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homophobie

Dieser Professor nennt Adoption durch Homosexuelle "staatlich geförderte Pädophilie"

Wir haben ihn gefragt, was das soll; und die Uni Kassel, warum sie ihn nicht rausschmeißt.

von Tim Geyer
20 Juli 2017, 7:42am

Foto: Imago | Horst Galuschka

Der Rollegel ist nur ein kleiner Wurm, aber mit großem Einfluss auf seine Umwelt. In schmutzigen Gewässern frisst er Larven, tote Fische und andere Würmer. Er räumt richtig auf. Professor Ulrich Kutschera kennt sich mit dem Rollegel aus. Er schrieb seine Diplomarbeit darüber. Und er räumt auch gerne auf. Mit allem, was aus seiner Sicht unwissenschaftlich ist, zum Beispiel Wünschelrutengänger, Homöopathen, Genderisten und Kreationisten. Fakten gegen Behauptungen: eigentlich eine gute Sache. Doch schon öfter übertrieb der 62-Jährige es dabei. Mit homophoben Äußerungen bringt er Politiker und Studenten gegen sich auf. Warum macht er das? Und warum macht seine Universität, die Uni Kassel, nichts dagegen?

Spätestens seit Kutschera 2016 sein Buch Das Gender-Paradoxon veröffentlichte, ist klar, wie er tickt. Darin versucht der Professor für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie an der Uni Kassel, die Genderforschung mit Argumenten aus der Biologie zu widerlegen. In einem Interview mit kath.net , das am 5. Juli 2017 erschien, widmete er sich jetzt einem neuen Feindbild: der Ehe für Alle. Er nennt die eine "widersinnige Entscheidung" – und holt danach noch einmal richtig aus.

Homosexuelle Männer, sagte der Professor, kämen mit einer "Falschpolung" auf die Welt und könnten nicht zu "heteronormalen Bürgern" umerzogen werden. Kinder von Homo-Paaren seien dann "das bemitleidenswerte Befruchtungs-Produkt", weil sie sicher im Kindergarten gemobbt werden würden. Generell sollten homosexuelle Männer keine Kinder adoptieren dürfen. Das könne man heterosexuellen Jungs nicht zumuten. Denn sie seien schließlich von Geburt an instinktiv homophob, dozierte Kutschera der Website kath.net in den Beichtstuhl.


Auch bei VICE: So sollen Homosexuelle "geheilt" werden


Als ob das nicht reichen würde, setzt Kutschera noch einmal nach: Sollten homosexuelle Paare jemals Kinder adoptieren dürfen, sieht er "staatlich geförderte Pädophilie und schwersten Kindesmissbrauch" auf uns zukommen. Weil dann zwischen Eltern und Kind keinerlei genetische Verwandtschaft bestehen würde, hätten die Eltern aus biologischer Sicht weniger Hemmungen, das Kind zu missbrauchen. Mit anderen Worten: Wenn jemand nicht mit seinem Kind genetisch verwandt ist, wird man es mit größerer Wahrscheinlichkeit vergewaltigen.

Es wirkt, als würde Kutschera sagen: Wir Menschen sind Opfer unserer Natur – und was Natur genau heißt, definiere ich. Dabei vermischte er so achtlos Homosexualität mit Pädophilie und sexueller Gewalt, als ginge es um die Zutaten für sein Morgenmüsli.

Als das Interview erschien, legte sich ein Shitstorm epischen Ausmaßes über Kutschera. Am Mittwoch demonstrierten Studierende gegen ihn, der hochschulpolitische Sprecher der hessischen SPD-Landtagsfraktion, Gernot Grumbach, verurteilte die "herabwürdigenden" und "polemischen" Äußerungen und der hessische Grünen-Politiker Kai Klose fand klare Worte.

Selbst der hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) fordert die Uni auf, gegen Kutscheras Äußerungen vorzugehen. Allein, es passierte: nichts.

Denn die Uni-Leitung verwies auch auf Nachfrage von VICE in einer Stellungnahme darauf, dass man zwar Professor Kutscheras Ansichten nicht teile, sie jedoch von der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit gedeckt seien. Doch wie fühlt es sich eigentlich an, wenn dich solche vermeintlich wissenschaftlichen Äußerungen direkt betreffen?

Max will seinen Nachnamen lieber nicht öffentlich lesen, weil er nächste Woche eine Klausur bei Kutschera schreibt. "Ich bin selber homosexuell und Professor Kutscheras Äußerungen sind einfach nur verletzend", sagt der 20-Jährige zu VICE. Kutschera lehrt unter anderem Evolution und Genetik, umso erschreckender sei es zu lesen, was für entwürdigende, beleidigende und auch abstruse, angeblich wissenschaftlich fundierte Aussagen er über homosexuelle Paare treffe – oder in Kutscheras Worten: über "sterile, a-sexuelle Erotik-Duos ohne Reproduktions-Potential".

