Mr. Obsessive

Als Michael Jordan beim Golfen über eine Million Dollar verloren haben soll

Vor den NBA Finals 1993 zog ein Buch Michael Jordan und dessen vermeintliche Spielsucht in den Schmutz. Das Buch erklärt aber vielmehr, warum er auf dem Platz so ein Besessener war.

von David Roth
23 Juni 2017, 4:03pm

Michael Madrid-USA TODAY Sports

Der US-Sender NBC brauchte nur drei Minuten Sendezeit, um auf Bilder eines triumphierenden Michael Jordan Bilder eines sichtlich zerknirschten Jordan mit Sonnenbrille folgen zu lassen. Eines Jordan, der es partout nicht einsehen will, sich zu entschuldigen. Wir schreiben den 9. Juni 1993 und Jordans Bulls stehen kurz vor Spiel 1 der NBA Finals in Phoenix. Aber eigentlich geht es den meisten Medienvertretern vielmehr um das, was Jordan neben dem Parkett treibt.

Was war passiert? Jordan hatte sich am Vorabend von Spiel 2 der Eastern Conference Finals einen Abstecher nach Atlantic City erlaubt, der ziemlich spät geendet haben soll. Jordan äußerte sich zum im Eigenverlag erschienenen Buch Michael & Me: Our Gambling Addiction...My Cry For Help!, das eine Woche zuvor in den Handel gekommen war und vorab schon in Ausschnitten von Tageszeitungen abgedruckt wurde.

"Ich fühle mich von dieser Person hintergegangen", meinte Jordan über den Buchautor Richard Esquinas, einen 38-jährigen Sportfunktionär aus San Diego. "Ich sehe ihn nicht als Freund an, weil ein Freund einem anderen Freund so etwas nicht antun würde."

In den zwei Jahren zuvor gerieten die Dinge, die Jordan mit seinen Freunden tat, auf nie dagewesene und äußerst unvorteilhafte Weise an die Öffentlichkeit. Esquinas – der sich selbst als "Kind von der Straße" beschrieb und es bis zum General Manager der San Diego Sports Arena geschafft hatte – war nur der jüngste und ambitionierteste Vertreter all jener Jordan-"Freunde", die die Aufmerksamkeit von NBA und Basketball-Fans auf sich zogen. Die Story, die Esquinas verkaufte – sein rastloses Dasein zwischen Golfspielen und Wetten an der Seite von Michael Jordan – war zwar größer als frühere Schlagzeilen. Schließlich soll Jordan in nur zehn Tagen Golfschulden in Höhe von 1,2 Millionen Dollar angehäuft haben (die er am Ende bis auf 200.000 Dollar drücken konnte). Aber sie war eben auch nicht neu.

Als Basketball-Fans erstmals von Esquinas hörten, hatten sie schon die Bekanntschaft mit einem gewissen James "Slim" Bouler gemacht. Der war irgendwas zwischen Golfzocker und Drogendealer. Im Dezember 1991 beschlagnahmte das FBI einen Scheck in Höhe von 57.000 Dollar, den Jordan für Bouler ausgeschrieben hatte und den beide erst als stinknormales Darlehn tarnen wollten. Erst später, als Jordan als Zeuge vor einem Bundesgericht geladen war (das Bouler zu neun Jahren Haft verurteilen sollte), gestand er, mit dem Scheck Wettschulden zurückgezahlt zu haben.

Bouler hatte einiges mit einem gewissen Eddie Dow gemeinsam. Beide kamen aus North Carolina, beide waren Golfspieler und Zocker, doch Dow war kein Dealer, sondern arbeitete als Kautionsbürge; Dow hatte drei Schecks von Jordan im Gesamtwert von 108.000 Dollar in seinem Haus, als er bei einem Einbruch im Februar 1992 ermordet wurde. Damals hieß der Richter, der Jordans Wetteinsätze untersuchte, Frederick Lacey. Und derselbe Lacey wurde auch wieder ins Ermittlerboot geholt, als es darum ging, Esquinas' Anschuldigungen zu überprüfen.

