Verschwörung

Die Erde ist hohl und wir leben nur auf der langweiligen Oberfläche

Eine Verschwörungstheorie besagt, dass sich in unserer Welt noch weitere Welten befinden. Bei den Nachforschungen sind wir auf Nazis, Dinos, U-Boot-Fahrer und abgedrehte Expeditionen gestoßen.

von Mack Lamoureux
25 Juli 2017, 12:24pm

Ich weiß noch, wie ich früher während meiner Nachtschichten auf dem Ölfeld das Radio einschaltete, um Coast to Coast AM with George Noory zu hören. Das ist eine nordamerikanische Late-Night-Talkshow, in der sich alles um Verschwörungstheorien und übernatürliche Phänomene dreht. Im Gegensatz zu den heutigen YouTube-Spinnern ging es bei George Noory immer recht gesittet zu.

Eines Abends holte aber selbst er ziemlich weit aus und ließ einen Vertreter der Hohlerden-Theorie zu Wort kommen. Er erzählte von einer anderen Welt, die in unserer existiert – inklusive eigener Sonne, wunderschöner Natur, einem verlorenen Israeliten-Stamm und Dinosauriern.

Richtig gelesen, Dinosaurier! Im Inneren der Erde!


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Falls es diese Welt wirklich gibt, würden wir dann nicht alle unseren derzeitigen Müllhaufen gegen diesen glorreichen Ort eintauschen wollen? Ich schon. Darum habe ich beschlossen, mich genauer mit der Hohlerden-Verschwörungstheorie auseinanderzusetzen und einen Menschen getroffen, der wirklich daran glaubt.

Aber fangen wir erstmal mit den Basics an.

Der Schöpfer der Hohlerden-Bewegung ist Edmond Halley. Ja, der Edmond Halley vom Halleyschen Kometen. Der Wissenschaftler war im 17. Jahrhundert der Erste, der die Theorie einer hohlen Erde aufgestellt hat. Er wunderte sich, warum Kompasse in der Nähe der Pole verrücktzuspielen scheinen. Laut Halley verhalte sich der Erdmagnetismus so, weil im Inneren der Erde weitere Welten angesiedelt sein müssen.

Anfang des 18. Jahrhunderts behauptete der Soldat und Gelehrte John Cleves Symmes Jr., dass sogar Zugänge zur Hohlerde existierten. "Ich erkläre die Erde hiermit für hohl und innen bewohnbar. An den Polen befindet sich eine Öffnung. Ich schwöre auf mein Leben, dass das die Wahrheit ist. Ich bin bereit, die Hohlerde zu erforschen, wenn man mich bei diesem Vorhaben unterstützt", schrieb Symmes Jr. im Jahr 1818. Das wollte allerdings niemand.

Im 20. Jahrhundert untersuchten ernsthafte Wissenschaftler die Theorie – und widerlegten sie. Sie lebte weiter, weil Science-Fiction-Autoren wie Jules Verne sie aufgriffen und populär machten.

Ein vom ESSA-7-Satelliten aufgenommenes Bild, das laut Hohlerden-Verschwörungstheoretikern eine Polaröffnung zeigen soll

Zwar sind die modernen Theorien – Achtung! – vielschichtig, aber sie alle haben den gleichen Kern: Das Innere unserer Erde soll aus mehreren eigenständigen Welten bestehen, in denen exotische Tiere und manchmal auch Aliens leben. In einigen Vorstellungen sind die Bewohner der inneren Erden technologisch weit fortgeschritten, fast immer werden sie als der Menschheit überlegen dargestellt.

Viele klammern sich an Hohlerden-Theorien, weil sie einen religiösen Anstrich haben. So schreibt der Autor Rodney Cluff in seinem Buch Our Living Hollow Earth zum Beispiel, dass die Verlorenen Stämme Israels ins Innere der Erde gebracht wurden, wo sich auch der Himmel und die Hölle befinden.

