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"Ich brauche die Angst, um zu überleben" – Ein Kriegsreporter über seine Arbeit

Matern Boeselager

Er sollte entführt werden, einer seiner Freunde wurde geköpft. Warum Carsten Stormer trotz seiner Posttraumatischen Belastungsstörung weitermacht.

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Für jemanden, der so viel Leid gesehen hat, wirkt Carsten Stormer ziemlich entspannt. Er kommt gerade vom Joggen, als ich ihn über Skype in der philippinischen Hauptstadt Manila erreiche, wo der 44-Jährige mit seiner Familie lebt.

Dabei ist Stormer einer der wenigen deutschen Journalisten, die man einen Kriegsreporter nennen kann – auch wenn er lieber "Krisenreporter" dazu sagt. Afghanistan, Sudan, Vietnam, Irak und immer wieder Syrien – in all diesen Ländern hat Stormer über Konflikte und ihre Auswirkungen auf die Bevölkerung berichtet und dafür mehrfach sein Leben riskiert. "Ich weiß, was Krieg für Konsequenzen hat", sagt er. Tod, Verstümmelung, entvölkerte Landstriche und Menschen auf der Flucht. Im März ist von ihm Die Schatten des Morgenlandes erschienen. Das Buch beschreibt schonungslos die grausame und komplexe Realität des syrischen Bürgerkriegs – und gibt gleichzeitig einen Eindruck von dem Preis, den der Kriegsreporter für seine Geschichten zahlen muss.

2014, kurz nach der Geburt seines ersten Sohnes, diagnostizierte eine Psychologin Stormer eine Posttraumatische Belastungsstörung. Der Journalist begab sich in Behandlung – und macht trotzdem weiter.

VICE: Was ist das schlimmste Klischee über Krisenreporter?
Carsten Stormer: Dass Kriegsreporter zynische Adrenalin-Junkies sind, die keine Angst kennen. Klar gibt es Knalltüten, die es cool finden, an der Front Selfies zu machen, während hinter ihnen die Kugeln einschlagen. Aber alle Reporter, die ich kenne und schätze, sagen dasselbe: dass die Angst immer mitreist. Und die Leute, die das ernst nehmen und Konflikte wie zum Beispiel in Syrien über Jahre begleiten, sind keine Zyniker.

Aber trotzdem begibst du dich in Gefahr, oder?
Natürlich ist die Gefahr Teil des Berufs: Vor allem wenn ich Filme oder Fotos mache, muss ich an die Front gehen, wo es kracht. Aber die eigentlich interessanten Geschichten spielen sich ein paar hundert Meter hinter der Front ab. Hinter der Front passieren schon genug Dinge: Ich wurde von Scharfschützen beschossen, Granaten schlugen neben mir ein, es gibt Sprengfallen und Checkpoints, wo Leute sitzen, die einen entführen wollen. Das habe ich alles erlebt, und da bin ich mit Glück rausgekommen. Ich war in Momenten, da wurde die Angst so groß, dass ich die Kontrolle verloren habe und unfähig war, Entscheidungen zu treffen. Dann ist es gut, Leute dabei zu haben, die einen kühlen Kopf bewahren.

Aleppo, 2013 | Alle Fotos von Carsten Stormer

Hast du gelernt, mit der Angst umzugehen?
Nein, ich will die Angst ja gar nicht loswerden, weil sie mich davon abhält, noch mehr Blödsinn zu machen – ich brauche sie zum Überleben. Als freier Journalist hat man manchmal den Drang, mehr Risiken einzugehen, um dann hinterher bessere Geschichten zu haben, die sich besser verkaufen – die Angst hält einen davor zurück. Es ist ja schon total bescheuert, überhaupt nach Syrien reinzufahren.


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Was hast du in all dieser Zeit über Krieg gelernt?
Vor allem, dass Krieg totaler Scheiß ist. Was mich immer wieder überrascht: dass man im Krieg auch lachen kann. Dass man dort gleichzeitig das Beste und das Schlechteste im Menschen kennenlernt – und das manchmal in Bruchteilen von Augenblicken. Eine der skurrilsten Sachen, die mir je begegnet ist, war eine Gruppe Islamisten, die plötzlich unbedingt Fußball schauen wollten. Real gegen Barcelona! Dafür mussten wir sogar einen Armee-Checkpoint umfahren. Die waren von Ahrar as-Sham und standen der Jabbat an-Nusra [dem syrischen Ableger der al-Qaida] nahe, manche von denen haben sich später wahrscheinlich auch dem IS angeschlossen. Es war schon absurd, dass diese Jungs, die ständig nur gebetet und ihre Waffen gereinigt haben, dann ihre Trikots übergestreift haben und plötzlich stinknormale Jungs waren, die einfach nur Fußball gucken wollten.

