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Wie sich Neonazis in Thüringen mit einem Festival komplett blamierten

Drei Veranstaltungsorte – doch an keinem kann "Rock gegen Überfremdung" stattfinden. Das geplante Festival endet in einem Debakel.

von Jan Karon
08 Oktober 2018, 10:55am

Foto: ENDSTATION RECHTS

Samstagabend, es dämmert, ein kleiner Ort in Thüringen. Bullige, kahlrasierte Männer stehen um einen Stadtbrunnen, ihre Augen tränen vom Pfefferspray, sie spülen sie mit Wasser aus. Ein Fotograf des Blogs Endstation Rechts hat diese Szene eingefangen. Eigentlich wollten Neonazis in Apolda am Wochenende zu Rechtsrock feiern, so wie in Ostritz im April und letztes Jahr in Themar. Doch das Wochenende endete für sie in einem Debakel.

Was war passiert? Am Freitag wollte der Veranstalter Steffen Richter die rechtsextreme Szene nach Magdala holen, einem Örtchen zwischen Weimar und Jena. Mehrere Tausend Neonazis hatten sich zur dritten Auflage von "Rock gegen Überfremdung" angekündigt. Die Stadt stellte einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung, weil der einzige Zufahrtsweg zum Konzertgelände "nur für landwirtschaftlichen Verkehr zugelassen" sei. Das Amtsgericht Weimar gab der Stadt Recht – und untersagte kurzfristig die Nutzung des Konzertgeländes.


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Die Rechtsextremen wichen daraufhin auf den Marktplatz nach Apolda aus, 20 Kilometer nördlich von Magdala. Zeit Online berichtet, dass sie dort nur eine "winzige", improvisierte Bühne betreten konnten. Zudem habe Bühnentechnik gefehlt, weil die Veranstalter sie bereits siegessicher in Magdala aufgebaut hatten. Also kam es am Samstag zur nächsten Planänderung: Die Rechtsextremen riefen dazu auf, nach Kirchheim bei Weimar zu kommen. Die "Turonen", eine in der rechtsextremen Szene vernetzte Gruppe, hatte angeboten, dort kurzfristig eine Ersatzveranstaltung zu organisieren. Steffen Richter soll bei den "Turonen" eine führende Funktion einnehmen. Doch auch in Kirchheim konnte "Rock gegen Überfremdung" nicht stattfinden, denn die Veranstalter hatten die gesetzliche Anmeldefrist nicht eingehalten. Also: zurück nach Apolda.

In Apolda räumte die Polizei den Neonazis schließlich einen abgeschirmten Käfig auf dem Marktplatz frei. Der Pulk von mehreren Hundert Personen quälte sich vor eine kleine Bühne und stand eingepfercht da, während Stadtbevölkerung und Antifa bei einem Bürgerfest gegen die Veranstaltung demonstrierten. Schon als rechte Konzertbesucher und -besucherinnen den Marktplatz betraten, nahm die Polizei ihre Personalien auf, kontrollierte Tätowierungen auf verfassungswidrige Kennzeichen und verteilte Platzverweise. Als die erste Band zu spielen begann, soll es zu Rangeleien zwischen Polizisten und Neonazis gekommen sein, einige der Rechtsextremen sollen Flaschen geworfen haben.

Die Polizei ging mit Pfefferspray gegen Teilnehmer und Teilnehmerinnen vor und kündigte an, die Veranstaltung aufzulösen. Der Berliner NPD-Politiker Sebastian Schmidtke erklärte das Spektakel schließlich für beendet, laut des Blogs Endstation Rechts soll er subtil eine Drohung hinterher geschoben haben: "Eines Tages würden sie sich wünschen, wir würden nur Musik machen."

Eigentlich sollte "Rock gegen Überfremdung" Macht demonstrieren und die rechtsextreme Szene vereinen. Doch es endete in einer mittelschweren Katastrophe. Der finanzielle Schaden für die rechtsextreme Szene könnte sich auf mehrere Tausend Euro belaufen. Auf sozialen Medien fordern die ersten Besucher nun vom Veranstalter ihr Geld zurück.

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