Meinung

Noch vier Jahre Merkel: Warum das für junge Leute eine schlechte Nachricht ist

Deine Mutter kannst du nicht abwählen, wenn sie nicht für dich sorgt – Merkel schon. Dass Deutschland das nicht getan hat, wird deiner Zukunft schaden.

von Sebastian Kretz
25 September 2017, 10:18am

Foto: imago | ZUMA Press

Alle dachten, dass die Deutschen von der Frau, die sie seit zwölf Jahren regiert, ziemlich begeistert sind. Aber Angela Merkels Partei, die CDU, hat bei der Bundestagswahl 8,6 Prozent weniger Stimmen bekommen als 2013. Bundeskanzlerin wird sie trotzdem bleiben. Es gibt nämlich etwas, das sie besser kann als jeder andere in der deutschen Politik: die Macht behalten.

Das liegt zum einen daran, dass sie richtig gut darin ist, Leute kaltzustellen, die ihre Pläne durchkreuzen. Das werden die FDP und die Grünen, falls sie gemeinsam mit Merkel regieren, noch merken (die FDP sollte das eigentlich auch noch nicht vergessen haben). Vor allem aber ist Merkel richtig gut darin, den Rest der Welt davon zu überzeugen, dass immer genau das stimmt, was sie gerade sagt – auch wenn sie jahrelang zuvor das Gegenteil behauptet hat. Das wird ihr helfen, wenn sie mit vier Parteien (die CSU ist ja auch noch dabei) über eine gemeinsame Regierung verhandelt. Das Drittel der deutschen Wähler, das Angela Merkel gewählt hat, und zu dem sicher auch einige von euch gehören, hat das aber vermutlich nicht getan, weil sie die Konkurrenz so schön beiseiteräumt. Oder weil sie sich selber gern die Wörter im Mund rumdreht. Wir haben sie gewählt, weil wir sie für vernünftig und berechenbar halten. Von Merkel regiert zu werden, jedenfalls meinen das viele, heißt weitermachen wie bisher. Aber damit sind wir auf den größten Schwindel überhaupt reingefallen.


Auch bei VICE: 10 Fragen an Jens Spahn, CDU


Und das liegt an Angela Merkels Zweitreligion: der Schuldenbremse. Die Schuldenbremse verbietet der Bundesregierung, sich neues Geld zu leihen. Der Gott in dieser Religion ist die Schwarze Null, und sein Vertreter auf Erden ist die schwäbische Hausfrau. Mit ihr kommt Merkel immer, wenn sie übers Geldausgeben spricht: Man darf nicht über seine Verhältnisse leben, nicht mehr ausgeben, als man einnimmt.

Merkel spricht nie darüber, was die schwäbische Hausfrau macht, wenn sie aus ihrer Dreizimmerwohnung in ein Häuschen am Stadtrand ziehen möchte. Oder darüber, was der Abiturient macht, dessen Eltern ihm die Studiengebühren nicht bezahlen können. Oder die beiden jungen Frauen, die ein Start-up gründen wollen. Die gehen nämlich alle zur Bank und nehmen einen Kredit auf. Das sind die "Investitionen in die Zukunft", von denen Politiker so gern sprechen. Wenn diese Investitionen mehr kosten, als man sich gerade leisten kann, leiht man sich das Geld. Solange es wahrscheinlich ist, dass man es zurückzahlen kann, ist das nicht unseriös, sondern sogar nötig, um langfristig Wohlstand zu schaffen. Aber wenn es um Deutschland geht, macht Merkel genau das nicht.

"Zwar geht es uns im Moment gut. Aber es gibt so gut wie keinen Bereich des Lebens, in dem nicht ein mit Problemen vollgepackter Zug auf uns zurasen würde."

Ein Land wie Deutschland – viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, zweitniedrigste Arbeitslosigkeit der EU, bestmögliche Kreditwürdigkeit bei den Rating-Agenturen – zahlt garantiert zurück. Deshalb gibt uns auch jede Bank auf der Welt einen Kredit und ist, weil das so ein sicheres Geschäft ist, sogar bereit draufzuzahlen, statt Zinsen zu kassieren.

Natürlich ist Sparen nicht an sich falsch – wenn Geld übrig ist. Deutschland hat aber kein Geld übrig. Zwar geht es uns im Moment gut. Aber es gibt so gut wie keinen Bereich des Lebens, in dem nicht ein mit Problemen vollgepackter Zug auf uns zurasen würde.

