Wie eine junge Frau seit Jahren vergeblich versucht, Bäuerin zu werden
Foto: Christoph Schattleitner | VICE Media
Bauer sucht keine Frau

Wie eine junge Frau seit Jahren vergeblich versucht, Bäuerin zu werden

Christina hat ihr Studium geschmissen, um Landwirtin zu werden. Aber trotz intensiver Suche findet sie keinen Hof. Weil kein Bauer an eine Frau übergeben will, vermutet sie.
8.3.18

"Das hat natürlich gar niemand verstanden", sagt die 24-jährige Christina Sulzbacher, die ihr Lehramtsstudium in Graz abgebrochen hat, um in ihrem Heimatbezirk Liezen Bäuerin zu werden. Aus ihrer Sicht aber hat der ungewöhnliche Umstieg viel Sinn ergeben. Ein eigener Hof ist ihr Kindheitstraum, den sie nie zu verwirklichen wagte. Bereits im Gymnasium haderte sie lange damit, nach Oberösterreich in die Pferdefachschule Lambach zu wechseln.

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Sie tat es aber nicht. "Ich dachte, dass Matura und Studium sicherer sind als ein landwirtschaftlicher Beruf", sagt sie. Als sie Jahre danach bei ihrem Studium mehrere Semester warten muss, um ein Seminar belegen zu können, fällt sie aber den Entschluss: "Jetzt oder nie."

Sie schmiss alles hin und ließ sich in Grottenhof-Hardt nahe Graz zur landwirtschaftlichen Facharbeiterin für Pferdewirtschaft ausbilden. Erfahrung mit Pferden hat sie schon länger. Gemeinsam mit ihrer Mutter Elke bewirtschaftet sie seit 15 Jahren rund 10 Pferde, die in einem kleinen Stall hinter dem Wohnhaus unterkommen.

Hauptsächlich Touristen nutzen das Angebot von geführten Pony- und Pferdewanderungen durch die Region Schladming-Dachstein. Die Struktur sei aber viel zu klein, um an Wirtschaftlichkeit überhaupt nur denken zu können, erklärt die junge Landwirtin. Mit einem Hektar schwer bewirtschaftbarer Weidefläche könne sie im besten Fall gerade mal 10 Prozent des Futterbedarfs selbst decken.

"A Weiberleit' schafft das nicht."

Nachdem die Mutter 15 Jahre lang immer wieder mal nach mehr Fläche und einem Stall Ausschau hielt, übernahm die Tochter nach Abschluss der Pferdeschule im Juli 2014 die Suche. Zwei Jahre lang inserierte sie jede Woche in der wichtigsten Lokalzeitung ein Gesuch für Kauf, Pacht oder Leibrente eines landwirtschaftlichen Betriebs bis zu 10 Hektar. Aufgrund des bestehenden Wohnhauses suchte sie nur im eigenen Bezirk. Immerhin muss sie mindestens zwei Mal täglich zum Stall fahren. Eine Handvoll potentieller Verkäufer meldete sich; einer davon unweit vom Wohngebäude der Sulzbachers entfernt.

Die Verhandlungen mit dem alten Ehepaar zogen sich über Jahre. Die Altbauern ohne Erben wollten im Wohnhaus bleiben und Stall sowie Wiese verpachten oder gegen eine Leibrente verkaufen – perfekt für die Sulzbachers. Andere Interessenten für diese Flächen gab es nicht und auch die Summe sei nicht das Problem gewesen, erklärt Christina.

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Sie glaubt, dass die Verhandlungen eher an emotionalen Gründen gescheitert sind. "Er wollte nicht mit ansehen, wie zwei Frauen sein Lebenswerk verändern." Er hätte sie oft dazu gedrängt den Vater, der als Koch arbeitet, ins Boot zu holen oder sie, die Tochter, zu verheiraten. "Zwei Weiberleit' allein können das nicht", soll er ihnen unverblümt gesagt haben. "Wenn ich verheiratet gewesen wäre, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir es bekommen hätten", meint Christina.

