cold case

Hai kotzt menschlichen Arm aus: Der seltsamste ungelöste Mordfall Australiens

Den Rest des Opfers fanden die Behörden nie.

von Stephanie Hughes
15 November 2017, 4:53am

Illustration von Stephanie Hughes

Vor 80 Jahren bekamen selbst Einwohner Australiens noch nicht so oft Haie aus nächster Nähe zu sehen. Als das Coogee Aquarium in Sydney damals einen riesigen Tigerhai beschaffte, war der Andrang daher groß. Und als das Meerestier sich erbrach, verriet es viel über seine Spezies – und über die kriminelle Unterwelt der Stadt. Dabei kamen nicht nur eine halbverdaute Ratte und ein Vogel zum Vorschein, sondern auch ein abgetrennter menschlicher Arm mit einem Boxer-Tattoo.

Was sich in Coogee Beach zugetragen hatte, sollte sich als einer der seltsamsten Mordfälle in der Geschichte Australiens erweisen. Der Frühling 1935 war eine turbulente Zeit für das Land: Die Weltwirtschaftskrise war in vollem Gange, und nur ein Jahr zuvor hatte man die schwer verbrannte Leiche einer jungen Frau gefunden, die als "Pyjama Girl" in die Lokalgeschichte einging. Die Menschen in Sydney brauchten ein wenig Ablenkung. Das Coogee Aquarium existierte seit 1887, doch das Geschäft lief inzwischen schlecht. Eine neue Attraktion kam da auch den Betreibern gerade recht.

Aus dem Kuriosum wird ein mutmaßlicher Mordfall

Der Tigerhai war ein Prachtexemplar: vier Meter lang, fast eine Tonne schwer. Der damalige Besitzer des Aquariums, Bert Hobson, hatte ihn mit seinem Sohn aus dem Hafen geholt. Der Hai sollte der neue Star des etwa 25 mal 15 Meter großen Aquariumbeckens werden. 1935 kam es vermehrt zu Haiangriffen auf Menschen, also hoffte Hobson, sein Geschäft zu retten, indem er den Besuchern einen der Killer zum Greifen nahe vorführte. Doch als die Aquarium-Fans das seiner Heimat entrissene Tier umzingelten, wurde es nervös – und kotzte das Beweismittel aus.

Die Polizei hielt die Meldung anfangs für einen Streich, vom Personal des Aquariums, oder von Medizinstudierenden, die zu viel Freizeit und überschüssige Leichenteile hatten. Aber das Lachen verging auch dem letzten Ungläubigen, als man den Arm aus dem Wasser fischte und in die Gerichtsmedizin brachte. Abgesehen von dem Tattoo, das einen Boxer zeigte, gab es eine weitere Auffälligkeit: Um das Handgelenk war ein Stück Seil gebunden. Der Gerichtsmediziner stellte fest, dass der Arm gar nicht von dem Hai abgebissen worden war – ein stumpfes Messer hatte ihn vom Körper getrennt. Aus dem Kuriosum wurde ein mutmaßlicher Mordfall.


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Zwei Fragen musste die Polizei nun beantworten: Wessen Arm war das? Und wie war er im Magen des Tigerhais gelandet? Noch bevor die Beamten der Sache auf den Grund gehen konnten, stürzte sich die Presse auf die Story und behauptete, es müsse sich sehr wohl um eine Hai-Attacke handeln. In den 1930ern gab es kaum forensische Ermittlungsmethoden, doch eine brandneue Fingerabdruck-Technik führte zum Erfolg: Der Arm gehörte Jim Smith, einem Kriminellen, der auch als Informant der Polizei tätig war.

Smiths Bruder bestätigte die Identität des Arms anhand des Boxer-Tattoos, nachdem ein Bild von dem Leichenteil in der Boulevardzeitung Truth abgedruckt worden war. Vor seiner kriminellen Karriere und seinen Festnahmen war Smith Boxer gewesen, doch er war nicht gut genug und hatte den Traum von einer Profi-Karriere aufgeben müssen. Also trieb er von Job zu Job, bis er in einem Pub anfing, wo er Kontakte zur kriminellen Unterwelt aufbaute. Unter anderem zu einem wohlhabenden Schiffsbauer namens Reginald Holmes.

Holmes ist der Drahtzieher, Smith der Laufbursche

Holmes war ein angesehenes Mitglied der Gemeinde und galt als liebenswerter Familienmensch. Außerdem war er Heroinschmuggler und der Drahtzieher hinter verschiedenen Betrugsmaschen. Auch mit der Baubranche hatte Holmes zu tun; er heuerte etwa Smith an, um Arbeiter um ihr Baumaterial zu betrügen oder Versicherungsgelder einzustreichen, indem er versicherte Gebäude abfackelte. Nach jedem Auftrag überwies Holmes versteckt Geld an Smith. Bis es zu einem Skandal um eine Luxusjacht kam: Holmes versicherte die Pathfinder, die im Hafen von Sydney lag, und schickte Smith los, um das Schiff zu zerstören. Smith ging jedoch hinterher zur Polizei und meldete die Zerstörung als "verdächtig". Die Versicherungssumme wurde nicht ausgezahlt und Holmes stand plötzlich ohne Geld da.

