Wie Lügen euch besser durchs Leben bringen

"Muss ich immer lügen? Nein, aber ich finde, es gehört zum guten Ton." Wie ihr euch in euren eigenen Lügen nicht verheddert, erklärt euch Michael Buchinger in seinem neuen Buch.

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02 November 2018, 7:55am

Foto: Dominik Pichler 

Wer Michi Buchinger kennt, der weiß: Michi lügt. Und das ziemlich gerne. Darum hat er darüber ein Buch geschrieben. Lange Beine, kurze Lügen erscheint am 9. November im Ullstein Verlag und wird gleichzeitig auch als Hörbuch veröffentlicht. Bei uns könnt ihr das erste Kapitel "Reden ist Silber, Lügen ist Gold" jetzt schon lesen.

"Musst du immer lügen?", fragt mich mein Freund Dominik eines Morgens mit einem missbilligenden Unterton, der mir bereits verrät, dass meine Vorliebe für Flunkereien nicht unbedingt der Grund ist, warum er mich liebt. Ich werfe ihm einen Blick zu und sehe, dass seine Stirn eine Zornesfalte ziert, die so ausgeprägt ist wie die eines Bösewichts in einem Manga. Oh oh, das bedeutet Ärger!

Ich lüge gerne, gut und vor allem so viel, dass ich mir sämtliche Lügen, die dank mir aktuell in der Welt sind, in einem Dokument namens "Lügen.doc" notieren muss.

Im Gegensatz zu mir ist Dominik nämlich ein sehr ehrlicher Mensch. Lügen ist einfach nicht so sein Ding, ähnlich wie manche Menschen aus Prinzip keine Meeresfrüchte essen oder den Wehrdienst verweigern. In dieser Hinsicht sind wir sehr unterschiedlich. Ich wiederum lüge gerne, gut und vor allem so viel, dass ich mir sämtliche Lügen, die dank mir aktuell in der Welt sind, in einem Dokument namens "Lügen.doc" notieren muss.

Nicht selten führen unsere gegensätzlichen Standpunkte zum Thema "Ehrlichkeit" zu langwierigen Grundsatzdiskussionen. Etwa, wenn ich Spendensammlern auf der Straße bereits aus der Ferne "¡Lo siento, no hablo alemán!" zurufe, oder wenn ich darauf bestehe, dass wir uns auf den Boden legen und tot stellen, wenn spontaner Besuch vor der Tür steht. Mein Leben ist nun mal angenehmer, wenn ich lüge!

Doch Dominiks heutiger Anlass zum Groll und Grund für seine Frage ist ein völlig anderer: Gerade eben hat mich eine Mail erreicht, in der mich eine Lehrerin namens "Frau Barbara" um einen – wie ich finde – gigantischen Gefallen gebeten hat.


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"Meine Schüler lieben deine YouTube-Videos", leitete die Lehrerin ihre Mail ein. "Die Kids nehmen kommenden Samstag an einem Charity-Lauf für Jugendliche durch die Wiener Innenstadt teil und es wäre super, wenn du als kleine Überraschung um 6 Uhr morgens ein paar aufbauende Worte in der Eröffnungsrede an sie richten könntest!"

Man möchte meinen, Frau Barbara habe sich im Gegensatz zu ihren "Kids" kein bisschen mit mir auseinandergesetzt, da es ihr gelungen war, gleich so viele Dinge, die ich abgrundtief hasse, in nur einem einzigen Satz unterzubringen. Da ich – der ich damals noch viel und oft Alkohol trank –vorhatte, am Freitagabend meine Sorgen in einem Glas Sauvignon Blanc von der Größe meines Kopfes zu ertränken, war mir klar, dass ich an dieser ulkigen Samstagmorgen-Sause nicht teilhaben konnte – nur bei der Formulierung meiner Absage hatte ich wie so oft Probleme.

Gehen wir mal kurz durch, was in dieser Situation meine Möglichkeiten gewesen wären: Ja, ich hätte natürlich die Wahrheit sagen können.

"Frau Barbara, das klingt ja absolut fürchterlich. Wenn Sie denken, dass ich um 6 Uhr morgens wach bin, und dann auch noch eine Rede vor Ihren 'Kids' halten möchte, haben Sie sich gewaltig geschnitten. Lieber würde ich mir sämtliche Adam-Sandler-Filme am Stück ansehen! Hier die E-Mail-Adresse von Sami Slimani, der ein besserer Mensch ist als ich, und der das bestimmt gerne macht!"

