Religion

Sorry, Patriarchat, aber: Gott ist queer

Ein Gebot im Christentum lautet: "Du sollst dir kein Bild von Gott machen." Viele haben trotzdem eins und das ist meistens männlich. Zu Unrecht.

von Joely Ketterer
07 September 2017, 7:00am

Bild: Michelangelo | Wikimedia Commons | Public Domain

Wenn wir an Gott denken, schwebt vielen das Gemälde Michelangelos vor, das die Decke der Sixtinischen Kapelle schmückt. Der alte Mann mit Bart auf der Wolke – jedes Schulkind kennt dieses Kunstwerk. Bilder wie sie die aktuelle Ausstellung "Die weibliche Seite Gottes" im Jüdischen Museum Hohenem zeigt, die Vorstellungen monotheistischer Religionen hinterfragt, fallen kaum jemandem ein.

Gott, glauben deshalb viele, muss männlich sein. Und auch bei Bezeichnungen wie "Herr" oder "Vater" denkt man nicht unbedingt an ein neutrales, übergeschlechtliches Wesen. Würde man Gott stattdessen als weiblich ansprechen, würde das Gottesbild sexualisiert. Das ist es zumindest, was Claudia Janssen immer wieder zu Hören bekommt. Sie ist Professorin für feministische Theologie und hat die Bibel in gerechter Sprache mitherausgegeben, für die sie die alten biblischen Geschichten zeitgemäß übersetzt hat. Der oder die "Ewige" heißt es da. Schließlich prägen nicht nur Bilder, sondern auch Sprache unsere Vorstellung.

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Dabei wird Gott in der Bibel nicht zwangsläufig als Mann dargestellt. Schon die beiden Schöpfungsberichte klingen eigentlich nach mehr. Die erste Erzählung, Genesis 1,27, beschreibt Gott als Wesen, das von sich im Plural spricht: "Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als Abbild von uns, uns ähnlich. […] Da schuf Gott den Menschen nach seinem Bild, als sein Ebenbild schuf er ihn. Er schuf sie als Mann und Frau." Er spricht von "uns", um meint damit sich – denn das Christentum ist eine monotheistische Religion und kennt nur einen Gott. Gott hat nicht nur eine Gestalt, Gott ist in der Mehrzahl. Janssen legt außerdem nahe, das "und" bei "Mann und Frau" als ein tatsächliches "und" zu lesen, also im Sinne von "sowie" oder "zugleich".

In der heutigen universitären Theologie ordne man Gott kein Geschlecht zu, bestätigt Ellen Radtke, Studienleiterin am Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie. "Wenn Gott den Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen hat, dann gehören dazu auch jene Menschen, die kein eindeutiges Geschlecht haben, jene Menschen, deren geschlechtliches Selbsterleben von dem ihm bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht abweicht. Gott, der den Menschen zu seinem Ebenbilde schuf, löst in diesem Schöpfungsakt gleichsam die Erwartung auf, dass Gott selber ein Geschlecht habe. Gott selber ist über jede Sexualität erhaben", erklärt sie.

"In einer patriarchalen Kultur konnte Gott wahrscheinlich gar nicht anders, als männlich gedacht zu werden."

Gott ist vielgestaltig, pluralistisch, übergeschlechtlich. Darin sind sich viele Expertinnen einig: Für die Journalistin Antje Schrupp, die Theologie studiert hat und sich mit Gender-Fragen beschäftigt, bedeutet Genesis 1,27, die Vorstellung von Gott sei pluralistisch und der Mensch ebenso pluralistisch geschaffen worden. Kristell Köhler, Beauftragte für die Jugendpastoral in der Stadt Köln, ist der Ansicht, das Geschlecht ließe sich nicht festlegen und Menschen könnten an Gott lediglich männliche und weibliche Eigenschaften feststellen. Diese werden in übertragener Redeweise auf Gott angewendet.

