Anzeige
stars

Du kannst Ed Sheeran irgendwie nicht leiden? Dieser Typ erklärt dir warum

Es ist seine unfassbare Harmlosigkeit, die ihn so ätzend macht.

von Joel Golby
03 Februar 2018, 7:52am

Ed Sheeran 2015 | Foto: The Photo Access | Alamy Stock Photo

Ed Sheeran ist der größte Popstar der Welt – und einfach unausstehlich. Nach den Grammys dürfte auch der Rest der Welt endlich auf den Trichter gekommen sein. Mit "Shape of You" gewann er den Preis für Best Pop Solo Performance, und das obwohl auch Kesha mit "Praying" nominiert war, ihrem Song über die Bewältigung einer sexuellen Missbrauchserfahrung. Aber Sheeran ließ sich noch nicht mal blicken, um den Award entgegenzunehmen. Stattdessen feierte er seine Auszeichnung mit einem Katzenfoto bei Instagram.

Hier ist das Foto:

Ziemlich ätzend, nicht wahr? Aber dann auch irgendwie nicht sooo ätzend. Und genau darin liegt auch Sheerans ganz besonderer Reiz. Er bewegt sich ständig auf dieser verwaschenen grauen Linie, auf der er immer zwei Dinge gleichzeitig ist: charmant und uncharmant, Hitmaschine und Musikverweigerer, gut in Pop und schlecht in Pop, nervtötend und hinreißend, supersexuell und urgemütlich, Star und Anti-Star.

In Großbritannien kennen wir "Die Dualität des Sheeran" schon seit Jahren und jetzt ist es Zeit, dass auch der Rest der Welt aufhört, sich von dem Sänger bezirzen zu lassen, seine vielen Gesichter durchschaut, hinter die klebrig-süße Fassade blickt und sich selbst in diesem kleinen dunklen Abgrund von etwas anderem, etwas Stärkerem wiederfindet. Willkommen, Welt, tritt ein. Na, komm doch rein, es ist schön hier.

Ist Ed Sheeran ein blöder Wichser? Ein Argument zu seiner Verteidigung

Ed Sheeran ist, so leid es mir auch tut, kein blöder Wichser. Ganz im Gegenteil scheint Ed Sheeran sogar ein recht anständiger und netter Bursche zu sein. Ich wette, man kann mit ihm ganz gut ein Bierchen trinken. Also: ganz gut. Nicht gut, sondern ganz gut. Unangenehme Pausen gibt es mit ihm bestimmt nicht. Er holt ungefragt ein paar Runden und bringt dabei auch mal eine Tüte Nüsschen von der Bar mit. Wahrscheinlich vertritt er auch keine streitbaren Positionen zu irgendwelchen Biersorten. Er ist gut genug im Billard, um euch nicht zu blamieren, wenn ihr zusammen gegen zwei sauertöpfische alte Männer spielt, die gerade, als ihr an der Reihe wart, energisch 50 Cent auf den Tisch gelegt haben. "Hier gilt die Regel, Gewinner bleiben am Tisch", haben sie dazu gesagt. Du und Ed Sheeran verlasst die Kneipe in unterschiedliche Richtungen mit einer flüchtigen Umarmung und dem leeren Versprechen: "Ja, lass uns das auf jeden Fall bald wiederholen."

Ist Ed Sheeran ein blöder Wichser? Nein. Er ist bestimmt kein blöder Wichser. Wirst du ihm demnächst schreiben, ob er Bock auf ein, zwei Bierchen hat? Nein. Wirst du nicht. Du hast andere Freunde, bessere Freunde. Er hat sein ganzes ... dieses ganze Musikding am Laufen. Ed Sheeran ist bestimmt sowieso total beschäftigt. Freunde hat er bestimmt auch, oder? Bessere Freunde. Du lässt es einfach.


Aus dem VICE-Netzwerk: The British Masters: Liam Gallagher


Ist Ed Sheeran ein blöder Wichser? Ein viel, viel, viel längeres und damit überzeugenderes Argument dafür

Diesen Teil hier werde ich auf die vier Wahrheiten über Ed Sheeran runterbrechen, die ihn bei all denjenigen so verhasst machen, die ihn nicht abgöttisch lieben. Und ja, man kann kaum Sheeran-Agnostiker sein: Entweder du liebst ihn oder du findest ihn absolut grauenvoll. Es gibt keinen Mittelweg.

Der Junge ist so reich, wie man mit Musik allein reich werden kann. Laut Forbes ist er 37 Millionen US-Dollar schwer und bestimmt kann er jederzeit locker 15 Millionen drauf packen, wenn er nur ein Album veröffentlicht, auf Tour geht oder was ähnliches macht. Und trotzdem verbreitet er durch und durch den Anschein einer Person, die sich eine ausgeblichene schwarze Hose mit Filzstift ausbessern würde – während sie sie trägt, wohlgemerkt. Ich wäre keineswegs verwundert, wenn Ed Sheeran der leicht modrigen Geruch schlecht getrockneter Wäsche umgeben würde.

