2017

Warum euch 'Absolver' nach diesem harten Jahr sehr glücklich machen könnte

Stellt euch vor, Bud Spencer und Jackie Chan hätten zusammen ein 'Dark Souls'-Spiel gemacht.
23.12.17
Screengrabs vom Autor 'Absolver' (c) Devolver Digital

Egal wie scheiße der Tag, die Woche oder das Jahr waren, nach einer Stunde Absolver, in der man sich als maskierte Frau von Gegner zu Gegner boxt, ist man wieder ausgeglichen. Deshalb – und weil es ein Videospiel ist, das 2017 etwas untergegangen ist – erkläre ich es zu meinem persönlichen Spiel des Jahres. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch euch sehr glücklich machen könnte.

Das Spielerlebnis, das zwar manchmal frustrierend herausfordernd ist, fühlt sich an wie bei Dark Souls , wobei man aber Schläge und raffinierte Fußtritte austeilt, anstatt mit Schwertern oder Äxten zu hantieren. Die Befriedigung eines einzelnen Sieges ist damit viel stärker – "handgemacht" sozusagen. Das Setting sind friedliche Pastellfestungen und steinerne Turmbauten, bei denen man zwar mit Namen wie "Raslan Coliseum" oder "Adalian Columbary" konfrontiert wird, aber Folklore und Hintergründe des Spiels bleiben großteils ein Mysterium. Das ist Realitätsflucht vom Feinsten, die nach den Wahlkämpfen und der allgemeinen heimischen Ungemütlichkeit dieses Jahres eine willkommene Abwechslung bietet.

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Diese Welt, die optisch an The Witness, mein letztjähriges Spiel des Jahres, erinnert, wird euch in ihre Schönheit einwickeln wie eine Bettdecke aus cuten Hundebabys. Und wenn ihr dann an jeder Ecke auf Gegner trefft, die euch am liebsten in der Luft zerreißen würden (und somit ein bisschen an Online-Diskussionen rund um #metoo oder die "Islamisierung" erinnern), geht der Spaß erst richtig los!

Screengrab vom Autor 'Absolver' (c) Devolver Digital

Im Kampf gegen diese Hater könnt ihr einiges falsch machen – aber auch einiges richtig. Wenn letzteres zutrifft, bekommt das Gameplay von Absolver einen unheimlich beruhigenden Rhythmus – wie ein Elektro-Beat. Nur ist der nicht monoton und geradlinig, sondern komplex und vielschichtig, und du fühlst dich plötzlich wie ein Tool-Schlagzeugsolo.

Jeder Kampf ist etwas Neues, vor allem durch die große Variation an Watschen und deren Kombinationsmöglichkeiten. Dazu kommen vier unterschiedliche Körperhaltungen und Ausgangsstellungen. Man muss sich anpassen, verdrehen und auf alles gefasst sein, ein bisschen wie beim Lesen von Trumps Tweets. Euch stehen viele verschiedene fiese Kampfstile zur Verfügung. Mein Favorit: der besoffene "Stagger"-Stil. Die Lernkurve des Spiels ist dadurch nicht steil, aber extrem befriedigend, wenn ihr eure persönliche Schlagabfolge beherrscht wie eine Hau-drauf-Choreografie von Jackie Chan oder Bud Spencer.

Hier ein Fallbeispiel, was an Absolver besonders glücklich macht: Ich laufe eine Lichtung entlang, ein Gegner hinter einem Baum zieht ein rostiges Schwert aus dem Gras und greift mich an. Ich fluche wie Van der Bellen nach der Angelobung, da ich meine Rüstung gerade nicht auf scharfe Waffen ausgelegt habe. Ich stecke meine ganze Konzentration in defensive Ausweichbewegungen und innerhalb einer Hundertstel Sekunde finde ich einen guten Angriffsmoment. Ganz knapp, mit einem minimalen Rest Health, besiege ich ihn doch.

Screengrab vom Autor 'Absolver' (c) Devolver Digital

So einen Fight zu überstehen fühlt sich warm und wunderschön im Bauch an – wie die erste Liebe. Und ein bisschen ist es das auch, immer und immer wieder. Natürlich, du wirst auch hin und wieder sterben. Aber nach der Auferstehung an einem Altar sind die "Spielfiguren" wieder alle aufgestellt und dein Schicksal nimmt einen neuen Lauf.

An der selben Lichtung erwartet mich vielleicht jetzt ein komplett anderer Gegner, – vielleicht auch mehrere. Diese Ungewissheit muss man einfach lieben. Denn nur mit Übung und tatsächlichem Können schaffst du es, Absolver auszuspielen. Und das ist die schönste Genugtuung: Zu wissen, was man tut, und das Spiel wirklich zu ownen. Das bringt auch eine stärkende Hoffnung und ein unheimlich motivierendes Mantra mit sich: Durchhalten, nicht unterkriegen lassen, weiterkämpfen – egal ob du ein schlaksiges Würstchen, eine malträtierte Frau oder einfach nur gegen rechtsextreme Politik bist. Ja, ich spreche wieder vom vergangenen beschissenen Jahr.

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Ich versuche gar nicht erst, die blaue Aura der "Schlagabsorbierung" und die allgemeine Komplexität des Kampfsystems in Absolver zu erklären. Du wirst deinen eigenen Weg und diesen einen, perfekten Moment finden. Der Moment, in dem du dich mit deiner persönlichen Kollektion an Kampfsport-Moves, dem richtigen Flow deiner Fäuste und dem schönen Glitzern eines Sonnenuntergangs im Nacken in dieses Spiel verliebst. Und vielleicht bereitet es dich ja vor auf das neue Jahr und die vielen beschissenen Dinge, die da so kommen könnten.

Screengrab vom Autor 'Absolver' (c) Devolver Digital

Unsere Top-Spiele des Jahres (neben Absolver) waren außerdem: Horizon Zero Dawn, XCOM 2: War of the Chosen, Prey und Wiz Khalifa's Weed Farm .

Josef auf Twitter: @theZeffo

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