Schönheit

Seidenextrakt und Actyl-C-Komplex: Wie die Kosmetikindustrie Wirkstoffe erfindet

Diamantpartikel, schwerelose Öle und multidimensionale Lippenfarbe – existiert irgendetwas davon wirklich? Wir haben eine Expertin gefragt.

von Hanna Herbst
20 Februar 2017, 9:35am

Foto: VICE Media via Shutterstock

Springendes Haar, wunderschöne Frauen, die an einer duftenden Flasche riechen, Glitzerglossdiamantensamtshine und vielleicht noch einen Experten, der anhand eines unbeschrifteten Diagramms erklärt, weshalb nur diese eine Seidenglanzformel unser sprödes Haar vielleicht noch retten kann. In einer Shampoo-Werbung passiert meistens in kurzer Zeit so viel, dass wir nach mehreren Salven voller Wellness-Begriffe oft nur mit dem Gefühl zurückbleiben, genau dieses Shampoo dringend zu benötigen.

Guhl zum Beispiel wirbt für eines seiner Shampoos so: "Guhl Feuchtigkeitsaufbau mit Kurkuma und Öl, regeneriert trockenes Haar gezielt und bringt so den Feuchtigkeitsgehalt ins Gleichgewicht. Erlebe das schöne Gefühl von schwereloser Geschmeidigkeit." Das klingt gut und fühlt sich richtig an. Aber wie bringt man den Feuchtigkeitsgehalt ins Gleichgewicht? Und was ist Geschmeidigkeit, wenn sie nicht schwerelos ist?

Egal ob es sich um Haarpflegeprodukte oder Tagescreme handelt: Die Worte, die in diesen Werbungen genannt werden, um einen wissenschaftlichen Eindruck zu hinterlassen, klingen so pompös und absurd, dass sie eigentlich schon gar nicht mehr erfunden sein können. Die Unsinnigkeit hinter den Begriffen begreift man erst, wenn man sich Wort für Wort mit den konkreten Versprechen beschäftigt.

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"Garnier verwendet Koffein und Algenextrakt in seinen Produkten zur 'Entschlackung' und schlägt damit voll in die unwissenschaftliche Detox-Kerbe", erklärt Claudia Courts. Die Pharmazeutin beschäftigt sich schon seit Längerem mit den angeblichen Wirk- und Inhaltsstoffen der Kosmetikindustrie. Und es gibt zahllose weitere Beispiele. "Auf der Homepage vonL'Oréal findet man allerlei Komplexe: den 'Zell-Renaissance-Komplex', den 'Anti-Radikal-Komplex', den 'Hydra-Komplex' und natürlich 'Kollagen-Biosphären'. Würde man für viel Zell-Renaissance sorgen können, würde man eifrig an Tumoren basteln. Es gibt einen Grund dafür, dass die Erneuerungskapazität von Zellen begrenzt ist. Wird sie gesprengt, spricht man von Tumoren."

Erlebe das schöne Gefühl von schwereloser Geschmeidigkeit.

Ihr persönlicher Favorit ist die Luxusmarke Lancôme, wie Courts erklärt. Dort findet sich "Génifique Repair Creme", das Produkt "Rénergie" mit "energetischem Komplex". Man verspricht zudem eine "Multikorrektur der Haut": "Alles leere Phrasen ohne wissenschaftliches Korrelat", sagt die Pharmazeutin. Auch Vichy spielt ein ähnliches Begriffe-Bingo: So findet man in den Produkten "Aquabioryl", einen "Weichzeichner-Effekt durch 3D-Technologie" oder die "Dermis-Aktivator-Technologie". Und Nivea verspricht durch den Inhaltsstoff "Lumicinol" ein jugendliches Aussehen. Dabei ist "Lumicinol" vor allem eins: ein erfundener Begriff. "DNAge" soll außerdem der Zellerneuerung helfen.

Völlig unverständlich wird der Begriffe-Dschungel bei Shiseido: Die hochpreisige Marke bietet unter anderem "Skingenecell 1P" oder "Sublimage Essence Cellulaire Détoxifante". Die Anti Aging-Reihe "Future Solution LX" lässt Anwenderinnen auf jüngere Haut hoffen und die Firma verspricht ein besseres Ergebnis, wenn auch wirklich alle Produkte dieser Reihe verwendet werden. Eine Flasche kostet dabei bis zu 300 Euro. Eines dieser Produkte, das "seidig-weiche Serum mit der brillanten Leuchtkraft japanischer Hanadama Perlen", unterstütze zum Beispiel eine "ideale Zellanordnung" der Haut.

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Maybelline wirbt mit "Multidimensionaler Lippenfarbe" oder einem "Actyl-C-Komplex" – oder, wie Courts erklärt: "ein Fantasiewort, das nichts beschreibt." Estée Lauder nennt eines seiner Produkte ohne jede falsche Zurückhaltung direkt "Advanced Night Repair Synchronised Recovery Complex II", was klingt, als hätte man aus einem Topf voller vielversprechender, unverständlicher Wörter, die eigentlich Tageszeiten beschreiben sollen, wahllos sechs Zettel herausgezogen und aneinandergereiht.

