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Menschen

Dein E-Scooter macht blinden Menschen das Leben unnötig schwer

Du kannst die Roller praktisch oder lächerlich finden – aber für sehbehinderte und blinde Menschen wie Heiko Kunert sind sie vor allem: gefährlich.

von Niclas Seydack
21 August 2019, 10:44am

Foto: Henry Giggenbach

Deutschland wäre nicht Deutschland, hätte nicht vor der Einführung von E-Scootern das Verkehrsministerium die, Achtung, Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung, kurz eKFV, erarbeitet, um mit dienstheiligem Ernst zu regeln, wie die Verkehrswende zu funktionieren hat: Paragraph 5, Absatz 3 zum Beispiel. Der regelt die Beleuchtung von E-Scootern und verlangt "ringförmig zusammenhängende retroreflektierende weiße Streifen an den Reifen oder Felgen des Vorderrades und des Hinterrades".

Aber selbst retroreflektierende Streifen konnten nicht verhindern, das brutale Kupplungsgeräusche die Einführung der E-Scooter begleiten: Täglich melden Lokalzeitungen aus Bielefeld, Hannover oder Mannheim Unfälle, in München stoppte die Polizei neulich einen Fahrer mit 3,6 Promille. Er hielt die Polizei auf und ermöglichte seinem Bruder (1,4 Promille) die Flucht. Der lieferte sich eine kleine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Am Ende wurden beide geschnappt und wegen Trunkenheit am Steuer angezeigt.

Es mag leicht sein, sich über Menschen lustig zu machen, die E-Scooter fahren. Aber es gibt Menschen, für die E-Scooter weder praktisch noch lächerlich sind – sondern gefährlich: Für sehbehinderte und blinde Menschen machen die E-Scooter das Gegenteil von dem, was sie sehenden Menschen versprechen. Heiko Kunert, der Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenverbands Hamburg, erklärt, wie E-Scooter seine Mobilität einschränken.

VICE: Was nervt Sie an E-Scootern?
Heiko Kunert: Bisher hatte ich keinen Zusammenstoß mit einem fahrenden E-Scooter. Aber ich weiß ja auch gar nicht, ob es nicht schon ein paar Mal sehr knapp war. Das hätte ich als blinder Mensch ja weder gesehen – logisch – noch gehört. Die Scooter sind elektrisch angetrieben und lautlos. Ich registriere die oft gar nicht. Aber als Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins in Hamburg weiß ich, dass E-Scooter für viele in der Community ein Thema sind, zumindest in den Großstädten. Das geht eigentlich schon so, seit diskutiert wurde, ob die Scooter in Deutschland eingeführt werden sollen.

Warum?
Man wusste ja, wie chaotisch die Einführung in anderen Städten verlaufen war. In Deutschland war am Anfang geplant, E-Scooter auf Gehwegen fahren zu lassen. Den Gehweg mit rollendem Verkehr zu teilen – das ist für sehbehinderte und blinde Menschen ein rotes Tuch.

Nun sollen E-Scooter offiziell aber auf Straßen fahren. Können Sie mir, einem Menschen, der Verkehr hauptsächlich mit den Augen wahrnimmt, erklären, warum sie trotzdem ein Problem für blinde Menschen sind?
Seit ich sieben Jahre alt bin, bin ich blind. Ich nehme meine Umwelt über das wahr, was ich fühlen, riechen und hören kann. Wenn ich auf einem Fußweg unterwegs bin, fühle ich mit meinem Stock in die Umgebung: Wo begrenzen Zäune, Gebäude oder der Bordstein den Gehweg? Dazu höre ich den Autoverkehr und wie sich der Schall an den Gebäuden bricht: Wenn ich die fahrenden Autos parallel zu mir verorten kann, weiß ich, dass ich einigermaßen gerade laufe. So entsteht für mich aus Fühlen, Riechen und Hören der Raum Gehweg. Jedes Hindernis darauf ist für mich eine Herausforderung.

Was unterscheidet das Hindernis E-Scooter von, sagen wir, rasenden Radfahrern oder Autos, die den Gehweg blockieren?
Beim Auto spüre ich mit meinem Stock, wo es parkt, bei Radfahrenden kann ich die sich drehenden Speichen hören oder wie sie in die Pedale treten. E-Scooter sind lautlos. Da fehlt mir neben dem Sehen noch das Hören als Sinn, um sie wahrzunehmen, wenn sie an mir vorbeifahren. Ich wünsche mir da mehr Rücksicht von den E-Scooter-Fahrenden gegenüber denen, die sie nicht hören oder sehen können. Das sind zum einen sehbehinderte Menschen wie ich, klar. Aber das sind ja auch Leute, die auf ihr Smartphone gucken oder laut Musik hören. Oder Kinder, die vor sich herträumen.