Holmes war der Drahtzieher, Smith der Laufbursche – doch die Operation benötigte auch einen Meisterfälscher. Patrick Brady war ein langjähriger Freund von Smith und betrieb ebenfalls Versicherungsbetrug. Er kam aus einer gesetzestreuen Familie, doch im Ersten Weltkrieg hatte er sein Talent für Fälschungen entdeckt, als er die Unterschriften von Generälen imitierte. Sein Können führte ihn in den Hafen von Sydney, wo er sich mit Smith und Holmes zusammentat, zu einem perfekten Verbrecher-Trio.

Smith wird für Holmes zu einem Risikofaktor

Die Weltwirtschaftskrise setzte Holmes finanziell schwer zu, gleichzeitig erpresste ihn Smith um immer mehr Geld. Es liegt nahe, dass Holmes irgendwann die Idee hatte, diesen Risikofaktor auszuschalten. Eines Abends sagte Smith seiner Frau, er gehe fischen. Er kam nicht zurück. Die besorgte Gladys erhielt ein paar Abende später einen mysteriösen Anruf: "Keine Sorge ... Jimmy ist in drei Tagen wieder zu Hause." Doch Jimmy kam nie wieder.

Die Polizei hatte kaum Anhaltspunkte, als Smiths Arm identifiziert war. Die genaue Todesursache konnten sie anhand des Arms nicht ermitteln. Die Beamten wussten, dass Smith zuletzt beim Trinken und Karten spielen mit Patrick Brady im Cecil Hotel gesehen worden war, doch das war einer seiner üblichen Aufenthaltsorte. Als die Ermittler einen genaueren Blick auf Brady warfen, stellten sie fest, dass er zum Zeitpunkt von Smiths Verschwinden ein Häuschen in der Taloombi Street in Cronulla mietete. Die Grundstücke in diesem malerischen Vorort sind bis heute sehr gefragt und teuer. Die Polizisten hegten den Verdacht, dass der Mord in Bradys Häuschen verübt wurde. Sie gingen davon aus, dass Brady den Arm abgetrennt und später die restliche Leiche in einem Koffer im Ozean versenkt hatte.

Die Polizei begann zu ermitteln, was Brady in den Tagen vor Smiths Verschwinden gemacht hatte. Gesprächsbereite Taxifahrer erzählten den Beamten, wohin Brady in den Tagen vor der Anmietung des Häuschens gefahren war. Eine der letzten Fahrten überraschte die Ermittler: Brady war zu Reginald Holmes gefahren. Bis dato hatte niemand geahnt, dass eine Verbindung zwischen Brady und Holmes bestand. Nun galt es, Brady zu befragen.

Eine schluchzende Ehefrau bringt die Polizisten weiter

Als die Polizei Brady in Gewahrsam nahm, ging es vordergründig um einen Fälschungsfall, der nichts mit Holmes oder Smith zu tun hatte. Dummerweise gab es nicht genug Beweise, um ihn dafür auf der Wache zu halten. Brady wurde sechs Stunden lang intensiv verhört, erzählte den Beamten aber nichts, was sie nicht schon wussten. Erst als sie seine schluchzende Ehefrau befragten, taute der sonst so kalte Brady etwas auf. Endlich erklärte er sich zu einer Aussage bereit. Er bat um Stift und Papier und schrieb alles auf, was die Polizei bereits gemutmaßt hatte, inklusive seiner Komplizenschaft mit Holmes.

Genau den musste sich die Polizei auch vorknöpfen, um in dem Fall weiterzukommen. Als Reginald Holmes klar wurde, dass Polizisten auf dem Weg zu seinem Strandhaus waren, raste er in einem Schnellboot von seinem Grundstück zum Hafen. Die Polizisten nahmen sofort die Verfolgung auf, doch immer wenn sie sich Holmes näherten, zog er plötzlich wieder davon. Eine große Menschenmenge stand im Hafen von Sydney und beobachtete die Verfolgungsjagd.

