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Pornhub und xHamster: Sexualisierte Gewalt bleibt erstmal online

Betrunken beim Sex, nackt in der Umkleide: VICE-Recherchen zeigen, wie wenig sich Pornoseiten um das Einverständnis der gezeigten Personen kümmern.

von Sebastian Meineck und Yannah Alfering
12 Oktober 2019, 3:30am

Foto: imago images | ZUMA Press || bonn-sequens 

Eine Handkamera filmt eine nackte Frau auf einem Bett. Sie liegt auf dem Bauch, anscheinend schläft sie. Die Kamera nähert sich ihr langsam, eine ausgestreckte Männerhand erscheint im Bild, die Hand spreizt ihre Pobacken: Nahaufnahme. Weiß die Frau, dass sie gefilmt wird, dass ihr Video auf Deutschlands meistbesuchter Pornoseite zu sehen ist?

Das Video ist nur eines von vielen, bei denen man sich diese Frage stellen muss. Insgesamt haben wir 40 Aufnahmen identifiziert, die den Eindruck erwecken, ohne Einverständnis der gezeigten Frauen online zu sein, 20 Videos auf xHamster und 20 auf Pornhub, den meistbesuchten Pornoseiten Deutschlands. Jedes dieser Videos haben wir bei den Plattformen gemeldet.

Pornhub und xHamster sind nicht irgendwelche Nischenseiten. Sie gehören zu den größten Websites der Welt. Dahinter stehen riesige Firmen mit Hunderten Mitarbeitern. Wie kann es sein, dass auf diesen Seiten Videos verbreitet werden möglicherweise ohne Einverständnis der gezeigten Personen? Und was tun xHamster und Pornhub, um das zu verhindern? Unsere Recherchen zeigen: Sie tun nicht genug.

Das 118 Sekunden lange Video mit dem Titel "Sleeping Teen" war mindestens ein Jahr lang bei xHamster online und hatte rund 380.000 Aufrufe. In der Kommentarspalte darunter äußerte ein Nutzer eine Vergewaltigungsfantasie: "Ich liebe betrunkene, schlafende Mädchen, denn sie wissen nicht, wer sie leckt oder fickt". Nachdem wir das Video gemeldet hatten, wurde es innerhalb weniger Stunden gelöscht. So auch vier weitere Videos. Die restlichen 35 sind trotz unseres Hinweises weiterhin online.

Pornhub hat bislang nicht auf unsere E-Mails geantwortet. xHamster lässt über einen Sprecher mitteilen, dass gemeldete Videos überprüft würden.

Unsere Recherche aber zeigt: Auf Pornhub und xHamster lassen sich sexualisierte Gewalt und gefilmte Vergewaltigungen theoretisch ohne nennenswerte Hindernisse verbreiten. Die Kontrolle der Pornoseiten beschränkt sich beim Upload darauf, dass Nutzer Belehrungen abnicken, dazu später mehr. Wenn Zuschauer wie wir aber ein fragwürdiges Video melden, bleibt es in den meisten von uns getesteten Fällen einfach online. Die Verbreitung der Videos lässt sich offenbar nur dann effektiv stoppen, wenn die mutmaßlichen Opfer sich selbst melden.

Warum jeder von uns nackt im Internet landen könnte

Wie schnell man, ohne es zu wollen, in einem Internetvideo landet, hat Hannah Jennaway aus Montana erlebt. Am 4. Juli 2016 – Independence Day in den USA – feierte Jennaway mit Freunden, damals war sie 22. Als es spät wurde, ging sie mit ihrem Kumpel S. zu ihrem gemeinsamen Freund D. nach Hause. "Wir wussten alle, dass S. und ich Sex haben würden", sagt Jennaway im Gespräch mit VICE. Zunächst habe sie nicht gemerkt, dass sie beim Sex gefilmt wurde. Sie erinnere sich nur an ein seltsames Licht in ihrem Gesicht, das sie versuchte, loszuwerden. Erst als sie ihr Handy vom Ladekabel nahm, habe sie gesehen, dass D. ihr drei Snaps geschickt hatte: Videoclips, in denen sie Sex hat.

