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Bundestagswahl 2017

Eine ausführliche Liste aller Menschen, die Martin Schulz anrufen will

Der SPD-Kanzlerkandidat hat schon wieder damit gedroht, zum Telefonhörer zu greifen.

von Melanie Manthey
20 September 2017, 2:10pm

Foto: imago | Becker&Bredel, Future Image, ZUMA Press, STAR-MEDIA; Collage: VICE

Bei Anruf: Schulz. Das könnte bis zum Wahlsonntag die größte Angst vieler Menschen in Deutschland sein. Wenn man sich die Wahlsendungen der letzten Wochen so anschaut, bleibt eine Message vom SPD-Spitzenkandidaten besonders hängen: Er mag es, zu telefonieren und er telefoniert viel. Denn Martin Schulz regelt gerne Sachen. Und das geht für ihn wohl am besten via Telefon. Zuletzt hat er es in der ARD-Wahlarena getan, in der er davon sprach, mal mit der CSU im niederbayerischen Kelheim wegen Flüchtlingen zu reden. Warum nur droht Schulz allen mit dem Telefon?

"Da steckt symbolisch verdichtet alles drin: Mitgefühl, gesellschaftliche Teilhabe, konkreter Kampf ...", sagt Diplom-Psychologe Moritz Kirchner zu VICE. Seit mehr als acht Jahren coacht er Politiker in Rhetorik und Auftreten und schreibt Reden für sie. Gerade nachdem Schulz ohne Gegenstimmen zum Parteivorsitzenden gewählt worden sei und mit dem "Schulz-Zug" viel Aufsehen bekommen, aber auch Häme kassiert habe, wolle er sich wieder als volksnaher Sozialdemokrat darstellen, sagt Kirchner.

Und so wird die Liste von Leuten, die er schon angerufen hat oder noch anrufen will, immer länger. Wir haben mal einen Einzelverbindungsnachweis erstellt:

Zwischen 1987 und 1998: mit Ulla Schmidt und ihren Mitarbeitern

Martin Schulz war von 1987 bis 1998 Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Würselen. In der ARD-Wahlarena vom 18. September 2017 erzählt er von einer Anwohnerin, die in dieser Zeit zu ihm kam, weil sie Probleme mit der Krankenversicherung hatte. Schulz tat, was ein Schulz tun muss: "Dann hab ich bis Ulla Schmidt rauf – die war damals Gesundheitsministerin – die Leute gefragt: 'Hömma, das geht doch nicht! Du kannst doch nicht irgendeinen Menschen ohne eine Versicherung lassen.'"

24. April 2017: mit Emmanuel Macron

Schulz, der selbsternannte "glühende Sozialdemokrat", macht sich es mitunter bequem bei seinen Gesprächen via Telefon. Im Ledersessel spricht er mit Emmanuel Macron und wünscht ihm viel Glück für die Stichwahl. Und wirkt leicht überrascht, dass er bei seiner Lieblingsbeschäftigung fotografiert wird. Ob das am Ende gar der wahlentscheidende Anruf war?

13. August 2017: mit Leuten vom Ohnsorg-Theater

Die 85-jährige Rentnerin Betty Neumann erzählt in der Sendung An einem Tisch mit Martin Schulz, wie sie mit nur 758 Euro im Monat über die Runden kommen muss. Viel zum Leben bleibe ihr nicht. Einer ihrer größten Wünsche sei es, mal in Hamburg ins Theater zu gehen. Also sagt Schulz, er wolle "mal mit ein paar Leuten reden". Neun Tage später präsentiert er in einem Video ein Theater-Abo fürs Ohnsorg-Theater in Hamburg, das er für Frau Neumann organisiert hat.