Dieser Mann ist ein Multimillionär, läuft aber rum wie der kleine Bruder eines Kumpels, der einmal sein Bett ramponiert und dann drei Monate auf zwei, mit einem Spannbetttuch zusammengehaltenen Sitzsäcken geschlafen hat. Ed Sheeran kann immer und unter allen Umständen schlafen, da bin ich mir sicher. Unter keinen Umständen hat Ed Sheeran keinen "feinen Hoodie". Kein anderer lebender Popstar hat einen solchen "wenn du genug Axe draufsprühst, musst du nicht wirklich duschen"-Vibe wie Ed Sheeran. Ed Sheeran ist eine menschgewordene Portemonnaie-Kette.

Stell dir nur mal kurz diese Szene vor:

Ihr hängt bei deinem Kumpel ab und kifft. Es ist einer dieser großartig-friedvollen Tage der unteren Oberstufe: Ihr seid alle 16 oder 17, eure Mütter sind bei der Arbeit, ein perfekter Sommer steht bevor, die Sonne draußen strahlt hell und warm und der Wind weht sanft den Vorhang gegen deinen Rücken. Schließ deine Augen. Stell dir vor, wie du dort bist: Wieder wabert der süßlich-penetrante Rauchgeruch durch die Luft, eine mittelgut gedrehte Tüte geht rum und dein Kumpel sucht ein lustiges Video raus, das er letztens auf YouTube gesehen hat. Ein Hund springt auf ein Trampolin. Alle lachen. "Das kannte ich noch gar nicht", sagst du. "Das ist mega." Halt an diesem Gefühl fest.

Ed Sheeran ist auch da, nicht wahr? Natürlich ist er das. Im Schneidersitz hockt er auf dem Bett. Ed Sheeran trägt einen Longsleeve mit einem T-Shirt drüber. Um seinen Hals hängt ein langes Lederband. Du weißt nicht, wo Ed Sheeran herkommt oder wie und wann er eure Clique infiltriert hat. Jetzt sitzt er aber hier und trinkt abgestandene Cola – eine preiswerte Eigenmarke – aus einer zwei Liter Flasche. Bei jedem Schluck fließt etwas Cola-Spucke-Mische aus seinem Mund zurück in die Flasche. "Hey, Bruder", sagt Ed Sheeran zu dir. "Bruuuder, hier", sagt Ed Sheeran, "reich mal den Dübel rüber."

Ed Sheeran streckt dazu seine Hand aus, Zeige- und Mittelfinger auffordernd zu einer Schere gespreizt. Plötzlich kommt dir ein Gedanke: Lass Ed Sheeran etwas Ekliges für die Tüte machen. Und genau so seid ihr in den Besitz verwackelter Handyvideos von Ed Sheeran gekommen, der eine Kloschüssel ableckt und wimmert: "Muss das sein, Jungs?" Bevor ihr ihn dann drei kleine Züge von der gemeinschaftlichen Tüte nehmen lasst.

Du kannst dir diese Szene bildlich vorstellen, nicht wahr? Du kannst es dir von vorne bis hinten komplett vorstellen – mit allen Details. Tja, und das ist gerade der größte Popstar unseres Planeten.

Ed Sheerans "Shape of You" ist ein guter Song

OK, OK, ich sag's: "Shape of You" kann was. Es tut mir leid, aber ich muss es einfach zugeben. "Shape of You" ist ein guter Song! Aber wenn er nicht genug gute Songs schreiben würde, um berühmt zu sein, würden wir jetzt auch nicht über ihn reden! Anfang vergangenen Jahres war der Song einfach überall – genauso wie sein großes oranges Gesicht ein Jahr nach Erscheinen überall war. Ed Sheeran ist einfach überall. Ed Sheeran ist alles. Seine Allgegenwärtigkeit wird zu einem Angriff auf die Sinne. Und das Schlimmste daran? Das weiß er auch. Schau dir nur diese Passage aus einem Interview an, das der Guardian vergangenes Jahr mit ihm geführt hat:

Er spricht darüber, wie 2017 sein Jahr wird, wie glücklich und sesshaft er mit seiner Freundin, Cherry Seaborn, geworden ist, einer alten Schulfreundin; darüber, wie alle Künstler, die er als Konkurrenz sieht – "Adele, Beyoncé, Tayler, Drake, The Weeknd, Bruno" – bereits Alben veröffentlicht haben, und er entsprechend "relativ freie Bahn hat". Als ich frage, wie er sich fühlen würde, wenn es zwar gut läuft, es aber weniger Kopien als sein Vorläufer von 2014 absetzen würde, das 14 Millionen Mal verkaufte 'X', sagt er: "Ich würde jetzt gerade alles darauf wetten, dass es das nicht tut. Ich glaube nicht, dass das irgendwie möglich ist. Das nächste Album, das verspreche ich dir, wird weniger verkaufen, aber dieses Album wird mehr verkaufen. Ich glaube nicht, dass ich noch einmal so ein Jahr wie dieses haben werde."

