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Popkultur

Wie seine Uni diesem Studenten hilft, seine Prokrastination zu überwinden

"Ich bin zwar kein Genie – aber ich hab' definitiv mehr auf dem Kasten!", sagt Mark. Wir haben ihn dabei begleitet, wie er lernt, nicht aufzuschieben.

von Friederike Schütt
29 März 2018, 3:49am

Foto: Eva L. Hoppe 

"Die Arbeit ist etwas Unnatürliches. Die Faulheit allein ist göttlich", schrieb der Schriftsteller Anatole France. Wenn France nur Recht hätte, wir wären alle Götter – und Jodel und Netflix unser Olymp. Wir hätten einen Ort, an dem wir Feste der Faulheit und Prokrastination feiern würden.

Nur leider leben wir in einer Welt, in der wir Probleme bekommen, wenn wir Hausarbeiten, Steuererklärungen und Bewerbung zu lange aufschieben: Stress, Schlafstörungen und sogar Einsamkeit können die Folge sein. Forscher der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster untersuchen das Phänomen seit 2004. Seit zwölf Jahren betreibt die Uni eine Prokrastinationsambulanz. Die soll den Studenten dabei helfen, das Aufschieben abzutrainieren. Studenten wie Mark. Über fünf Wochen lang besuchte er die Prokrastinationsambulanz. Es ist eine von wenigen Stellen in Deutschland, bei der Psychologen Studierende trainieren, nicht mehr aufzuschieben.

Mark ist 25 Jahre alt, trägt gerne graue Hoodies und studiert im dritten Semester. Er heißt eigentlich anders, und was genau er studiert, soll hier auch nicht stehen.

Von der Prokrastinationsambulanz der Uni Münster erfährt er durch eine Rundmail

Von der Prokrastinationsambulanz der Uni Münster hat er erst vor zwei Monaten erfahren, die Uni hatte ihm kurz vor der Klausurenphase eine Mail geschrieben, Betreff: "Endlich mit dem Lernen anfangen und weniger aufschieben?". "Da hab ich mit 'nem Kumpel dann noch drüber gescherzt", sagt Mark.

Als er sich ein paar Tage später nochmal die Mail durchlas, merkte er, dass die Definition von "Prokrastination" ziemlich treffsicher sein Verhalten beschreibt: Erst schiebt man die wichtige Arbeit auf, dann erledigt man eine weniger wichtige und freut sich darüber, und später leidet man auf Dauer darunter, das Wichtigste nicht erledigt zu haben. Oder anders: In der Zeit, in der er seine Hausarbeit schreiben sollte, hat Mark fast so viele Folgen von Netflix-Serien geguckt, wie die Arbeit Seiten haben sollte.

Weil er schon immer zum Aufschieben neigte, hatte er bereits im Abi "nur" einen Dreier-Schnitt, erzählt er. "Ich bin zwar kein Genie, hab' aber definitiv mehr auf dem Kasten!" Seine letzten Klausuren hat Mark mit Einsen bestanden. Beim Lernen stand er aber unter enormen Zeitdruck, musste die Klausuren deswegen am Wiederholungstermin schreiben. "Das ist natürlich nicht das Soll", sagt er.

Foto: Eva L. Hoppe

Jetzt, da wieder Klausuren anstehen, geht bei Mark das Aufschieben los. Seine typische Ausrede: "'Ich fange in der nächsten vollen Stunde an' – und so zieht sich das bei mir durch den ganzen Tag." Bis er am Ende gar nichts geschafft hat. Am schlimmsten, sagt Mark, sei, dass er sich selbst enttäusche. Denn eigentlich überfordere ihn das Studium nicht, "aber je weniger Zeit bis zu den Klausuren, desto mehr fange ich an, zu kapitulieren. Dann denkt man an die scheiß Noten, die man nicht haben will."

