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In Dresden eröffnet eine Begegnungsstätte für Obdachlose – bevorzugt für Deutsche

Der Dresdner Ingolf Knajder gibt sich mit seinem Verein 'Dresdner Bürger helfen Dresdner Obdachlosen' sozial – und ist besonders national.

VonPhilipp SommerundBenedikt Niessen

Ingolf Knajder (links) Ende 2016 vor dem Landgericht Dresden | Foto: imago | Sven Ellger

"Wir helfen Dresdner Obdachlosen und Sozialschwachen", heißt es auf der Website des Vereins "Dresdner Bürger helfen Dresdner Obdachlosen und Bedürftigen", der im Juli 2016 gegründet worden ist. Für die Ärmsten und Schwächsten der Gesellschaft eröffnete Vereinsvorsitzender Ingolf Knajder in der vergangenen Woche eine Begegnungsstätte. Feierlich, mit Einladung für die Medien und Schlagerstar Linda Feller. Den Bedürftigen stehen auf 130 Quadratmetern in einer Villa beim Dresdner Zoo Aufenthaltsräume, Duschen, eine Kleiderausgabe und eine Waschmaschine an drei Tagen in der Woche zur Verfügung. Sie sollen sich wie zu Hause fühlen – aber nur, solange sie keine Asylbewerber sind.

Im vergangenen Jahr hatte Knajder deutlich in einem Interview mit dem rechten Onlineportal Frauenpanorama gesagt, wer dort willkommen sei: "Es ist klar definiert, dass wir keinen Asylanten und Flüchtlingen helfen wollen." Diese seien "in einem Rundumservice versorgt, der seinesgleichen sucht". Knajder scheint aus der Vergangenheit gelernt zu haben und äußert sich heute versöhnlich in der Presse: "Ich möchte einfach nicht, dass Obdachlose irgendwo herumliegen und betteln müssen. Wir müssen es schaffen, das Stadtbild in Dresden zu verändern", sagt er im Telefonat mit VICE. Er sieht sich falsch dargestellt: "Es wird immer wieder alles verdreht." Knajder hat sich allerdings nicht immer so zahm geäußert.

Im vergangenen Dezember hatte sein Verein ein Weihnachtsessen für Obdachlose im edlen Dresdner Ballhaus Watzke geplant. Knajder wollte dafür die Dresdner Tafel mit ins Boot holen. Deren Vorsitzender Andreas Schönherr lehnte eine Zusammenarbeit aber ab. Laut Knajder sagte Schönherr, "er würde niemals mit Leuten zusammenarbeiten, die andere Menschen – insbesondere Asylsuchende, Migranten und Kriegsflüchtlinge – ausgrenzen und ausschließen". Knajder erzählte das in einem Interview mit einem rechten Blog. Und sagte weiter, Wohltätigkeitsvereine wie die Tafel seien gegründet worden, "um den Bedürftigen und Obdachlosen zu helfen und nicht um Asylanten, illegale Einwanderer ohne Ausweispapiere, Asylmissbraucher und Scheinasylanten, kriminelle Migranten und islamistische Terroristen zu beköstigen". Knajder ist ohnehin sehr temperamentvoll – wie ein Video von ihm bei einem Bürgerdialog über Pegida in einer Kirche zeigt: "Ihr Antifas bekommt keinen Fußbreit in Dresden!" Dann steht er auf und schreit: "Dafür sterbe ich!"

Weil er dem Vorsitzenden der Dresdner Tafel auf Facebook "den baldigen Tod und nichts anderes" wünschte, wurde er vom Gericht verurteilt, die Aussage nicht mehr zu wiederholen. Das Urteil gegen ihn sprach ausgerechnet der Richter Jens Maier. Der sitzt mittlerweile für die AfD im Bundestag und hatte bei einem Auftritt seines Parteifreundes Björn Höcke von der "Herstellung von Mischvölkern" gesprochen. Dafür wurde ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn angestrengt, eine Entscheidung steht noch aus. Ort der Rede: wieder das Ballhaus Watzke, wo das Weihnachtsessen stattfand.

Eigentlich sei es so, sagt Knajder auf Nachfrage von VICE: "Wir grenzen niemanden aus, wir begrenzen unsere Hilfe aber auf Obdachlose und Bedürftige." Er betonte: "Es ist egal, woher sie kommen und es ist egal, welche Hautfarbe oder Religion sie haben." Dennoch stehen die Türen seiner Begegnungsstätte für Asylbewerber nicht offen: "Asylsuchende und Flüchtlinge, die sich in einem Asylverfahren befinden und in einem Asylbewerberheim oder einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht sind, sind nicht obdachlos oder bedürftig in diesem Sinne", sagt Knajder. Dabei können auch deutsche Obdachlose Geld vom Staat erhalten. "Ich lasse mir nicht vorschreiben, wem ich helfe", so Knajder. "Wir haben es nicht nötig, uns in eine Nazi- oder fremdenfeindliche Ecke schieben zu lassen." Doch der Wohltäter verschleierte seine Vergangenheit im Internet.