"Er ist einer meiner besten Freunde. Ich dachte, er hätte die Videos nur an mich geschickt", sagt Jennaway. Sie habe zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht gewusst, dass D. das Sexvideo längst mit anderen geteilt hatte. Die drei zogen weiter auf eine Hausparty. Dort habe eine fremde Frau gefragt, ob Jennaway das Girl von Snapchat sei. "In dem Moment hat sich mein Magen umgedreht", sagt sie. Plötzlich kamen immer mehr Nachrichten von Freunden, die sie beim Sex gesehen hatten.

Am nächsten Morgen sei Jennaway wahnsinnig wütend gewesen. Es folgten Scham, Kraftlosigkeit und Einsamkeit, wie sie erzählt. Zunächst habe sie sich isoliert. Jennaway hatte Angst, dass andere sie für den Vorfall verantwortlich machen, wie sie erzählt. Ihre Schwester habe ihr geraten, mit der Polizei zu sprechen. Das sei ihr nicht leicht gefallen. Was, wenn die Polizei ihr nicht glaubt oder nach Beweisen fragen würde? Trotzdem ging sie hin. "Es ging nicht nur um Gerechtigkeit für mich – sondern für alle Frauen", sagt Jennaway.

Wie der Fall juristisch weiterging, beschreiben lokale Nachrichtenmedien wie die Tageszeitung Bozeman Daily Chronicle und die Studierendenzeitung: Der Vorwurf an die Person, die Jennaway gefilmt hatte, lässt sich mit "Spannen" übersetzen, was in Montana ein leichtes Vergehen ist. "Das Schlimmste für mich war, dass ich die Leute davon überzeugen musste, wie demütigend, schmerzhaft und dramatisch die Veröffentlichung der Videos für mich war", sagt Jennaway.

Jennaways Video ist auf Snapchat gelandet, wo Aufnahmen nach 24 Stunden verschwinden, nicht auf Pornhub und xHamster. Für Betroffene von Revenge Porn bieten diese Plattformen Meldeformulare. Im Zweifel kann ein Anwalt helfen wie etwa Rechtsanwalt Tobias Röttger. "In den vergangenen drei Jahren hatte ich mindestens zehn Mandantinnen und Mandanten, die gegen ihren Willen auf Porno-Plattformen zu sehen waren", sagt Röttger, der unter anderem auf Internet- und Medienrecht spezialisiert ist. Er habe die Plattformen auf Englisch aufgefordert, die Videos seiner Mandantinnen zu löschen. "Meiner Erfahrung nach reagieren große Porno-Plattformen schnell."

Ohne solche Beschwerden unternehmen die Pornoseiten aber offenbar wenig.

Diese Pornovideos fanden wir problematisch

Auch in den 40 von uns gemeldeten Videos auf Pornhub und xHamster sind Frauen zu sehen, die dem Anschein nach nicht gefilmt werden wollten oder die Kamera nicht bemerkten. Vielleicht geht es ihnen wie Hannah Jennaway.

Theoretisch könnten die Videos nur den Anschein erwecken, ohne Einverständnis entstanden zu sein. Zum Beispiel könnten Porno-Darstellerinnen mit einem Billighandy ins Schwimmbad fahren und ein Versteckte-Kamera-Video inszenieren. Der Reiz des Verbotenen erschafft einen Markt, den Porno-Produzierende sicher bedienen möchten. Von außen lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob ein Video einvernehmlich oder inszeniert ist. Aber wenn wir es nicht wissen können, dann auch nicht die Betreiber der Pornoseiten – oder?