Mark sagt, er habe noch Glück mit dem Fach, das er studiert. In Medizin oder Jura hätte er mit seinem Verhalten wohl kaum Leistungspunkte sammeln können. Auch deshalb hat er kurz nach der Mail von der Uni den Online-Selbsttest der Prokrastinationsambulanz durchgeklickt, um zu gucken, ob er pathologisch aufschiebt. Mark landete in den oberen fünf Prozent.

Prokrastinatoren sind sehr aktiv

Prokrastination sei nicht mit normalem Faulsein zu vergleichen, sagte Stephan Förster, Psychotherapeut der Prokrastinationsambulanz, der FAZ. Wer prokrastiniert, sei in Wahrheit weiterhin aktiv: "Während die Prokrastinatoren nicht die Aufgabe erledigen, die sie sollen, beschäftigen sie sich aktiv mit anderen", so Förster. Also Wäsche waschen statt Lernen.

Amerikanische Wissenschaftler wollen 2014 herausgefunden haben, dass Prokrastination genetisch bedingt sein könnte. Laut einer Studie des Forschungsschwerpunkts Medienkonvergenz der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz sind vor allem Studierende von Prokrastination betroffen. Eine Querschnittsstudie der Universität Münster ergab bereits 2006, dass nur zwei Prozent aller Studierenden sagen konnten, dass sie nie prokrastinieren. Im selben Jahr eröffneten die Forscher der Uni die Prokrastinationsambulanz und therapieren seitdem Studenten wie Mark.

Eine Woche nach dem Selbsttest, traf Mark eine Mitarbeiterin in der Ambulanz und bekam einen Platz in einer Gruppentherapie, die drei Wochen später startete. Die Sitzungen liegen extra in der stressigen Klausurenphase. So können die Teilnehmer sofort üben, ihre Aufgaben direkt zu erledigen.


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Mark hat zu Beginn klare Vorstellungen, was er beim Training bei der Prokrastinationsambulanz erreichen will: sich selbst besser einschätzen können. "Ich möchte eine Hausarbeit auch mal ein paar Tage vor dem Abgabetermin fertig haben und mit einem guten Gefühl in eine Klausur gehen." Also geht er zu den Therapiesitzungen.

Die erste Sitzung: pünktlich anfangen

Drei Wochen nach dem Gespräch sitzt Mark in der ersten von fünf Gruppensitzungen. Bei den ersten beiden Treffen soll es darum gehen, pünktliches Anfangen zu üben. Mark und fünf Kommilitonen sollen sich für ihre Aufgaben eine realistische Zeit vornehmen – und zu dieser dann auch anfangen. Als er um 16:00 Uhr den Raum betritt, sitzen eine Teilnehmerin und die beiden Leiter bereits da. Drei andere Teilnehmerinnen trudeln nach und nach ein, ein Teilnehmer kommt ein paar Minuten zu spät. Daran stört sich aber keiner.

Journalisten dürfen aus Rücksicht auf die anderen Teilnehmer in den Sitzung nicht dabei sein, sagt Stephan Förster. Mark beschreibt uns nach jeder Sitzung am Telefon, was dort passiert. Zu Beginn der ersten Sitzung haben die Leiter drei Fragen gestellt: Womit bist du unzufrieden? Was willst du erreichen? Und was hindert dich daran? Alle haben ähnliche Probleme, wenn einer spricht, nicken die anderen meist zustimmend. Jeder hier ist genervt davon, immer alles nur auf den letzten Drücker und ohne Motivation zu erledigen. Keiner hat das Gefühl, dass Faulheit allein der Grund dafür ist.

Mark hat sich auf Rat der Leiter ein Ritual zurechtgelegt, um pünktliches Anfangen zu üben: "Ich sage realistisch, dass ich um halb elf anfangen will. Also stelle ich mir den Wecker auf neun Uhr, richte mir meinen Arbeitsplatz ein, trinke in Ruhe meinen Kaffee, schalte das Handy aus und los gehts."

