Nazi-Wikinger

Neonazis in Wolfspelzen: Wie Rechtsextreme ein Wikinger-Festival in Polen unterwandern

Bereits zum 24. Mal verbrüdern sich Neonazi-Wikinger aus ganz Europa auf einem riesigen Festival. Historisch korrekt ist das selten. Aber ein guter Vorwand, mal wieder Hakenkreuze und SS-Totenköpfe zu zeigen.

von Michael Bonvalot
20 August 2018, 11:54am

Alle Fotos von Karl Banghard

Ein "Wikinger" macht sich zum Kampf bereit, das Publikum johlt. Vor einem Zelt wartet eine junge Frau in mittelalterlicher Kleidung auf ihren Auftritt. Eine junge Familie spaziert zwischen rekonstruierten Hütten umher, die Mutter hat ein kleines Kind an der Hand, der Vater schiebt den Kinderwagen. Auf den ersten Blick wirkt alles ganz normal auf dem "Mittelalter-Festival der Wikinger und Slawen" im archäologischen Freiluftmuseum in Wolin an der polnischen Ostsee.

Erst ein genauer Blick zeigt: Auf das Schild des angeblichen Wikinger-Kämpfers ist ein riesiges Hakenkreuz gemalt. Auch auf dem weißen T-Shirt des Vaters sind mehrere Hakenkreuze zu sehen. Und auf der liebevoll gestickten Standarte der mittelalterlichen Frau prangt ein weißer Adler auf rotem Untergrund. Auf dessen Brust: ein weiteres Hakenkreuz.

Je höher die Sonne an diesem Tag Anfang August steigt, desto sichtbarer werden einschlägige Tätowierungen auf den Oberkörpern von Männern. Darunter SS-Totenköpfe, NS-Runen, Sonnenräder, Aufschriften von "Blut und Ehre" und noch mehr Hakenkreuze. Mit historisch korrekter Darstellung des Wikinger-Alltags hat das nichts zu tun. Viele Besucher nutzen das Festival als Vorwand, um Nazi-Symbolik zur Schau zu tragen.

"Wolin ist für Neonazis aus ganz Europa eine zentrale Pilgerstätte."

Karl Banghard beobachtet die Situation in Wolin bereits seit Jahren. Er ist Leiter des Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen und hat 2016 die Informationsbroschüre "Nazis im Wolfspelz" über die rechte Wikinger-Szene herausgegeben (die Broschüre könnt ihr hier runterladen). Banghard berichtet, dass auf dem Festival unter anderem Neonazis und einschlägige Gruppen aus Polen, Deutschland, Russland und zahlreichen osteuropäischen Ländern anwesend wären. Darunter seien Blood & Honour, Hammerskins, Fans von National Socialist Black Metal (NSBM) oder auch rassenesoterische Gruppen.

Die Neonazis von Blood & Honour könnten in Deutschland ihre Symbole kaum so offen tragen. In Wolin sei das kein Problem, sagt Banghard: "Wolin ist für Neonazis aus ganz Europa eine zentrale Pilgerstätte." Vor allem für Besucherinnen und Besucher aus Deutschland liegt die Ostsee-Insel hervorragend: Bis zur Grenze sind es nur rund 25 Kilometer, bis nach Berlin gerade einmal 200 Kilometer. Kein Wunder also, dass im Publikum auch zahlreiche deutsche Neonazis sind, wie an den Aufschriften auf verschiedenen T-Shirts gut erkennbar ist.

Neben und zwischen den offen auftretenden Neonazis spazieren aber auch normale Besucherinnen und Besuchern über das Gelände, die beim mittlerweile 24. "Festival der Slawen und Wikinger" zwischen dem 3. und dem 5. August 2018 etwas über die Geschichte des Mittelalters erfahren wollen. Darunter sind viele Kinder. Rund 30.000 Menschen sollen in diesem Jahr gekommen sein, behauptet Agnieszka Gawron Kłosowska, eine der Organisatorinnen. Dazu kämen 2.700 aktive TeilnehmerInnen aus 32 Ländern, wie sie auf Facebook schreibt.