Wir haben die Videos über einschlägige Suchanfragen und verknüpfte Empfehlungen gefunden. Ein von uns gemeldetes Pornhub-Video zeigt ein Paar beim Sex auf einer Toilette, verwackelt über die Trennwand hinweg gefilmt. Auf dem Kanal des Uploaders gibt es nur dieses eine Video. Als die gefilmte Frau nach oben schaut, zeigt sich Überraschung auf ihrem Gesicht, die Aufnahme endet abrupt.

In einem anderen Video sind zahlreiche Frauen beim Pinkeln zwischen geparkten Autos zu sehen, offenbar auf einem Festival. Allein in den ersten drei Minuten werden vier Frauen mit verwackelter Kamera gefilmt, das gesamte Video ist 29 Minuten lang. In der Kommentarspalte schreibt ein Nutzer auf Englisch: "Wenn du je in Spanien auf einem Festival warst, ist dein Arsch wahrscheinlich auf einer Pornoseite gelandet".

Hast du Erfahrungen mit nicht-einvernehmlichen Videos auf Pornoseiten gemacht? Arbeitest du vielleicht selbst bei xHamster oder Pornhub? Wir würden uns freuen, von dir zu hören. Du erreichst Yannah und Sebastian per E-Mail oder verschlüsselt via Signal: +49 152 1012 4551.

Ein von uns gemeldetes xHamster-Video zeigt ein Paar beim öffentlichen Sex vor einem Hauseingang, gefilmt durch eine Autoscheibe. Zu hören sind die Stimmen von Fahrer und Beifahrer: Sie lachen das Paar aus. Ein anderes Video zeigt, wie eine Frau auf offener Straße von einem Mann zum Oralsex gedrängt wird, indem er ihren Hals festhält. Die Frau sitzt auf einer Plastikkiste und wirkt betrunken: Sie kann offenbar das Gleichgewicht nicht halten und kippt zu Boden.

Diese und weitere Videos sind trotz unserer Meldung weiterhin online.

So haben wir die Videos gemeldet

Screenshot der Meldefunktion von xHamster
Wer Inhalte bei xHamster melden möchte, bekommt als Kategorie "Kot" vorgeschlagen, nicht aber Voyeurismus | Screenshot: xHamster.com

Wer über ein problematisches Pornhub-Video stolpert, kann es der Plattform melden. Dafür klickt man auf eine graue Flagge unter dem Video. Es erscheint ein Pop-up mit fünf Kategorien, etwa "Spam" oder "Minderjährig". Seltsam: Für "Vergewaltigung" oder ohne Einverständnis hochgeladene Videos gibt es keine Kategorie. Also klicken wir bei den 20 Pornhub-Videos auf "Sonstiges" und schreiben auf Englisch ins dazugehörige Textfeld: "Ich glaube nicht, dass die Frau in dem Video weiß, dass das Video auf Pornhub veröffentlicht wurde, und ich glaube nicht, dass sie mit dem Upload einverstanden ist. Deshalb glaube ich, das Video sollte gelöscht werden."

Diese Formulierungen verwenden wir auch für die 20 xHamster-Videos. Der Meldeprozess ist hier etwas komplizierter. Um ein Video überhaupt flaggen zu können, müssen wir mit einem xHamster-Account angemeldet sein. Auch xHamster bietet fünf Kategorien zum Anklicken. Im Gegensatz zu Pornhub gibt es eine Kategorie namens "Enthält Gewalt/ Vergewaltigung". Eine Kategorie für Voyeurismus oder Revenge Porn gibt es nicht, wohl aber eine für "Kot". Für unser Experiment klicken wir weiter bis zum Kontaktformular. Nur dort können wir eine schriftliche Begründung hinzufügen.


