Sex

Skandal in Rom: Dieser Uni-Dozent war früher Porno-Star

Ruggero Freddi unterrichtet eigentlich Mathe, aber dann enthüllte eine Zeitung seine Vergangenheit – und löste in Italien eine landesweite Debatte aus.
Niccolò Carradori
Florence, Italy
28.11.17
Foto via Facebook/Ruggero Freddi

Ruggero Freddi ist 41 Jahre alt und lehrt an der Universität Rom Mathematik. Vor zehn Jahren war er noch besser bekannt als Carlo Masi, ein Schwulenporno-Darsteller mit einem Exklusiv-Deal bei der COLT Studio Group. Die US-Produktionsfirma ist seit über 50 Jahren im Geschäft und eines der einflussreichsten Studios für Schwulenpornos. Bis vor Kurzem wusste außer Gay-Porn-Liebhabern niemand von Freddis Vergangenheit.

Doch im Oktober wurde Freddis frühere Karriere bekannt, als die italienische Zeitung La Verità eine Standaufnahme aus einem seiner Filme aufs Titelblatt druckte. Das Cover trat in Italien eine landesweite Debatte los: Ist es in Ordnung, dass ein ehemaliger Pornostar an der Universität lehrt? Und dazu noch an einer so prestigeträchtigen wie der in Rom?

Nicht ganz Italien beantwortete diese Frage mit Nein. Nach der großen Enthüllung erschien Freddi bei zahlreichen italienischen TV- und Radio-Sendern, auch Zeitungen und Online-Portale weltweit berichteten. Die Story erreichte sogar Vanity Fair und eine der größten Zeitungen Italiens, Corriere della Sera. Freddi wurde in Nachrichtensendungen interviewt und trat in Talkshows auf – gar nicht mal schlecht für Italien, denn in dem Land gelten Homosexualität und Pornografie noch als größere Tabus.

Freddi setzt sich in den Interviews und an der Uni für LGBT-Rechte ein

Freddi nutzte die plötzliche Aufmerksamkeit, um sich öffentlich für LGBT-Rechte auszusprechen, vor allem für die gleichgeschlechtliche Ehe. Auch kritisierte er die italienische Politik und das Bildungssystem. Eine der beliebtesten Talkshows des Landes, Pomeriggio Cinque, machte ihn sogar zum Dauergast, der Nachrichten und Kultur kommentiert. Trotz all der Aufmerksamkeit konzentriert er sich weiter auf seine akademische Arbeit. Nach einer kleinen Pause hat er vor Kurzem wieder angefangen, an der Uni zu unterrichten.

Ich habe Ruggero Freddi angerufen und ihn gefragt, wie es ist, für die eigene Vergangenheit als Porno-Darsteller plötzlich weltweite Aufmerksamkeit zu bekommen.


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VICE: Hi, Ruggero. Wie war das, als deine Vergangenheit plötzlich öffentlich wurde?
Ruggero Freddi: Es war Chaos. Von einem Augenblick auf den nächsten stand mein Handy nicht mehr still – alle wollten ein Interview. Es war sehr stressig, aber ich habe versucht, freundlich zu sein und allen zu antworten.

Wie fing es an?
Viele denken, es fing mit dem Artikel in La Verità an, aber in den sozialen Medien baute sich das schon eine Weile auf. Ein paar Studierende haben Fotos von ihrem "muskulösen Prof" auf einer uni-verwandten Facebook-Seite gepostet – also von mir. Dieser Post wurde von sehr vielen Leuten kommentiert, und irgendwann erkannte mich dann jemand aus einem der Pornofilme, in denen ich mitgespielt hatte. Der Thread wurde immer länger, irgendwann bemerkten ihn lauter Klatschseiten.

Du hast vor Kurzem wieder angefangen zu unterrichten. Wie haben die Studierenden reagiert?
Es war total in Ordnung. Klar, ein paar unhöfliche Leute haben auf mich gezeigt und mich angestarrt, aber das habe ich einfach ignoriert. Ich habe auch von meinen Kollegen und meinem Vorgesetzten viel Unterstützung bekommen. Hauptsächlich sagen mir Leute, dass sie es zu schätzen wissen, dass ich eine positive Botschaft verbreite.

Hast du mit deinen Studierenden darüber gesprochen?
Nein, überhaupt nicht. Mit meinen Studierenden rede ich nur über Mathe. Aber ich arbeite mit der Universität daran, Konferenzen zu LGBT-Themen und HIV-Aufklärung zu organisieren.

Wie bist du überhaupt zum Porno-Darsteller geworden?
Das war ziemlich zufällig. Ich war schon immer ein Fan von COLT – nicht nur weil sie Pioniere im Bereich der Schwulenpornos sind, sondern auch, weil sie schon immer für sexuelle Befreiung standen. Ihre Scouts fanden ein paar Fotos von mir im Netz und kontaktierten mich. Ich fühlte mich geschmeichelt und willigte ein, einen Softcore-Film zu machen, in dem ich nur ein bisschen Vorspiel machen musste. Für Hardcore war ich noch nicht bereit. Ich hatte eben mein Studium abgeschlossen und wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen wollte.

"Ich wollte mit Menschen und Organisationen arbeiten, die sich bemühen, die öffentliche Wahrnehmung von Sex zu verändern."

Hast du dir damals irgendwelche Sorgen gemacht, dass es deiner akademischen Karriere schaden könnte?
Nein, nicht wirklich. Ich dachte immer, dass mein Lebenslauf für sich sprechen würde, falls ich doch noch Akademiker werde. Und ich war gespannt darauf, es auszuprobieren. Pornos mochte ich schon immer und ich wollte mit Menschen und Organisationen arbeiten, die sich darum bemühen, die öffentliche Wahrnehmung von Sex zu verändern. Anfangs war es aber nicht gerade einfach. Ich hatte ein paar moralische Probleme damit, Hardcore-Pornos zu machen, aber als ich es dann mal ausprobiert hatte, entschied ich mich doch für diesen Weg.

Wie lang war deine Pornokarriere?
Etwa sechs Jahre – von 28 bis 34. Aber ich fühle mich der Produktionsfirma immer noch sehr verbunden.

Warum hast du aufgehört?
Ich habe aufgehört, als eigentlich alles gerade sehr gut lief. Aber ich hatte ein paar Uneinigkeiten mit COLT und ich war 34 – ich dachte, dass es vielleicht meine letzte Chance ist, in einer anderen Karriere neu anzufangen. Also machte ich das. Eine Zeit lang versuchte ich, in der Entertainment-Branche zu bleiben – Fernsehen, Theater, solche Sachen –, aber das fand ich nicht erfüllend. Mir ging dann schnell auf, dass ich eigentlich wieder in den akademischen Bereich wollte.

Vermisst du etwas daran? Die Arbeitsumgebung, den Job selbst, das Geld?
Ich vermisse natürlich das Geld und die Aufmerksamkeit, die man als Porno-Star bekommt. Die Fans feiern einen, man muss vorm Club nicht Schlange stehen und solche Dinge. Aber die Porno-Industrie hat sich geändert. Ich kenne Typen, die immer noch in der Branche aktiv sind, und die haben mir gesagt, mit den Bedingungen im Business geht es bergab. Sie finden, dass die Schauspieler heutzutage schlechter behandelt werden.

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