Ein DHL-Bote wirft ein Paket in die Luft
Alle Fotos: Viktoria Grünwald
10 Fragen

10 Fragen an einen DHL-Boten, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Hast du schon mal etwas geklaut? Wie oft klingelst du gar nicht erst? Ignorierst du es, wenn beim Ausliefern etwas kaputt geht?

Auf zwei Emotionen trifft Sebastian* in seinem Job besonders oft: Freude und Hass. Wenn der DHL-Paketbote den Menschen endlich ihre langersehnte Hunderterpackung Kondome an die Tür bringt, ist die Freude groß. Aber umso mehr steigern sich manche Kunden in Wut hinein, wenn sein Service nicht so reibungslos läuft wie in einem Fünf-Sterne-Hotel. Sebastian ist Mitte 40 und schon sein ganzes Berufsleben DHL-Paketbote. Dabei habe er immer wieder unfreiwillige Einblicke, sagt er: in Messi-Wohnungen und das Leben von Leuten, die ihm in nicht mehr ganz so frischer Unterwäsche die Tür öffnen.

Anzeige

In Deutschland kümmerten sich die verschiedenen Logistikunternehmen letztes Jahr um 3,3 Milliarden Pakete. Hochphase ist die Vorweihnachtszeit, in der DHL mit 11 Millionen täglich ausgelieferten Paketen rechnet. Davon liefert Sebastian pro Tag im Schnitt 200 aus. Sebastian arbeitet direkt für DHL und nicht wie viele Kolleginnen und Kollegen für ein Subunternehmen. Seine Bezahlung und Arbeitszeit ist dadurch an Tarifverträge gebunden. "Klar, manchmal flucht man, wenn man in den siebten Stock ohne Fahrstuhl laufen muss, aber das ist dann so", sagt er.

Wir haben Fragen.

VICE: Wie oft klingelst du gar nicht, sondern schreibst direkt einen Zettel und bringst die Pakete fürs ganze Haus zur Packstation?
Sebastian: Das kommt vielleicht zweimal in der Woche vor. Das hat aber nie was mit dem Haus, sondern immer mit einzelnen Kunden zu tun. Es gibt Kunden, die ich mittlerweile gar nicht mehr anfahre oder direkt eine Karte einwerfe. Dazu gibt es aber immer eine Vorgeschichte. Manche Kunden haben zum Beispiel seit 15 Jahren keine Klingel an der Haustür. Oder es werden Wunschtage der Zustellung angegeben und dann sind die Leute nicht zu Hause. Wenn ich beim zweiten Zustellversuch wieder keinen antreffe, fahre ich kein drittes Mal dorthin. Ich lass mich definitiv nicht veräppeln. Aber prinzipiell nicht klingeln kommt nicht vor.

Einmal ist ein Kunde wirklich ausfallend geworden. Ich kannte ihn noch nicht und wollte seinen Ausweis sehen. Dann hat er mich bepöbelt. Der kriegt jetzt auf jeden Fall immer direkt eine Karte von mir.

Anzeige

Auch bei VICE: Waffen, Drogen, Dissidenten: Eine Dokumentation über das Darknet


Lügen Leute, die behaupten, der Paketbote habe nicht geklingelt, obwohl sie zu Hause waren?
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass sie lügen. Aber vielleicht haben sie die Klingel einfach nicht gehört, liegen in der Wanne oder sind tatsächlich nicht zu Hause. Oft glauben Kunden, wenn sie die Karte im Briefkasten haben, dass ich nicht geklingelt hätte. Übersehen wird dabei gerne das Datum vom Zustelltag. Wenn ich in ein Wohnhaus nicht reinkomme, muss ich die Lieferung in der Packstation in die Post geben. Dann kommt sie erst am nächsten Tag beim Kunden an.

Was war die skurrilste Situation an der Tür?
Das war gleich nach meiner Ausbildung. Mein Kollege hatte mich schon vorgewarnt: "Erschreck dich nicht, die macht nackt auf – grundsätzlich." Und so war es auch. [lacht] Der Berliner Straßenatlas hat weniger Falten gehabt als sie. Daran werde ich mich immer erinnern. Ich würde sagen, ich habe schon alles gesehen. Bedroht oder anderweitig beklaut, wie es Kollegen von mir schon passiert ist, wurde ich glücklicherweise noch nie.

Ignorierst du es, wenn beim Ausliefern etwas kaputt geht?
Das kommt ganz auf den Kunden an. Klar passiert es mal, dass etwas kaputt geht. Je nach Situation entscheide ich, ob ich das Paket ausliefere oder zurück in die Packstation bringe. Dann wird es am nächsten Tag nochmal zugestellt, oder direkt zurückgeschickt. Wenn ich es plausibel erklären kann, spreche ich einfach kurz mit dem Kunden: "Pass auf, das ist mir gerade aufgegangen." Vor allem bei Stammleuten ist das kein Problem.

