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Fortgehen am Land: Wie es Jugendlichen im Dorf mit dem höchsten Durchschnittsalter Österreichs geht

Googelt man Eisenerz, fällt man spätestens nach dem zweiten Beitrag über Leerstand und Überalterung mental in ein schwarzes Loch. Aber was sagen junge Menschen, die selbst dort leben?

von Branded und Noisey Staff
05 Juni 2018, 9:39am

Foto: VICE Media 

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit T-Mobile Austria entstanden.

Will man Elektronische Musik in Österreich verorten, so denkt man wohl zuerst an die Hauptstadt. Wien ist das Epizentrum der Clubkultur und nirgends sonst scheint man der Hauptstadt ihren Stellenwert als Rave-Hochburg streitig machen zu wollen. Die techno-affine Landjugend verlässt ihr Dorf oft auf der Suche nach guten Partys, Locations und manchmal auch Gleichgesinnten. Die Wiener Clubkultur kommt vor Andrang kaum mit dem Angebot nach und die Dörfer im österreichischen Hinterland schrumpfen sich alt. Eisenerz ist so ein Dorf.

In den 60ern haben hier 13.000 Menschen gelebt und heute sind es 4.000. Mit einem Durchschnittsalter von 54,6 Jahren hat Eisenerz die ältesten BewohnerInnen Österreichs. Von Jahr zu Jahr schrumpft der kleine Ort und vor allem jüngere EinwohnerInnen wandern ab.


Googelt man Eisenerz, so fällt man spätestens nach dem zweiten Beitrag mental in ein schwarzes Loch. Der erste Eindruck vermittelt ein sehr tristes, leeres Ortsbild und man kann sich vor dem geistigen Auge keine Person jünger als 40 durch den Ort wandelnd vorstellen. Etliche Studien zum Thema "Schrumpfung in Österreich" tragen den Ortsnamen präsent im Titel. Ein Presse-Artikel etwa beginnt bezeichnend mit der Schilderung eines Versuchs, einen jungen Eisenerzner zum Thema Überalterung zu befragen. "Deswegen seid ihr da, fallen euch keine anderen Geschichten mehr ein? Wir sind doch wohl nicht der einzige Ort auf der Welt, in der es mehr ältere als jüngere Menschen gibt, oder?", antwortet er. Verständlich und doch fragt man sich, wie es sich in Eisenerz so lebt, feiert und arbeitet.

Wir sind also nach Eisenerz gefahren und haben mit den BewohnerInnen gesprochen. Auf der Suche nach Dörfern, die von Techno bislang unberührt geblieben sind, haben wir im Zuge unserer Eventreihe "Crowd & Rüben" mit T-Mobile und Electronic Beats einige Menschen getroffen und mit ihnen über das Leben in Eisenerz gesprochen.



In Eisenerz gibt zum Beispiel Menschen wie Reini. Der EDV-Experte verließ den Ort als Jugendlicher und verbrachte in Graz seine jungen Jahre. 20 Jahre später und mehr oder minder erwachsen, ist er nach Eisenerz zurückgekehrt und hat in den 90ern als einer der ersten Teleworker Österreichs von zuhause aus gearbeitet. Reini hat vor zwei Jahren mitten im Ortskern ein Wirtshaus eröffnet, das gleichzeitig auch eine Brauerei ist. Geöffnet hat es zwar nur einmal pro Woche und sonst nach Bedarf - aber mit dem Erzbergbräu hat er einen weiteren Ort geschaffen, wo sich die Jugend abends treffen kann. "Und sonst gibt es da das 'Banjo' und das 'Msc'", erzählt uns Felix.

Er ist 23, von Beruf Bankangestellter und Freiwilliger beim Roten Kreuz. Er ist einer von wenigen aus seinem Freundeskreis, die in Eisenerz geblieben sind. "Die meisten hauen ab nach Graz oder Leoben. In der Schule waren wir im Freundeskreis zehn Leute - davon sind nur noch zwei hier geblieben, einer davon bin ich."