Auch auf VICE: Der qualvolle Kampf gegen Rachepornos


Auf alle 40 Videos, die wir gemeldet haben, treffen folgende Kriterien zu: Die gezeigten Frauen scheinen nicht zu merken, dass sie gefilmt werden oder drücken ihre Ablehnung aus. Es gibt keine Hinweise auf eine professionelle Porno-Produktion wie etwa Scheinwerfer, Kulissen oder hochwertige Kamerabilder. Auch in der Videobeschreibung oder im Videotitel gibt es keine Hinweise auf eine professionelle Porno-Produktion.

Wir haben die Ergebnisse unserer Recherche dem Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe vorgelegt. Der Verband wird vom Familienministerium gefördert. Das Verbreiten von voyeuristischen Videos und gefilmten Vergewaltigungen sei digitale Gewalt, die besonders Frauen treffe, sagt Sprecherin Jenny-Kerstin Bauer gegenüber VICE. "Gewalttäter kommen meist sanktionsfrei und ohne Strafe davon." Der Bundesverband wünsche sich eine "einfache und effektive Löschung von voyeuristischen Videos und gefilmten Vergewaltigungen auf Porno-Plattformen". Außerdem wünscht er sich mehr gesellschaftliche Diskussionen über die Täter und die Machtverhältnisse dahinter.

Diese Straftaten stecken hinter nicht-einvernehmlichen Videos

Gehen wir mal davon aus, dass die Videos nicht inszeniert sind. In diesem Fall hätten die Uploader nach deutschem Recht gleich gegen mehrere Gesetze verstoßen. Ganz klar, Sex ohne Einverständnis ist eine Vergewaltigung. Hinzu kommen weitere Gesetze, die Betroffene schützen sollen. "Wer jemanden ohne Einverständnis nackt oder beim Sex filmt, begeht eine Straftat", sagt Mirko Laudon, Fachanwalt für Strafrecht. "Heimliche Aufnahmen von nackten Menschen oder Menschen beim Sex sind illegal."

Fürs Verbreiten von Nacktvideos aus der Umkleide kann eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren drohen. Im Strafgesetzbuch heißt das: "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen". Strafbar sind demnach Aufnahmen einer Person aus einem "gegen Einblick besonders geschützten Raum", zum Beispiel Toilettenkabinen, Umkleidekabinen oder Arztzimmer, wie Laudon erklärt. Ebenso strafbar ist laut Gesetz eine Aufnahme, die "geeignet ist, dem Ansehen der abgebildeten Person erheblich zu schaden". Das kann Laudon zufolge auf gefilmten Sex in der Öffentlichkeit zutreffen, wenn die Personen identifizierbar sind.

Auch das Kunsturhebergesetz ist für Betroffene relevant: Wer gegen den eigenen Willen in einem Video auftaucht – bekleidet oder unbekleidet –, kann sich juristisch wehren. "Rechtlich gesehen haben wir einen breiten Schutz gegen heimliche Video-Aufnahmen", fasst Laudon zusammen. "Aber der Schutz scheitert erkennbar an der Durchsetzung."

So leicht ist es, ein nicht-einvernehmliches Video hochzuladen

Wir haben getestet, wie leicht es ist, anonym ein Video auf diesen Seiten zu verbreiten. Nutzer müssen dafür nur einen neuen Account anlegen und mit einer E-Mailadresse bestätigen. Beide Pornoseiten belehren Nutzer vor dem Upload darüber, welche Inhalte verboten sind. Pornhub schreibt: "Indem du Inhalte hochlädst, bestätigst du, dass alle abgebildeten Personen damit einverstanden sind, dass der Inhalt auf Pornhub bereitgestellt wird, und wissen, dass du dies tust." Außerdem sollen Uploader "schriftliche Dokumente" besitzen, die belegen, dass gezeigte Personen über 18 Jahre alt sind. Auch xHamster verlangt in den Nutzungsbedingungen, dass Uploader schriftliche Dokumente der dargestellten Personen besitzen.

Welche Daten sammeln Pornoseiten über mich? Was passiert, wenn ich ohne Virenschutz dort surfe? Hier findest du mehr Recherchen an der Schnittstelle zwischen Porn und Tech .