Um diesen Ansatz besser zu verstehen, rufe ich Cluff an. Er erzählt mir, wie er als junger Mann Raymond Bernards Buch The Hollow Earth las und so seine Reise begann – eine Reise gespickt mit "wissenschaftlichen, spirituellen und historischen Beweisen", wie er es nennt. Diese Beweise zeigen laut Cluff, dass die Erde und andere Planeten hohl sind. Außerdem geht er davon aus, dass sich in der Erde noch eine weitere Sonne befindet und dass Menschen den Erdkern bewohnen. "In der Hohlerde leben Deutsche, die vor dem Zweiten Weltkrieg geflohen sind, und Wikingerkolonien aus Grönland", sagt Cluff.

Die Nachricht eines deutschen U-Boot-Fahrer, der Cluff zufolge die Hohlerde erreicht hat

Laut Cluff gibt es immer weniger Hohlerden-Verschwörungstheoretiker. Sie schaffen es nicht, sich zu organisieren und Nachkömmlinge zu rekrutieren. Wie Cluff erzählt, kommunizieren sie vor allem per E-Mail und in ihrem YouTube-Kanal. Auf anderen Verschwörungstheorie-Seiten sind die Hohlerdler nicht gern gesehen und werden zum Ziel von Spott und Hohn. Vor allem den Flacherdlern sind sie ein Dorn im Auge, denn die beiden Vorstellungen heben sich ja auf.

Alex Jones, das Gesicht einer neuen Verschwörungstheoretiker-Garde

"Die Erde ist keine Scheibe, sondern eine hohle Kugel", sagt Cluff. "Die Flacherdler haben für ihre Theorie keine Grundlage, aber ich respektiere sie trotzdem. Ich mache mich nicht gerne über andere Menschen lustig."

Cluff erzählt von über zehn Leuten, die schon ins Innere der Erde vorgedrungen seien – darunter ein deutscher U-Boot-Fahrer und ein Admiral, der in eine Polaröffnung flog. Cluff selbst hat es noch nicht geschafft. Einmal war er immerhin kurz davor.

Die Reise war die für 2007 geplante "Voyage to the Hollow Earth". Cluff und andere Verschwörungstheoretiker waren vom Erfolg ihres Vorhabens so überzeugt, dass sie schon einen Reiseplan zusammengestellt hatten. Mit dem Flugzeug sollte es von Moskau nach Murmansk gehen, wo ein russischer Eisbrecher die Gruppe zum Nordpol bringen sollte. Dort war dann eine dreitägige Suche nach dem Eingang zur inneren Welt geplant. Anschließend liest sich der Reiseplan wie ein Fantasie-Handbuch: "Eine Reise entlang des Hiddekel-Flusses zur Stadt Jehus" oder der "Einschienenbahn-Trip zur Stadt Eden mit Besuch des Königspalastes der inneren Welt".

Zwei der ursprünglichen Illustrationen von Edouard Riou in Jules Vernes Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

Die Expedition fand nie statt. Steve Currey, einer der Planer, starb an Hirnkrebs. Ein weiterer Planer kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Der dritte Anführer musste sich zurückziehen, weil der größte Investor seines Unternehmens drohte, die Finanzierung zu entziehen, wenn der Quatsch mit der Hohlerde nicht aufhört. Dennoch ist Cluff offen für einen neuen Versuch. Es brauche bloß jemanden, der die Reise organisiert. Er selbst eigne sich nicht dafür – er sei ja ein Autor und kein Abenteurer.

"Da draußen gibt es genügend Menschen, die an einer solchen Expedition Interesse hätten", sagt Cluff. Und ja, auch ich gehöre dazu. Ich meine, Wikinger und Dinosaurier anstelle unserer modernen Welt? Jederzeit! Bei dem ganzen abgedrehtem Scheiß, der heutzutage als Verschwörungstheorie verkauft wird, vergisst man schnell, dass solche Vorstellungen tatsächlich mal das innere Kind und nicht das innere Arschloch angesprochen haben.

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