"Übrigens", sagt Mark noch, "wenn ich dann aktiv Pause mache, ist das keine Prokrastination."

2015 hat eine amerikanische Studie ergeben, dass Menschen weniger aufschieben, wenn man die Metrik der Zeit ändert. Zu Deutsch: Du musst deine Seminararbeit nicht erst in einer Woche abgeben, sondern schon in sieben Tagen – oder noch schlimmer: in 168 Stunden. Da fängst du doch lieber sofort an.

Auszug aus einem Ratgeber und Marks Feedback von der Gruppe | Fotos: privat

In der zweiten Sitzung redet die Gruppe über ihre Erfahrungen mit ihren neuen Ritualen. Mark sagt, dass es ihm schon helfe, eine Zeit für den Arbeitsanfang festzulegen. "Dann ist einem die Arbeit viel präsenter." Eine Hausarbeit habe er mit seiner neuen Routine bereits fristgerecht fertigbekommen. "Da habe ich mich mega gefreut und dachte: Okay, die nächste Hausarbeit kannst du fertig kriegen, wenn du dich am Wochenende einmal konzentriert hinsetzt." Mark macht eine kurze Pause: "Ihr könnt euch denken, wer sich nicht hingesetzt hat."

Zu Beginn der dritten Sitzung sollen die Teilnehmer ihre Entwicklung selbst einschätzen: "Auf einer Skala von eins bis zehn, wie gut warst du darin, Aufgaben anzufangen?" Mark kreuzt eine Eins an. "Und wie gut bist du jetzt darin?" Mark setzt den Stift bei der Drei an. "Ich bin zwar nicht besser im Zeitmanagement geworden", sagt er, "aber mir ist jetzt bewusster, wie viel ich eigentlich aufschiebe."

"Das letzte Treffen war definitiv mein erfolgreichstes!"

In den beiden folgenden Sitzungen sollen Mark und seine Kommilitonen lernen, wie sie Aufgaben realistisch planen. Die Lösung klingt simpel: Nimm dir eine Aufgabe, die du fertig stellen kannst, und mache dir bewusst, was dabei auf dich zukommt. Mark sagt, er werde sich jetzt auch Banalitäten auf seine To-Do-Liste schreiben: "Zum Beispiel, dass ich zwei Euro für den Spind mit in die Bib nehmen muss."

Es ist Mitte März, als wir Mark wieder sprechen. Die vierte und vorletzte Sitzung ist vorbei und er war während der letzten Woche jeden Tag in der Bibliothek – immer mit seinen zwei Euro in der Tasche. "Das letzte Treffen war definitiv mein erfolgreichstes!", erzählt er. "Ich konnte den Teilnehmern berichten, dass ich meine letzte Hausarbeit schon mehrere Tage vor Fristende abgegeben habe." Eine Arbeit nicht erst am letzten Tag und ohne Zeitdruck abzugeben, habe er seit seinem ersten Semester nicht mehr geschafft. Ganz abstellen könne er sein Aufschiebe-Verhalten nicht: "Ist ja klar, dass so ein Programm keine 180-Grad-Wendung mit sich bringt." Beim letzten Treffen schauen alle gemeinsam zurück, alle Teilnehmer sagte, sie seien zufrieden mit ihrer Entwicklung. Mark hat sich einiges vorgenommen: Im kommenden Semester will er sich direkt einen Überblick über den Lernstoff verschaffen und die Vorlesungen immer in der gleichen Woche nacharbeiten. Das fällt sogar Leuten schwer, die nicht pathologisch aufschieben.

Die Prokrastinationsambulanz betreut nur Studierende der Universität Münster. Wenn du Probleme mit Prokrastination hast, kann dir der Ratgeber Heute fange ich wirklich an! helfen, der unter anderem von zwei Mitarbeitern der Ambulanz verfasst wurde.

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