Menschen

Heimatbesuch: Ich schäme mich nicht mehr dafür, aus Wolfsburg zu kommen

Mein Vater kam, weil er Autos liebte, meine Mutter blieb, weil sie mich liebte. Und ich ging, weil ich nichts mehr liebte als mich selbst.

von Lisa McMinn; Fotos von Timotheus Theisen
30 September 2019, 9:41am

Alle Fotos: Timotheus Theisen

Frau Keller ist tot. Am Freitag schloss sie ihre Fleischerei, am Samstag stürzte sie, am Sonntag starb sie. So erzählt es die Bäckereifachverkäuferin.

"Tragisch", sagt sie, "sie hatte das beste Mett."

Meine Omi schickte mich immer an Donnerstagen zu Frau Keller. Ihre Fleischerei lag am Rande der Wolfsburger Reihenhaussiedlung, in der wir lebten, gleich neben dem Bäcker. 500 Gramm Thüringer Mett und ab und zu ein Becher Griebenschmalz, schrieb sie in Sütterlin auf meine Liste. Zwanzig Jahre ist das her.

Nun laufe ich wieder durch diese Straßen. Manchmal träume ich von ihnen. Von dem Spielplatz, auf dem ich heimlich in die Büsche gepinkelt habe, wenn ich es nicht mehr nach Hause geschafft habe, weil ich nicht aufhören wollte zu schaukeln. Von dem Herz, das ich in den Zaun eines Nachbarn geritzt habe, J + L = <3. Von dem Apfelbaum in unserem Garten. Irgendwie ist heute alles kleiner, als ich es in Erinnerung habe. Die neuen Bewohner haben den Apfelbaum gestutzt. Die Fensterläden des Hauses sind halb geschlossen, fast so, als würde es dösen.

Ich war gerne Kind in Wolfsburg. Scheiße wurde es erst später.

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Hinter diesen grünen Hecken liegt das, was ich noch heute "zu Hause" nenne, auch wenn längst andere das Haus bewohnen.

Vor zehn Jahren habe ich meine Heimatstadt verlassen. Seit Horst Seehofer Heimatminister ist, klingt dieses Wort komisch, aber es ist nunmal so. Ab und zu komme ich zurück. Ich fahre "nach Hause" sage ich dann, obwohl ich hier nicht mal mehr ein Zimmer habe. Aber ich habe ein Auto, das aus Wolfsburg kommt, natürlich habe ich ein Auto, denn ich komme aus Wolfsburg und in Wolfsburg hat jeder ein Auto, es ist die Volkswagen-Stadt. Ich fahre einen roten Polo.

Mit diesem Polo, – Diesel, Abgasnorm Euro 5, in Berlins Innenstadt ist der bald verboten –, fahre ich über die Autobahn in die Stadt hinein, 120 km/h, und dann steht dort ein Schild, das es damals noch nicht gab: "Erlebnisstadt Wolfsburg." Ich hatte nie das Gefühl, hier etwas erlebt zu haben. Eher habe ich diese Stadt überlebt.

Nunja. Es ist einfach, Wolfsburg zu verabscheuen. Die Stadt ist hässlich. Wer von der A39 abfährt, sieht Hochhäuser, Spät-Brutalismus wahrscheinlich, die zweite Bauwelle der 70er. An den Bauten lässt sich der wachsende Wohlstand der ganzen Bundesrepublik erkennen. Erst waren es Baracken, dann Wohnhäuser mit Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnungen, dann Hochhausburgen, man brauchte Platz. Heute steht in Wolfsburg eine der größten Neubausiedlung Deutschlands, nur Einfamilienhäuser, mit gekärcherten Auffahrten und Rollläden vor den Fenstern, außerdem der Volkswagen-Erlebnispark "Autostadt", ein Fußballstadion, eine Eishalle, ein Kletterpark.