Überprüft wird all das nicht, wie unser Test zeigt: Die Bedingungen lassen sich bei beiden Plattformen einfach abnicken, ein Mausklick genügt. Unser Testvideo – eine Nahaufnahme des Teppichs in der Redaktion – wird problemlos veröffentlicht.

Zunächst einmal ist es üblich, dass große Plattformen nutzergenerierte Inhalte nicht aktiv selbst moderieren, ähnlich machen es auch YouTube und Facebook. Das lässt sich mit den Worten "notice and takedown" zusammenfassen: Gehandelt wird erst, wenn sich jemand mit stichhaltigen Hinweisen meldet. Oft lässt sich die Flut aus neuen Inhalten auch nicht anders bewältigen. Aber Pornoseiten könnten eindeutig mehr tun: Mit einem simplen Trick ließe sich Missbrauch nämlich massiv einschränken.

Pornoseiten könnten es zur Bedingung machen, dass Nutzer zusätzlich zu ihrem Pornovideo einen Beleg hochladen müssen, zum Beispiel einen Clip, in dem die dargestellten Personen in die Kamera sagen: "Das ist ein einvernehmliches Pornovideo". Der Clip könnte nur für Moderatoren der Plattformen sichtbar sein, um Uploads im Zweifel zu checken. Natürlich ließe sich auch dieses System austricksen, es wäre aber eine deutlich größere Hürde.

Wie xHamster und Pornhub auf unsere Warnung reagiert haben

Das Moderationsteam von xHamster meldet sich direkt per E-Mail und fragt, in welcher Verbindung wir zu den gemeldeten Videos stünden. Wir erklären, wir hätten die Videos beim Surfen entdeckt. Die Antwort: "Die Person in dem Video muss uns direkt kontaktieren und bestätigen, dass sie ihr Einverständnis nicht gegeben hat". Als außenstehende Beobachter haben wir offenbar nichts zu melden. Aber: Zwei der von uns gemeldeten Videos sind plötzlich offline. Hat xHamster also doch gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist?

Wir geben uns als Journalisten zu erkennen und konfrontieren die Pressestelle von xHamster mit der Recherche. Die Antwort des Vice Presidents Alex Hawkins ist zu ausführlich, um sie in voller Länge zu zitieren. Er schreibt unter anderem: "xHamster entfernt Videos sofort, wenn wir wissen, dass jemand dem Sex nicht zustimmen kann". Aber so verlockend es auch sei: "Wir können nicht feststellen, ob etwas Fiktion, Fetisch oder Exhibitionismus ist – oder ein tatsächlich nicht-einvernehmlicher Akt." Auch Amateur-Videos könnten inszeniert sein. Außerdem würden Nutzer durch den Upload den Nutzungsbedingungen zustimmen, die verlangen, dass Inhalte einvernehmlich sind. Deshalb sei xHamster darauf angewiesen, dass sich die Personen aus dem Video selbst melden. Das sei eine "allgemeine Regel".

Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe kritisiert die Pornoseiten scharf. "Aus der Praxis wissen wir, dass oft nicht auf die Betroffenen reagiert wird, wenn sie versuchen, Inhalte alleine zu melden", sagt Jenny-Kerstin Bauer. Die Verantwortung werde mit dieser Haltung von den Porno-Plattformen auf die Betroffenen übertragen – "als ob sie etwas dafür könnten". Der Fachbegriff dafür ist Victim Blaming.

Bauer nimmt an, dass das Problem in den nächsten Jahren stark zunehmen wird. Aus der Erfahrung mit Frauennotrufen und Beratungsstellen wisse sie, dass sich immer mehr Betroffene gegen ihren Willen auf Porno-Plattformen wiederfinden. "Die Verantwortung für die Gewalttat haben einzig und alleine der Täter und die Porno-Plattformen, die diese Gewaltdarstellungen weiterverbreiten", sagt Bauer.