Auf die Frage hin, ob es denn annähernd eine Art Clubkultur in Eisenerz gibt, lacht Felix: "Wenn du so etwas wie Techno-Clubs meinst, dann nicht. Bei uns hört man großteils Charts in den schon genannten zwei oder drei Bars. Wenn die eine Sperrstunde hat, gehen wir in die andere. Dann gibt’s noch Reinis Wirtshaus und das war's. Oder man fährt nach Leoben oder Graz." Er und seine Freunde hätten sich das Weggehen ein bisschen abgewöhnt, sagt er. Sie treffen sich aber regelmäßig zuhause und feiern dort.

Viele junge Eisenerzner haben hier schon Eigentumswohnungen oder gar eigene Häuser. Ihr fragt euch, wie zur Hölle das möglich ist? Die Antwort liegt in den absurd niedrigen Mietpreisen, von denen Wiener Innergürtel-Bobos nur träumen können. Das ist auch der Grund, warum Dominik wieder zurückgekommen ist. Er ist 28 und Online-Unternehmer. Was Reini damals begonnen hat, führt er heute als Webentwickler, Blogger, Online-Yogalehrer und Designer fort.

"Anfangs war ich mir noch unsicher, ob es die richtige Entscheidung ist, da die Abwanderung der letzten Jahre doch relativ wenige junge Menschen zurückgelassen hat. Ich bin mit meiner Entscheidung aber durchwegs zufrieden. Man sollte aber hier schon dazu fähig sein, sich beruflich und privat selbst in Bewegung zu setzen."

Auf die Frage nach dem Nachtleben in Eisenerz, spricht Dominik von einem "ganz eigenen Charme", den das Fortgehen in einem 4000-Seelen Dorf bietet. "Man kennt sich untereinander und die Leute sind gleichzeitig auch offen für neue Gesichter." Das Angebot sei überschaubar, aber über das Jahr hinweg finden immer wieder verschiedene Events statt.

Das Rostfest ist beispielsweise neben dem Erzbergrodeo wohl eines der bekanntesten Happenings in Eisenerz. Vom 16. - 18. August wird in Eisenerz also ein Ausnahmezustand herrschen - Leerstände werden von Urban CamperInnen bewohnt, jede freie Open-Air Fläche wird als Bühne für mehr als 20 österreichische und internationale MusikerInnen und KünstlerInnen dienen.

Das Rostfest wurde 2010 im Zuge des Kunst- und Kulturprojekts eisenerZ*ART ins Leben gerufen. Im Rahmen dieser Initiative, wurden verschiedene Maßnahmen gegen Abwanderung, Überalterung und Leerstand getroffen.

Googelt man also Eisenerz, fallen zwar in erster Linie viele negative Schlagzeilen über einen herein, aber noch viel mehr fällt auf, wie bemerkenswert aktiv das "älteste" Dorf Österreichs auf diversen Social-Media Plattformen ist. Mit dem Internet sind die Dörfer von den umliegenden Städten unabhängiger geworden. Auf der Suche nach Jobs müssen junge Menschen nicht mehr zwangsläufig auswandern. Und das ist wohl auch einer der Hauptgründe, warum sich der Ort in den nächsten Jahren wieder verändern wird und seinen Award für die meisten SeniorenInnen verlieren könnte: Der Generationswechsel verändert Eisenerz und in Zeiten, wo sich Gen-Y nach einer ausgewogenen "work-life" Balance sehnt, scheint der Ort gar keine schlechte Wahl zu sein. Das sieht auch Dominik so: "Die größte Qualität, die Eisenerz in meinen Augen mit sich bringt, ist die Ruhe, die man hier ohne viel Aufwand findet. Es ist ein perfekter Rückzugsort und gerade in einer Zeit wie heute, wo es immer leichter fällt, sein Geld ortsunabhängig und online zu verdienen, sehe ich für Orte wie Eisenerz eine sehr positive Zukunft."

Das Internet verbindet das Hinterland mit den Großstädten. Nur weil Eisenerz klein und abgeschieden ist, heißt das nicht, dass man nicht auch mit der Welt im Austausch sein kann. Genau das beweisen wir zusammen mit T-Mobile Electronic Beats bei Crowd&Rüben . Stay tuned!

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