Juni 2016: Juri macht an der Promzona-Front eine Pause | Foto: Spencer Chumbley

Die verlorenen Veteranen

Junge Ukrainer kämpfen mit Trauma, Arbeitslosigkeit und dem Leben als Zivilisten.

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27 November 2018, 5:15am

Juni 2016: Juri macht an der Promzona-Front eine Pause | Foto: Spencer Chumbley

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Juri trägt eine taktische Einsatzweste und eine Sturmhaube. Die Kalaschnikow in den Händen, kauert er in einem gepanzerten Transporter, der Bomben standhalten soll. Draußen explodieren Artilleriegranaten.

Es ist Sommer, 2016 in der Promzona, einer Frontzone im Donezbecken, auch Donbass genannt, an der ukrainisch-russischen Grenze. Seit 2014 herrscht Krieg in der Ostukraine. Der Feind: vom Kreml unterstützte Separatisten, von denen viele vermuten, es seien russische Truppen unter falscher Flagge. Die Promzona sieht aus, wie man sich in Hollywood Kriegsgebiete vorstellt: verlassene Wohnhäuser, die Straßen vernarbt von Granaten. Straßenhunde streunen zwischen Spielsachen und Kleidung, die Einwohner bei der Flucht zurückgelassen haben.

Juri möchte nur mit Vornamen genannt werden, denn 2016 gehört er noch zu einer ukrainischen Spezialeinheit. Er sitzt ungerührt im Panzerwagen und lauscht den Schüssen, Querschlägern und Artilleriegeschossen.

"Der Soundtrack der Ukraine", sagt er schulterzuckend in Richtung des Lärms. Er ist schon lange hier und wird noch weitere sechs Monate im Einsatz sein.

Als sein Einsatz endet, fährt er nach Hause. Doch dort wartet eine neue Herausforderung: Er muss wieder zum Zivilisten werden.

Die Nachbeben der Revolution von 2014, bei der die prorussische Regierung gestürzt wurde, erschüttern die Ukraine weiterhin. Unter den 45 Millionen Einwohnern sind fast acht Millionen Menschen im Alter von 14 bis 29. Viele von ihnen haben im Krieg gekämpft, Männer wie Frauen. Der ukrainischen Regierung zufolge haben sich fast 350.000 Soldaten und Soldatinnen am Konflikt beteiligt, mindestens 10.000 sind gefallen. Viele von denen, die überlebt haben, sind junge Menschen, die nach der Rückkehr von der Front in eine ungewisse Zukunft blicken. Die Elite des Landes ist oft korrupt, die Wirtschaft strauchelt, es fehlt an Arbeitsplätzen.

Eine Studie der Friedrich-Ebert- Stiftung und des ukrainischen Thinktanks New Europe Center ergab 2017, dass die Millennial-Generation des Landes sich vor allem um ihre wirtschaftliche Sicherheit sorgt. Nur ein Prozent der Teilnehmenden gab an, vom eigenen Einkommen gut leben zu können.

Matthew Rojansky ist Direktor des auf Russland und die Ukraine spezialisierten Kennan Institute am Wilson Center, eines Thinktanks in Washington, D.C. "Viele der Millennials sind Kriegsveteranen", erklärt er gegenüber VICE. "Sie und viele Zivilisten leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung oder mussten ihre Heimat verlassen." Das führe in jedem Lebensbereich zu Problemen, auch bei der Jobsuche.

Auch Juri gehört zu dieser Generation. Er ist 34, hat ein Kind zu ernähren und betet, dass sein Land nie einer vollständigen Invasion standhalten muss.

In seiner Jugend bewunderte Juri Soldaten, sein Vater und Großvater dienten im sowjetischen Militär. Juri schrieb sich an der Universität der Luftwaffe in Charkiw ein, 2006 bekam er sein Offizierspatent. Fünf Jahre später verließ er das Militär, doch als im Jahr 2014 Protestierende den korrupten Präsidenten Wiktor Janukowytsch stürzten, rief die neue Regierung Ex-Soldaten auf, die Ostukraine zu verteidigen. Juri folgte dem Aufruf ohne Zögern, obwohl seine Eltern auf der Krim leben und überzeugte Russland-Unterstützer sind. Seit er gegen Putins Truppen in den Krieg gezogen ist, hat er keinen Kontakt mehr zu ihnen.

Der Krieg habe ihm zugesetzt, erzählt er, doch Details kann er kaum offenbaren. Weil er zu einer Sondereinheit gehörte, sind Juris Einsätze teils streng geheim. Als sein Vertrag 2016 endete, kehrte er heim zu seiner Frau und dem neugeborenen Sohn in Kiew.

Der Übergang war nicht leicht. An der Front habe man seine Befehle, seine Kameraden und einen klaren Feind, erklärt er. "Das Leben als Zivilist ist viel komplizierter. Feinde sind getarnt, Freunden kann man nicht immer trauen."

Dieses Problem beschreiben Veteranen häufig. Ein bewaffneter Konflikt hat etwas Primitives, das Leben in der Gesellschaft dagegen ist komplex. Viele Ex-Soldaten und -Soldatinnen wollen der Allgemeinheit dienen und sehnen sich nach einem klaren Ziel im Leben. Seinen ersten Job nach dem Krieg als Marketing-Analyst kündigte Juri, weil ihm die Arbeit im Vergleich bedeutungslos erschien. Er fühlte sich fremd in der eigenen Haut.