Schließlich stellte Holmes den Motor seines Boots ab und schaute zur Menge im Hafen, in der Hand eine Pistole. Berichten zufolge sagte er folgenden kryptischen Satz: "Jimmy Smith ist tot, und jetzt ist nur noch einer übrig ... Wenn ihr mir bis heute Nacht Zeit lasst, mach ich ihn alle." Offensichtlich war er betrunken. Wenn sein Verhalten das nicht hinreichend belegte, dann die leere Flasche Gin, die in seinem Boot lag. Die Beamten bereiteten sich auf einen Schusswechsel vor, doch dann richtete Holmes die Waffe gegen sich selbst. Er fiel ins Wasser, während die Polizisten sein Boot umzingelten.

Holmes entzieht sich der Verantwortung

Der Kopfschuss tötete Holmes jedoch nicht, sondern streifte nur seine Schläfe. Entmutigt ergab er sich. Die Ermittler hatten Holmes für den Drahtzieher der ganzen Operation gehalten, doch nun erzählte er ihnen eine ganz andere Geschichte: Brady sei der Mann, der Smith getötet habe. Auch habe Brady ihm Smiths abgetrennten Arm gebracht, um ihn einzuschüchtern und zu erpressen. Holmes beschrieb dabei allerdings Details über das Häuschen in der Taloombi Street, die nahelegten, dass er mehr wusste, als er verriet. Die Polizei drohte ihm mit einer Anzeige wegen Beihilfe zum Mord, wenn er sich nicht zu einer Zeugenaussage vor Gericht bereit erklärte. Er willigte ein, doch er sollte nie den Gerichtssaal betreten.

Am Morgen des 12. Juni 1935 sollte eine entscheidende gerichtsmedizinische Untersuchung stattfinden. Die Polizei näherte sich Holmes' Haus, um ihn zum Gericht zu bringen. Doch bevor sie die Tür erreichten, fanden sie Holmes in seinem Auto. Er war vornüber gekrümmt, mit drei Einschüssen in der linken Brustseite. Schnell hatten sie verstanden: Der gewiefte Versicherungsbetrüger hatte Auftragskiller angeheuert, um sich selbst töten zu lassen. Natürlich erst nachdem er eine ordentliche Lebensversicherung abgeschlossen hatte. Bei Suizid greifen Lebensversicherungen nicht, doch Holmes' Tod durch vermeintlichen Mord ersparte seiner Frau und seinen Kindern die öffentliche Schande seiner Verhaftung und sicherte sie finanziell ab. Sein letzter erfolgreicher Betrug.

Niemand kann beweisen, dass Jim Smith nicht einfach einarmig untergetaucht ist

Der Brady-Prozess begann ohne Holmes, aber die Staatsanwaltschaft hatte nur wenig gegen ihn in der Hand. Anwesend waren Smiths Frau, Holmes' Frau und einige der Taxifahrer, die gewillt waren, gegen Patrick Brady auszusagen. Im Laufe des Prozesses wurde immer problematischer, dass es keine Leiche gab. Sie hatten den Arm, aber niemand konnte dem Richter eindeutig beweisen, dass Jim Smith tatsächlich tot und nicht einfach einarmig und untergetaucht war. Als dann endlich entschieden war, dass der Fall dennoch als Mordfall weiterbehandelt werden durfte, stand die Staatsanwaltschaft noch immer auf dünnem Eis. Brady war nie ein gewalttätiger Mann gewesen, man hatte ihn für geringfügige Verbrechen wie Fälschung angezeigt, aber nie für tätliche Angriffe. Er war nur 1,63 Meter groß und zierlich, es wirkte daher sehr unwahrscheinlich, dass Brady den viel größeren Ex-Boxer Smith allein hätte überwältigen können. Der Prozess dauerte eineinhalb Tage, dann wurde Brady in allen Punkten freigesprochen. Er verließ den Gerichtssaal als freier Mann.

Der Hai-Arm-Fall wurde nie offiziell gelöst, aber es gibt ein paar Theorien. Ein paar Jahre nach dem Prozess gestand Bradys Frau, sie sei zu dem Häuschen gegangen, in dem Brady sich einquartiert hatte – sie hatte geglaubt, er habe eine Affäre. Dort habe sie allerdings eine Gruppe Männer gehört, die tranken und Karten spielten. Die Identität dieser Männer wird für immer ungeklärt bleiben. Der australische Rechtshistoriker Alex Castles geht davon aus, dass Smith in dem Häuschen ermordet wurde. Er glaubt, Brady sei zu diesem Zeitpunkt fischen gewesen und habe Smith bei seiner Rückkehr tot vorgefunden. Dann, so Castles, habe Brady Angst um sein Leben gehabt und die Wahrheit 1965 mit ins Grab genommen.

Brady war der einzige Überlebende in diesem mysteriösen Mordfall. Eine seiner letzten Aussagen sollte sich bewahrheiten: "Der Hai-Arm-Fall wird nie vergessen werden. Man wird sich auch nach meinem Tod noch daran erinnern."

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