Als Wolfsburg 1938 gegründet wurde, hieß es "Stadt des KdF-Wagens". So hat Hitler es genannt, der erst das Volkswagen-Werk bauen ließ und dann die Arbeiterbaracken drumherum. Das macht diese Stadt auch nicht sympathischer. Aber nach dem Krieg war die Struktur nunmal da, und der Autoverkauf nahm ja danach erst richtig an – Achtung – Fahrt auf, also klar, da wollte man das Werk und all die Häuschen auch nicht mehr abreißen. Stattdessen holte man sich Leute ran, die arbeiten wollten, die Geld brauchten, irgendwann auch aus dem Ausland, weshalb es in der Innenstadt heute eine "Piazza Italia" gibt. Und irgendwann vergaßen die Menschen, wie Volkswagen und Wolfsburg eigentlich gegründet wurden. Heute ist das sogenannte "Werk" einer der größten Arbeitgeber Deutschlands.

Autorin am Mittellandkanal in Wolfsburg
Wenn ich auf das Werk gucke, gucke ich eher skeptisch.

Rund 125.000 Menschen leben in Wolfsburg. Die Mehrheit aller Deutschen lebt in Klein- und Mittelstädten. Wolfsburg ist eine Großstadt, aber darunter gehört sie noch zu den Kleinen. Viele ihrer Bewohner leben hier gern, denn sie haben Arbeit und verdienen gut.

Mein Vater kam aus England nach Wolfsburg, da war er Mitte 20. Er hatte Träume, er wollte Ingenieur werden, und er wurde es. Dafür zog er in eines dieser Hochhäuser. Mein Vater kam, weil er Autos liebte. Meine Mutter kam, weil es hier ein Haus gab für sie und ihre Mutter. Und sie blieb wegen ihrer Kinder, meinem Bruder und mir, weil es ein sicherer und guter Ort für Kinder ist, mit Apfelbäumen und Spielplätzen und Menschen wie Frau Keller. Meine Mutter blieb, weil sie mich liebt.

Ich ging, weil ich die Stadt hasste. Aber vielleicht auch ein bisschen, weil ich nichts mehr liebte als mich selbst. Ich wollte etwas werden und das ging nicht in Wolfsburg. Die Zeiten haben sich geändert. Ich wollte keinen sicheren Arbeitsplatz, ich wollte mich verwirklichen, wie so viele, die heute mit mir in Neukölln leben und dafür 1.000 Euro nettokalt bezahlen. Schöne Freiheit.

Heute komme ich zurück, weil ich mich versöhnen will mit dieser Stadt – und mit mir. Denn ich bin älter geworden und ich weiß: Wer seine Wurzeln nicht pflegt, kann nicht blühen. Wolfsburg gehört zu mir, die guten und die schlechte Seiten, ich habe immerhin 18 Jahre meines Lebens hier verbracht.

Bevor ich mit dem Auto in die Stadt fahre, – das sagt man hier so, wie in allen Städten, in denen es eben nur eine "Stadt" gibt, nämlich die Innenstadt, die, wenn man Glück hat, eine Fußgängerzone ist und, wenn man Pech hat, schon ein Einkaufszentrum – also, bevor ich da hinfahren konnte, ist meine Mutter mit meinem Auto durch die Waschanlage gefahren. Es war verklebt, Lindenblüten aus Neukölln. Sie hat das gemacht, um mir einen Gefallen zu tun. Aber auch ein bisschen, weil man in Wolfsburg nicht mit einem dreckigen Auto in die Stadt fährt. Das könnte ja jemand sehen.

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Dieser Artikel wurde übrigens nicht von Volkswagen querfinanziert.

Wolfsburger parken im Parkhaus oder in der eigenen Garage. Wer klebt, hat keine Garage. Wer klebt, ist arm. Wer in Berlin ein Auto besitzt, ist ein Idiot. Erstens, weil es nur Parkplätze unter Bäumen gibt. Zweitens, weil man verstanden hat, dass es eben bald keine Bäume mehr gibt, wenn alle Auto fahren. Man fährt U-Bahn. Oder Rad. Oder shart. Ja, das schreibt man so. Ich share auch, am liebsten E-Roller, die fahren 50 km/h und schneller kommt man eh nicht voran. Ich fahre nur Auto, wenn ich in Wolfsburg bin.