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13. August 2017: mit Horst Seehofer

In derselben Sendung kommt auch ein 18-jähriger Afghane zu Wort. Der in Bayern wohnende Schüler hat die Mittlere Reife gemacht, ist gut integriert und soll dennoch abgeschoben werden. Die Telefonliste wird länger: Schulz verspricht, mit Horst Seehofer zu reden und die Sache für den Afghanen zu klären. Der 18-Jährige bekommt später eine Ausbildungserlaubnis und kann deswegen erst einmal nicht mehr abgeschoben werden. Inwiefern Schulz da mitgewirkt hat, ist im Nachhinein nicht nachzuvollziehen. Egal. Er erwähnt sein erfolgreiches Telefonat mit Seehofer auch noch einmal im TV-Duell am 3. September und in der ARD-Wahlarena am 18. September.

15. August 2017: mit Gerhard Schröder

Manchmal muss ein Kanzlerkandidat einen Altkanzler zur Raison bringen – oder es zumindest versuchen. Gerhard Schröder gibt im August bekannt, ab September im Direktorium des russischen Ölkonzerns Rosneft zu arbeiten. Schulz telefoniert mit ihm und sagt, dass er das Vorhaben nicht so gut finde. Gerade weil das im Wahlkampf ja auch auf ihn zurückfalle. Vergeblich: Den Altkanzler erreichte er zwar telefonisch, aber nicht im Herzen.

29. August 2017: mit dir

Ja, auch mit dir will der SPD-Spitzenkandidat telefonieren. Aber du hast es wahrscheinlich am 29. August verpasst, weil du dich nicht gerne von Politikern duzen lässt. Oder du ohnehin lieber WhatsApp-Nachrichten schreibst. Das wäre deine Chance gewesen, dass Schulz dir vielleicht den nächsten Einlass ins Berghain klarmacht. Als Gegenleistung hättest du mit ihm nur ein wenig plaudern müssen und er hätte dir danach "einfach mal Danke gesagt".

3. September 2017: mit Heiko Maas

Parteigenossen kommen um Anrufe sowieso nicht umhin. Erst recht nicht, wenn die Bundeskanzlerin auch noch eine Steilvorlage zum Anruf liefert. So geschehen im TV-Duell am 3. September. Merkel sagt, sie lasse mit sich über den Gesetzentwurf zur Musterfeststellungsklage reden. Mit der sollen Geschädigte im Diesel-Skandal gemeinsam gegen die Autokonzerne klagen können. Verantwortlich für den Entwurf ist SPD-Justizminister Heiko Maas. Schulz wittert die Chance und sagt mit Blick auf das anstehende Treffen der Kanzlerin mit den Autoherstellern: "Das mach ich. Das mach ich. Ich ruf den Heiko Maas an und sag, der soll morgen zu Ihrem Gipfel dazukommen." Maas twittert daraufhin, dass Merkel ihn jederzeit anrufen könne. Vielleicht hat die im Gegensatz zu Schulz nur eine SMS-Flatrate?

18. September 2017: mit der CSU Kelheim

"Schon wieder ein Anruf!", stellt NDR-Moderator Andreas Cichowicz in der ARD-Wahlarena treffend fest. Ein Besitzer eines Müllentsorgungsbetriebs aus dem bayerischen Kelheim erzählt, dass viele bei ihm eingestellten Flüchtlinge unzuverlässig gewesen und wieder gegangen seien. Schulz will Druck machen und das klären: "Müssen wir mal mit der CSU reden." Seehofers Nummer hat er ja wahrscheinlich auf Schnellwahltaste.

Übrigens: Wenn Martin Schulz selbst mal angerufen wird, dann kann er richtig sauer werden. Im TV-Duell am 3. September erzählt er nämlich, wie Angela Merkel ihn einmal anrief und wollte, dass er seine Parteikollegen von der PKW-Maut überzeugte. Denn für die Abstimmung im Bundesrat im März fehlten der Union noch Stimmen. Anscheinend gibt es also eine wichtige Telefonregel für den SPD-Kandidaten: Ein Schulz wird nicht angerufen, ein Schulz ruft an.

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