Wir brauchen mehr Kitas, in vielen Schulen tropft es von der Decke

Damit wir den Rentnern weiter ihren Ruhestand bezahlen können, müssten wir alle deutlich mehr Kinder zeugen – worauf wir aber offensichtlich keine Lust haben. Die Regierung müsste auch dafür sorgen, dass wir möglichst alle arbeiten gehen können – also auch die Frauen, die irgendwann Kinder bekommen. Dafür brauchen wir mehr Kitas und vor allem mehr Erzieherinnen und Erzieher. Allein in Berlin fehlen Zehntausende Plätze.

In vielen öffentlichen Schulen tropft es von der Decke, Fenster werden nicht mehr geputzt, Toiletten nicht mehr saubergehalten. Von den über 50.000 neuen Lehrern, die Deutschland in den 2020er Jahren brauchen wird, mal ganz abgesehen: Selbst wenn die ihr ganzes Berufsleben lang für das niedrigste Einstiegsgehalt arbeiten, kostet das im Jahr anderthalb Milliarden Euro.

"Probleme zu lösen, kostet nunmal Geld. Aber Merkel spart lieber. Das ist weder vernünftig noch berechenbar. Das ist einfach nur blöd."

Von Straßen platzt der Belag, Rost frisst sich durch Brückenpfeiler, Stahlseile drohen zu reißen. Jede zweite Brücke in Deutschland müsste saniert werden. Allein im Schienennetz sind inzwischen über tausend Bauwerke so heruntergekommen, dass es nicht einmal lohnt, sie zu reparieren: Man kann sie nur noch abreißen.

Wenn aus unseren Steckdosen sauberer Strom kommen soll, müssen wir Windkraftwerke bauen. Das funktioniert am besten da, wo es flach ist und wenig Menschen wohnen, also in Norddeutschland. Die meisten Menschen wohnen aber im Süden oder Westen. Da stehen auch die meisten Fabriken. Wir müssen also Leitungen bauen, die den Strom vom Norden in den Süden bringen. Manche dieser Leitungen sind Hunderte Kilometer lang. Das Kabel von Magdeburg nach München soll zum Beispiel 4,5 Milliarden Euro kosten (ähnlich große Infrastrukturprojekte wie der Stuttgarter Tiefbahnhof und der Berliner Flughafen BER sind vielfach teurer als geplant).

Es ist Angela Merkels Job, solche Probleme zu lösen. Wenn sie wirklich dafür stehen würde, dass wir in Deutschland auch in zehn oder zwanzig Jahren noch "gut und gerne leben". Würde sie das ernst meinen, würde sie dafür richtig viel Geld in die Hand nehmen. Denn Probleme zu lösen, kostet nunmal Geld. Aber Merkel spart lieber. Das ist weder vernünftig noch berechenbar. Das ist einfach nur blöd.

"Wenn man kurz vor der Rente steht, ist einem das vielleicht egal. Aber Angela Merkel ist eben nicht nur von den Alten gewählt worden."

Wenn man kurz vor der Rente steht, ist einem das vielleicht egal. Aber Angela Merkel ist eben nicht nur von den Alten gewählt worden. Es ist noch nicht bekannt, wie genau die jungen Wähler abgestimmt haben. Aber vor der Wahl fand das Umfrageinstitut YouGov heraus, dass junge Leute "das Mütterliche" an ihr schätzen.

Ich finde das seltsam: Willst du eine Mutter haben, die lieber ihre Kinder vernachlässigt, die Oma verwahrlosen, das Haus einstürzen lässt, als einfach einen Kredit aufzunehmen, für den ihr die Bank auch noch Geld schenken würde?

Die gute Nachricht ist, dass die Bundeskanzlerin einen Vorteil gegenüber deiner Mutter hat. Deine Mutter bleibt immer deine Mutter, auch wenn sie alles falsch macht. Ob die Bundeskanzlerin ihren Job behält, hängt von uns ab – den Wählern. Je mehr von uns finden, dass sie ihre Arbeit nicht gut erledigt, desto weniger Stimmen bekommt sie. Das ist am Sonntag schon passiert, aber es wird fürs Weiterregieren reichen. Ich finde, jeder von uns sollte 2021 noch genauer hinschauen: Wenn Angela Merkel dann wieder nichts für unsere Zukunft getan hat – dann sollten wir ihre Partei abwählen.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.