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Das Festival hat dabei einen ganz offiziellen Charakter, wird sogar auf der Website des polnischen Tourismusverbandes beworben. Dort heißt es, das Fest sei "eine der wichtigsten historisch-archäologischen Veranstaltungen in ganz Mitteleuropa". Die Ausstellungsstätte wird mit staatlichen Mitteln aus Polen sowie mit Geldern der EU gefördert. Angebote auf der Veranstaltungs-Homepage gibt es auf Polnisch, Deutsch und Englisch.

Für den Archäologen Banghard zeigt das, dass dieser seriöse Schein für "Nazis eine gute Möglichkeit ist, um ihre Ideologie als trojanisches Pferd in die Mitte der Gesellschaft zu bringen".

"Blut und Ehre" als Tattoo-Motiv. Bei dem Festival trafen sich auch Vertreter von "Blood & Honour"

Warum sich Neonazis in Wolin so wohl fühlen? "Hier in Wolin fühlen wir den Geist unserer Vorfahren. Es ist der beste Platz für Treffen unserer Bewegung. Wir sind alle gegen das moderne System, speziell gegen die Demokratie und das N**** liebende System. Wir hassen das Christentum. Wir sehen [Demokratie] als Z.O.G. [Zionist Occupation Government] und jüdische Eroberung."

Die Aussage findet sich in einem Reisebericht des US-Neonazi-Fanzines Resistance aus dem Jahr 2001. Laut dem Fanzine soll sie von Igor Górewicz stammen, der rund um das Festival bis heute eine zentrale Bedeutung hat. "Er ist eine Ikone der Szene", erklärt Karl Banghard. Offiziell soll sich Górewicz inzwischen aber vom Neonazismus distanziert haben, sagt der Wikinger-Experte.

Auf dem Fest kommen Kinder spielerisch mit Neonazi-Ideologie in Berührung.

Der Autor des Berichts im Neonazi-Fanzine zeigt sich in seinem Reisebericht auch von den Möglichkeiten am Festival begeistert: "Die Atmosphäre war ruhig, obwohl die vielen Skinheads sich mit den 'normalen' Menschen vermischten. Viele Leute trugen offen Abzeichen mit nationalsozialistischen Symbolen. Solche Abzeichen waren nicht auf jüngere Personen beschränkt, auch viele ältere Leute trugen sie."

In seinem Wikinger-Kostüm würde Górewicz aussehen, als wäre er "gerade aus einer Zeitmaschine aus einer Ära gestiegen, wo die Starken gedeihen und die Schwachen verenden", beschreibt der Autor seine NS-Ideologie. Als Verantwortlicher für den Bericht wird ein "Kurt Hubert" aufgeführt; vermutlich ein Pseudonym, das sich auf Kurt Hubert Franz beziehen könnte – den letzten SS-Kommandanten des Konzentrationslagers Treblinka. Er gilt als einer der brutalsten Mörder im gesamten Holocaust.

Ein Hakenkreuz auf der Kopfbedeckung eines Besuchers, neben einem Mädchen auf der Bierbank

Im Neonazi-Fanzine spricht "Kurt Hubert" auch mit einem polnischen Rechtsextremen, der die Bedeutung des Festivals für die Szene erklärt. Das Publikum würde das angeblich authentische "heidnische Leben" sehen und "den Geist der früheren Zeiten" fühlen. Worauf der Rechtsextreme hofft: "Vielleicht werden einige am Nachhauseweg darüber nachdenken und ihre eigene Kultur schätzen. Das ist das Ziel dieser Veranstaltungen – ihr Unterbewusstsein wecken, sodass sie über ihre europäischen Wurzeln nachdenken."

An der Situation auf dem Festival habe sich in den vergangenen 17 Jahren seit dem Bericht nichts geändert, erklärt der Archäologe Karl Banghard: "Wir sehen überall auf dem Festgelände einschlägige neonazistische Symbole. Dabei wird so getan, als wäre das eben die historische Wirklichkeit. So wird Neonazi-Propaganda normalisiert." Die geschichtliche Realität würde das aber in keiner Weise wiedergeben: "Vielleicht gab es bei den Wikingern tatsächlich irgendwo mal ein Hakenkreuz oder ein Sonnenrad. Aber in der Dimension ist das völlig überproportioniert und kompletter Unsinn."

