Alle Fotos: Anton Polyakov

Fotos einer aussterbenden Jugend aus einem Land, das es nicht gibt

Die Jugend flieht aus dem osteuropäischen Transnistrien. Der Fotograf Anton Polyakov porträtiert die Übriggebliebenen: Metaller, Ultras und Skater.

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12 März 2018, 1:57pm

Alle Fotos: Anton Polyakov

Anton Polyakov ist so alt wie der Staat, in dem er geboren wurde. Polyakovs Haare aber sind weder weiß noch grau und vom Krieg kann der Fotograf auch nicht erzählen. Vor 27 Jahren kam er in Transnistrien zur Welt, eine winzige Möchtegernrepublik im Osten Europas. 1990 erklärte sie sich für unabhängig von Moldawien, kein einziger Staat erkennt sie an. Der Landstreifen westlich der Ukraine ist etwas größer als das Saarland, nicht mal eine halbe Million Menschen leben hier. Auf den Straßen sieht man kaum junge Menschen.

Polyakov gehört zu den wenigen Jüngeren, die Transnistrien nicht verlassen haben. Mit seiner Kamera porträtiert er diejenigen, die wie er geblieben sind, und die, die wohl bald auch eine bessere Zukunft in Russland oder Moldawien suchen werden: junge Schüler, Ultras, Skater, Punks, Boxer. Das Internet vernetzt sie mit der Welt, Konzerte in leerstehenden Fabriken untereinander.

Polyakov erzählt uns von seiner Serie "Pioneers Palace", die das Porträt einer Jugend zwischen Hoffnungslosigkeit und Aufbruch ist.

VICE: Wie hast du dir als Kind dein Leben als Erwachsener vorgestellt?
Anton Polyakov: Ich bin in einer gewöhnlichen Familie aufgewachsen, meine Eltern haben beide von frühmorgens bis in die Nacht in einer Fabrik für Elektromotoren gearbeitet. Damals dachte ich, mich würde eine ähnliches Schiksal ereilen.

Später, in der Oberstufe, wollte ich im Ausland studieren und Transnistrien verlassen – wie fast alle meiner Freunde. Die meisten Schüler wissen schon genau, wo sie studieren, arbeiten und leben werden. Sie ziehen nach Russland, Moldawien und in die Ukraine.

Junge Kletterer vor den Resten einer Fliesenwand

Du hast das nicht gemacht?
Ich bin hiergeblieben und habe einen Abschluss in Geografie an der Staatlichen Universität Transnistriens gemacht. Danach bin ich zwar zum Arbeiten nach Russland gegangen, aber mittlerweile bin ich zurück: Ich lebe und arbeite hier, in Transnistrien, als Fotograf. Hier gefällt es mir und ich kann weiterhin andere Länder besuchen. Einzig das Geld macht mir Probleme.

Wenn du auf Reisen bist, wie nimmst du andere Länder wahr?
Die postsowjetischen Länder ähneln sich meiner Erfahrung nach sehr. In Transnistrien gibt es wenige Möglichkeiten für junge Menschen, die bleiben wollen. Die größte Sicherheit verspricht noch immer der Militärdienst. Wer danach nicht weiter bei der Armee arbeitet, jobbt im Supermarkt. Das wird in jeder russischen, ukrainischen oder moldawischen Kleinstadt auch nicht anders sein. Deshalb ziehen viele dort in die Großstädte, um Arbeit zu bekommen, aber auch, um Freunde zu finden mit denselben Interessen wie man selbst. Das ist in Transnistrien nicht möglich. Ein Kulturleben für junge Leute existiert praktisch nicht, moderne Ausstellungen und Konzerte sind selten. Und wer einen Film drehen oder fotografieren möchte, der braucht erst gar nicht auf Förderung zu hoffen. Und die Älteren hängen oft den Sowjetzeiten hinterher.

