Lifegoals

Eine Bucket List für den Sommer ging viral: Ich habe versucht, sie an einem Tag abzuhaken

1: Geh auf eine Party. 2: Mach einen Roadtrip. 3: Gib zwei Blowjobs.

von Oobah Butler; Fotos von Chris Bethell
31 Juli 2017, 1:28pm

Eine der absoluten Lieblingsbeschäftigungen von Menschen ab 20 aufwärts ist es, bis zum Erbrechen über die Vergangenheit grübeln: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn ich nicht jede Sommerferien nur SSX gezockt hätte, anstatt rauszugehen und etwas zu erleben – etwas mit Sonne und sorgenfreiem Gelächter? Was wäre, wenn ich mir nicht das HIM-Logo auf die Wade tätowiert hätte? Was wäre, wenn ich nur ein kleines bisschen Sport machen würde, anstatt mich ständig dermaßen zu überfressen und vielleicht bald an einer gigantischen Cholesterin-Überdosis zugrunde zu gehen?

Diese Überlegungen verursachen bei jedem von uns andere Gefühle, einen gemeinsamen Nenner gibt es aber doch: Wir alle würden gerne die Zeit zurückdrehen können. Wir alle hätten gerne eine zweite Chance, um das Meiste aus jeder Gelegenheit herauszuholen. Aber wie soll das gehen? Niemand wusste darauf eine Antwort, bis vor ein paar Wochen dieses Dokument in der Umkleide einer britischen Urban Outfitters-Filiale entdeckt wurde:

Einen Knutschfleck auf der Brust, 17-mal gleichzeitig bekifft und betrunken sein (Crossfading), zwei Blowjobs geben! Dieses Blatt Papier hatte alles, was du dir als Teenie nur wünschen kannst – komprimiert auf einen Sommer.

Es blieb mir also gar nichts anderes übrig. Ich musste selbst versuchen, die Liste abzuarbeiten. Es war die einzige Möglichkeit, die nagenden Stimmen zum Schweigen zu bringen, die mich nachts nicht schlafen ließen. Aber verdammt, ich hatte doch keinen ganzen Sommer Zeit. Nur einen Tag konnte ich entbehren – zehn Stunden, um das Leben zu leben, das ich mit 16 hätte leben sollen.

Um 7:59 Uhr warte ich am einzigen Ort, an dem so ein Unterfangen starten kann: dem Nagelsalon.

"Ich weiß auch nicht, Ruta. Ich bin ganz schlecht mit Farben", sage ich, während ich an meinem Chardonnay nippe – mein erster Schritt in Richtung ständig betrunken sein (#17). Ruta, die gerade meine Maniküre (#14) vorbereitet, nickt und dreht an ihrem Farbenrad. "Ich habe einen großen Tag vor mir – einen lustigen Tag. Ich will also etwas, dass das in die Welt schreit ... wie rot." Ruta schweigt und nickt.

Schon bald habe ich eine Sportsocke ausgezogen. Meine leuchtend-vergilbten Fußnägel warten freudig auf ihre längst überfällige Pediküre (#15).

Die Mädchen im Salon scheinen meine Art zu lieben – bescheuerte Kommentare und Alkohol am Morgen = Premium-Entertainment! Weil ich mich gerade besonders frech fühle, lade ich direkt acht nuttige Fotos bei Instagram hoch (#6).


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Während ich den Rest der Liste überfliege, bin ich etwas verwirrt: "Randyland"? "Geh besoffen zum Fahnenmast"? "Hab Sex"? Ganz schön kryptisch alles, denke ich mir und suche mir etwas Eindeutiges raus: Head Darty (#12).

Eigentlich kann das nur heißen, dass ich mit dem Chef von Darty Inc. sprechen muss – dem großen Stromdienstleister mit Hauptsitz im Londoner Bezirk Farringdon.

"Ich suche nach dem Chef von Darty. Können Sie mich bitte anmelden?"

"Darty sind nicht mehr hier. Wir haben keine Ahnung, wo die jetzt sind. Die haben vor zwei Monaten einfach aufgehört, das Gebäude hier zu nutzen."

Dirty Darty hatte mich hängen lassen. Schade bis tragisch, aber ich hatte keine Zeit zu verlieren.