Probleme mit einschlägigen Symbolen gibt es auch auf anderen Wikinger-Festen. So tauchen zum Beispiel bei den Wikingertagen in Schleswig immer wieder einschlägige Symbole auf. 2014 war es beispielsweise ein mutmaßliches Hakenkreuz, 2016 ein Sonnenrad. Wolin hat für die Szene aber eine ganz besondere Bedeutung: "Wolin steht nicht irgendwo auf der grünen Wiese. Es ist tatsächlich ein wichtiger archäologischer Fundplatz. Damit ist das Festival für die frühmittelalterliche Szene enorm wichtig. Es liefert starke Bilder, es schlägt medial unglaublich ein, es öffnet Emotionen."

Eine Fahne zeigt einen stilisierten Adler mit Hakenkreuz auf der Brust

Genau deshalb sei Wolin auch für Neonazis so interessant, sagt Banghard: "Wenn etwas in dieser Ausgrabungsstätte präsentiert wird, glauben die Besucherinnen und Besucher, dass die Darstellung historisch korrekt ist. Damit gibt es dann auch für neonazistische Symbole eine breite Akzeptanz." Der Archäologe erklärt, dass über das Thema Wikinger auch ein wichtiger Schulterschluss zwischen den Neonazi-Szenen verschiedener Länder geschaffen wird. "Die Rassen-Ideologie der Nazis war natürlich vor allem für Neonazis aus Osteuropa oft ein Hemmschuh. Immerhin wären sie selbst angebliche Untermenschen gewesen. Doch alle können sich darauf einigen, Wikinger zu sein."

Die Möglichkeiten des Wikinger-Themas erkannten die NS-Eliten bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Sie bauten die "Nordische Gesellschaft" auf, die große wissenschaftliche Konferenzen veranstaltete. Unter der ideologischen Klammer der Wikinger-Vergangenheit sollten alle Länder der Nordsee und der Ostsee an das Deutsche Reich gebunden werden. Später gab es sogar eine eigene SS-Division mit dem Namen Wiking, die für Morde, Kriegsverbrechen und Massenmorde an JüdInnen verantwortlich war. Der erste Divisionskommandeur, Felix Steiner, soll die Truppe mit den Worten "Heil euch, Wikinger" gegrüßt haben. Steiner soll später auch namensgebend für die rechtsextreme Kleidermarke Thor Steinar geworden sein soll, wie ein deutsches Gericht feststellte.

Hakenkreuz-Borte um die Hüften einer Besucherin.

Doch bis heute sei das nordische Thema anschlussfähig und scheinbar neutral für Naziorganisationen, erklärt Karl Banghard. Deshalb seien auch Wikingerfestivals wie das in Wolin innerhalb der Szene so wichtig. Sehr viele Menschen kämen dort mit neonazistischer Agitation in Berührung, ohne dass sie es überhaupt bemerkten. Aktuell würde das Thema vor allem in Osteuropa, aber auch in den USA, verstärkt benützt. "Im Zusammenhang mit autoritären Veränderungen entsteht in einigen Ländern eine neue Nationalesoterik", sagt der Archäologe. Dass es zu Wikingern immer noch viele Forschungslücken gibt, helfe der Sache. Denn "wenn vieles unbekannt ist, kann ich auch viel rein interpretieren oder erfinden".

Gleichzeitig ist es dem Experten wichtig, nicht zu verallgemeinern: 90 Prozent der Leute in der Reenactment- und Living-History-Szene seien absolut OK. "Viele engagieren sich vorbildlich gegen rechts und gegen Geschichtsfälschungen. Eine Schwierigkeit ist aber, dass es immer wieder Solidarisierungseffekte gibt, wenn Probleme aufgezeigt werden", sagt Banghard.

Am Ende ist das Wikinger-Thema Teil eines rechten Kulturkampfes und einer unterschwelligen Umdeutung der Geschichte. Wir sollten künftig genauer hinsehen, wer Veranstaltungen wie das "Mittelalter-Festival der Wikinger und Slawen" in Wolin besucht.

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