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Verbrechen

Bis in die 1960er wurden Schwarze in den USA als Sklaven gehalten

Mae Louise Walls Miller und ihre Familie wurden auf einer Plantage gefangen gehalten, geschlagen, die Frauen vergewaltigt. Vom Ende der Sklaverei 100 Jahre zuvor wussten sie nichts.

von Antoinette Harrell ; aufgeschrieben von Justin Fornal
09 März 2018, 9:57am

Afroamerikanische Feldarbeiter bei der Arbeit auf einem Baumwollfeld im Mississippi-Delta | Foto: Nathan Benn | Corbis | Getty Images

Historikerin und Ahnenforscherin Antoinette Harrell hat über 20 Jahre zur Leibeigenschaft in den USA geforscht. Im Zuge ihrer Arbeit stieß sie auf schockierende Geschichten aus den Südstaaten, Louisiana, Mississippi, Arkansas und Florida. Den folgenden Text fasste Justin Fornal aus mehreren ihrer Interviews und Harrels eigener Geschichte zusammen.

Meine Mutter hat ständig mit mir über unsere Familiengeschichte gesprochen und Angehörige, die lange verstorben waren. Da ihr Repertoire begrenzt war, hat sie die gleichen Geschichten wieder und wieder erzählt. Es war, als würde sie mir mit jeder Wiederholung sagen wollen: "Wenn du mehr darüber wissen willst, wer wir waren, musst du tiefer graben."

Wir wussten bereits, dass unsere Familie früher Sklaven in Louisiana waren. 1994 habe ich angefangen, in öffentlichen Archiven und Registern zu recherchieren. Meine Vorfahren entdeckte ich schließlich in einer Besitz-Auflistung des Ehepaars Benjamin und Celia Bankston Richardson aus dem Jahr 1853. Neben Löffeln, Gabeln, Schweinen, Kühen und einem Sofa standen dort auch die Namen meiner Urururgroßmutter Carrie Richardson und meines Ururgroßvaters Thomas Richardson. Carrie und ihren Sohn Thomas hatte man mit 1.100 US-Dollar beziffert.

In New Orleans hatte sich rumgesprochen, dass ich es mithilfe der Ahnenforschung geschafft hatte, Lücken im Familienstammbaum zu schließen. Es dauerte nicht lange und ich sollte in Vorträgen anderen Menschen erklären, wie sie das Gleiche tun können. Für uns als Nachfahren versklavter Menschen war das eine einzigartige Möglichkeit, unsere Familiengeschichte aufzuarbeiten. Wir lernten Sachen, die man an keiner Schule beigebracht bekommt.

Antoinette Harrell

Das Einzige, was mir noch sicher schien, war das Ende der Sklaverei mit der Emanzipationsproklamation von 1863. Aber selbst das stellte sich bald als falsch heraus.

Eines Tages kam eine Frau zu mir und sagte: "Antoinette, ich kenne eine Gruppe Menschen, die ihre Freiheit erst in den 1950ern erlangt haben." Sie lud mich zu sich nach Hause ein, wo ich rund 20 Senioren kennenlernte. Sie alle hatten auf der Waterford Plantation in St. Charles Parish in Louisiana gearbeitet und sie alle hatten Schulden bei dem Plantagenbesitzer angehäuft, die dieser dazu einsetzte, sie am Verlassen der Farm zu hindern. Immer wenn sie nach der Ernte mit dem Besitzer über ihren Schuldenstand sprachen, bekamen sie zu hören, dass die Arbeit noch nicht gereicht hätte und sie es im nächsten Jahr erneut probieren sollten. Mit jedem Jahr gerieten die Arbeiter nur tiefer in die Schulden. Einige von ihnen waren bis in die 1960er an die Plantage gebunden. Das war Sklaverei im 20. Jahrhundert.