Meine Reportagen handeln ja meist in irgendeiner Form von Menschen, die versuchen, sich in dem Irrsinn des Krieges zurechtzufinden. Vielleicht ist das mein Versuch zu verstehen, warum Menschen sich Krieg zumuten. Eine Antwort habe ich bislang nicht gefunden.

Eine Islamistenfahne über dem nordsyrischen Azaz

Was was deine schlimmste Erfahrung?
Auf dem Weg von Aleppo zurück an die türkische Grenze bin ich mit meinen Begleitern in einen Checkpoint des IS reingefahren. Ich trug syrische Kleidung, und meine Beschützer haben mir gesagt: "Sag kein Wort, das sind die Irren." Dann haben sie alle ihre Gewehre entsichert und die Pins aus ihren Handgranaten gezogen – das war eine sehr angespannte Situation. Zum Glück haben das auch die Leute am Checkpoint bemerkt, die nur zu dritt waren. Wir waren fünf im Auto, und die haben uns dann fahren lassen.

Oder die Geschichte in Zabadani, wo ich jeweils zwei Nächte lang rein- und wieder rauslaufen musste, vorbei an Dutzenden Checkpoints der syrischen Armee. Einmal war ein Posten nur 20 Meter entfernt, und als der in die eine Richtung geguckt hat, sind wir in die andere Richtung gelaufen. Auf dem Rückweg sollte ich dann noch entführt werden, und die Leute, die mir da das Leben gerettet haben, sind kurz darauf getötet worden. Da kommt man irgendwann mal an einen Punkt, wo es emotional nicht mehr weitergeht. Wenn man das nicht erkennt, geht man irgendwann daran kaputt.

Eine Frau bricht am Grab ihres Sohnes im syrischen Marea zusammen

Du bist einer der ersten deutschen Journalisten, die so offen über ihren Kampf mit Posttraumatischer Belastungsstörung sprechen. Wie hast du bemerkt, dass du unter PTBS leidest?
Das hat sich schleichend angekündigt. Ich bin nicht dauernd nachts schreiend aufgewacht. Ich habe aber einfach angefangen, alles in Frage zu stellen: mich selbst, den Beruf, meine Ehe. 2014 war ein schwieriges Jahr für mich. Zuerst sind im Januar meine beiden Lebensretter aus Zabadani getötet worden. Dann war ich im Juni während der Fassbomben-Kampagne in Aleppo, die nochmal alles, was ich vorher in Syrien erlebt hatte, übertroffen hat. Im Juli ist mein Vater gestorben, im August ist mein Freund James Foley geköpft worden, und im Oktober wurde mein Sohn geboren. Emotional war das ein kompletter Knockout.

Also habe ich mit einer Psychologin gesprochen. Nach einer Stunde hat sie gesagt: Nur ein Bruchteil von dem, was ich da erlebt habe, würde ausreichen, um jemanden auf Dauer wegen PTSD arbeitsunfähig zu schreiben. Ich hätte zwei Möglichkeiten: Ich könnte es für mich behalten und irgendwann daran kaputtgehen. Oder ich könnte ganz offen damit umgehen und Freunden und Familie erzählen, wie es mir geht. Und ich muss akzeptieren, dass mich das mein ganzes Leben begleiten wird.

Rebellen präsentieren die Pro-Assad-Tattoos eines gefangenen Gegners

Die Offenheit, das Schreiben, dieses Interview, das ist eine Art Katharsis. Ich verlange von meinen Protagonisten Ehrlichkeit, das gilt dann auch für mich. Das darf auch der Leser meiner Reportagen oder meines Buches verlangen.

Als du von James Foleys Ermordung durch den IS erfahren hast – hast du da nie gedacht, dass der Job vielleicht einfach zu gefährlich geworden ist?
Nein, überhaupt nicht. Man ist sich des Risikos bewusst, das war bei jeder Reise nach Syrien gegeben. In der kurzen Zeit, in der ich mit James befreundet war, haben wir oft darüber gesprochen, was wir in so einem Fall machen würden. Deswegen bin ich irgendwann auch nicht mehr nach Nordsyrien gefahren, sondern in andere Teile Syriens.

