ganz in der Nähe meiner eigenen Heimat, dem Norden Schottlands. Ich liebe die altnordischen Geschichten, die sie in ihren Songs erzählen.

Kristie Latimore, USA

Kristie sitzt auf Odins Thron Hlí∂skjálf – ein Werk von Varg Brandvik


Hey, Kristie. Warum kommst du so gern hierher?

Ich habe hier Leute kennengelernt, die wie eine Familie für mich geworden sind. Auf Midgardsblot zu fahren, fühlt sich also an, als würde ich nach Hause kommen.

Was war dein bisher verrücktestes Erlebnis hier?
Das Verrückteste war definitiv, als ich gestern Nacht nackt im Meer gebadet habe. Es war fucking kalt.

Und warum bist du Heidin?
Warum ich Heidin bin, kann ich schwer zusammenfassen, aber es hat mit der engen Beziehung zur Natur zu tun. Ich habe das Gefühl, die Götter haben mich hierhergerufen.

Welche ist dieses Jahr deine Lieblingsband?
Heilung, weil ihre Musik einen rituellen Charakter hat.


Rikke Andersen & Geirodd Albertsen, Norwegen


Hei, Rikke und Geirodd. Was macht Midgardsblot so besonders?
Rikke: Ich bin dabei, seit es 2015 zum ersten Mal stattfand, und habe hier auch schon als Bogenschützin gearbeitet. Ich bewege mich seit zehn Jahren in der Wikingerszene und finde, die Kombination mit Rock'n'Roll passt einfach wie die Faust aufs Auge. Außerdem sind hier alle so friedlich, und ich treffe Leute, die ich kenne.

Habt ihr dieses Jahr faszinierende Erlebnisse gehabt?
Geirodd: Gestern gab es auf der Wikinger-Bühne einen Heiratsantrag, und zehn Minuten vorher wurden wir gefragt, ob wir dabei mithelfen wollen. Es war echt seltsam und cool.
Rikke: Ich schaue mir insgesamt gern die Leute an, es gibt viele interessante Outfits und Frisuren. Die Leute sind einfach sie selbst, und ich finde es superschön, dass sie das hier können.

Wie steht ihr beiden zum Heidentum?
Geirodd: Ich habe keinen Glauben, aber das ist total in Ordnung. Hier kommen alle zusammen, völlig unabhängig von ihren Ansichten, ihrer Religion, und so weiter.
Rikke: Ich bin selbst Buddhistin, aber kann dem heidnischen Glauben viel abgewinnen. Schon seit ich zehn bin, hole ich mir Energie aus der Natur. Ich glaube natürlich nicht, dass es Thor mit seinem Hammer gibt, aber ich glaube, dass wir ein Teil der Natur sind und unsere Energie daraus schöpfen. Ganz natürlich.

Welche Band ist dieses Jahr beste?
Rikke: Gaahls Wyrd haben mich überrascht. Es ist cool, dass sie auf der Bühne so einen Kult zelebrieren. Ein bisschen Kostüm muss sein. Und außerdem waren sie wirklich gut und haben alles gegeben.

Gunvor Rasmussen, Norwegen


Gunvor, warum ist Midgardsblot besser als andere Festivals?

Es ist mehr als nur ein Musikfestival. Neben der guten Musik gibt es kulturhistorische Spaziergänge, Reenactment und tolle Leute, die offen und sozial sind. Hier gibt es Platz für sehr unterschiedliche Menschen, und so viele Aktivitäten. Ich sage nur: Metal-Yoga! Insgesamt einfach ein Nerdgasm.

Hast du dieses Jahr etwas Bemerkenswertes gesehen?
Die Metal-Leute aus dem Einhorn-Camp! Da ist ein Typ in voller Wikinger-Montur, der ein aufblasbares Einhorn dabei hat. Außerdem bin ich begeistert von der Festival-Deko, wie die Bäume beleuchtet sind und sowas.

Was hältst du vom Heidentum?
Wenn Leute sich im Kreis aufstellen und anfangen zu chanten – das ist der Zeitpunkt, wenn ich die Beine in die Hand nehme. Ich bin kein Fan von organisierter Religion jeglicher Art.

Welche ist dieses Jahr deine Lieblingsband?
Sahg, weil die Atmosphäre bei ihren Liveshows einfach unschlagbar ist.

Hector Santos, Kolumbien


Hi, Hector. Warum hat Midgardsblot dich hier raus die Wildnis gelockt?
Ich mag sowohl Wikinger als auch Metal, und hier gibt es beides in einer ausgezeichneten Mischung. Das gibt es bei uns in Südamerika ja nicht. Und hier kommen viele verschiedene Leute aus aller Welt her.

Neben der Musik wird hier ja sehr viel geboten.
Ja, ich fand es sehr interessant, die Wikingerspiele im historischen Dorf zu sehen.

Und, bist du Heide oder einfach Metalhead?
Ich kenne mich zwar mit Heidentum aus, aber sehe mich selbst nicht als Heiden.

Welche Shows waren dieses Jahr unübertroffen?
Aura Noir und Unleashed – die sind live einfach immer genial.

Rona Hafrun Jarlsdottir, Island


Sæl, Rona! Was feierst du an diesem Festival?
Hier kann man an seine Wurzeln anknüpfen, es ist friedlich und die Menschen sind klasse. Es macht einfach nur Freude.

Was hat dich dieses Jahr besonders beeindruckt?
Ich war beeindruckt, dass Skálmöld das Publikum im Sturm erobert haben, obwohl die Band kaum bekannt ist und auf Isländisch singt.

Dein Vegvísir-Tattoo auf der Brust gefällt mir. Bist du Heidin?
Ich komme aus Island und mein Glaube ist Asatru. Das ist das Gesündeste, mit dem man sich überhaupt befassen kann. Wer den Text der Hávamál lesen kann, sollte es tun. Daran können die Menschen wachsen, etwas über das Leben und über Ethik lernen. Was da drinsteht, gilt heute noch genauso wie damals.

Hast du einen Favoriten aus dem diesjährigen Lineup?
Klarer Fall: Sólstafir. Wunderschön!

Thomas Lindenlaub, Deutschland

Hi, Thomas. Bist du auch Heide?
Ich fühle und lebe das Heidentum. Mein Großvater war Schmied, und ich habe auf dem ganzen Körper heidnische Tattoos. Ich komme aus Deutschland, und das Heidentum ist mein Lebensstil.

Warum ist Midgardsblot so gut, dass du extra aus Deutschland hierherkommst?
Weil die Menschen in Norwegen so nett sind, ist die Stimmung auf dem Festival so freundlich und alles läuft wie geschmiert. Ich bin die 1.200 Kilometer auf dem Motorrad hergefahren – das ist für mich und meinen Kumpel Mario unser Urlaub. Er hat mir von dem Festival erzählt.

Eindeutig ein würdiges Reiseziel. Hast du hier irgendwelche besonderen Erlebnisse gehabt?
In meiner Jugend war meine Lieblingsband Gorgoroth, und hier habe ich tatsächlich Gaahl kennengelernt. Es war faszinierend, dem Helden meiner Jugend gegenüberzustehen, und auch Ivar von Enslaved habe ich getroffen. Das Festival ist dermaßen intim, dass man alle Künstler kennenlernt.

Wer waren deine Favoriten?
Neben Gaahls Wyrd waren Byrdi meine Lieblinge. Eine sehr faszinierende Band.

Weitere Fotos von Midgardsblot seht ihr hier:

Der Auftritt der Band Heilung

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