Mein Plan ging so: Ich fahre in die Fußgängerzone und setze mich in ein Café, beobachte die Leute und dabei auch mich selbst, und dann schreibe ich auf, wie sich das anfühlt. Aber ich habe kein Café gefunden außer Tchibo und die haben keine Steckdosen. Niemand arbeitet hier in Cafés. Die Leute fahren morgens aus ihren Garagen zur Arbeit und nachmittags fahren sie zurück und setzen sich zu ihren Familien an den Abendbrottisch. Dazwischen gehen sie vielleicht noch joggen, im Stadtwald, oder zum Bauch-Beine-Po. Ich bin nun die einzige, die mit einem Laptop in einem Burgerrestaurant sitzt und ich komme mir dabei sehr dämlich vor.

Es ist genau wie damals. Ich bin der Fremdkörper. Ich bin das Problem.

Sie müssen wissen – oder du, wenn du unter 20 bist und trotzdem noch liest – , dass ich gerade eine sehr merkwürdige Frisur trage. Es ist eine Länge, die ich in etwa so blöd finde wie Wolfsburg mit 18. Ich hatte kurzes Haar und nun hätte ich gerne wieder langes und das ist die Phase dazwischen. In Berlin ist mir das völlig egal. Ich sehe wahrscheinlich ab und zu scheiße aus, aber das ist OK, denn vielleicht meine ich es ja ironisch. Oder es fällt nicht auf, weil in Berlin viele andere mit Absicht noch viel blöder aussehen als ich. Oder aus Versehen. In Wolfsburg aber zuppele ich ständig an mir rum. Es könnte mich ja jemand sehen.

Aber wer eigentlich?

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In der Raucherecke meiner alten Schule fing ich aus Langeweile an zu rauchen. Schlau war das nicht.

Der Junge mit dem Namen J., den ich ins Holz geritzt habe, vielleicht. In der Grundschule war ich in ihn verliebt, weil er aussah wie Nick Carter von den Backstreet Boys und später, auf dem Gymnasium, liebte ihn meine beste Freundin. Mal habe ich in der Disco mit ihm getanzt und mal sie. Das ging so lange, bis er nach einer Hausparty ins Auto meiner Mutter gekotzt hat. Da war es mit der Liebe bei uns Dreien vorbei. Er hat eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann gemacht, soweit ich weiß. Solider Job. Für mich allerdings absolut unattraktiv. Warum ist mir nicht völlig egal, mit welcher Frisur er mich heute sieht?

Das Problem ist, dass die Leute mich hier so wahrnehmen, wie sie es schon getan haben, als ich so alt war, wie ich es eben war, als ich sie zum letzten Mal gesehen habe. Und auch ich falle ganz automatisch in meine alten Rollen zurück. Ich bin die kleine Schwester, die Klassensprecherin, die Streberin, die "Pummel-Fee", wie mich irgendein Arschloch im NoVum, der einzigen Großraumdisco der Stadt, mal genannt hat.

Ich bin hier durch viele Phasen gegangen, nur Ich selbst war ich nie. Netzstrümpfe und rotes Haar, Highheels und blonde Locken, ja, wenn ich ehrlich bin, war ich sogar mal Böhse-Onkelz-Fan, weil ein Junge namens S. deren Musik aus mir heute völlig unerfindlichen Gründen mochte und ich seine CDs dann eben auch hörte, weil ich das damals für einen Akt der Liebe hielt. Außerdem waren die wütend, und das war ich ja auch.

Die Gang, die ich hier gebraucht hätte, um Ich selbst zu sein, fand ich nicht, weil es sie nicht gab. Für Subkulturen ist Wolfsburg zu klein. Also schlussfolgerte ich, ich sei ungenügend. Nicht dünn genug, nicht schön genug, nicht schlau genug. All das versuchte ich irgendwie auszubügeln, mit Einsen in Deutsch, mit Bauch-Beine-Po, mit blonden Strähnchen. Die Stadt stellte Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllen konnte und ich hatte Erwartungen ans Leben, die sie nicht erfüllte.

Meine Abneigung gegenüber Wolfsburg wuchs mit diesen Erwartungen. Anfangs wollte ich dazugehören und irgendwann stellte ich fest, dass ich das nicht konnte und dann wollte ich mehr sein als das alles hier. Fick dich, Wolfsburg, ich bin besser als du.