Mir fiel es schwer, das zu glauben. Am meisten schockierte mich ihre Angst. Ich merkte, dass sich die Menschen davor fürchteten, mit mir über ihre Erlebnisse zu sprechen. Selbst Jahrzehnte später, hinter verschlossenen Türen hatten sie Angst. Sie hatten Angst davor, wieder auf diese Plantage geschickt zu werden, die gar nicht mehr existierte. Den Grund für die Angst verstand ich bald. Viele dieser weißen Plantagenbesitzer waren mittlerweile in der Politik oder führten große Unternehmen. Sie sind immer noch an der Macht und die Armen und Diskriminierten können kaum über die Zustände sprechen, ohne schwere Konsequenzen zu befürchten. Für die meisten ist es das Risiko einfach nicht wert und so schweigen sie.

Sie schaute mir in die Augen und sagte: "Ich habe meine Freiheit nicht vor 1963 bekommen."

Sechs Monate nach diesem Treffen hielt ich in Amite, Louisiana, einen Vortrag über Ahnenforschung und Entschädigungen. Nachdem ich fertig war, kam Mae Louise Walls Miller zu mir und wollte mit mir reden. Sie schaute mir in die Augen und sagte: "Ich habe meine Freiheit nicht vor 1963 bekommen."

Maes Vater, Cain Walls, hatte sein Land verloren, weil er einen Vertrag unterzeichnet hatte, den er nicht lesen konnte. Er hatte damit das Schicksal seiner Familie besiegelt. Als junges Mädchen wusste Mae nicht, dass die Situation ihrer Familie anders als die anderer Menschen war. Sie hatten kein Fernsehen und ging einfach davon aus, dass alle so lebten wie ihre Brüder und Schwester. Sie durften das Plantagengelände nicht verlassen und wurden regelmäßig von den Besitzern verprügelt. Als Mae etwas älter wurde, wurde sie ins Hauptgebäude beordert, um dort mit ihrer Mutter zu arbeiten. Hier wurde sie vergewaltigt – von den Männern, die gerade anwesend waren. Meistens wurden sie und ihre Mutter gleichzeitig nebeneinander vergewaltigt.

Ihr Vater, Cain, ertrug die Zustände nicht mehr und versuchte, eines nachts alleine von dem Grundstück zu fliehen. Er hatte geplant, sich bei der Armee zu melden und weit weg stationieren zu lassen. Ein paar Leute lasen ihn bei seiner Flucht auf und behaupteten, ihm helfen zu wollen. Stattdessen brachten sie ihn aber zurück zur Plantage, wo er brutal vor den Augen seiner Familie zusammengeschlagen wurde.

Als Mae etwa 14 war, fasste sie den Entschluss, nicht länger in das Haus zu gehen. Ihre Familie flehte sie an, weil die Strafe alle treffen würde. Aber Mae weigerte sich und gab der Frau des Plantagenbesitzers Widerworte, als sie ihr zu arbeiten befahl. Weil er befürchtete, dass die Besitzer Mae umbringen würden, schlug Cain – in der Hoffnung, sie zu retten – seine eigene Tochter blutig. An jenem Abend, immer noch blutüberströmt, rannte Mae durch die Wälder davon. Als eine Familie mit einem Eselskarren ihren Weg kreuzte, versteckte sie sich in einem Busch am Straßenrand. Die Frau in dem Karren hatte die Bewegung des Buschs allerdings bemerkt. Sie stieg aus und entdeckte Mae weinend, blutüberströmt und in Todesangst. Die weiße Familie nahm sie auf und rettete noch in der gleichen Nacht den Rest der Walls.

Solche Geschichten sind normaler, als du glaubst. Es gab auch polnische, ungarische, italienische und andere Immigranten, die in den Südstaaten unter derartigen Bedingungen festgehalten wurden. Die absolute Mehrheit dieser modernen Sklaven war jedoch afrikanischer Herkunft.

