Ich war beim Intimmassage-Workshop und habe etwas über unsichere Männer gelernt
Alle Fotos: Eva L. Hoppe

Ich war beim Intimmassage-Workshop und habe etwas über unsichere Männer gelernt

Das Handjob-Seminar hat mir gezeigt, wie man Penisse vorm Burnout bewahrt.
30.1.18

"Offiziell mache ich heute einen Kochkurs", sagt eine Frau mit dunkler Brille und Baumwoll-Halstuch. Sie grinst verschwörerisch, die anderen Frauen im Kreis lachen erleichtert auf, weil sie offenbar nicht nicht die einzigen sind, denen die Veranstaltung unangenehm ist. Niemand hat sich alleine ins Tantra-Studio United Bliss getraut. Wir sitzen in Grüppchen, die Rücken an die weißen Wände, in einer Erdgeschosswohnung in Berlin-Friedrichshain. "Wir hatten am Anfang immer mehr Bewerbungen von Männern", erzählt Iva, "die wollten Modell stehen." Iva veranstaltet an diesem Montag den "Handarbeitsabend". Sie wird uns zeigen, wie man Penisse richtig massiert.

Männer haben hier allerdings keinen Zutritt. Die 38-jährige Iva, dreifache Mutter, Tantra-Masseurin und Sexological Bodyworkerin, leitet den Kurs: "Zu mir kommen oft Menschen, die ihren Körper nicht richtig bewohnen", sagt sie. Dabei hebt sie ihre Hand über den Kopf, als ziehe sie einen Strich auf einer unsichtbaren Skala: "Deren Körperbewusstsein ist ungefähr hier." Das liege auch an dem falschen Bild, das Pornos vermitteln. Viele Frauen wüssten nicht, wo ihre Klitoris sei, und bei einem Großteil der Männer bedeute Sex vor allem, jemanden zu penetrieren und dann abzuspritzen. Um aufzuklären, was man tatsächlich alles mit einer Vulva und einem Penis machen kann, bieten Iva und ihre Partnerin Britta Workshops für Intimmassagen an. "Die meisten Penisse sind sehr gestresst", sagt Iva, "und ich will keinen gestressten Penis mehr in mir haben." Ich bin hier, um mit Massagetechniken zu lernen, wie man den gestressten Penissen hilft, sich zu entspannen.

Dadurch, dass in Pornos immer die männliche Ejakulation im Fokus sei, sagt Iva, stünden viele Männer unter Leistungsdruck, einen Orgasmus zu haben. Das Resultat: Sie verkrampfen, haben eine flache Atmung – oder kriegen erst gar keine Erektion. Die Intim-Massage soll dem entgegenwirken – auch wenn ein Orgasmus dabei nicht im Vordergrund steht. Oder wie Iva formuliert: "Nur weil er während der Massage einen Ständer bekommt, heißt das noch nicht, dass ihr ins Wichsen übergehen müsst."

Plüschpenis "Viktor" hat eine Vorhaut, damit Iva die Handgriffe besser vorführen kann

Als Iva fragt, was wir uns vom Workshop erwarten, antworten die meisten, sie wollen den männlichen Körper besser kennenlernen – andere sagen, sie seien selbst als erwachsene Frauen beim Sex noch oft unsicher. "Ich will mein Repertoire erweitern", sagt eine junge Frau mit Brille und braunem Pferdeschwanz, ihre Freundin habe sie überredet mitzukommen. Sie sagt, sie wisse oft nicht, wie sie einen Mann anfassen soll: "Und dann mache ich einfach das, was in der Vergangenheit schon gut funktioniert hat." Alle nicken. Ich erhoffe mir vom Workshop auch neue Handjob-Skills. Andererseits: Was bringt die beste Technik, wenn ich meinen Partner nicht fragen kann, ob er das überhaupt gut findet?