"Er war homosexuell, aber trotzdem ein guter Wissenschaftler."

"Das finde ich schockierend", sagt Max. "Laut Kutschera sind wir angeblich von der Natur durch vermeintliche Sterilität 'bestraft'. Dieser Begriff impliziert für mich, dass Homosexuelle widerrechtlich und falsch handeln würden, wenn sie ihre Sexualität frei ausleben. Da fällt mir einfach gar nichts mehr zu ein."

Seine zweifelhaften Äußerungen beschränkt Kutschera jedoch nicht auf seltsame Bücher und Interviews mit katholischen Websites. Er trägt sie offenbar auch in den Hörsaal. Max erzählt, Kutschera habe in einer Vorlesung über den Biochemiker Otto Warburg gesagt, "er war homosexuell, aber trotzdem ein guter Wissenschaftler".

Und auch wer keine guten Wissenschaftler sind, glaubt Kutschera zu wissen: Frauen. Julia, 22, besucht zur Zeit Kutscheras Tierphysiologie-Vorlesung und berichtet im Gespräch mit VICE, dass der Professor sich oft abwertend über Frauen äußere: "Jede Vorlesung mindestens einmal. Er sagt oft, dass es so wenig Frauen in der Wissenschaft gibt und das sei unsere Schuld, weil wir uns nicht genug bilden." Die Frage ist, inwiefern solche sexistische Äußerungen – sollten sie zutreffen – von der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit gedeckt sind.

Doch Diskussionen darüber lehnt Kutschera ab, kritische Studenten bezeichnete er öfter als Möchtegern-Wissenschaftler, sagt Max: "Ich möchte von so jemandem nicht unterrichtet werden."

"Man kann ja auch keinen Linkshänder diskriminieren, weil er nicht als Rechtshänder geboren wurde."

Wir wollten Kutschera kennenlernen und haben ihn gefragt, ob er auch wirklich alles so meint, wie er es in dem Interview gesagt hat. Und das tut er. Gegenüber VICE wiederholte Kutschera seine kontroversen Äußerungen. Denn für ihn seien sie wissenschaftliche Fakten. Seine Mitarbeiter, alles Biowissenschaftler, würden seine "rationalen Argumente" ja auch verstehen. Die "postfaktische Kritik" käme ausschließlich von Sozialwissenschaftlern. Das seien Leute, die schon seit der Schule unter einer Biophobie litten: "Ich kann komplett nachvollziehen, dass diese Menschen mich nicht verstehen. Ich habe sogar Mitleid mit ihnen."

In Kutscheras schwarz-weißem Weltbild stehen auf der einen Seite – seiner Seite – die Naturwissenschaftler. Auf der anderen Sozialwissenschaftler und "Genderideologen", die, wenn es nach ihm geht, eine unwissenschaftliche Hetzkampagne gegen ihn betreiben. Dabei scheint er sich so wenig für die Meinung anderer zu interessieren wie ein Typ, der in einer vollbesetzten U-Bahn einen Döner mit allem isst.

Den Vorwurf, Homosexuelle zu diskriminieren, schmettert er ab: "Das entbehrt jeder Grundlage", sagt er und liefert eine eigenwillige Begründung für das Offensichtliche: "Das ist angeboren. Man kann ja auch keinen Linkshänder diskriminieren, weil er nicht als Rechtshänder geboren wurde." Dass es viele Homosexuelle als verletzend und verachtend empfinden, wenn man sie als falschgepolt bezeichnet, interessiert ihn offenbar nicht. Das alles basiere auf Missverständnissen, sagt er und betont, wie um seinen Aussagen Kraft zu verleihen, immer wieder, wer ihn alles schon zitiert habe: "Ich bin bei ResearchGate sehr hoch angesiedelt, das können Sie gerne nachprüfen."

Für Kutschera ist alles wissenschaftlich erklärbar – und zwar nur so. Er selbst betont, dass er heterosexuell sei. Dazwischen gibt es bei ihm keine Grautöne und wenig Platz für Empathie. Während des ganzen Gesprächs verwendet er den Begriff "Homoerotiker" statt Homosexueller. Das müsse so sein, sagt er, denn das Wort "Sex" stehe in der Biologie schließlich für Befruchtung. "Spermie fusioniert mit Eizelle und nichts anderes. Ich sehe überhaupt nicht ein, warum irgendwelche Sozialkundler Begriffe aus der Biologie neu definieren."

Es sieht momentan so aus, als dürfte Ulrich Kutschera auch in Zukunft seine Weltsicht verbreiten. Aus seiner Sicht hält er ohnehin die ultimative Wahrheit in Händen. Es kann gar nicht anders sein.

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