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Wölfe gibts nicht nur in Brandenburg, sondern auch in der Wolfsburger Innenstadt.

In Wolfsburg muss man sich anpassen. Am besten ist, man fällt nicht auf und fährt Golf. Trotzdem habe ich dadurch etwas gelernt: Akzeptanz. Mein bester Freund war ein Schnösel, ein anderer hörte Die Ärzte und trotzdem hab ich sie geliebt und liebe sie noch. Wir mussten uns mit unserer Andersartigkeit arrangieren, auch wenn wir dadurch weniger individuell waren, weil wir uns nicht trauten.

In Berlin muss ich das nicht. All meine Freunde wählen Grün, oder helles oder dunkleres Rot. Sie leben in Altbauwohnungen und haben Jobs im sozialen Bereich oder in den Medien oder machen irgendwas gegen den Klimawandel. Ich fühle mich wohl unter ihnen, weil ich zu ihnen passe. Sie kommen aus Städten wie Paderborn und Osnabrück. Wir sind wie eine Diaspora derer, die aus ihren zu kleinen Heimatstädten geflohen sind. Wir sind uns einig, wir stoßen uns nicht vor den Kopf. Es ist bequem, fast so bequem, wie mit dem Auto zur Arbeit zu fahren.

Wer ist jetzt spießiger: J., der Immobilienkaufmann oder ich?

Doch nebenbei ist etwas passiert, für das ich mich schäme. Manchmal bin ich großstadtarrogant. Als meine Mutter mich vor einigen Wochen in meiner neuen Neuköllner Wohnung besuchte, tranken wir einen frisch gerösteten Americano in einem dieser dort üblichen, spartanisch eingerichteten Laptop-Cafés, in denen ich meine Freizeit verbringe, weil ich auch dann noch arbeite, wenn ich eigentlich entspannen sollte.

"Es wäre schön, wenn es nur eines dieser Cafés auch in Wolfsburg gäbe", sagte sie.

"Ich würde gar keinen anderen Kaffee mehr trinken", antwortete ich. Und erschrak.

Wenn ich mich erden will, fahre ich nach Wolfsburg und trinke schlotzigen Filterkaffee beim Bäcker in meiner alten Reihenhaussiedlung, dazu ein kleiner Schnack und ein Stück Apfelkuchen. Diese Stadt ist mein Rettungsanker, denn sie ist Zuhause und Familie und beides schützt mich davor, kein Berliner Arschloch zu werden und zu glauben, ich könnte alles besser und sei mutiger. Denn das stimmt nicht. Ich bin bloß anders.

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"Ich war gerne Kind in Wolfsburg. Scheiße wurde es erst später."

Am Abend lenke ich den Polo auf die Auffahrt meines Bruders. Er arbeitet in einem Autohaus und lebt mit seiner Frau und seinen zwei sehr schönen und sehr schlauen Töchtern in einem Einfamilienhaus mit Doppelgarage. Heute hat er das elektrische Einfahrtstor offen gelassen und schon Handschuhe an, weil er mir neue Reifen aufziehen wird. Ich habe ihn gebeten, mir Alljahresreifen zu bestellen, damit ich nicht mehr jeden Frühling und jeden Herbst nach Wolfsburg fahren muss, um meine Reifen von ihm wechseln zu lassen. L. und K., die Töchter, wollen helfen, aber dann soll ich ihnen doch lieber vorlesen, und das mache ich und bringe sie ins Bett, während mein Bruder schraubt.

Für meine Nichten bin ich Tante Lisa aus Berlin und "Schurnaliesin", wie L. sagt. Sie kennt meine Wohnung in Neukölln nicht. Sie fragt, wann ich wiederkomme.

Vielleicht war das mit den Alljahresreifen eine dumme Idee, denke ich, als meine Mutter am Abend Möhrensuppe mit Mettklößen serviert. Eigentlich schade, dass nicht jede Jahreszeit ihre eigenen Reifen braucht.

"Frau Keller ist tot", sage ich zu meiner Mutter.

"Nein!", sagt sie, "wirklich?"

"Ja", sage ich. "Tragisch. Sie hatte das beste Mett."

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