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Cop Watch

In Cottbus ließ die Polizei den Rechten laufen, der in eine Menschengruppe fuhr

Und dafür hatte sie gute Gründe.

von Jan Karon und Rebecca Baden
10 April 2018, 2:29pm

Foto: imago | Ralph Peters

Als der 48-jährige Jens R. am Samstag in Münster mit seinem Kleinbus in eine Restaurant-Terrasse fuhr, tötete er zwei Menschen, verletzte 20 und erschoss sich anschließend selbst. In den sozialen Netzwerken entluden sich explosionsartig Mutmaßungen, die Polizei schließt derzeit sowohl ein religiöses wie auch ein politisches Motiv für die Tat aus. Keine 24 Stunden vor R.s Tat spielte sich auf der gegenüberliegenden Seite des Landes, in Cottbus, ein ähnlicher Vorfall ab: Am Freitagabend steuerte ein 25-Jähriger seinen Jeep in eine Menschengruppe, nachdem er nachmittags stark alkoholisiert rechte Parolen gerufen hatte. Zwei Menschen wurden verletzt, der Mann stellte sich am nächsten Tag der Polizei. Doch die ließ ihn laufen.

Hat die Cottbuser Polizei einen rechten Täter freigelassen, nachdem dieser versucht hatte, Menschen zu überfahren? Das vermuten aktuell viele Nutzer und Nutzerinnen in sozialen Netzwerken. Dass deutsche Behörden bei Rechten nicht immer mit angemessener Härte reagieren, zeigten zuletzt die Ermittlungen gegen die rechtsterroristische "Gruppe Freital" und jene gegen die mutmaßlichen Mörder des NSU. Im Fall des 25-jährigen Jeep-Fahrers deutet nun allerdings alles darauf hin, dass der Mann zu Recht freigelassen wurde.


Auch bei VICE: Aufstand der Rechten


Der Fall in Cottbus hat Empörungspotential: Der mutmaßliche Täter ist schließlich polizeibekannt – und zwar nicht nur wegen Drogendelikten und Diebstahl, sondern auch wegen fremdenfeindlicher Äußerungen. Zuletzt hatte er am Freitagnachmittag wenige Stunden vor der Tat in der Nähe des Cottbuser Pushkinparks ausländerfeindliche Parolen skandiert, Passanten angepöbelt und Polizisten beleidigt. Der stark Betrunkene erhielt dafür zunächst einen Platzverweis – und setzte seinen Wutausbruch später an anderer Stelle fort.

Gegen 22 Uhr tobte der 25-Jährige nämlich in der Nähe eines Supermarktes im Osten der Stadt, wo er mit einer Gruppe von rund einem Dutzend Personen abhing. Die Gruppe hatte sich Aussagen der Staatsanwaltschaft zufolge Bier besorgt. "Aus bisher unklarem Anlass" kam es daraufhin zu einer Rangelei, und zwar mit einem "ausländisch aussehenden Paar", bei der der 25-Jährige ein blaues Auge kassierte. Dann hat ein Mann aus der Gruppe eingegriffen und den Streit beendet, das Pärchen ist bis zum heutigen Zeitpunkt unauffindbar.

Rache als mögliches Motiv?

Wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft gegenüber VICE erklärt, hat sich der 25-Jährige daraufhin in seinen Jeep gesetzt und ist auf die Personengruppe zugefahren, mit der er kurz zuvor noch am Supermarkt gestanden hatte. Dabei wurden jeweils ein Mann am Gesicht und einer am Bein verletzt. Womöglich habe er sich wegen des Schlichtungsversuchs rächen wollen, so die Sprecherin. Der 25-Jährige flüchtete, versuchte, sein Auto bei eBay-Kleinanzeigen zu verkaufen ("Blechschaden, muss heute weg", hieß es dort) und stellte sich am nächsten Tag der Polizei. Zu der Tat äußern wollte er sich allerdings nicht. Trotzdem durfte er gehen, nachdem die Beamten seine Personalien aufgenommen hatten.

"Der Beschuldigte befindet sich auf freiem Fuß, weil es an Haftgründen mangelt", teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit. Sie ermittelt mittlerweile gegen den Mann wegen gefährlicher Körperverletzung, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Volksverhetzung. Weil sich der Tatverdächtige gestellt habe, und demnach "keine Flucht- und Verdunklungsgefahr" bestehe, habe er gehen dürfen, so die Staatsanwaltschaft. Zudem bescheinigt sie dem Tatverdächtigen "soziale Bindungen, einen festen Wohnsitz und Freunde".

Die Tat in Cottbus wurde also zwar von einem mutmaßlich Rechten verübt, hat aber kein fremdenfeindliches Motiv. "Man könnte darüber spekulieren, ob der Täter sich nicht an der Personengruppe revanchieren wollte, die seinen Streit schlichten wollte", erklärt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft gegenüber VICE. Der nationale Aufschrei nach einem PKW-Angriff eines Rechten ist also deshalb nicht erfolgt, weil es lediglich die Rachetat eines verbitterten Alkoholisierten war – aber wohl keine politische Dimension besitzt.

Rechte nutzen in der Tat PKW für Attentate

Das Magazin Der Rechte Rand hat von Rechten verübte Straftaten dokumentiert und festgestellt: Alleine seit 1985 gab es neun bekannte Gewaltangriffe von Rechten, bei denen Autos als Waffe genutzt wurden. Nur zwei Beispiele: 2010 fuhr ein Rechtsradikaler beim Treffen von 200 Neonazis zum 3. Nationalen Frankentag in Obertrubach-Geschwand mit einem Auto auf einen Journalisten zu, der sich gerade noch retten konnte. Ein Jahr später raste ein Neonazi in Riegel bei Freiburg in eine Gruppe linker Demonstranten und verletzte drei von ihnen. Auch wenn wir bei Anschlägen mit Autos in erster Linie an Attentate aus Barcelona, London oder Nizza denken, sind es nicht nur Islamisten, die sich Autos bedienen, um Menschen zu verletzten oder gar zu töten.

Während Rechte nach dem Attentat in Münster in kollektive Schnappatmung verfielen und sofort die Flüchtlingspolitik dafür verantwortlich machten, bedienen sich Linke der gleichen voreiligen Logik. Auf Twitter machten Aussagen wie "Wenn es um Neonazis geht, wird es immer ganz still" die Runde, und User twitterten Verschwörungen, warum die Tat denn nicht die gleiche mediale Aufmerksamkeit wie das Attentat von Münster bekomme.

Schnell wurde eine Art Doppelmoral angeprangert, die Rechte schützen und Moslems in Sippenhaft nehmen würde. Zumindest in diesem Fall hat es das nicht. Der Vorfall in Cottbus zeigt lediglich: Es mag rechte Idioten geben, die ein dermaßen gekränktes Ego haben, dass sie sich bei ihren eigenen Kumpels für einen Schlichtungsversuch rächen wollen. Der daraufhin erfolgte PKW-Angriff ist aber keine politische Tat – sondern lediglich der Stoff, aus dem linke Social-Media-Fantasien sind.

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