Auch Claudia Janssen geht davon aus, Gott übersteige jegliche Geschlechtlichkeit oder jedes Geschlecht. Weitere Hinweise auf das mögliche Geschlecht von Gott liefert die zweite Schöpfungsgeschichte. Hier anhand der Gestalt des Menschen, den Gott immerhin "als Abbild von uns" gemacht haben soll.


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Gott erschafft Adam, was so viel wie "Erdling" oder "Menschenwesen" bedeutet. Der Mensch, da stimmen die Fachfrauen überein, sei bei der Schöpfung ursprünglich neutral gewesen. Erst als Gott ein Gegenüber für den Erdling kreiert – aus der Zela des Menschen (hebräisch eigentlich für Seite und in dieser Bibelstelle fälschlicherweise meist mit Rippe übersetzt, wie Janssen erklärt) –, entstehen Mann und Frau. Die gerechte Übersetzung stellt Hierarchien in Frage: Eine Seite ist genauso viel (wert) wie die andere Hälfte, eine Rippe hingegen kann man entbehren.

Trotzdem wird Gott traditionell, beispielsweise in der Lutherbibel, häufig mit Titeln angesprochen, die vor allem männlich konnotiert sind. "Herr" und "Vater" werden oft verwendet, auch "Richter" oder "König". Für Schrupp zeigt sich darin, wie Gottesbilder unsere Weltbilder spiegeln: "In einer patriarchalen Kultur konnte Gott wahrscheinlich gar nicht anders, als männlich gedacht zu werden."

Auch Janssen sagt, dass "biblische Schriften immer in Auseinandersetzung mit bestehenden Gesellschaften erzählt wurden". Dominiert dort der Mann, werden auch die Herrschenden in Geschichten als männlich betrachtet. Die Expertinnen sind der Meinung, dass unsere Vorstellung von Gott ein Kulturprodukt ist. Patriarchale Kultur und patriarchale Theologie würden sich gegenseitig bedienen und aufrechterhalten.

"Wir wollen uns ein Bild machen, selbst wenn es an dieser Stelle unmöglich ist."

Deswegen könne man biblische Aussagen auch nicht betrachten, ohne den zeitlichen Kontext zu bedenken, in dem sie entstanden sind, sagt Radtke. Jesus habe Gott vor allem deswegen als "Vater" angesprochen, weil dieser in biblischer Zeit die Lebensgrundlage einer Familie gesichert habe. "Das war früher keine weibliche Rolle", bestätigt Köhler. In der vom Mann bestimmten Gesellschaft, in der die Bibel entstanden ist, sei der Vater eher Symbol des Leitenden gewesen.

Von dieser klaren Vorstellung des weisen, allmächtigen Mannes ist es schwer, auf ein geschlechtsloses Gottesbild umzuschwenken. Dass Geschlechtslosigkeit nach wie vor männlich besetzt ist, zeigt sich ja nicht nur am Phänomen Adam, sondern auch an den aktuellen Diskussionen um das generische Maskulinum und gendergerechte Sprache. Um unser Repertoire an Vorstellungen zu erweitern, müssten wir aktiv trainieren und Gott gleichzeitig als weiblich ansprechen, ist Schrupp deswegen überzeugt.

Dabei kann es beispielsweise helfen, sich ganz bewusst auf Textstellen zu fokussieren, die sich eben nicht festlegen. Dass Festlegung im Allgemeinen eine "unbiblische Tradition" sei, zeigt sich laut Janssen zum Beispiel im 2. Buch Mose, Kapitel 3. Dort erscheint Gott Mose in Form eines brennenden Dornbuschs und benennt sich selbstmit einer Wendung, die in hebräischer Sprache 'lebendig sein' und 'vielfältig sein' bedeute. Textstellen wie diese könnten dazu inspirieren, nicht nur die Vorstellung der Männlichkeit Gottes, sondern auch seiner Binarität ad acta zu legen. Lebendig sein umfasst das gesamte Spektrum an Identitäten.


