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Sex

Dieses Buch zeigt: Wir sind ganz schön verklemmt

Du hältst dich mit deiner krisengeplagten offenen Beziehung für besonders fortschrittlich? 'Sex Rules' wirft einen Blick auf den globalen Umgang mit Sex – und lässt uns schlecht dastehen.

von Lynsey G
26 Oktober 2017, 4:45am

Foto: Mislav Marohnić | Flickr | CC BY 2.0

Ein einziges Anthropologieseminar war es, das in Janice Zarro Brodman ein brennendes Interesse dafür erweckte, wie Sexualität in verschiedenen Kulturen praktiziert wird. Besonders spannend fand die promovierte Volkswirtin dabei, wie die Gepflogenheiten in anderen Teilen der Welt unsere eigene Sicht auf Sexualität extrem komisch aussehen lassen. In ihrem neuen Buch, Sex Rules: Astonishing Sexual Practices and Gender Roles Around the World, präsentiert sie die Ergebnisse jahrelanger Recherchen und zahlloser Reisen. Darin beschreibt Brodman Kulturen, in denen jüngere Männer mit älteren und erfahreneren Frauen zusammengebracht werden, um sexuelle Fertigkeiten zu lernen; sie berichtet von Orten, an denen schwangere Frauen die Gesundheit ihres Babys mit einer Vielzahl von Liebhabern gewährleisten, und von Männern, die davon überzeugt sind, dass schwuler Oralsex gut für ihre Gesundheit ist.

Mit ihrem Buch führt uns die Autorin vor Augen, wie stark sich die Vorstellungen von Sex und Geschlecht auf der Welt unterscheiden können. VICE hat mit Brodman darüber gesprochen, was sie durch ihre Nachforschungen über "konventionelle" Sexualität und den westlichen Blick auf Sex gelernt hat.

VICE: In Sex Rules geht es um die vielen unterschiedlichen Sexualpraktiken und Geschlechterrollen auf der Welt. Welche Orte waren am spannendsten?
Janice Zarro Brodman: Mir hat es immer am meisten Spaß gemacht, mich mit Gegenden zu befassen, in denen man unser Verhalten extrem sonderbar finden. Mir haben die Einwohner den Trobriand-Inseln in Papua-Neuguinea gefallen, wo Sex zwischen jungen Menschen total OK ist. Er wird sogar erwartet und sie fänden es total komisch, wenn junge Menschen nicht einen Haufen sexueller Erfahrungen sammeln würden. Allerdings ist es dort strengstens untersagt, miteinander zu essen! Du kannst Sex haben, so viel du willst, aber kein Essen teilen. Das ist absolut verboten, solange du nicht verheiratet bist.

Für die Etoro, eine andere Gruppe in Papua-Neuguinea, wiederum ist eine der ekligsten Sachen, die du tun kannst, mit deinem Ehepartner Sex in eurem Haus zu haben. Sex wird dort nämlich mit guten Ernten und Kindern verbunden. Der angemessene Ort für Sex ist für sie demzufolge draußen im Wald, wo sie nicht zu nah an ihren Feldern sind. Denn Sex zwischen Mann und Frau gilt dort als beschmutzend – er beschmutzt den Mann und die Feldfrüchte.

Sex zwischen Männern hingegen ist total OK. Die Etoro glauben, dass alle Männer einen Liebhaber haben sollten. Dadurch würden die Männer stark und die Ernte gesund. Die Etoro können absolut nicht begreifen, warum jemand homophob ist. Für sie liegt klar auf der Hand, dass Sex zwischen Männern gesund ist.

Wie sieht es mit Geschlechterrollen aus?
Manche sind sogar richtig kontraintuitiv für Menschen, die im Westen aufgewachsen sind. Für die Biwat, ebenfalls auch Papua-Neuguinea, sind Frauen die sexuellen Aggressoren und die Männer die Empfänger. Bei ihnen gibt es diesen Spruch: "Natürlich ist die Frau der Aggressor und aggressiv. Sie hat doch eine Vulva."

Bei uns sind romantische Beziehungen immer noch die Norm und unverbindlicher Sex hat einen vergleichsweise zweifelhaften Ruf. In einigen anderen Kulturen scheint unverbindlicher Sex verbreiteter zu sein als feste Beziehungen.
Bei meinen Recherchen habe ich gelernt, dass Menschen oft eine sehr innige Beziehung zu einem Ehepartner haben. Das bedeutet aber nicht, dass sie Sex nur mit dieser Person haben. In vielen Kulturen der Erde ist die Ehe nicht der einzige Rahmen, in dem du deine Sexualerfahrungen machst. Du kannst eine sehr innige Beziehung haben und deinen Partner lieben und all das, aber Sexualität ist wie ein Grundbedürfnis, wie essen. Du isst ja auch nicht nur das Essen, dass dein Partner zubereitet – du gehst in Restaurants und vielleicht auch zu Freunden zum Abendessen. Bei ihnen ist Sexualität nicht mit dem gleichen Stigma verbunden wie bei uns im Westen.

Was hast du in diesen ganzen Forschungsjahren über die westliche Sexualmoral gelernt?
Insbesondere Amerikaner sind sexuell verklemmt. Bei uns herrscht diese Vorstellung, dass Genitalien unheimlich sind und Sex privat ist. Diese Sachen müssen bei uns versteckt werden. Wohingegen Sexualität in anderen Gesellschaften als normale Körperfunktion gilt, die Spaß macht und gesund ist. Dementsprechend solltest du es auch so oft wie möglich machen – solange du es sicher machst. Genitalien sind nichts, wofür man sich schämen muss.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es in Gesellschaften generell viel weniger Gewalt gibt, in denen Frauen und Teenager explizit sexuelle Selbstkontrolle zugestanden wird und in denen Sex nicht mit dem gleichen Stigma behaftet ist wie bei uns. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Gesellschaften, die ausdrücklich die sexuelle Selbstbestimmung von jungen Frauen wollen, und dem Ausbleiben von Gewalt.

Und was ist jetzt eigentlich "normal"?
Eine Antwort darauf wäre wohl, dass alles normal ist. Eine andere Betrachtungsweise wäre es, sich Menschen anzuschauen, deren Lebensweise unserer von früher ähnelt – speziell etwa die San aus Südafrika. Das sind sehr friedfertige Menschen und sie sind der Meinung, dass Menschen Sex zum Spaß haben können – gerne auch viel davon. Das gilt für die Zeit vor der Ehe und auch währenddessen. Es gibt dort keine Eifersucht, wie wir sie kennen. Es fehlt dieses Gefühl, jemanden zu besitzen.

Abnormal finde ich es, jemanden zu besitzen oder zu kontrollieren. Normal ist es, du selbst zu sein, denn jeder hat seine Stärken.

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