Anzeige
Treppe & Klingelschilder

Pakete in den siebten Stock liefern, ist zwar anstrengend, gehöre aber zum Job, sagt Sebastian

Hast du schon mal etwas geklaut?
Einmal. Vor 25 Jahren und das war Schnickschnack. Portemonnaies von Bayern München. Ich habe den Absender erkannt. Damals ging das noch, da war das mit der Sendungsverfolgung noch nicht so wie heute. Da konnte man schon mal sagen: "Das Paket war nie in meinem Wagen." Heute würde ich das nicht mehr machen. Allerdings bekommt man von Kollegen immer wieder mal was mit. Da werden dann Pakete abkassiert, die per Nachnahme bestellt werden, und der Bote steckt sich das Geld selbst in die Tasche. Aber heutzutage ist alles nachvollziehbar. Früher oder später kommt das immer raus. Es gibt aber auch Fahrer, die gezielt von Personen angesprochen werden. Sie bieten ihnen eine Gewinnbeteiligung an, wenn sie bereit sind, Pakete zu klauen. Dass einige Mitarbeiter darauf eingehen, ist meiner Meinung nach ein Problem, das durch die schlechte Bezahlung von DHL Delivery kommt.

DHL Delivery ist ein Tochterunternehmen von DHL. Obwohl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von DHL Delivery zwar weitestgehend die gleichen Aufgaben erledigen, sind ihre Gehälter nicht an den Haustarifvertrag der Deutschen Post AG und DHL gebunden. Mitarbeitende von DHL Delivery erhalten die Bezahlung nach den regionalen Tarifen der Logistik-und Speditionsbranche und verdienen dadurch meist weniger.

Nervt es dich, dass Kunden ihr Paket online tracken können?
Als nervig würde ich es nicht bezeichnen. Sie müssen nur richtig lesen können. In der Sendungsverfolgung steht klar "voraussichtlich". Und die Zeitangaben, die meine Lieferung angeben, entscheidet der Computer. Diese Mail bekommt dann auch nicht nur ein Kunde, sondern 50. Das ist nicht machbar, zwischen 9 Uhr und 13 Uhr alle diese Kunden zu beliefern. Wenn mich ein Kunde darauf anspricht, erkläre ich das auch genauso. Bevor man in der Sendungsverfolgung nicht liest "im Zustellfahrzeug", braucht man an dem Tag gar nicht erst mit der Lieferung zu rechnen, und selbst dann ist das keine Garantie.

Anzeige

Brichst du andauernd Verkehrsregeln, um dein Pensum zu schaffen?
Nein. Ich habe eine feste Arbeitszeit. Manchmal schaffe ich mehr, manchmal weniger. Auch mein Tag hat nur achteinhalb Arbeitsstunden. Das interessiert viele Kunden nicht. Sie haben ihr Paket bestellt, am besten noch per Same-Day und genau das wollen sie dann auch haben. Bei einem Bürojob heißt es aber auch nicht: "Du musst jeden Tag 20 Akten bearbeiten." Manche Kunden nehmen eben mehr Zeit in Anspruch als andere. Der Rest wird dann am nächsten Tag gemacht. So ist das auch bei uns Paketboten.

Erkennst du trotz neutraler Verpackung, ob jemand Sextoys bestellt hat?
Na klar. Dafür bin ich bin lange genug dabei. Der Absendeort verrät das meistens. Früher stand noch der Name vom Unternehmen drauf, da war es natürlich noch leichter. Ich habe mir auch schon einen Spaß gemacht und Tipps für günstigere Firmen gegeben. Oder mit einem Zwinkern ein schönes Wochenende, oder viel Spaß gewünscht.

Mann vor fenster

Nicht in jeden Hausflur kommt Sebastian rein

Hasst du Leute, die sich schwere Sachen wie Katzenstreu liefern lassen?
Hassen ist das falsche Wort. Klar, das kann schon anstrengend sein. Vor allem wenn die Kunden nicht zu Hause sind. Ich höre dann oft: "Sie hätten das ruhig vor die Haustür stellen können." Aber das ist verboten. Also schleppe ich das Paket wieder zurück in mein Auto. Ich fluche zwar innerlich, aber ich würde den Kunden dafür nicht anmotzen. Ich bestelle selber auch mal schwere Dinge im Internet, dementsprechend habe ich dafür Verständnis.

Überschreiten die Pakete die Obergrenze von 31,5 Kilo, weigere ich mich. Das darf ich auch. Ich riskiere nicht, mir dabei meinen Rücken kaputt zu machen. Das ist auch der Grund, weshalb ich noch keine Probleme mit Gelenken und Rücken habe.

Kriegst du Ärger, wenn ich mich über nicht zugestellte Post beschwere?
Ich bekomme die Beschwerde auf den Tisch, ja. Ob es wirklich Ärger mit dem Chef gibt, kommt immer darauf an, worüber sich beschwert wird. Mit "Ich-war-aber-zu-Hause" braucht man mir nicht zu kommen. Beschwerden über Kunden, die ihre Karte nicht erhalten haben, kommen auch öfter vor. Da habe ich aber auch nicht immer Einfluss drauf. Die Karten gehen durch mehrere Hände. Oder sie landen zwischen Werbezeitungen. Da guckt der Kunde dann nicht rein und schmeißt sie weg. Aber ich muss mich auf jeden Fall dazu äußern, wenn man sich beschwert.

*Name geändert

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.