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Diese Nanoroboter sollt ihr auf dem Mond steuern, um Neues zu entdecken

Mit einem hüpfenden Mini-Roboter sollen Gamer vom heimischen Rechner aus einen Beitrag zur Weltraumforschung leisten.

von Jacob Dubé
26 Oktober 2017, 1:04pm

Bild: Lunatix

In den letzten Jahrhunderten hatten es Entdecker nicht gerade leicht. Die Menschen haben fast alle Orte auf der Erde schon hundertfach besucht. Doch für alle Möchtegern-Abenteurer gibt es gute Neuigkeiten: Mit Hilfe eines kleinen Roboters und eines Computerspiels soll bald jeder ganz neue Welten erkunden können – nämlich den Mond.

Ein Team aus Raumfahrtingenieuren arbeitet gerade daran, den Mond auch für Menschen ohne aufwändige Astronautenausbildung zugänglich zu machen. Wenn ihr Plan aufgeht, könnten Gamer auf der ganzen Welt schon bald einen hochentwickelten Nanobot von ihrem heimischen Rechner aus über den Mond flitzen lassen.

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Momentan befindet sich das Projekt namens Lunatix noch in der Planungsphase. Falls es die nötige finanzielle Förderung erhält, soll der erste Nanobot innerhalb der nächsten vier Jahre auf den Mond geschickt werden. Dann werden Spieler in der Lage sein, die zehn mal zehn Zentimeter kleinen, vierrädrigen Nanobots mittels eines Videospiels auf ihrem PC über die Mondoberfläche fahren zu lassen. Die Gamer könnten so sogar zu Gebieten auf dem Mond vordringen, die bisher noch völlig unerforscht sind.

Der Lunatix-Nanobot ist zehn mal zehn Zentimeter groß, kann fahren und hüpfen | Bild: Lunatix/European Space Agency

Warum ausgerechnet Gamer zu Astronauten werden sollen

Jorge Fiebrich ist Raumfahrtingenieur bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und einer der Gründer des Lunatix-Projekts. Er erklärt uns, dass er und seine Kollegen gezielt die internationale Gaming-Community ansprechen wollen, da es hier eine riesige Anzahl an potentiellen Nutzern und somit auch Einnahmequellen für das Geschäftsmodell gibt. Immerhin werden die Gesamteinnahmen aus PC-Spielen für 2017 auf rund 25 Milliarden Euro geschätzt.

Für die Entwicklung von Lunatix konsultierte das Team auch Spieleentwickler wie Valve mit seiner Gaming-Plattform Steam. Das Unternehmen habe großes Interesse an der Idee von Lunatix gezeigt, erklärte Fiebrich gegenüber Motherboard.

"Wenn wir sowieso schon mal da sind, können wir auch ein paar Daten sammeln und die Menschheit dabei unterstützen, endlich von diesem Planeten runter zu kommen."

"Wir haben Wissenschaftler und Gamer interviewt und durchweg positives Feedback erhalten", sagte Fiebrich. "Die Leute lieben die Idee, echte Hardware im Weltall steuern zu können. Das Projekt wurde einfach überwältigend positiv aufgenommen."

Die Zeit mit dem Nanobot kann gekauft oder erspielt werden

Mit einem Computerprogramm sollen Nutzer den Nanobot steuern und die Mondlandschaft durch eine Kamera sehen können. Die laut Fiebrich etwa dreisekündigen Signalverzögerungen zwischen Erde und Mond sollen durch Augmented-Reality-Animationen überbrückt werden, damit der Spieler weiß, dass seine Befehle gerade verarbeitet werden. "Wir haben uns gegen das kreisende Wartesymbol von Windows entschieden, denn das wäre ziemlich frustrierend für den Nutzer", erklärte uns Fiebrich.

Das Lunatix-Projekt möchte insgesamt fünf Nanobots zum Mond schicken. Der erste Nanobot soll direkt an den Höchstbietenden verkauft werden, der dann volle Kontrolle über das Gefährt hat. Fiebrich rechnet damit, dass die Gebote bei 13 Millionen Euro losgehen werden. Für die nächsten beiden Nanobots können Nutzer Zeitfenster kaufen; 20 Minuten auf dem Mond sollen etwa 420 Euro kosten.

Bild: Lunatix

Wer nicht das Geld für einen Timeslot hinblättern möchte, kann sich die nötigen Credits auch in einer virtuellen Version der Mondrundfahrt erspielen. Die letzten zwei Nanobots können dann mit den gewonnenen Credits gesteuert werden.

"Unabhängig vom Einkommen soll jeder so die Möglichkeit bekommen, echte Hardware zu steuern", erklärte Fiebrich.

Fiebrich schätzt, dass die vier öffentlich zugänglichen Nanobots jeweils zwei Wochen am Stück insgesamt 240 Zeitfenster pro Tag bieten können. Dann folgt die zweiwöchige lunare Nacht, wenn der Mond die Erde zur Hälfte umrundet hat und die Temperaturen auf -170 Grad Celsius sinken. Da die Nanobots mit Solarenergie betrieben werden sollen, müssten sie in dieser Zeit Pause machen. Diese Wartezeit können Gamer mit der virtuellen Spielversion überbrücken.

Laut Fiebrich könnten die Nanobots die Mondrückseite nur mit zusätzlichen Kommunikationssatelliten erreichen, da sie dort keine Sichtlinie mehr zur Erde hätten.


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Mehr als nur ein Spiel

Während Nutzer mit den Nanobots über den Mond cruisen, sollen die Kameras und Sensoren die Mondoberfläche aufzeichnen und Informationen über Temperaturen und Untergründe sammeln. Somit könnten Gamer echte Pionierarbeit im Weltall leisten.

"Wenn wir sowieso schon mal da sind, können wir auch ein paar Daten sammeln und die Menschheit dabei unterstützen, endlich von diesem Planeten runter zu kommen", erklärte uns Fiebrich. "Wenn man schon nicht tatsächlich zum Mond fliegen kann, kann man trotzdem einen Teil vom eigenen PC aus zu dieser Mission beitragen."

Das Team plant, die Nanobots mit einer der Peregrine-Rakete des Weltraum-Startups Astrobotics ins All zu schicken. Astrobotics verspricht, jegliche Art von wissenschaftlichen Instrumenten zum Mond oder in seine Umlaufbahn zu senden – gegen eine saftige Liefergebühr von mehreren Millionen Euro versteht sich. Der Peregrine Lander soll 2019 erstmals an Bord eines Gefährts der United Launch Alliance starten.

Der erste Schritt zur Mondsiedlung

Die Nanobots fügen sich in die allgemeine Vision der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) ein. Der ESA-Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner verkündete 2016, die Internationale Raumstation durch eine Mondsiedlung ersetzen zu wollen. In einer Ansammlung von Stationen sollen die internationalen Weltraumorganisationen hier gemeinsam forschen können. Die Daten der Nanobots könnten laut Fiebrich dabei helfen, einen geeigneten Standort zu finden.

"Ich fände es toll, wenn ich Hardware im Weltall oder auf dem Mond steuern könnte", erklärte Fiebrich. "Wenn ich weiß, dass ich damit sogar der Menschheit helfen kann, eine Mondsiedlung zu bauen – egal, ob das erst in ein paar Jahren oder Jahrzehnten passiert – wäre das absolut fantastisch. Da bin ich sofort dabei."