Illustration by Vivian Shih

Nur mit schlauen Leuten schlafen zu wollen, ist keine „sexuelle Orientierung"

Menschen, die sich selbst als sapiosexuell identifizieren und sagen, dass Intelligenz für sie das wichtigste sexuelle Merkmal ist, sind momentan groß im Kommen. Kritiker sagen dagegen, dass die ganze Bewegung einfach nur prätentiös und schlichtweg...

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14 Dezember 2016, 8:39am

Illustration by Vivian Shih

Im November 2014 hat OKCupid seine vorgefertigte Liste an sexuellen Orientierungen erweitert. Hinzu kamen neben einigen androgynen und genderqueeren Optionen auch eher fragwürdige Auswahlmöglichkeiten. Unter anderem hat sich die Seite kurioserweise auch dafür entschieden, eine neue, vor allem zum damaligen Zeitpunkt relativ unbekannte sexuelle Orientierung in die Liste aufzunehmen: Sapiosexualität.

Sapiosexuelle Menschen finden—um es kurz zu sagen—, dass der Intellekt eines Menschen sein wichtigstes sexuelles Merkmal ist. Also die Art von Menschen, die im Bett Sylvia Plath zitieren oder beim ersten Date über Mikroökonomie diskutieren wollen. Der Begriff wurde angeblich von einem Zylinder tragenden LiveJournal-User namens wolfieboy geprägt, während er „im Sommer '98 schlaftrunken aus San Francisco zurückkehrte." Doch durch die Aufnahme auf OkCupid scheint die sexuelle Orientierung nun gesellschaftsfähig geworden zu sein: Im vergangenen Monat hat das englischsprachige Wörterbuch Merriam Webster bekannt gegeben, dass zur Diskussion steht, den Begriff in die nächste Ausgabe des Wörterbuchs aufzunehmen. Bis es so weit ist, soll eine neue Dating-App namens Sapio helfen, alle potenzielle Bewerber zu verscheuchen, die nicht auf Kommando Sartre rezitieren können.

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Laut Bernadette Libonate, Pressesprecherin von OkCupid, ist die Dating-Plattform der Ansicht, dass die Aufnahme von Sapiosexualität „unseren intellektuelleren Usern eine interessante Möglichkeit bieten kann, die Plattform zu durchsuchen und sich selbst zu präsentieren." Sie stellte gegenüber Broadly auch klar, dass das Hinzufügen dieser Auswahlmöglichkeit einzig und allein der Verbesserung der Benutzererfahrung dienen sollte und „keine hochtrabende Erklärung [darüber angeben soll], welche Orientierungen wir ‚offiziell' anerkennen."

Doch ganz egal, was die Intentionen dahinter waren, das Label ist eindeutig haften geblieben. Auf OkCupid identifizieren sich mittlerweile fast 9.000 Nutzer als sapiosexuell. Die sexuelle „Identität" brüstet sich darüber hinaus auch mit einer eigenen Facebook-Seite und zahlreichen Fotos auf Tumblr, die sexuelles und intellektuelles Vergnügen miteinander zu verbinden scheinen: Ein Bild mit dem Hashtag „sapiosexuell" zeigt, wie ein Gehirn gefingert wird; Ein anderes zeigt einen Mann, der im Doggy-Style ein Buch liest. Außerdem gibt es unzählige User, die Zitate posten wie: „Es ist so schön, wenn man jemanden findet, der dein Bewusstsein entkleiden und Liebe mit deinen Gedanken machen möchte."

Dass das Spektrum der sexuellen Orientierungen so erweitert wurde, dass es nun auch Sapiosexualität mit einschließt, mag eine Bestätigung für alle jene sein, die ein feuchtes Höschen bekommen, wenn sie die Programmvorschau von Suhrkamp lesen. Allerdings ist es weder eine einzigartige noch eine nicht normative Präferenz, wenn man auf intelligente Partner steht. Laut Lora Adair, Professorin für Evolutionspsychologie am Lyon College, haben Männer und Frauen schon immer intelligentere Partner bevorzugt—egal ob sie nun den Umweg gemacht und sich selbst als sapiosexuell bezeichnet haben oder nicht.