Ist der Job als Krisenreporter gefährlicher geworden, weil die Kriegsparteien dank Social Media nicht mehr von Journalisten abhängig sind, um ihre Botschaften zu verbreiten?
Ja, mein Beruf ist deutlich schwerer geworden. Das ist eine sehr gefährliche und frustrierende Situation, dass Journalisten zu Zielen geworden sind. Das macht es aber umso wichtiger, dass wir vor Ort sind. Im Augenblick ist es aber leider sehr schwer, nach Syrien zu fahren. Deshalb weiß auch kaum jemand, was gerade in Syrien passiert – es gibt nur noch die von allen Seiten produzierten Eigenwahrheiten.

Ein Kämpfer in einer Pause

Was ist der wichtigste Ausrüstungsgegenstand für Krisenreporter?
Ein gutes Buch, um einfach mal abzuschalten. Und natürlich sollte man sein Handwerk beherrschen. Aber ansonsten: eine schusssichere Weste. Ich sehe immer wieder junge Kollegen an vorderster Front, die weder Helm noch Weste tragen und sagen: "Ich kann mir das nicht leisten." Wenn du dir das nicht leisten kannst, dann hast du da auch nichts verloren. Also, das Equipment muss stimmen.

Es gibt nicht sehr viele deutsche Journalisten, die sich in Kriege hineinwagen, oder?
Nein, man kann die Leute an zwei Händen abzählen, die das gut machen. Krisenjournalismus ist in Deutschland eher verpönt. Es hat nicht dieselbe Bedeutung wie in den USA, England oder Frankreich, wo große Fernsehsender oder Zeitungen noch viel Geld dafür ausgeben, um Krisen-Korrespondenten über lange Zeiträume vor Ort zu schicken. In Deutschland hört man erstmal: "Bisschen teuer, was du vorhast, und es interessiert keinen." Das hat mich immer wieder überrascht, dass man darum kämpfen musste, dass die Berichterstattung aus Syrien gedruckt oder gesendet wird. Ich hatte 2014 irre Probleme, als einziger deutscher Journalist in Aleppo meine Geschichten über die Fassbomben-Kampagne von Assad loszubekommen – weil Fußball-WM war.

Der Boden eines Krankenhauses in Syrien

Ich glaube, gerade das Beispiel Syrien macht ganz stark deutlich, wie wichtig es ist, informiert zu sein: Kollegen und ich haben schon 2012 davor gewarnt, dass der Konflikt sich zu einer großen Flüchtlingskatastrophe ausweiten könnte, wenn da nicht bald was passiert, weil sich dieser Konflikt immer mehr radikalisiert. Wir haben beobachtet, wie Tausende ausländische Kämpfer reingeschwappt sind, wie Radikale Dutzende Journalisten entführt haben. Das kam damals im deutschen Journalismus so gut wie nicht vor. Ich glaube, man hätte die Radikalisierung verhindern können, man hätte den IS verhindern können.

Was hätte der Westen in Syrien tun können?
Ich bin Journalist, ich habe keine Glaskugel. Aber ich bin in Syrien immer wieder gefragt worden, warum der Westen nichts tut. Vielleicht hätte man schon am Anfang was tun müssen, zum Beispiel eine Flugverbotszone einrichten, sodass zivile Gebiete nicht mehr bombardiert werden. Vielleicht auch eine Art Friedenstruppe hinschicken und einen Korridor schaffen, in dem Zivilisten sicher sind, und durch die Hilfsgüter kommen können.

Aleppo 2013

Die Frage ist: Hätte es so weit kommen müssen, dass ein Land so sehr zerstört wird? Es ist schon ein Armutszeugnis, wenn man darüber nachdenken muss, dass ein Massenmörder wie Assad jetzt eventuell noch als das kleinere Übel betrachtet wird. Das ist schon hart, nach sieben Jahren Krieg mit 300.000 Toten. Was ich in Aleppo gesehen habe, waren Kriegsverbrechen, die die Regierung verübt hat. Der Mann und sein ganzer Apparat gehören vor ein Kriegsgericht gestellt! Ebenso wie die Kriegsverbrecher der vielen anderen Gruppen auf allen Seiten. Die Weltgemeinschaft hat in Syrien komplett versagt.

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