Politik

Wir haben Chilenen gefragt, wofür sie protestieren

"Ich gehe für meine Enkel auf die Straße. Meine Generation und die meiner Kinder sind schon am Arsch." – Julio, 65

von Johannes Hausen
05 November 2019, 11:02am

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Chile lebt seit über zwei Wochen im Ausnahmezustand. Immer wieder brennen Straßenbarrikaden, Supermärkte, Metrostationen. Der Weltklimagipfel, für den unter anderem Greta Thunberg nach Amerika gesegelt war, musste abgesagt werden. Die Proteste gegen soziale Ungleichheit und den neoliberalen Präsidenten Sebastián Piñera sind die heftigsten seit Ende der Militärdiktatur 1989.

Über 4.300 Demonstrierende wurden festgenommen, erste Berichte von Folter und Vergewaltigung durch Polizisten sind an die Öffentlichkeit gelangt.

Nach einer Woche nächtlicher Ausgangssperre, Panzern auf den Straßen und dem zeitweise kompletten Stillstand des öffentlichen Nahverkehrs schien zumindest in der Hauptstadt Santiago für einen kurzen Moment wieder Ruhe eingekehrt.

Doch schnell brannte es weiter, und die Chilenen werden nicht müde, für ein besseres Leben auf die Straße zu gehen. Wir haben mit fünf von ihnen gesprochen.

Geraldine, 27, und Cristian, 30, Sozialarbeitende

Geraldine_und_Cristian_Chile
"Wir versprechen allen, die mit uns gekämpft haben, aber nicht mehr bei uns sind: Es wird sich ändern!", steht auf Geraldines Schild, mit dem sie getöteter Demonstranten gedenkt

"Das ist keine Bewegung einer bestimmten Partei oder sozialen Klasse. Es geht um Gerechtigkeit für alle. Der Staat hat fast alle öffentlichen Dienste privatisiert. Wir zahlen viel für Bildung und Gesundheit, bekommen aber nichts dafür.

Wir haben diesen Aufstand kommen sehen. Seit Jahren. Von 120.000 Pesos (rund 150 Euro, Anm. der Red.) Rente kann in Chile niemand leben. Manche können nicht mal die Fahrt ins Krankenhaus zahlen. Bekämen Soldaten dieselbe Pension wie wir, wären sie schon längst mit uns auf der Straße – und nicht gegen uns. Die Politiker lachen uns aus. Wie lange sollen wir das noch aushalten?"

Anastasia, 42, Referentin der ersten Gewerkschaft für transsexuelle Sexarbeiterinnen in Chile

Anastasia
Anastasia arbeitet für die Organisation Amanda Jofré, die sich für die Rechte von Chiles Transcommunity stark macht

"Die Menschen beginnen gerade zu verstehen, wofür wir Transfrauen schon seit Beginn des Kolonialismus kämpfen: Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Sie merken, dass es derselbe Kampf ist, der auch Arbeiter, LKW-Fahrer und Rentner auf die Straße treibt.

Wie kann der Präsident das Militär gegen seine eigene Bevölkerung auf die Straßen schicken? Piñera wird als Volksmörder in die Geschichtsbücher eingehen. Unser System zielt auf den Reichtum einiger weniger Familien. Sie waren bis jetzt davon überzeugt, dass sie einfach weitermachen können. Ich bin so froh, dass mein Volk endlich seine Stimme erhebt, und bin auf jeder Demo dabei."

Julio, 65, pensionierter Lehrer

Julio
Julio ist mit Topf und Fleischhammer bewaffnet. Bei den "Cacerolazos" schlagen die Demonstranten auf Töpfe und Pfannen, um Krach zu machen

"Ich gehe für meine Enkel auf die Straße. Meine Generation und die meiner Kinder ist schon am Arsch. Mein Sohn ist 43 und zahlt noch immer seinen Studienkredit zurück. Als Lehrer an einer staatlichen Schule verdient man mit Glück 300.000 Pesos (360 Euro, Anm. der Red.) im Monat; das ist weniger, als der Platz in einem guten Kindergarten kostet.

Das neoliberale System ist pervers. Es macht die Armen immer ärmer und die Reichen noch reicher. Gleichheit existiert in unserem Land nicht. Wir brauchen eine neue Verfassung!"

Camila, 21, Kunststudentin

Eine Demonstrantin in Chile
"Die Oase Lateinamerikas" – Camilas Banner spielt auf ein Zitat des Präsidenten an, mit dem dieser noch kurz vor Ausbruch der Unruhen sein Land beschrieben hatte

"Als Frau, die sich bisher mit keiner sexuellen Orientierung identifizieren kann, fühle ich mich von der Gesellschaft ins Abseits geschoben. Ich habe fast mein ganzes Leben Diskriminierung und verschiedene Arten von Gewalt erlebt. Die herrschende Klasse versucht, alles zu verdecken. Frauen sind längst nicht die einzigen Opfer.

Meine heutige Performance macht sichtbar, was während der Ausgangssperre auf einer Polizeiwache geschah: Festgenommene Demonstranten wurden dort 'gekreuzigt' (Die Staatsanwaltschaft untersucht den Vorfall, bei dem laut des Nationalen Instituts für Menschenrechte vier Personen mit ihren Handschellen an einer Antenne aufgehängt wurden, Anm. der Red.). Es reicht! Wir lassen uns nicht mehr so behandeln! Wir brauchen einen sozialen Wandel, und jeder Einzelne muss bei sich selbst anfangen."

Claudia, 29, angehende Juristin

Claudia
"TPP11? Dann lutsch ihn doch!!!" – Claudia demonstriert auch gegen Chiles Unterzeichnung des Handelsabkommens TPP

"Seitdem die Schülerinnen und Schüler aus Protest gegen die Fahrpreiserhöhung der Metro kollektiv schwarzgefahren sind, bin ich bei den Protesten dabei. Wir Chilenen und Chileninnen sind aus unserem Schlaf erwacht, merken endlich, dass das Volk viel mehr Macht hat als der Staat.

Was wir gerade auf Chiles Straßen sehen, nennt man Demokratie. Die Menschen drücken aus, was ihnen nicht gefällt. Unsere Gesetze fördern offensichtlich soziale Ungerechtigkeit. Mitten während der Proteste hat die Regierung die TPP (die Transpazifische Partnerschaft) abgesegnet. Jetzt wird sogar unser Umweltschutz durch internationale Firmen privatisiert."

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