„Wenn es darum geht, Merkmale zu definieren, die wir bei der Suche nach einer langfristigen Partnerschaft als ‚notwendig' erachten, scheinen Männer und Frauen verschiedener sexueller Orientierungen Intelligenz und Freundlichkeit über sexuell anziehende Merkmale wie die körperliche Attraktivität zu stellen", sagt Adair.

Das gilt auch über die Artengrenzen hinweg, obwohl bei nicht-menschlichen Tieren Intelligenz oder kognitive Fähigkeiten „morphologisch gemessen werden", sagt sie.

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„Nehmen wir zum Beispiel den Laubenvogel, der ausgefeilte ‚Häuser' baut und sie mit bunten, seltenen Gegenständen aus der Umgebung schmückt, um ‚wählerische' Weibchen anzulocken", sagt Adair. „Die Fähigkeit, diese seltenen Gegenstände zu finden und vor Diebstahl oder Sabotage durch andere Männchen zu schützen, dient als Indiz für die kognitiven Fähigkeiten und die allgemeine genetische Fitness."

Adair glaubt, dass der Aufstieg der Sapiosexualität zumindest zum Teil auch durch das Verschwimmen der Grenzen zwischen der „Nerd-Kultur" und dem Mainstream erklärt werden kann. „Was einst Nischeninteressen für die stereotypisch introvertierten, intellektuellen ‚Nerds' dieser Welt waren—Comics, Rollenspiele, Comic-Verfilmungen, Science Fiction und Fantasy wie Star Trek oder Game of Thrones—, sind mittlerweile wesentliche Bestandteile der Kultur des 21. Jahrhunderts", sagt sie.

Die Identität hat allerdings auch die Kritik von denjenigen heraufbeschworen, die darin nichts weiter als die Möglichkeit sehen, potenzielle Bewerber aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihrer gesellschaftlichen Klasse zu diskriminieren—oder wie ein Tumblr-User es formuliert: „Sapiosexualität/Romantizismus ist doch nur ein Haufen behindertenfeindlicher Bullshit. Man fühlt sich nicht zu Intelligenz hingezogen, man fühlt sich durch Beeinträchtigungen abgeschreckt."

Andere haben den Eindruck, dass das Label die Sicht auf Intelligenz einschränkt. In einem Persönlichkeitstest auf Buzzfeed mit der Überschrift „Bist du wirklich sapiosexuell" wird der Leser tatsächlich gefragt, ob ihn „die Vorstellung, mit jemandem zu schlafen, der nicht studiert hat oder keinerlei Interesse an höherer Bildung hat, anwidert." Das erzeugt den Eindruck, dass es in Ordnung und ganz normal sei, dass man Menschen, die nicht studiert haben oder keine klaren akademischen Ziele haben, benachteiligt.

Das ist nicht nur diskriminierend, weil es Menschen ganz offensichtlich in Klassen einteilt, sondern auch weil Intelligenz viele verschiedene Formen hat. Darüber hinaus ist es weder eine Identität noch eine sexuelle Orientierung, wenn man Menschen diskriminiert, die nicht die finanziellen Möglichkeiten hatten, ein Studium zu finanzieren—es ist eine restriktive Vorliebe, die einer genauen Untersuchung bedarf.

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Die Vorliebe benötigt auch keinen Namen, weil sie schließlich angeboren ist. Irgendwann war Intelligenz mal eine Qualität, die „unseren Vorfahren geholfen hat, soziale Bindungen und Allianzen zu schmieden, Nahrung, Unterschlupf und Schutz zu suchen, Werkzeuge zu benutzen oder Probleme in ihrer angestammten Umgebung zu lösen", erklärt Adair. Außerdem gehen wir davon aus, dass uns Intelligenz kurzfristige Vorteile wie ein höheres Einkommenspotenzial und langfristige Vorteile wie genetisch „fitte" Nachkommen bringt.

Es ist also vollkommen überflüssig, diese natürliche Vorliebe zu nehmen und daraus eine Identität bei der Partnersuche zu machen. Letztendlich lässt es dich nur aussehen wie ein prätentiöses Arschloch.