Insgeheimer Sieger ist vermutlich die Platinum-Collection von La Prairie: 50 Milliliter kosten hier ganze 1028 Euro. Das Platin in der Creme sorgt nicht nur für den Preis, sondern angeblich auch für junge Haut. Platin kommt bisher teilweise bei Chemotherapien zum Einsatz, dass es gegen Hautalterung helfen soll, wurde allerdings noch von niemandem bestätigt. Selbiges gilt auch für andere Faltencremen: Eine genauere Betrachtung von neun Faltencremen durch die Stiftung Warentest ergab 2015, dass die Produkte allesamt nicht gegen Falten helfen, sondern – wenn überhaupt – nur die Haut aufpolstern, solange sie aufgetragen sind.

"Pflegeprodukte sind keine Arzneimittel und dürfen daher keine medizinisch relevanten Stoffe in nennenswerten Dosen enthalten", erklärt Claudia Courts.

Das ganze Theater sei absurd, sagt die Expertin weiter. Gegen trockene Haut würden fettige Grundlagen helfen, gegen fettige Haut hingegen Cremes mit hohem Wasseranteil. "Der Rest grenzt an Esoterik."

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Wie limitiert unsere kosmetischen Handlungsmöglichkeiten wirklich sind, zeigt sich wohl am deutlichsten am Beispiel der Haare. Die sind nämlich eigentlich Horn; Zellen, die auf ihrem Weg aus dem Kopf heraus absterben. "Von 'gesundem' Haar zu sprechen ist also absurd. Haar ist tot", so Courts. Trotzdem verspricht zum BeispielSyoss "mehr Pflege beim Colorieren durch Pro-Cellium Keratin", das gemeinsam mit Pro Vitamin B5 die Haare von innen wieder aufbauen soll. "Aber ebensowenig, wie man einem Toten noch eine leckere Suppe mit Gemüse kochen muss, braucht man Vitamine und Seidenextrakte in Shampoos", erklärt die Expertin.

Auf Nachfrage, was er von den Versprechen halte, wundert sich der Wiener Molekularbiologe Martin Moder über Elvitals "Nutri-Gloss Luminizer Hochglanz-Pflegeshampoo": "Nutri-Gloss steht wohl für Nutrient-Gloss, also Nährstoff Glanz. Ich habe mir die Inhaltsstoffe von 'Nutri-Gloss Luminizer Hochglanz-Pflegeshampoo' angesehen. Was darin die Nährstoffe sein sollen, ist mir schleierhaft", sagt der Biologe. "Am ehesten noch die Milchsäure, die zumindest zur Herstellung von Joghurt und Buttermilch verwendet wird. Prinzipiell hätten Haare aber ohnehin wenig von etwaigen Nährstoffen, da sie über keinen Stoffwechsel verfügen. Nährstoffe nützen dem Haar nur, wenn man sie im Zuge einer guten Ernährung verputzt."

Rein theoretisch könnte 'Vanillearoma' auch aus Zuckerrübenschnitzeln, Kuhdung oder Altpapier gewonnen werden.

So muss zum Beispiel ein Erkältungsbad auch nicht gegen Erkältungen helfen, wenn es das nicht explizit sagt. Solange es nur "bei Erkältungen" empfohlen wird, wird schließlich keine direkte heilende Wirkung und kein Kausalzusammenhang versprochen – genauso als würde man sagen: "In den Zirkus gehen – bei Erkältung". Es lohnt sich also, genauer hinzugucken.

Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff "natürlich", der quasi immer geht. Natürliches Vanille-Aroma muss zum Beispiel nur sehr wenig mit echter Vanille zu tun haben. Das "natürliche Aroma" muss zwar aus einem natürlichen Rohstoff stammen – der muss aber kein Lebensmittel sein: Rein theoretisch könnte "Vanillearoma" also auch aus Zuckerrübenschnitzeln, Kuhdung oder Altpapier gewonnen werden.

"Es wird wahnsinnig viel Unsinn verkauft", sagt Courts. "Das Meiste rangiert zwischen Esoterik und Geldscheffelei." Aber solange niemand altern oder sich außerhalb gefestigter Schönheitsideale bewegen will, funktionieren die Versprechungen auf den modernen Wundermitteln immer noch genauso gut wie früher Zaubertränke und andere Quacksalberei. "Mit faltiger Haut und sprödem Haar kommt man wohl nicht gut durchs Leben – mit diamantisiertem Perlen-Bambus-Shampoo und Proteus-DNA-Solar-Revival-Komplexcreme für 800 Euro allerdings auch nicht besser."

Dieser Artikel erschien zuerst auf VICE Alps.

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