Und noch ein anderes Erlebnis ist Christina im Gedächtnis geblieben. Ein größerer Bauer wollte eine Fläche so lange verpachten, bis seine Kinder volljährig waren. Zur Besichtigung nahm Christina ihre Mutter sowie den Großvater mit. Vor Ort bat sie der potentielle Verkäufer zur Seite. Den Dialog kann Christina bis heute ziemlich textsicher nacherzählen.

Nach einer kurzen Vorstellung ihres Lebenslaufs lautete die zweite Frage: "Vergeben oder verheiratet?" Als sie erklärte, dass ihr damaliger Freund Installateur, aber grundsätzlich an der Landwirtschaft interessiert sei, sagte der Bauer: "Dann können wir weiterreden." Es folgte eine letzte Frage nach dem geplanten Konzept, ehe der Bauer zu den anderen zurückkehrte und fortan ausschließlich mit dem Großvater, der eigentlich nicht in das Projekt involviert war, über Details redete.

Die Pacht scheiterte offiziell am Preis: Der Bauer forderte das Vierfache dessen, was Christina anhand der Daten von der Bauernkammer für das Grundstück als ortsüblichen Preis berechnet hatte.

"Entweder schaffe ich es selbst oder ich lasse es ganz."

Die Grundstimmung habe sie bei vielen Gesprächen gespürt. "Viele glauben mir einfach nicht, dass ich die Initiative zeige. Die meisten denken, mein Großvater oder mein damaliger Freund hätte das forciert", sagt sie. In ihrem Brotberuf als Kellnerin werde ihr das oft von anderen Bauern um die Ohren gehauen: "A Weiberleit' schafft das nicht", würden sie schimpfen.

Sie solle doch einen ihrer Söhne heiraten, erklären die Bauern ihr am Stammtisch. Das sei einfacher und "billiger". An diese Option hat Christina noch nie einen Gedanken verschwendet: "Ich heirate ausschließlich aus Liebe, nicht aus wirtschaftlichen Gründen." Und: "Entweder schaffe ich es selbst oder ich lasse es ganz." Den Lebenstraum will sie nicht geschenkt bekommen.

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Sie erzählt von weiteren Problemen, die man als politische Engstirnigkeit zusammenfassen könnte. Pferdezucht werde in ihrer Region komplett belächelt. "Nur mit Rind und Schwein bist ein echter Bauer", so die Logik. 20 Kilometer weiter, in Ramsau am Dachstein, wo Christina sechs Pferde bei einem Bekannten unterstellen darf, würden Pferdezüchter ganz anders angesehen werden.

Und dann gibt es noch eine größere Entwicklung, die ihr das Leben schwer macht. Christina beobachtet bei der Hofübergabe einen Trend hin zu größeren Strukturen. Wenn ein Bauer aufhört und kein Erbe übernimmt, würden seine Flächen fast ausschließlich unter bereits aktiven Bauern verkauft werden. "Die meisten Verkäufe werden nie wirklich öffentlich", meint Christina. Die bestehenden Bauern würden dadurch immer größer.

Die Daten der Agrarstrukturerhebung 2013 bestätigen diesen Trend. Von 1995 bis 2013 ist die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe um 30 Prozent gesunken. Getroffen hat es vor allem die Kleinen: Die Anzahl der Betrieb ohne eigene Fläche sank um 77 Prozent. Bei Betrieben unter fünf Hektar steht ein Minus von 55 Prozent. Und große Bauern zwischen 100 und 200 Hektar sind um 39 Prozent gewachsen.

Ob Christinas Geschichte ein Einzelfall ist, lässt sich schwer eruieren. Andere junge Frauen, die ohne Aussicht auf ein landwirtschaftliches Erbe Bäuerin werden wollen, kennt Christina nicht. Auch die steirische Landwirtschaftskammer kann auf Anfrage leider keine Zahlen zum Verhältnis von Alter und Geschlecht der heimischen Landwirte nennen.

Klar dürfte aber auch so sein: Das oft beklagte "Bauernsterben" ist real. Und es ist sicher nicht leicht, Bauer zu sein. Aber wie Christinas Geschichte zeigt, ist es auch nicht leicht, Bauer zu werden. Vor allem nicht als selbstbewusste Frau mit 16 Pferden.

Christoph auf Facebook und Twitter: @Schattleitner