Immer alle Hände voll zu tun. Foto: Jeremy Brevard-USA TODAY Sports

Als Jordan erstmals bei Lacey – und den NBA-Bossen – vorstellig werden musste, versprach er, in Zukunft mehr darauf zu achten, mit wem er sich in seiner Freizeit umgab. Die Liga beschloss, von einer Bestrafung ihres Superstars abzusehen, der selbst über sich meinte: "Ich hoffe, ich habe meine Lektion gelernt."

1993 waren die Begleitumstände andere. Die Liga war erleichtert, dass Jordan wenigstens nicht auf NBA-Spiele gewettet hatte. Gleichzeitig war Jordan groß genug, dass sein mögliches Spielproblem auch zu einem Problem für die gesamte Liga werden konnte. Das erklärt wohl, warum NBA-Commissioner David Stern plötzlich zum Schönredner von Sportwetten wurde. "Glücksspiel wird von fast allen Bundesstaaten gefördert", erklärte Stern gegenüber der Chicago Tribune im Juni 1993.


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"Ich habe mit Michael sechs Sommer lang gewettet und Golf gespielt", erzählte Bouler der Washington Post im August 1993, also nur wenige Monate nach Antritt seiner neunjährigen Haftstrafe für Geldwäsche. "Die NBA hat mich nicht einmal angerufen. Was für eine Untersuchung soll das denn bitte sein?"

"Die Liga sitzt in der Klemme", berichtete ein anonymer NBA-Funktionär der Post. "Ich habe das Gefühl, dass Michael eine besondere Behandlung bekommen hat, weil die Liga Michael braucht. Sie brauchen ihn bei vielen Aktionen, die die NBA promoten sollen. Darum können sie es sich nicht erlauben, ihn wütend zu machen." Auch wenn man argumentieren kann, dass er dem Ruf der Liga einen Bärendienst erwiesen hat, bleibt die Frage, wie eine ‚gerechte" Disziplinierung Jordans ausgesehen hätte. Schließlich hat er gegen kein Gesetz oder keine NBA-Regel verstoßen..

Als Lacey 1993 bekanntgab, dass er erneut keinen Grund für eine disziplinarische Maßnahme sehen würde, war Jordan schon zurückgetreten.

Mr. Busy. Foto: John David Mercer-USA TODAY Sports

"Die einzigen Leute, die sagen, dass Michael Jordan ein Spielproblem hat, sind Leute, die Michael nicht kennen", so Bouler gegenüber der Post. "Manche Leute essen gerne. Manche Leute gehen gerne fischen. Manche Leute trinken gerne Bier. Und manche Leute wetten gerne. Michael Jordan wettet eben gerne."

Im Interview mit NBC-Reporter Ahmad Rashād, das in der Halbzeit von Spiel 1 der NBA Finals 1993 ausgestrahlt wurde, bestätigte Jordan diese Einschätzung. "Spielen ist legal", sagte er, während er ein freudloses Lächeln aufsetzte, "Wetten ist legal."

"Wenn ich ein Problem hätte, hätte meine Frau mich schon längst verlassen", sagte Jordan. Rashad musste schmunzeln. Jordan legte noch einen nach: "Wenn ich ein Problem hätte, würde ich hungern, diese Uhr und meine Meisterschaftsringe verhökern oder mein Haus verkaufen", so Jordan weiter. "Meine Frau hätte mich verlassen, meine Kinder müssten hungern. Ich habe kein Problem. Ich wette einfach nur gerne."

"Ich wäre krank, wenn ich tatsächlich 1,2 Millionen Dollar verloren hätte", so Jordan weiter. "Und Esquinas wäre krank, wenn er die Summe tatsächlich auf 300.000 Dollar reduziert hätte." Jordan bestritt nicht, Esquinas 300.000 Dollar geschuldet oder ihm 200.000 Dollar gezahlt zu haben, aber er stritt die 1,2 Millionen immer als "absurd" und "aufgebauscht" ab. "Er hat maßlos übertrieben, und ich habe meine eigenen Schlüsse gezogen, warum er übertrieben hat…"

"Um mehr Bücher zu verkaufen?", entgegnete Rashad.