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Heiko Kunert, Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg, bloggt unter heikos.blog auch über sein Leben und den täglichen Kampf mit der Barrierefreiheit | Foto: BSVH

Sollte man Leute erstmal in die E-Scooter-Fahrschule schicken, bevor sie auf die Straße dürfen, so wie es erste Firmen jetzt schon anbieten?
Besser wäre es, wenn das Ordnungsamt und die Polizei mehr kontrollieren würden. Sie kontrollieren Fahrräder und Autos, aber die sollten sich mal die Hotspots anschauen, an denen viele E-Scooter unterwegs sind. In Berlin gab es ja schon den ersten Krisengipfel wegen der vielen E-Scooter am Brandenburger Tor. Da ist jetzt ein Sperrgebiet. Aber dahinter steckt ein grundlegendes Problem.

Nämlich?
Manche sagen, E-Scooter können ein Teil der Verkehrswende weg vom Auto sein, die wir dringend brauchen. Aber durch mehr E-Scooter gibt es erstmal nur mehr Verkehr. Und damit mehr verschiedene Verkehrsmittel, die ich als blinder Mensch wahrnehmen muss. Dazu kommt: E-Roller kann man überall abstellen, wirklich überall. Das ist praktisch für alle, die sie fahren. Für mich heißt das, es kann ständig ein Hindernis auftauchen, an das ich mich nicht gewöhnen kann – anders als an Außenbestuhlung von Cafés oder an eine Baustelle auf dem Gehweg.

Was könnte man tun, um sehbehinderten und blinden Menschen das Zusammenleben mit E-Scootern zu erleichtern?
Über das Fahrverhalten haben wir ja schon gesprochen, da hilft vor allem Rücksicht. Wenn es ums Abstellen geht: Bei uns in Hamburg gibt es Leihräder von der Stadt. Die sind in eigenen Anlagen geparkt, die ich einfach mit dem Stock ertasten kann. So sind die Räder immer an der gleichen eingegrenzten Stelle, ich kann mich gewöhnen und laufe nicht mitten rein.

Sie haben sich wahnsinnig über Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo geärgert, der Kritikern von E-Scootern eine "Gewohnheitspose der Gegenwehr" vorwarf. Und vergaß, dass es Menschen wie Sie gibt, die E-Scooter kritisieren, weil sie für sie gefährlich sind.
Er hat meinen Tweet später in seinem Podcast aufgegriffen und sich für den Hinweis bedankt. Daran hatte er nicht gedacht, das hat er zugegeben. Aber es ist nun mal oft so, dass Menschen mit Behinderungen nicht mitgedacht werden, wenn die Politik Dinge plant. Und wenn Menschen mit Behinderung hinterher für ihre Belange kämpfen, wird das von vielen als Nischenthema abgetan. Da heißt es dann: Klar, für euch ist das doof, aber … Da kommt dann nichts.

Wie müsste man das besser machen, sagen wir, wenn das nächste Fortbewegungsmittel kommt, das die Verkehrswende verspricht?
Menschen mit Behinderung vorher fragen und das Thema Barrierefreiheit umfassend verstehen. Wir wollen doch niemandem was wegnehmen, sondern einfach nur teilhaben. Davon könnten am Ende alle profitieren.

Ist das vielleicht ein bisschen so wie beim Feminismus, wo Männer verstehen könnten, dass ihnen niemand was wegnehmen will und die Welt auch für sie besser wird, wenn man gemeinsam das Patriarchat bekämpft?
Der Vergleich ist vielleicht gar nicht blöd. Das Prinzip ist dasselbe: Es geht darum, Gewohntes in Frage stellen und darüber nachzudenken, wie es für alle besser wäre. Klar hilft Barrierefreiheit zuerst Menschen mit einer chronischen Behinderung. Aber am Ende helfen solche neuen Strukturen allen: dem, der sich ein Bein gebrochen hat. Der Person, die einen schweren Koffer dabei hat oder die einen Kinderwagen schiebt. Und doch: Wir müssen immer kämpfen. Und dabei immer wieder klarmachen, dass wir niemandem was wegnehmen wollen. Sowas kostet höchstens Geld. Aber eines ist sicher: Barrierefreiheit nimmt garantiert keinem Menschen etwas weg.

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