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Der Schweizerische Fussballverband könnte bald Doppelbürger sperren – Ein offener Brief

Der SFV-Generalsekretär Alex Miescher findet: "Mit Doppelnationalitäten schaffen wir Probleme."
6.7.18
Foto von imago/Jan Huebner

Lieber Schweizerischer Fussballverband, lieber Generalsekretär Alex Miescher,

Das Public Viewing des Achtelfinalspiels Schweiz gegen Schweden habe ich nach fünf Minuten wieder verlassen. Nicht etwa, weil mich die Leistung der Spieler derart gekränkt hätte. Auch nicht wegen Ihnen, Herr Miescher – kannte ich Sie bis zu Ihrem Interview in der NZZ vom 5. Juli doch gar nicht. Der Grund, wieso ich das Public Viewing mit den etwas gar generalisierenden Worten "Fucking Fussball, macht alle so scheiss emotional" verlassen habe, war viel banaler: In diesen fünf Minuten wurde ich mehrere Male von hinten angefaucht, dass ich doch bitte meinen 1.93 Meter hohen Körper woanders hinstellen soll, weil ich den Fauchenden die Sicht auf die Leinwand blockiere. Und trotzdem widme ich Ihnen diesen Brief, Herr Miescher, weil auch Sie in Ihrem NZZ-Interview der Vernunft keinen Dienst erweisen.

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In diesem sagen Sie unter anderem:

"Mit dem Ermöglichen von Doppelnationalitäten schaffen wir Probleme, nicht nur auf den Fussball bezogen. Es gibt gesellschaftliche Ungerechtigkeiten. Ich frage mich, ob die Schweiz ein Interesse daran haben müsste, dort Schranken zu setzen. Gehen wir davon aus, dass an einer künftigen WM nicht nur die Schweiz spielt, sondern auch Bosnien, Kroatien, Albanien und mehrere afrikanische Länder. Da ist es möglich, dass wir viele Spieler von anderen Teams ausgebildet haben. Ganz oben in der Politik müsste man sich vielleicht fragen: Wollen wir Doppelnationalitäten? Oder sollte man sich ab einem gewissen Alter für eine Nationalität entscheiden?"

In der Schweiz leben nach Angaben des Bundes rund 916.000 Doppelbürger und Doppelbürgerinnen mit Schweizer Pass. Addiert man die Doppelbürger dazu, die im Ausland leben, sind es sogar 1.48 Millionen. Die Realität ist also: Jeder siebte respektive sogar jeder vierte Schweizer ist Bürger eines zusätzlichen Landes.

In der Wissenschaft gibt es das Konstrukt der hybriden Identität. Die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung erklärt dieses so: "Hybride Identität bedeutet, dass ein Mensch sich zwei oder mehreren kulturellen Räumen gleichermassen zugehörig fühlt." Damit ist gemeint, wenn ein Schweizer, der gleichzeitig Kosovo-Albaner ist, die Schweizer Pünktlichkeit schätzt, aber auch den hohen Stellenwert der Familie im Kosovo. Nur weil beides nicht am gleichen geografischen Ort zu finden ist, muss er sich nicht für die Pünktlichkeit oder die Familie entscheiden.

Über hybride Identität sprechen auch Sie, Herr Miescher, zum Beispiel wenn Sie sagen:

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"Und in den meisten Fällen machen wir mit Doppelnationalitäten auch dem Spieler keinen Gefallen. Bei der Aufnahme des Kosovo in die Uefa monierten wir, dass alles viel zu schnell gehe und viel zu unklar sei. Für den Spieler ist es schwierig, wenn er sich entscheiden muss. Es ist wie bei einem Scheidungskind, das sich zwischen Vater und Mutter entscheiden muss."


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Auch ich habe ähnliche Erfahrung gemacht, bevor ich vom Schweizer Nachbarland Liechtenstein nach Zürich gezogen bin. Mich beschäftigten Fragen wie: Wo soll meine Zukunft stattfinden? Im Land, in dem meine bisherige Geschichte stattgefunden hat? Oder in einem Land, in dem ich mir vieles neu aufbauen müsste? Wo möchte ich meine Feierabende verbringen? In der ländlichen Berg-Idylle oder der städtischen Szene-Hektik? Zu welcher Gesellschaft möchte ich beitragen? Wo stehen die Chancen für mich besser, Erfolg zu haben und mich gleichzeitig akzeptiert zu fühlen?

Das mag etwas lächerlich erscheinen, wissen viele Schweizer erfahrungsgemäss nicht einmal, dass Liechtenstein nicht zur Schweiz gehört. Doch zeigt es auch, dass diese Entscheidung keine einfache ist – sogar für jemanden aus einem Land, das offen gesagt wirklich fast ein zweites Appenzell Innerrhoden ist, nur eben mit eigenem Mikrokosmos aus Regierung, Parlament und Fürstenhaus. Dementsprechend schwierig dürfte die Entscheidung Leuten fallen, deren Wurzeln nicht nur in der Schweiz, sondern auch einer weiter entfernten Kultur liegen, der albanischen, kamerunischen oder bosnischen zum Beispiel.

Um auf Ihren Vergleich mit dem Scheidungskind zurückzugreifen, Herr Miescher: Ist es für die positive Entwicklung des Kindes wirklich am besten, wenn man ihm aufzwingt, ob es zum Vater oder zur Mutter ziehen muss? Ob es sich für die Schweiz, Albanien oder Bosnien entscheiden soll? Oder hilft es dem Kind am meisten, wenn man es selbst entscheiden lässt, wo es ihm besser gefällt?

Sie fragen die Menschen "ganz oben in der Politik", ob die Schweiz wirklich Doppelbürger will – und entscheiden sich damit gegen ebenfalls mögliche Fragen wie: Wie können wir für die 916.000 Doppelbürger möglichst gute Anreize setzen, sich für die Schweiz zu entscheiden? Wie können wir die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund so gestalten, dass ihnen die Entscheidung für die Schweiz leicht fällt?

"Eine Debatte beruhigt man, wenn man Menschen in erster Linie Menschen sein lässt, und erst in zweiter, dritter oder gar keiner Linie Schweizer, Albaner oder Bosnier."

Sie sagen im Interview, Herr Miescher, dass sie das Thema der Doppelbürger unter anderem anstossen, weil es eine Beruhigung der Debatte um diese brauche. Und dass sie es auch wieder verwerfen werden, "wenn es dann heisst, es sei eine Schnapsidee". Nun, eine Beruhigung in einem Thema, das hauptsächlich von populistischen Politikern bearbeitet wird, erreicht man nicht, wenn man es mit den gleichen Fragen wie die populistischen Politiker auf den Tisch bringt. Eine Beruhigung erreicht man, wenn man Menschen in erster Linie Menschen sein lässt, und erst in zweiter, dritter oder gar keiner Linie Schweizer, Albaner oder Bosnier.

Die Antwort auf die Frage nach der Schnapsidee überlasse ich Ihnen abschliessend gerne selbst.

Mit freundlichen Grüssen
Einer, der hoffentlich bald Doppelbürger sein wird.