RANDYLAND! (#16) ist britisch für "die geile Meile", also Soho in London. Und natürlich: sich mit einem gefälschtem Ausweis in schäbige Clubs zu mogeln und von dem Typen neben dem Imbiss zermahlene Ibus zu kaufen, gehört zu den prägenden Teenagererlebnissen.

Wenn das nicht dein Ding ist, kannst du rüber zum Privatclub Groucho gehen und Stars glotzen! (#40) Hugh Grant sei "vor ein paar Wochen erst" hier gewesen, erzählt mir der Türsteher nicht ohne Stolz. Tatsächlich war es aber fünf Monate her und es war überhaupt nicht Hugh Grant. Es war ein Hugh-Grant-Double, das ich damals engagiert hatte, um in den Club zu kommen.

Aber egal, jetzt ist Zeit für Shopping. Sieben Bikinis (#35) sind genau das, was ich brauche.

Es hilft jedoch alles nichts, auch mit #4 muss ich mich befassen: zwei Blowjobs geben. Lange habe ich darüber nachgedacht, wie ich die Sache angehen soll. Nach langem hin und her kam ich schließlich zu der Erkenntnis, dass es nur eine Art von Mensch gibt, die dir vergibt, komme was wolle: deine Familie. Ich schreibe also meine Brüder an.

Und wieder werde ich hängegelassen – diesmal von meinem eigen Fleisch und Blut. Ich kann mich aber nicht zu lange von Enttäuschungen aufhalten lassen. Man muss sich von Dingen auch mal lösen können ...

... als Nachricht an einem Ballon (#30). Auf mich warten nämlich größere Aufgaben.

Ich bestelle ein Uber und während ich warte, streichle ich einen riesigen Typen, der gerade an mir vorbeiläuft. Näher komme ich dem Giraffestreicheln (#21) heute nicht mehr. Jetzt heißt es, Rooaad Triiiip (#9)!

Ich fahre, der Wind weht mir durch die Haare und überhaupt sehe ich mit meiner brandneuen und definitiv echten Ray Ban (#29) ganz hervorragend aus.

Und mit 13 Likes auf meinen acht nuttigen Instagrambildern und diesem Selfie, das ich 17-mal mit anderen Fotos überblendet habe (so kann man auch ganz ohne Drogen crossfaden (#18), liebe Leserinnen und Leser), muss ich sagen: Ich bin ich auf dem besten Wege, die Liste abgearbeitet zu haben, bevor die Sonne untergeht.

Jetzt, wo ich die Gelegenheit dazu habe, will ich mich aber auch etwas ausruhen, also mache ich einen Serienmarathon (#13) mit einer dieser neuen Netflix-Serien, Lovejoy.

Ein Punkt auf der Liste ist allerdings sehr konkret und das ist, einen Limonadenstand mit Zoe machen (#32). Ich kenne nämlich nur eine Zoe und die war eine Semi-Freundin in der Schule, bevor sie mich links liegen ließ.

Aber heute, nach elf Jahren Funkstille, kann ich mir kaum etwas Besseres vorstellen, als sie aus dem Blauen heraus anzuschreiben, ob sie mir bei etwas helfen will, von dem sie absolut gar nichts hat.

Jetzt heißt es warten.

Ein paar Bier wären nun genau das Richtige. Aber wie komme ich – Teenie-Oobah (nicht vergessen, ich bin wieder ein Teenager, der Teenager-Bucketlist-Gedöns macht) – Bier?

"Hey Kumpel, kommen wir auf den Punkt (#31): Besteht irgendwie die Chance, dass du mir ein paar Bier in dem Laden kaufst?"

"Moment, wie alt bist du?"

"Teenager!"

"Das ist jetzt kein wirkliches Alter ... aber warum nicht?"

"Hier, bitteschön." Er nimmt sich selbst eins aus der Tüte und gibt mir den Rest.

Was für ein geiler Sommer. Ich kann es kaum fassen. Zeit für einen Ausflug zum ...

... Strand (#34), in einem meiner neuen Outfits.

Hier zählen nur die Vibes. Ich komme sogar zu etwas Sommerlektüre (#19) und nasche an Zuckerwatte (#33). Mein Leben könnte nicht besser sein, aber dann spüre ich etwas vibrieren.