Als ich Mae kennenlernte, lebte ihr Vater noch. Cain war 107, aber im Kopf noch unglaublich fit. Ein paarmal habe ich mich mit Mae und den anderen Geschwistern zusammengesetzt. Für sie war es eine brutale Katharsis, über die Erlebnisse auf der alten Plantage zu sprechen. Ich werde nie den Blick in ihren Augen vergessen, wenn einer von ihnen von dem schrecklichen Geschehnissen dort erzählte. Es war offensichtlich, dass sie nie untereinander darüber gesprochen hatten. Für sie war das Vergangenheit und musste nicht noch einmal angesprochen werden. Eines Tages schaute Cain Fernsehen und in einer Sendung trat ein Mann mit dichtem weißen Haar auf. Cains Gesichtsausdruck nach zu urteilen, erinnerte er ihn an jemanden von der Plantage. Er glaubte, dass der Mann aus dem Fernsehen zu ihm kommen und ihn zurück zur Plantage zerren würde – weil er mit mir darüber gesprochen hatte. Das Ausgraben alter Erinnerungen nahm ihn so schwer mit, dass er im Krankenhaus landete. Danach hielten alle aus der Familie außer Mae erst mal Abstand zu mir.

Ich glaube nicht, dass Maes Familie die letzte war, die befreit wurde. Sklaverei definiert sich auch in Zukunft neu für Afroamerikaner.

Mae und ich wurden gute Freundinnen und hielten zusammen Vorträge. Durch ihre grausame Kindheit hatte sie ungewöhnliche Ticks entwickelt. Manchmal, wenn wir bei einer Veranstaltung mit kostenlosem Essen waren, konnte sie einfach nicht aufhören zu essen. Das komme daher, sagte sie, dass sie jahrelang nicht wusste, wann sie die nächste Mahlzeit bekommt. Weil sie ohne Schuhe aufgewachsen war, fühlte sie sich in ihren manchmal unwohl. Die Facetten von Maes offenkundiger Posttraumatischer Belastungsstörung gaben mir eine Ahnung davon, wie das Leben für viele unserer Vorfahren gewesen sein muss.

Mae starb 2014. Sie war eine furchtlose und wunderbare Frau und sie hat eine gigantische Leere hinterlassen. Ich bin dankbar, dass ihr Bruder Arthur die Geschichte der Familie Walls weitererzählt. Oft sagen Menschen, die davon hören: "Ihr hättet zur Polizei gehen sollen", oder: "Ihr hätte früher fliehen sollen". Aber das Land hier unten erstreckt sich bis in die Unendlichkeit. Diese Plantagen sind Länder für sich. Selbst, wenn du weglaufen kannst, wohin gehst du? Und zu wem?

Ich glaube nicht, dass Maes Familie die letzte war, die befreit wurde. Sklaverei definiert sich auch in Zukunft neu für Afroamerikaner. Viele Kinder aus benachteiligten Familien landen aufgrund kleinerer Vergehen nach ihrer Schulzeit direkt in Strafanstalten. In privaten Haftanstalten müssen sie für Unternehmen billig produzieren. Auch das ist eine Methode sicherzustellen, dass schwarze Menschen weiterhin kostenlos für das System schuften. Nichtsdestotrotz gehe ich davon aus, dass es auch heute noch Familien mit afrikanischen Wurzeln gibt, die an Südstaaten-Plantagen gebunden sind – um es mal vornehm auszudrücken. Wenn wir nicht recherchieren und ans Licht bringen, wie die Sklaverei heimlich fortdauert, kann das jederzeit wieder passieren.

Antionette Harrell

Mehrere Male bin ich zu dem Grundstück gegangen, auf dem Mae und ihre Familie gefangen gehalten wurde. Von einer Farm oder dergleichen ist dort nichts mehr übrig.

Eines Tages lief ich mit Mae tief in den Wald, um den alten grünen Bach zu sehen, von dem sie erzählt hatte. Das gleiche schmutzige Rinnsal, in das die Kühe gepisst und gekackt haben, war das Wasser, das Mae und ihre Familie getrunken und mit dem sie sich gewaschen haben. Als wir dort standen und ins Wasser blickten, sagte Mae etwas, das sich für immer bei mir einbrennen sollte:

"Ich habe dir meine Geschichte erzählt, weil ich in meinem Herzen keine Furcht mehr habe. Was kann mir eine lebende Person noch antun? Mir kann nichts mehr angetan werden, was nicht bereits getan wurde."

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