Frau wird bei queerer Club-Veranstaltung niedergeschlagen und keiner greift ein

"Ich lag mit blutender Lippe auf dem Boden und der Security meinte, ich soll nicht den Eingang versperren", berichtet das Opfer gegenüber Noisey – und veröffentlicht seine Geschichte, damit anderen nicht das Gleiche passiert.

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20 November 2018, 10:22am

Fotos: Symbolfoto (links) | Club U (rechts) | Beide Fotos: Noisey 

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der Wiener Redaktion.

Es ist eine lauwarme Nacht Anfang Oktober, fast fühlt es sich nach Spätsommer an. Theresa steht vor dem Club U, drinnen läuft trashige Musik, manche Gäste haben sich verkleidet. Im ehemaligen Otto-Wagner-Pavillion findet mit dem Rhinoplasty eine queere Party statt, Theresa hat mit ihren Freundinnen an diesem Abend schon einige Stunden gefeiert, die Stimmung ist ausgelassen, die Nacht noch nicht zu Ende.

Aber als sie gegen halb 5 Uhr früh noch mal nach draußen geht, schlägt ein Mann sie nieder, direkt vor dem Eingang zum Club. Selbst als sie am Boden liegt, greift niemand ein.

Geschehen ist das am 7. Oktober, das bestätigen auch die Polizei und der Security-Chef Wolfgang Baumann. Jetzt wandte sich Theresa, die in Wahrheit anders heißt, an Noisey, um den Fall öffentlich zu machen: "Ich will nicht, dass so etwas in Zukunft jemand anderem passiert."

Schon gegen Mitternacht seien sie und ihre Freundinnen vor dem unteren Eingang des Clubs von einigen Männern angepöbelt worden. Den Club kann man über zwei Eingänge auf unterschiedlichen Ebenen betreten, wenn man an die Luft will, muss man ihn ganz verlassen. Fünf Männer, die außerhalb des Clubs saßen, hätten mehrere Frauen verbal belästigt und anzügliche Bewegungen in ihre Richtung gemacht. Nach Aussagen des Opfers habe das Security-Personal, das zu diesem Zeitpunkt am Clubeingang stand, diese Vorfälle bewusst ignoriert und weggeschaut.

Er wollte sie küssen, sie wehrt sich, dann schlägt er sofort zu

Gegen halb 5 Uhr früh habe die Gruppe von fünf Männern noch immer auf dem Platz vor dem Club gestanden, erzählt Theresa. Als sie vor die Tür ging, habe ihr einer der Männer plötzlich ins Gesicht gegriffen und versucht, sie zu küssen. Sie habe sich gewehrt, dem Mann die Kappe vom Kopf geschnippt, er daraufhin sofort zugeschlagen.

Theresa ging zu Boden, an die nächsten Minuten könne sie sich nicht mehr erinnern, sagt sie gegenüber Noisey. Auch ihre Freundinnen schildern den Vorfall gegenüber Noisey so. Der Täter habe zunächst nicht von ihr abgelassen. Als sie vor dem Eingang am Boden lag, habe er sich über sie gebeugt und weiter zugeschlagen.

Obwohl zu diesem Zeitpunkt einige Leute vor dem unteren Eingang des Clubs gestanden hätten, habe niemand eingegriffen. Security sei zu diesem Zeitpunkt keine vor Ort gewesen, das bestätigen auch deren Chef und der Veranstalter der Party. In dieser Nacht waren insgesamt nur zwei Türsteher für die Veranstaltung abgestellt.


VICE-Video – "Confessions: Geständnisse eines Türstehers"


Der Täter konnte so mehrere Male zuschlagen und verletzte Theresa an Brust, Schultern und im Gesicht. Freundinnen des Opfers hatten versucht, den Mann von ihr wegzuzerren, allerdings ohne Erfolg. Erst als ein Security-Mitarbeiter aus dem Club kam, habe der Täter von der Frau abgelassen und sei davongerannt.

Theresa habe noch immer am Boden gelegen, direkt vor dem unteren Eingang zum Club. Die Situation sei chaotisch gewesen, einige Partygäste seien aus dem Club gekommen und einfach über sie drüber gestiegen – ohne ihr zu helfen.

Frau wurde vor dem Eingang im Club am Karlsplatz in Wien belästigt und angegriffen
Foto: Noisey

Theresa erhebt nun schwere Vorwürfe gegenüber dem Security-Personal. "Mir hat niemand geholfen", sagt sie zu Noisey. "Ich lag mit blutender Lippe und unter Schock am Boden und der Security meinte, ich soll nicht den Eingang versperren." Freunde des Opfers forderten das Sicherheitspersonal auf, die Polizei zu rufen. "Aber es passierte nichts", sagt Theresa.

Schließlich alarmierte eine Freundin des Opfers die Polizei. Laut Angaben des Polizei-Pressesprechers Daniel Fürst gab es am 7. Oktober gegen 4.30 Uhr einen Einsatz beim Club U. Die Frau sei ansprechbar gewesen, die Beamten hatten ihr daraufhin geraten, am nächsten Tag zur Amtsärztin zu gehen. Mittlerweile habe die Polizei auch die Identität des mutmaßlichen Täters feststellen können. Der Mann sei der Polizei bekannt, gegen ihn werde nun wegen Körperverletzung und Nötigung ermittelt.

"Ich will nicht, dass so etwas in Zukunft jemand anderem passiert."

Therasa habe einige Tage nach dem Vorfall Andreas Reiter kontaktiert, den Veranstalter der Eventreihe Rhinoplasty. Sie habe ihn zur Rede stellen wollen, warum er nicht öffentlich auf diesen Vorfall reagiert hätte. Reiter habe durch sie von dem Vorfall erfahren und sei an einer Aufklärung interessiert, sagte er gegenüber Noisey. Er organisiert seit über 11 Jahren Partys im Club U. Es habe in der Vergangenheit "recht wenig Vorfälle" gegeben, sagt er. Es sei das erste Mal, dass "so etwas in dieser Härte passiert ist". Mittlerweile habe man das Security-Personal im Club U besser geschult und, je nach Veranstaltung, verstärkt.

Der Security-Chef bestätigte dies auf Nachfrage von Noisey. Er habe mit seinem Personal über den Vorfall gesprochen und sei seitdem vermehrt persönlich vor Ort. Zum Zwischenfall am 7. Oktober gesteht er ein, dass "Fehler passiert sind". Warum zu diesem Zeitpunkt kein Sicherheitsmitarbeiter vor der Tür stand und ob die Türsteher vorausgegangene Belästigungen ignoriert haben, dazu könne er nichts sagen.

Noisey kontaktierte auch den Pächter des Club U. Der Vorfall sei ihm bekannt, allerdings wolle er sich zum Tatverlauf nicht öffentlich äußern. Eins lässt er aber wissen: dass in den letzten Jahren die "Kriminalität extrem zugenommen" habe. Und "kaum eine Woche ohne Vorfälle" vergehe.

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