Hawkins aber sieht das anders: "Auch Videos, die völlig einvernehmlich aussehen, könnten es nicht sein." Das klingt nach einer immensen Gefahr für Missbrauch, die sogar über unsere Recherche hinausgeht – und nach einer sehr großen Verantwortung für xHamster. Für die Plattform ist das aber offenbar ein Grund, sich lieber gar nicht erst einzumischen.

Wir haken nach: Warum hat xHamster dann doch zwei von uns gemeldete Videos entfernt? Haben Mitarbeiter von xHamster alle von uns gemeldeten Videos mit eigenen Augen überprüft und für OK befunden? "Alle Videos wurden überprüft", bestätigt Hawkins. Die beiden gelöschten Videos seien aufgrund "einer Anzahl" von Beschwerden – unter anderem unserer – entfernt worden. So etwas passiere aber selten. xHamster wolle keine falschen Annahmen über Fetische und das Sexleben anderer Menschen machen, so Hawkins. Er spricht dabei von "freedom of sexual speech": sexueller Redefreiheit.

Ist es etwa "sexuelle Redefreiheit", wenn Spanner nackte Menschen in der Umkleide filmen und die Videos im Internet verbreiten? Ist die "Freiheit" der Täter wichtiger als der Schutz der Opfer?

Wir möchten von xHamster wissen, ob "sexuelle Redefreiheit" bedeute, dass Gewalttäter gefilmte Vergewaltigungen ohne Konsequenzen verbreiten können – solange Opfer es nicht mitbekommen und sich persönlich beschweren?

"Nein", antwortet Hawkins. Die Frage würde einen "falschen Gegensatz" aufmachen. Sexuelle Redefreiheit bedeute nicht, dass nicht-einvernehmliche Videos erlaubt seien. "Ist es ein schmaler Grat? Ja", schreibt Hawkins weiter. "Aber als eine Website, die mit Millionen Amateur-Videos zu tun hat, tun wir unser Bestes, um das Gleichgewicht zu finden."

Zu diesem "Gleichgewicht" gehört es offenbar, 18 der 20 von uns gemeldeten Videos online zu lassen. Zum Beispiel das Video mit der betrunken wirkenden Frau, die von der Plastikkiste kippt, während ein Mann sie zum Oralsex drängt.

In Großbritannien setzen sich aktuell Aktivistinnen für das Thema ein. Die Aufklärungskampagne #NotYourPorn sammelt die Geschichten von Betroffenen, deren Videos ohne Einverständnis auf unter anderem Pornhub und xHamster gelandet sind. #NotYourPorn hat außerdem eine Petition gestartet. Die Forderung: Es soll eine Straftat sein, wenn Pornoseiten Videos ohne Einverständnis der gezeigten Personen veröffentlichen.

Im Gegensatz zu xHamster hat Pornhub nicht auf unsere E-Mails reagiert. Zumindest hat Pornhub stillschweigend drei der 20 von uns gemeldeten Videos offline genommen, allerdings erst, nachdem wir ihnen die Links in einer Presseanfrage geschickt haben. Warum sind die 17 anderen Videos noch online? Hat Pornhub sie überhaupt überprüft? Wir werden den Artikel updaten, wenn wir eine Antwort erhalten.

Bist du von digitaler Gewalt betroffen? Dann kannst du in den bundesweiten Frauenberatungsstellen und Frauennotrufen Hilfe finden, auch wenn du nicht mehr weißt, was genau passiert ist. Dort findest du auch Informationen und Sicherheitshinweise zum Thema digitale Gewalt. Wer in der Schweiz sexualisierte Gewalt erlebt hat, findet bei der Frauenberatung Links zu Beratungsstellen, betroffene Männer erhalten Hilfe im Männerhaus . In Österreich wird ein 24-Stunden-Hilfenotruf unter 01 71 719 angeboten.

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