Stets bemüht darum, die Gefühle meiner Mitmenschen zu schützen und nicht wie der Misanthrop zu wirken, der ich eigentlich bin, entschied ich mich also für die zweite – und einzig logische –Variante: Lügen! "Liebe Frau Barbara, das klingt ja mega toll! Leider bin ich am Samstagmorgen geschäftlich in Lissabon. Beste Grüße und toi toi toi an die Kids!", tippte ich im ersten Entwurf meiner Mail frech vor mich hin.

So wie ich es sehe, ist gezieltes Lügen ein Anzeichen für gute Manieren.

"Aber Michael, ist es nicht irrsinnig egoistisch von dir, Menschen, die dich höflich um einen Gefallen bitten, anzulügen?", fragt ihr euch bestimmt, euren Zeigefinger anklagend in Richtung dieser Zeilen gerichtet. Au contraire, liebe Leserin und lieber Leser! Wie ich euch bereits kurz in meinem ersten Buch erklärt habe, lüge ich nicht, weil ich mir die Pole Position in der Hölle sichern möchte (wo – unter uns – wahrscheinlich ohnehin bereits seit Jahren ein lauschiges Plätzchen für mich reserviert ist), sondern, weil ich es vermeiden will, die Gefühle meiner Mitmenschen zu verletzen. Denn meine Lügen gestalten nicht nur mein eigenes Leben, sondern auch das der anderen um einiges angenehmer.

So wie ich es sehe, ist gezieltes Lügen ein Anzeichen für gute Manieren. Ähnlich wie "Bitte" und "Danke" sagen, zählt für mich auch der Ausruf "Ja, Klaus, diese hautenge Lederhose im Leoparden-Print steht dir wirklich sehr gut!" zum guten Ton. Was Unwahrheiten (und schnittige Uniformen!) betrifft, sind Airline-Mitarbeiter meine absoluten Vorbilder. Sie belügen uns ständig nach Strich und Faden, nur um den Frieden zu wahren. "In 10 Minuten ist Ihre Maschine zum Einsteigen bereit!", sagen sie fröhlich und lassen dann eine Stunde lang nichts mehr von sich hören, während wir alle schwitzend an Gate 32A vor uns hinvegetieren.

Zu viel Ehrlichkeit stört die Harmonie.

Aber lügen sie aus Jux und Tollerei, weil wir gerade Dienstag haben und sie gerne ihre Fähigkeiten als Moderatoren von Verstehen Sie Spaß? trainieren möchten? Nein. Sie wissen einfach, was viele von uns noch lernen müssen: Zu viel Ehrlichkeit stört die Harmonie. Stellt euch vor, sie würden sagen: "Uff. Also die Maschine können Sie frühestens in 50 Minuten betreten – und selbst dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen!"

Unvorstellbar! Die Köpfe der Business-Männer würden der Reihe nach explodieren, während sämtliche Millennials schonmal anfangen würden, ihre passiv-aggressiven Tripadvisor-Bewertungen zu verfassen. Unwissenheit ist in diesem Fall wirklich ein Segen. Ähnlich wie Flughafenangestellte lasse ich also gerne mal die ein oder andere Wahrheit aus, um die Nerven meiner Mitmenschen nicht zu überstrapazieren.

Wie ihr euch vorstellen könnt, habe ich aufgrund dieser locker-flockigen Attitüde über die Jahre mehr fabrizierte Geschichten erzählt als die Gebrüder Grimm; mal, um die Gefühle meiner Mitmenschen zu wahren und mal, um mich selbst in besserem Licht darzustellen.

Egal ob ich gelogen habe, um als schwuler Teenager an einer katholischen Privatschule akzeptiert zu werden, um meine Magersucht zu vertuschen, oder ob ich Dominik dazu genötigt habe, so zu tun, als wären wir verheiratet, um im Urlaub von einem exklusiven "Honeymoon-Rabatt" zu profitieren – ich bin nicht stolz auf meine Unwahrheiten, aber ich hatte immer ziemlich gute Gründe dafür.

Was die Leute nicht wissen, kann ihnen auch nicht die Stimmung vermiesen.

Also: Muss ich immer lügen? Nein, aber ich finde, es gehört zum guten Ton. Was die Leute nicht wissen, kann ihnen auch nicht die Stimmung vermiesen. Guten Gewissens verschicke ich an jenem Morgen also meine erlogene Absage an die bemühte Lehrerin und bin wieder mal irrsinnig zufrieden mit der Win-Win-Situation, die ich soeben kreiert habe:

Frau Barbara denkt weiterhin, ich sei ein guter Mensch, und findet bestimmt eine andere Überraschung für ihre Zöglinge. Wer weiß, vielleicht gefällt diese den Kids sogar noch besser als ein lallender YouTuber, der lieber woanders wäre. Und während die Jugendlichen beschwingt für den guten Zweck laufen, kann ich indes tief schlummernd von einer Welt träumen, in der wir alle ein bisschen mehr lügen.

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