Die schwarze, muslimische Aktivistin, die Geschlechtergrenzen einreißen will
Photo by Olivia Paschkes
aktivismus

Die schwarze, muslimische Aktivistin, die Geschlechtergrenzen einreißen will

Blair Imani zeigt, dass sich Kopftuch und Frauenrechte sehr wohl vereinen lassen und kämpft für einen "inklusiveren" Feminismus, der alle miteinschließen soll – egal ob trans, cis oder queer.
31.1.17

Die 23-jährige Blair Imani hat als schwarze, muslimische Aktivistin in den USA Aufsehen erregt, nachdem sie bei Protesten gegen den Mord an Alton Sterling am 10. Juli 2016 in Baton Rouge im Bundesstaat Louisiana festgenommen wurde. Allerdings haben ihre Erfahrungen in Baton Rouge ihren Beschluss, für die Gerechtigkeit der Menschen zu kämpfen, die in den USA nach wie vor diskriminiert werden, nur bestärkt. "Ich möchte die Welt besser hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe", sagt Imani im Interview mit Broadly.

Anzeige

Imani arbeitet Vollzeit im nationalen Büro von Planned Parenthood in New York und verbringt ihre Mittagspause damit, für eine Organisation zu arbeiten, die sie 2014 gegründet hat. Equality for HER (Gesundheit, Bildung und Rechte) hat – laut ihrer Webseite – das Ziel, "das Bewusstsein für die Probleme der globalen Femme-Community zu schärfen." "Im Moment bereite ich mich auf eine Reihe von Initiativen vor", sagt sie. Eine davon ist ein Projekt, bei dem über mehrere Monate jeden Tag ein Editorial von nicht-binären Menschen, Trans-Frauen und anderen Menschen, die sich entlang des weiblichen Spektrums identifizieren, erscheinen soll.

Mehr lesen: "Wir sind nicht gleich, aber wir sind eins" – Warum wir gegen Trump demonstrieren

Wir haben uns zum ersten Mal beim Women's March in Washington D.C. getroffen, bei dem auch Imani an der Seite von hunderttausenden von Frauen aus allen Teilen der USA gegen die Amtseinführung von Donald Trump demonstrierte. An den Protesten nahmen Menschen aller Geschlechtsidentitäten teil, doch sie sagt, dass sich die Geschichte von Frauen generell immer um die Geschichte von Cis-Frauen dreht. Sie möchte "diese Geschichte und das Verständnis von Weiblichkeit ausdehnen." Dieses Ziel ist ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit als Aktivistin. "Auch wenn ich in vielerlei Hinsicht das Gefühl habe, nicht dazu zu gehören", sagt Imani, "meine Geschlechtsidentität wird nicht geleugnet. Vielen Menschen ergeht es da anders."

Imani hält es für wichtig, die Geschichte neu zu schreiben und dabei trotzdem über die Teile der Vergangenheit aufzuklären, die gerne vergessen werden. Dazu gehört auch das Thema kulturelle Aneignung, wozu beispielsweise die Fetischisierung schwarzer Frauen in der weißen Kultur gehört. "Das ist nichts Neues", erklärt sie mir, "sondern hat geschichtliche Wurzeln."

Anzeige

"Wenn man Rassismus als System begreift, als ein historisch begründetes Phänomen. statt das Ganze immer nur isoliert zu betrachten, dann ist es leichter, sich einzufühlen, ein Verständnis zu entwickeln und das Problem zu bekämpfen. Man weiß dann, wogegen man kämpft."

Meine Geschlechtsidentität wird nicht geleugnet. Vielen Menschen ergeht es da anders.

Ihre geschichtliche Bildung ermöglicht es ihr, sich "noch stärker für die Gruppen einzusetzen", die ihrer Meinung nach gestärkt werden müssen. Imani möchte vor allem Gruppen mobilisieren, die sich von der Politik abgeschnitten fühlen oder das Gefühl haben, von bestimmten politischen Problem nicht betroffen zu sein. Ein Beispiel, das sie dazu nennt, ist das sogenannte "Bathroom Law" – ein Gesetz, das Transgender zwingt, in öffentlichen Gebäuden die Toilette zu benutzen, die mit dem Geschlechtsvermerk in ihrer Geburtsurkunde übereinstimmt.

Ihre Eltern beschreibt Imani als sehr progressiv: Ihre Mutter beispielweise war eine "BH-verbrennende Feministin." Trotzdem falle es ihnen leichter, die Probleme, die mit dem Gesetz in Verbindung stehen, zu begreifen, wenn sie ihnen am Beispiel der nach Rassen getrennten Toiletten erklärt werden. Imani glaubt, dass derartige Gegenüberstellungen es Menschen leichter machen kann, die jeweiligen Identitäten der Betroffenen beiseite zu lassen und die Diskussion mehr auf ihre Menschlichkeit zu richten.

Alle Fotos: Olivia Paschkes

"Wir müssen die Menschlichkeit hochhalten", sagt Imani – das ist das zentrale Ziel ihrer Arbeit. Besonders wichtig ist es in diesem Zusammenhang auch, die Unterschiede der Menschen zu würdigen. Laut der Aktivistin existiert nach wie vor die Vorstellung, dass alle Menschen gleich sein müssten oder dass das, was gut für dich ist, auch gut für mich sein muss. Sie glaubt allerdings, dass erst dann Gerechtigkeit herrschen kann, wenn wir die individuellen Bedürfnisse der Menschen respektieren und zu unserem beiderseitigen Erfolg beitragen. "Das klingt total blumig, aber du weißt, was ich meine, oder?"