Wir sollen verschiedene Namen für das männliche Genital aufschreiben

US-amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Frauen öfter einen Orgasmus haben, wenn sie mit Frauen Sex haben. Männer schneiden in der Studie eher schlecht ab, weil sie den weiblichen Körper weniger gut kennen. Das Fazit: Wer bessere Orgasmen haben will, sollte seine Turn-ons besser kommunizieren. Und dabei will Iva Menschen mit ihrer Arbeit helfen – egal, welches Geschlecht sie haben. Iva erzählt, sie habe viele Paare erlebt, die vor den Tantra-Sessions nie richtig kommuniziert hätten. "Und dann kommt nach Jahren raus, dass eine vermeintlich gute Stellung weder dem einen, noch dem anderen gefällt."

Die erste Kommunikations-Challenge läutet Iva mit einem Kennenlernspiel ein. Wir sollen mindestens drei Bezeichnungen für das männliche Geschlechtsteil auf einen Zettel schreiben. Auf meinem blassgelben Papierfetzen notiere ich "Schwanz", "Dick", "Penis" und werfe ihn in die Metallschale, die Iva rumreicht. In der nächsten Runde zieht jede von uns einen fremden Zettel aus dem Papierhaufen und liest die Begriffe einer anderen Teilnehmerin vor. Die meisten der Wörter kenne ich: "Schniedel", "Puller", "Ding" und "Glied". Sie stehen in meiner Sexhistorie auf der Liste der verbotenen Begriffe. Auf dem Zettel, den ich auseinandergefaltet habe, steht neben "Penis" und "Schwanz" aber auch ein Wort, das ich noch nie benutzt habe: Lingam.


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Iva erklärt, das Wort "Lingam" ist Sanskrit und beschreibt das männliche Genital, also Penis, Hoden und Prostata. Das weibliche Pendant dazu bildet die "Yoni", der gesamte weibliche Schoß. Während sie das erklärt, kreisen Ivas Hände energisch über ihren Unterbauch, über die Vulva und nach oben Richtung Gebärmutter. Als erinnere sie sich daran, dass wir heute nicht wegen unserer Yonis hier sind, sondern um etwas über gestresste Penisse zu lernen, liest sie uns einen Text aus einem Buch für Lingam-Massagen vor.

Ich lerne, dass wir Penisse oft nicht wertschätzen

"Der Lingam wird oft als Stoß- oder Befriedigungsorgan missbraucht", hat die Autorin Michaela Riedl dort geschrieben, dabei sei der Lingam eher ein Liebesstab. Noch bevor wir den ersten Penisgriff des Abends proben, ergießt sich ein Schwall an Lingam-Liebe über der Gruppe. "Das berührt mich im Herzen!", haucht eine dunkelhaarige Frau und wippt aufgeregt mit ihren Zehen. Die Brillenträgerin, die heute eigentlich beim Kochkurs ist, will nun Penis-Philosophien an die Männerwelt hinaustragen: "Die müssen sich dessen auch bewusst werden." Mit den einfühlsamen Worten hat Iva offenbar etwas in den Frauen ausgelöst: Einst wollten wir lernen, wie man wichst – nun empfinden viele von uns Empathie für die gestressten Penisse und ihre Träger.

Ich gehöre in diesem Raum allerdings zu den wenigen, die den Text nicht so inspirierend finden, dass sie ihn sich an die Kühlschranktür hängen würden. Während die anderen Teilnehmerinnen von "schönen" Penissen reden und darüber, dass der Begriff "Schwanz" die Ästhetik des Objektes nicht ausreichend wertschätze, wird mir klar, dass mir Penisse relativ egal sind, wenn ich nicht gerade mit ihnen Sex habe, in ihren Träger verliebt bin oder sie als Inspiration für kleine Pimmel-Malereien benutze. Gehöre ich am Ende etwa selbst der Gruppe der Menschen an, die Lingame nur als Stoßobjekte betrachten? Immerhin bekomme ich nun die Chance, ein paar wertschätzende Massage-Griffe zu lernen.