Plötzlich rauscht mein Selbstbewusstsein in den Keller. Sehe ich vielleicht doch nicht wie Sick Boy aus Trainspotting aus? Sehe ich mit meinem blassen Körper und meiner bescheuerten Frisur vielleicht ... wie ein Idiot aus?

Ich schaue nach oben: Ein Mann filmt mich aus seinem Auto. Ich laufe rüber zu meinen Klamotten. Sie sind voll mit schleimig-nassem Sand.

Ich hasse mein Leben.

Mir läuft die Zeit davon. Ich blicke panisch auf die Liste und die Buchstaben fangen an, sich zu drehen. Meine Atmung wird flach. Ich drehe durch (#37).

Tief durchatmen, entspann dich. Noch ist nicht alles verloren. Der erste Punkt: Veranstalte ein AE-Konzert (#1). Ich habe keine blassen Schimmer, was AE sein soll, aber ich habe diesen Sommer erst ein Konzert veranstaltet. Den Punkt kann ich also abhaken.

Als Nächstes steht ein wichtiges Treffen an.

Aber mein Freund Kenny Wood (#5) ist unauffindbar. Es ist 16:50 Uhr und ich muss noch eine Party (#2) und einen superwilden Geburtstag (#26) besuchen. Keiner meiner Freunde hat heute Geburtstag. Partys gibt es auch nicht. Verzweifelt gebe ich "Birthday" in meine Facebook-Suche ein.

Benjamin! Die Jungs! Clissold Park! Coole Sprüche im Infotext! Zum Glück gibt es Menschen auf dieser Welt, die: a) auf Privatsphäre-Einstellungen scheißen und b) ihre Geburtspartys an öffentlichen Plätzen feiern.

Als ich kurz anhalte, um mir eine Verschnaufpause und einen großen Schluck aus der Flasche zu gönnen, merke ich, dass ich besoffen am Fahnenmast (#23) stehe. Außerdem bin ich etwas gestresst und heiß ist mir auch. Aber kein Problem. Nichts, was ein guter alter Brustknutscher (#25) und eine Wasserballonschlacht (#28) nicht lösen könnten.

Kurz vor der Party springe ich noch in ...

... eine Pizzabude, um für das Picknick (#20) etwas von diesem hippen Essen zu kaufen, das du dir von Pinterest nachkochen (#22) würdest.

Bald darauf renne ich durch den Park und schreie Benjamins Namen. Ich laufe vorbei an einer Sportpartie (#7) und den Hügel hoch, aber sie sind nirgendwo zu sehen. Also poste ich in die Veranstaltung.

Die Party wurde in ein nahegelegenes Pub verlegt! Als ich die Tür öffne, sehe ich ihn schon: Brille, kurz geschnittene Haare – könnte auch einer der Liebhaber von Shoshanna aus Girls sein.

"Benjamin! Heute ist dein Geburtstag, oder?"

"Moment", antwortet er fast schon bizarr gelassen, "bist du der Typ von Facebook?"

"Das bin ich! Benjamin, ich habe den ganzen Tag damit verbracht, alle Punkte auf dieser ultimativen Teenager-Sommer-Bucketlist abzuarbeiten und jetzt bin ich fast fertig. Deine Party, Benjamin, ist das letzte Puzzleteil. Ich möchte gerne mit euch – meinen neuen Freunden – meine ganzen Erlebnisse teilen und diese Pizza!"

"Oh ... das ist sehr nett von dir. Die riecht schon mal gut."

Und wie gut sie riecht. Alle greifen beherzt zu, aber doch dann: "Moment! Wartet alle ...", ruft Benjamin sichtlich besorgt. "Was ist das?"

"Ist das diese Liste?!" Benjamins Freund fällt ein Pizzaklumpen aus dem Mund auf den Tisch.

"Ja, und wie sie das ist! Eine ganze Liste mit eingebacken. Mein perfekter Teenagersommer, reich an Erlebnissen und in mundfreundliche Häppchen portioniert. Beißt zu, es ist alles da! Und keine Sorge, ihr könnt auch das ganze Teil essen – mit Papier und allem. Ich habe heute nämlich etwas gelernt: Es ist egal, was du versuchst, aus deinem Leben zu machen, am Ende landest du doch am gleichen Ort. Letztendlich ist jede Anstrengung vergebens!"

Wohl bekomms!

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