Ein Aktivist veröffentlichte auf Twitter zahlreiche Screenshots von Äußerungen, die Knajder auf Facebook gepostet haben soll. Sie wirken authentisch, wurden mittlerweile aber offenbar gelöscht oder verborgen. In der Sammlung findet sich auch dieser Post, der von Knajder stammen soll: "Jedes Asylheim ist ein Verbrechen gegen unsere Obdachlosen", heißt es da. Auch die anderen Posts haben es in sich. "Es wird Zeit das der Deutsche Michel wach wird und sich von der bequemen Couch erhebt" (Rechtschreibung im Original), um für die "Deutsche Identität zu kämpfen". Der Post schließt mit "Deutschland erwache", die Parole ist Teil des verbotenen Sturmliedes der SA. Die Posts sind durchsetzt von Hass gegen Grüne, Linke, die Antifa und Andersdenkende, denen gerne auch mal der Tod an den Hals gewünscht wird ("TOD den LINKEN und ROTEN Bastarden!!!").

Einmal geht er offenbar sogar so weit, Kopfgeld auszusetzen: "1000 € für denjenigen, der mir diesen elenden islamisten Hund vor meine Haustür legt." Das "Salafistenschwein" brauche dringend "eine Lektion außerhalb des Gesetzes". Auch Tag24 veröffentlichte einen Facebook-Kommentar aus Knajders "altem" Leben aus dem Jahr 2013: Da beleidigt er jemanden als "elende Kommunisten Votze" und will dessen "Anarchisten Fresse" einschlagen. "Solche Ratten wie dich brauchen wir echten Deutschen sicher nicht", so Knajder. Über seine Vergangenheit und die Posts will er nicht mit VICE sprechen. "Es wird immer wieder alles verdreht. Ich möchte mich da auch nicht mehr äußern", sagt er nur.

Knajder ist nicht das einzige Mitglied des Vereins "Dresdner Bürger helfen Dresdner Obdachlosen und Bedürftigen", das in der Vergangenheit mit rechtsradikalen Aussagen auffiel. Auch zu den Facebook-Aktivitäten von Uwe Riedel, dem Zweiten Vorsitzenden des Vereins, kursieren einige Screenshots auf Twitter. Einem dieser Posts zufolge soll er Kriegswaffen mit einem Foto zum Verkauf angeboten und ein Bild einer Pistole mit scharfer "Hohlspitzmunition" veröffentlicht haben. Den Behörden soll Riedel bekannt sein, das schreibt er den Screenshots zufolge zumindest selbst: "wenn der Staatsschutz bimmelt…", soll er auf Facebook gepostet haben. "Ham den Aktenkoffer von von Stauffenberg gesucht", schreibt er seinen Freunden zur Erklärung. Der Hintergrund des Posts: Einen Tag vor dem Dresden-Besuch von Angela Merkel Anfang Oktober soll er laut Screenshots auf Facebook nach der "Aktentasche von Stauffenberg" gefragt haben – und damit en passant einen Anschlag herbeigesehnt haben. Der Bauunternehmer Riedel soll auf Facebook ebenfalls für die NPD und die Identitäre Bewegung geworben haben.


Auch bei VICE: Unterwegs bei Europas größtem Nationalisten-Treffen


Knajder wird indes immer wieder eine Verbindung zu Pegida nachgesagt. In einem Artikel der Zeit wird etwa seine Tätigkeit als Ordner bei den patriotischen Europäern thematisiert. Es gibt auch Bilder, die ihn und Lutz Bachmann auf einer Rednerbühne zeigen. "Ich bin nie als Ordner von Pegida aufgetreten", widerspricht Knajder. Doch er gibt zu, bei den Montagsdemos mitgewirkt zu haben. "Ich habe ein Sicherheitskonzept für die Pegida-Bühne erarbeitet", sagt er. Er habe dies aber nicht aus Überzeugung gemacht, die Arbeit dort sei rein professionell gewesen: "Das ist meine freie Entscheidung und heißt noch lange nicht, dass das mein Gedankengut ist, was dort gesagt wird."

Die Verbindungen zu Pegida erscheinen sehr viel enger zu sein, als Knajder zugeben will. 2016 streitet er sich auf Facebook mit dem Talkshowgesicht von Pegida, Kathrin Oertel. Die überzeugte Pegida-Frontfrau nennt Knajder einen "Extremisten". Er drohte ihr daraufhin, Details aus einem Gespräch zu enthüllen, das Oertel mit dem sächsischen Innenminister Ulbig geführt hatte. Außerdem nennt er sie eine "notorische Lügnerin und Betrügerin". Spricht so jemand, der nur als Sicherheitsexperte für Pegida gearbeitet haben will?

"Ich bin ein bekennender Islamkritiker", sagt Knajder gegenüber VICE. "Weil ich der Meinung bin, dass diese Religion, wie sie hier ausgelebt wird, nicht in unsere Welt und ins 21. Jahrhundert passt."

Ob seine Weltsicht ins 21. Jahrhundert passt, ist auch fraglich. Die Stadt Dresden will ihn zumindest bei seiner Arbeit nicht unterstützen, sagt er – weil sie dem Verein Fremdenfeindlichkeit vorwirft.

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