Seine Allgegenwärtigkeit ist das Schlimmste überhaupt, unglaublich berechnend und zynisch. Er spielt die Musikindustrie wie ein lustiges Spiel, in dem er einfach unfassbar gut ist, ohne sich irgendwie anstrengen zu müssen. Und das tut er, während er sich gleichzeitig verhält und anzieht wie der harmlose und bescheidene Junge von nebenan.

Er verhält sich noch nicht einmal berühmt und das macht mich verdammt wahnsinnig

Jedes Mal, wenn ich Live-Aufnahmen von Ed Sheeran sehe – was in der Regel immer inmitten einer anderen Sache geschieht, die ich eigentlich sehen will, wie die Abschlussfeier der olympischen Spiele oder so ziemlich jede Preisverleihung der letzten fünf Jahre ... Also, jedes Mal, wenn ich Ed Sheeran spielen sehe, macht er das immer mit dieser absurd verdrehten Anti-Bühnenpräsenz, wie ein Straßenmusiker, der ein "Dankeschön" singt, wenn du ihm 50 Cent in den Hut wirfst. Ed Sheeran ist buchstäblich dieser Typ in jedem britischen Kaff, der sich ein Loop-Pedal besorgt hat und jeden Samstag in der Fußgängerzone beatboxt, damit er seiner Mutter die Miete zahlen kann. Und jetzt ist er unser berühmtester Pop-Export.

Das ärgert mich. Ed Sheeran verkörpert gleichzeitig die absolute Speerspitze britischen Pops und einen möglichen Kommilitonen, der sich einmal an einem Toaster einen Stromschlag geholt hat und nach der Orientierungswoche von niemandem mehr gesehen wurde.

Ich habe wirklich Mühe, zu erklären, warum ich ihn so schlimm finde. Meine einziges Argument: Sein recht sympathisches Wesen ist genau das, was ihn so irritierend macht?! Gott, ich habe wirklich keine Ahnung.

Sheeran ist einfach ... er ist einfach dieser Typ aus der Schule, an dessen Familiennamen sich später niemand wirklich erinnern kann. Niemand weiß, wer seine Freunde waren oder wo er sonst so abhing. Und trotz allem haut er unwiderstehliche Hits raus, gegen die dein Körper absolut machtlos ist. Du kannst zu "Shape of You" nicht einfach nicht mit irgendwelchen Extremitäten zucken. Du kannst nicht einfach nicht sentimental werden, wenn du zu "Thinking Out Loud" Händchen hältst. Der Typ allerdings, der diese Songs geschrieben hat, ist der gleiche Typ, der letztens vor dir in der Kiosk-Schlange stand und alle um Wechselgeld angebettelt hat, damit er sich eine Packung Nik Naks kaufen kann.

Und genau das nervt mich so an Ed Sheeran: dass du einfach nicht sagen kannst, warum er dich so unfassbar nervt

Ed Sheeran ist einfach ein netter Typ, nicht wahr? Er ist ein männlicher Ellie-Goulding-Verschnitt: definitiv allgegenwärtig und im Radio wiederzuerkennen, aber du würdest dir für ihn nie ein Bein ausreißen. Er hat diese super nervige Game of Thrones-Szene gemacht, seine Stimme hat etwas extrem Fragiles und Irritierendes, seine Songs sind eingängig und gefällig und manchmal sagt er ziemlich arrogantes Zeug. Auch ich sage manchmal arrogantes Zeug, dabei habe ich in meinem Leben noch keine 37 Millionen US-Dollar gemacht. Und genau das nervt mich so an ihm: dass du einfach nicht sagen kannst, warum er dich so unfassbar nervt. Er ist das personifizierte Gefühl, wenn du deine Hände in kaltes und öliges Geschirrspülwasser tauchst. Er ist der Linienbusfahrer, der noch ewig vor der roten Ampel steht, sich aber weigert, dir die Türen aufzumachen. Ed Sheeran ist das trostlos-leere Gefühl, das dich überkommt, wenn du dreizehn Euro für ein mediokres Sushi-Menü ausgegeben und danach immer noch Hunger hast. Er ist einfach da und ist dabei so harmlos, dass es einfach nicht auszuhalten ist.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.