Transnistriens Jugendliche suchen sich ihr Fitnessstudio an der freien Luft

Deine Serie heißt "Pioneer Palace". Sieht sich Transnistriens Jugend als Pioniere?
Die Pioneer Palaces, die Pionierhäuser, waren staatliche Jugendzentren zu Sowjetzeiten. Kinder und Jugendliche konnten in sogenannten Zirkeln Sticken, Volkstanz, Modellflugzeugbau, Volkstanz und andere Sachen lernen. Nach dem Ende der Sowjetunion hießen sie "Paläste für die Kreativität der Kinder und Jugendlichen". Praktisch jeder Einwohner der Hauptstadt Tiraspol hat einen Palast als Kind besucht, auch ich. Für mich stehen sie für das Alte und spiegeln nicht mehr die Interessen der heutigen Jugend wider.

Der Serientitel ist eine Metapher. Die Jugend von heute sucht sich ihre Zirkel selbst. Statt dem Staat hilft ihnen heute das Internet dabei. Die Jugend braucht den Staat nicht mehr, um sich ihre Freizeit zu organisieren. Durch das Internet und die globale Kultur sind die Jugendlichen zu echten Pionieren geworden: Pionieren einer modernen urbanen Kultur in Transnistrien.

Wie groß sind die Szenen für Heavy Metal und HipHop in deinem Land?
In Transnistrien haben weder Hard-Rock-Bands noch Rapper ihre eigenen Clubs, wo nur ihre Musik läuft. Es gibt nur kleine Communitys, die sich um einige wenige Musiker versammeln, die etwas Neues probieren. Aber im Club 19 in Tiraspol werden regelmäßig Festivals und sogar Konzerte ausländischer Bands veranstaltet. Manchmal finden auch in einer verlassenen Druckerei in der Stadt Bender oder in einfachen Wohnungen Konzerte statt.

Heavy-Metal-Konzert im Club 19

Welche Medien konsumiert die transnistrische Jugend?
Sie geht auf YouTube, um zu sehen, was Gleichaltrige auf der ganzen Welt machen. Ansonsten benutzten sie das russischsprachige Netzwerk VKontakte, Facebook und den Messenger Telegram, um miteinander zu schreiben. Unabhängige Jugendradios oder Fanzines existieren nicht, stattdessen bilden die Jugendlichen eigene Gruppen und Seiten für Musik, Tattoos oder Zeichnungen auf VKontakte.

Du schreibst auf deiner Website, dass viele junge Erwachsene in deinem Alter Transnistrien verlassen haben. Fühlt sich deine Generation wie eine Minderheit?
Jedes Jahr gibt es noch weniger Leute in meinem Alter hier. Das macht mir Angst. Eigentlich sollten wir es sein, die den Staat verändern. Aber wir sind nicht da. Mein Eindruck ist, dass die derzeit aktivste Gruppe die 15- bis 18-Jährigen sind. Aber auch sie werden gehen. Mich macht es traurig, wenn ich sehe, dass jemand, der Profiskater werden will, das Land verlassen und an einem Ort leben und arbeiten muss, den er nicht mag – als Bauarbeiter oder Supermarktverkäufer in Russland etwa. Denn hier interessiert sich niemand für ihn. Ich will das ändern, die Jugend durch mein eigenes Beispiel dazu inspirieren, hier zu bleiben, und den Staat dazu bringen, sie zu fördern.

Was ist dein Lieblingsfoto aus der Serie?
Das, auf dem die Fußballfans von Sheriff Tiraspol gegen die ihres Erzrivalens Zimbru Chișinău kämpfen. Ich war mit Sheriff-Fans zu einem Auswärtsspiel in einer moldawischen Kleinstadt unterwegs. Zimbru hatte mit dem Spiel gar nichts zu tun, aber ein paar ihrer Anhänger hatten unseren Kleinbus verfolgt und als wir in einem Wald Pause machten, fuhren sie ran, blockierten den Bus und attackierten uns. Niemand war auf den Angriff vorbereitet, schnell lagen überall schwerverletzte Sheriff-Fans im Gras. Und ich mittendrin am Fotografieren, glücklicherweise haben sie mich nicht erwischt.

Ein Sheriff-Fan nach der Attacke durch Zimbru-Anhänger
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