"Nach meiner Rückkehr bemerkte ich posttraumatische Symptome", sagt er. "Schlaflosigkeit, plötzliche Wut oder Aggression, Appetitlosigkeit, Konzentrationsprobleme, Depressionen." Anders als viele Kriegsrückkehrer sah Juri schnell ein, dass er Hilfe brauchte. Dank einer Hilfsorganisation für Veteranen fand er einen kostenlosen Therapieplatz. "Die Therapeutin half mir, gegen das Trauma anzukämpfen", erzählt er. "Inzwischen geht es mir viel besser."

Vollständig tilgen lassen sich die Kriegserinnerungen jedoch nicht. Mitveteranen haben Juri erzählt, dass sie eine emotionale Kluft zwischen sich und ihren Kolleginnen und Kollegen spüren. Viele kämen nicht mit ihren Vorgesetzten klar. "Die verstehen nicht, was im Kopf eines Veteranen vorgeht, oder wollen ihn erst gar nicht in der Firma haben. Sie halten uns für gefährlich."

Laut dem Vorsitzenden des ukrainischen Parlamentsausschusses für Veteranen, Oleksandr Tretjakow, haben seit 2014 mehr als 1.000 Veteranen des Kriegs im Donbass Suizid begangen. Die Dunkelziffer kennt niemand, Suizide sind oft schwer zu dokumentieren. Laut Regierungsdaten hat der aktuelle Konflikt bei Ukrainern mehr posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) ausgelöst als die sowjetische Intervention in Afghanistan in den 1980ern. Derweil gibt es kaum staatliche Unterstützung für psychisch Kranke, das soziale Stigma hält viele Veteranen davon ab, sich Hilfe zu suchen. Betroffene fernab von Großstädten wie Kiew und Charkiw müssen weit reisen, um angemessene Unterstützung zu finden. Oft können sie sich die Reise nicht leisten.

Der gebrochene Soldat, der nie wieder ein normales Leben führen kann – ein verbreitetes Klischee. Tatsächlich ist PTBS jedoch heilbar. Und wie der Journalist Sebastian Junger 2016 in seinem Buch Tribe beschreibt, können sich Veteranen mit PTBS durchaus wieder in die Gesellschaft integrieren. Die meisten Störungen sind eher von kurzer Dauer. Um zu heilen und sich zu reintegrieren, brauchen Veteranen allerdings mehr als staatliche Gelder. Die Zivilgesellschaft muss verstehen, was ihre Mitbürger durchgemacht haben, und ihnen eine sinnvolle Beschäftigung bieten. "Die Veteranen von heute", schreibt Junger, "sind zwar gewillt, für ihr Land zu sterben, aber wissen oft nicht, wie sie für ihr Land leben sollen."

Inzwischen schaffen zivile Organisationen in der Ukraine Abhilfe. Sie bieten therapeutische Unterstützung und helfen bei der Jobsuche. Die Graswurzelorganisation Pobratymy ("Waffenbrüder") aus Kiew besteht aus psychologisch geschultem Personal und Sozialarbeiterinnen. Sie reisen durch das Land und helfen Veteranen, ihr Trauma zu überwinden. Einige Kriegsrückkehrenden übertragen die Kameradschaft ihrer Zeit an der Front ins zivile Leben, indem sie gemeinsam Firmen betreiben und so Arbeitsplätze für Veteranen schaffen. Ein solches Unternehmen ist Pizza Veterano, eine beliebte Pizzeria in Kiew.

Seit 2017 zeichnet sich ab, dass die Ukraine die Probleme ihrer Veteranen ernster nimmt. Ein öffentlicher Aufschrei bewegte das Gesundheitsministerium dazu, die Suizide ehemaliger Soldatinnen und Soldaten zu untersuchen. Die Studie ergab, dass die meisten Betroffenen unter 30 und arbeitslos waren. Weiter kam heraus, dass nur jeder dritte Veteran des aktuellen Konflikts jemals in Therapie gewesen ist. Im Februar 2018 kündigte die regierende Partei des Präsidenten Petro Poroschenko an, ein Ministerium für Kriegsrückkehrer einzurichten. Es soll sich am Kriegsveteranenministerium der USA orientieren und seine Arbeit 2019 beginnen.

Wie genau das Ministerium den Menschen helfen wird, ist noch unklar. "Die Ukraine plant große Reformen in den Bereichen Gesundheit, Sozialhilfe und Korruptionsbekämpfung", sagt Rojansky, der Direktor am Wilson Center. "Wenn diese Reformen erfolgreich sind, wird das Land ein besserer Ort für junge Menschen, die sich ein neues Leben aufbauen müssen."

Juris Leben wendete sich zum Besseren, als er eine neue Berufung fand: Journalismus. Heute ist er stellvertretender Chefredakteur des Nachrichtenmagazins The Ukrainian Week, für das er über Politik und Militärthemen berichtet.

Seine PTBS habe er inzwischen überwunden, sagt er. "Als Journalist tue ich mein Bestes, der Ukraine eine gute Zukunft zu ermöglichen."

Als Reservist hält Juri sich jedoch bereit, sein Land im Ernstfall wieder mit der Waffe zu verteidigen. "Ich möchte den Rest meines Lebens in der Ukraine verbringen", sagt er. "Wenn es sein muss, werde ich kämpfen, um unsere Unabhängigkeit zu bewahren."

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