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Um dieses Spektrum zu begreifen, muss man sich natürlich eingehender mit biblischen Schriften beschäftigen. Ungleich einflussreicher dürften deswegen die Abbildungen sein, die Künstler von Gott geschaffen haben. Insofern scheint es schon fast ironisch, dass das zweite Gebot im Christentum "Du sollst dir kein Bildnis machen" lautet.

Laut Köhler ist es eine natürliche Neigung des Menschen: "Wir wollen uns ein Bild machen, selbst wenn es an dieser Stelle unmöglich ist." Sie deutet an, dass man im Altertum manchen modernen Rollen- und Geschlechterbildern schon voraus gewesen sei. Menschen hätten männlich und weiblich konnotierte Eigenschaften – "schützend, wütend, lehrend und tröstend" – verwendet, um Gott zu charakterisieren. Die Bibel sei ohnehin nicht "Gottes Wort, das einfach so auf die Erde fällt", sondern beschreibe, wie Menschen Gott erfahren hätten.

Es gibt zahlreiche Textstellen in der Bibel, die Frauen selbstverständlich als benachteiligt beschreiben.

Für Janssen zeigt sich bei Michelangelos Die Erschaffung Adams der "patriarchale Sündenfall". Sie erklärt: "Dieses Bild hat unsere Rede von Gott mehr geprägt als viele biblische oder textliche Traditionen."

Das wirft eine wichtige Frage auf: Wäre unsere christlich geprägte Welt eine andere, wenn Gott nicht nur als männlich wahrgenommen worden wäre? Radtke stellt sich unterschiedliche Möglichkeiten vor. Vielleicht könnte mehr Gleichberechtigung herrschen, eventuell hätten "Fürsorge und Teilhabe eine höhere gesellschaftliche Bedeutung". Sie hält es aber genauso für denkbar, dass die Frau "denselben Beschränkungen unterläge – nur mit anderer Begründung".

Es gibt zwar zahlreiche Textstellen in der Bibel, die Frauen selbstverständlich als benachteiligt beschreiben. Religion ist der Spezialistin für Genderfragen in der Theologie zufolge aber "nur ein Herrschaftsinstrument unter vielen", auch Regierungen und Wirtschaftssysteme haben beispielsweise das Bild der Frau geprägt.

Ein vielfältiges Gottesbild, da stimmen die Expertinnen überein, würde trotzdem neue Zugänge schaffen. Schrupp kennt viele Menschen, die Religion und Kirche ablehnen, wegen des "autoritären Macho-Typen da oben". Sie glaubt aber, dass sich auch diejenigen, die sich "nichts vorschreiben lassen wollen" oft gerne bei einer Gottesfigur aufgehoben fühlen würden.

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"Spricht man immer nur von Gott als dem liebenden Vater, haben Menschen, die diesen liebenden Vater selbst nie erlebt haben, ein unglaubliches Problem, einen Zugang zu Gott zu finden", ergänzt Köhler. Würde man in Gott die Pluralität der Eigenschaften sehen, gäbe es auch eine größere Chance, sich in diesem Gott selbst wieder zu finden. Manche könnten sich eher mit einem mütterlichen Bild identifizieren. Oder einer ganz anderen Art positiver Kraft, wie Radtke vorschlägt: beispielsweise einem Meeresrauschen.

In den 1970er Jahren diskutierten feministische Theologinnen die Frage, ob das vorwiegend männliche Gottesbild dafür sorge, dass der Mann als "Norm des Menschseins" verstanden würde. 50 Jahre später bemühen wir uns nach wie vor, eine Gesellschaft mit mehr Gleichberechtigung und Diversität zu realisieren. Mit einer vielgestaltigen oder übergeschlechtlichen Vorstellung von Gott könnte die christliche Religion dazu beitragen, Rollenkonzepte zu öffnen. Rein theologisch sei die Vielfalt nämlich vorhanden, ist Köhler überzeugt. Man müsse nur genauer hinsehen.

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