Sektflaschen dienen als Ersatzschwänze, an denen wir üben sollen

Der praktische Teil wird trotz Männerverbot von einem Penis begleitet: Viktor, einem rosafarbenen Stoffpenis mit umstülpbarer Vorhaut und lose baumelndem Plüsch-Hodensack. An ihm präsentiert Iva die Techniken, mit denen die Männer ihrem Körperbewusstsein ein Stückchen näher kommen sollen: die "geni(t)ale Streichung", "Shivas Entzücken" (Daumenbeere auf Frenulum) oder "Shaktis Delight" (so etwas wie ganz normales Wichsen).

Auf dem Flyer, den Iva verteilt, sind Fotos und Beschreibungen der Techniken, und ein Rand mit Platz für ergänzende Notizen und kleine Peniszeichnungen. "Den könnt ihr in eine Plastikfolie packen", sagt sie, "dann kommt kein Öl dran, wenn ihr ihn bei der Massage als Anleitung benutzt." Dann verteilt Iva dunkelgrüne Sektflaschen: unsere Ersatzschwänze zum Üben.

Hätten wir früher in der Schule so aufmerksam mitgeschrieben wie die Teilnehmerinnen des Handarbeitsabends – unsere Lehrer wären stolz gewesen. Während Iva Viktors Vorhaut abwechselnd rauf- und runterschiebt, seine Stoffhoden massiert und den schweinchenfarbenen Schaft rubbelt, gilt ihr die maximale Aufmerksamkeit des gesamten Kurses. Iva verwöhnt Viktor mit dem "Fire & Rain": "Zum Feuermachen muss der Lingam hart sein", sagt sie, "dann reibt ihr ihn wie ein Feuerstäbchen. Aber nicht zu weit unten, sonst peitscht er hin und her."

"Nur weil er während der Massage einen Ständer bekommt, heißt das noch nicht, dass ihr ins Wichsen übergehen müsst."

Die Unsicherheit, die am Anfang im Raum lag, ist verschwunden. Als Iva uns den "Juicer" zeigt und mit geübten Fingern an Viktors Eichel schraubt ("Legt euch in die Kurve, als würdet ihr eine Zitrone auspressen!"), sagt eine Frau mit blonder Kurzhaarfrisur vergnügt: "Da wünscht man sich direkt einen Penis an die Hand, um alles auszuprobieren." Am Ende von Ivas Zehn-Schritte-Programm weiß ich, dass die meisten Lingame bei Schritt drei hart werden – wenn man seinen Daumen und Zeigefinger wie Essstäbchen an ihnen entlangführt – und dass der Damm ein heiliger Ort ist.

Aber ich habe auch was viel Wichtigeres gelernt: Manche Lingam-Träger wollen bespuckt, gerubbelt und zum Orgasmus gebracht werden, andere sehnen sich auch einfach nach Verständnis. Es stimmt nicht, dass von einer übersexualisierten Gesellschaft ausnahmslos alle Männer profitieren: Die meisten Mainstream-Pornos mögen zwar damit enden, dass der Protagonist sein Sperma über der Darstellerin entlädt. Aber wenn auch beim echten Sex alles darauf hinausläuft, dass der Mann seinen Orgasmus hat, struggeln die Frauen, die dabei nur zum Werkzeug werden – und eben manchmal auch die Männer, die an der Vorstellung scheitern, aus ihrem dauersteifen Penis nach jeder Penetration eine imposante Sperma-Ladung zu katapultieren.

Wenn wir bei sexpositiven Workshops lernen, wie man Genitalien oder Brüste massiert, und wir unsere Vulven zeigen, mag das auf Außenstehende wie eine Freak-Show wirken. Glaubt man Sexological Bodyworkerinnen wie Iva, können wir davon alle profitieren, weil wir unsere und die Körper der anderen kennenlernen, lösgelöst von Klempner-vögeln-Hausfrauen-Plots.

Zugegeben, ich werde Penissen wohl weiterhin nur Aufmerksamkeit schenken, wenn ich ihre Träger besonders mag oder im Porno ein besonders auffälliges Exemplar über meinen Handy-Bildschirm flimmert. Aber falls ich mal auf einen gestressten Lingam treffe, kenne ich jetzt ein paar ziemlich gute Handgriffe.

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