Das Internet hat Imanis Generation den Zugang zu multikulturellen und globalen Perspektiven ermöglicht. Es ist ganz einfach herauszufinden, wie andere Menschen ihre Leben leben – man muss nur online danach suchen. Allerdings glaubt sie auch, dass Millennials aufgeschlossener sind, weil sie in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, die sich in den vergangenen 50 Jahren immer weiter entwickelt hat.

Anzeige

Imani ist praktizierende Muslimin, wurde aber nicht in einer muslimischen Familie groß. Nach 9/11 erlebte sie, dass Muslime in den USA zu einer gesellschaftlichen Randgruppe diskriminiert wurden, was sie umso erstaunlicher fand, weil sie selbst absolut nichts über den Islam wusste. Also begann sie, mehr über die Religion in Erfahrung zu bringen. Während ihrem Studium an der Louisiana State University, einer sehr konservativen Universität, nahm Imani dann an einer Veranstaltung zum Jahrestag von 9/11 teil, die letztlich zu einem starkem Katalysator für ihren Übertritt wurde. "Die muslimische Studentenvereinigung verteilte Blumen. Das machte mich so traurig", erinnert sie sich. Sie wusste, warum sie Blumen verteilten: Muslime begegnen in dieser Zeit des Jahres extrem viel Hass.

Manche Frauen in der Welt werden gezwungen, ein Kopftuch zu tragen. Manche werden aber auch gezwungen, keins zu tragen.

Während ihre Regierung und die Medien den Islam als fundamental gewalttätig darstellten, erlebte Imani persönlich das Gegenteil: "Ich wurde von jedem Muslim, den ich traf, mit offenen Armen empfangen." Sie erzählt von einer muslimischen Familie aus ihrer Nachbarschaft, die während dem Ramadan Essen an ein Obdachlosenheim in der Nähe spendete. Sie hat auch gesehen, wie Taxifahrer in New York "zum Fastenbrechen Lunchpakete an obdachlose Menschen verteilt haben." Als sie ihre gelebte Erfahrung mit den hasserfüllten Karikaturen verglich, die in den USA so verbreitet sind, begann sie sich tiefergehend mit der Religion zu beschäftigen.

Sie las den Koran und konvertierte kurz darauf. Der Glaube kam in einer bedeutenden Zeit ihres Lebens. Imani erzählt, dass sie damals als Aktivistin in Louisiana arbeitete und sich angesichts der schwerwiegenden Arbeit zunehmend überfordert und verzweifelt fühlte. "Wenn ich eine Mosche betrat, hatte ich das Gefühl, ich käme von einem Sturm herein", sagt sie. Sie wurde in der Gemeinde von Anfang an willkommen geheißen. "Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, wirklich Teil einer Gruppe zu sein, ohne irgendwelche Abfragekriterien." Imani stellte fest, dass sich der Islam sehr gut mit ihrer Arbeit als Aktivistin vereinbaren ließ. Die anderen Muslime bezeichneten ihre Arbeit als "Glaube in Aktion", erklärt sie.

Mehr lesen: Wie die feministische Antwort auf rechte Männerbünde das Patriarchat beerdigt

Imanis religiöser Wandel war ein Schock für ihre Mutter, die befürchtete, dass sich ihre Tochter einer organisierten Religion anschloss, zu der ihre Familie keinerlei Verbindungen hatte. Außerdem beunruhigte sie, dass sie anfing, ein Kopftuch zu tragen. "Ja, manche Frauen in der Welt werden gezwungen, ein Kopftuch zu tragen. Manche werden aber auch gezwungen, keins zu tragen", sagt Imani und erzählt von dem Gespräch, das sie und ihre Mutter damals geführt hatten. Imanis Mutter hat einen klassischen – obgleich auch sehr eng gefassten – feministischen Hintergrund: Sie vertritt die Überzeugung, dass Frauen weder gesagt bekommen sollten, was sie tragen sollen noch dazu gezwungen werden sollten, ihren Körper zu verhüllen.

Imani hatte das Gefühl, dass ihre Mutter zwar gute Absichten hatte, doch letztendlich ähnlichen eingeschränkte Ansichten hinsichtlich ihres Körper und ihres Kleidungsstil vertrat. "Es geht nicht darum, ob ich ein Kopftuch trage oder nicht. Es geht darum, ob ich tun kann, was ich möchte", sagt Imani. "Im Sinne des Feminismus ist es zerstörerisch, wenn meine Selbstbestimmung verneint wird und andere entscheiden, wie mein Leben auszusehen hat." In gewisser Weise hat diese Situation ihre gesamte Sicht auf den Feminismus geprägt: Die Bewegung sollte alle mit einschließen und es wird niemandem schaden, wenn es anderen gut geht. Zu Weihnachten hat Imani von ihrer Mutter ein glitzerndes, burgunderfarbenes Kopftuch geschenkt bekommen. "Es war wirklich wunderschön."

Folgt Broadly bei Facebook, Twitter und Instagram.