"Es verkauft Bücher", meinte Jordan.

Esquinas selbst meinte über die Beweggründe seiner Verfasserschaft, dass er geschrieben habe, "um mein eigenes Spielproblem zu überwinden und auch um einem Freund zu helfen, der, wie ich glaubte, dasselbe Problem wie ich hatte." Klingt nach einer Mischung aus Selbsttherapie und Altruismus.

Esquinas schreibt in seinem Buch, dass es im August 1991 so richtig ernst wurde. Jordan hielt sich zu der Zeit für ein Charity-Spiel und ein paar Fotoshootings in Südkalifornien auf. Die beiden spielten Golf, wann immer es ihre Zeit zuließ. "Wir mussten uns definitiv nicht mit städtischen Golfplätzen zufriedengeben", schreibt Esquinas in Michael & Me. "Wir waren immer first class unterwegs." Und auf den Flügen zwischen Golfplatz und Golfplatz wurde laut Esquinas regelmäßig Karten gespielt.

Esquinas verlor im großen Stile bei diesen Spielen, die "von Chapel Hill über Raleigh und Durham bis sonstwohin" stattfanden. Zwischen ihren Golfduellen waren die beiden in einem Datsun 300ZX Bi-Turbo bei fast 150 km/h pro Stunde unterwegs, mit Jordans Entourage im Schlepptau und ausgestattet "mit diesen teuren Designer-Sonnenbrillen." Esquinas schreibt weiter, dass die beiden wie in einem Tunnel waren, und sich dabei auch auf Jordans kugelsicherer Unbesiegbarkeit der damaligen Zeit verlassen konnten. "Jordan war ein NBA-Champion und eine Ikone in North Carolina; Er konnte 120 fahren und mit einem Lächeln oder ein Autogramm ohne Strafzettel davonkommen. "Wir wurden nie angehalten", schreibt Esquinas. "Du spielst im Affentempo und du fährst im Affentempo."

Esquinas und Jordan, das ist die Geschichte zweier Männer, die ein gemeinsames Abenteuer unternehmen und sich dabei von nichts ablenken lassen. Esquinas beschreibt, wie beide eine fette Party vor dem All-Star Game 1991 vorzeitig verlassen haben, die ein Mitglied aus Jordans Entourage organisiert hatte, obwohl dort "Mädchen heftig mit uns flirteten". "Wir wollten am nächsten Morgen schon um acht Uhr auf dem Golfplatz stehen, das hieß, dass wir unser Hotel um halb sieben verlassen mussten," schreibt Esquinas weiter. "Erneut hatten wir unsere eigenen Prioritäten."

Foto: John David Mercer-USA TODAY Sports

Jordans Vater James ging bekanntermaßen meist sehr hart mit seinem Sohn ins Gericht. Doch er stimmte mit Michael darin überein, dass dieser kein Spielproblem hätte. Stattdessen, glaubte James, habe sein Sohn ein "Wettbewerbsproblem". Mit anderen Worten: Er war süchtig nach Siegen. Das, was Jordan dazu antrieb, ein legendärer Basketballspieler zu werden, konnte in einem anderen Kontext schnell pathologische Züge entwickeln. Und sein krankhafter Heißhunger auf Erfolge wurde in so ziemlich jedem Lebensbereich deutlich. Roland Lazenby, der auch schon Beiträge für VICE Sports verfasst hat, schrieb in seinem 2014 erschienenen Buch "Michael Jordan: The Life", dass Jordan bei NBA-Partien an der Westküste auch schon mal mit seinen Teamkameraden darum gewettet hat, welche namhafte Hollywood-Schauspielerin er als Nächstes verführen könnte. "Gerüchten zufolge soll er bei mindestens einer Wette dieser Art ordentlich kassiert haben."

Mal abgesehen von den Schecks und Schulden besteht die Geschichte von Michael Jordan, dem ‚Wettbewerbssüchtigen', größtenteils aus Gerüchten und Legenden; heutzutage müsste jeder Golf-Buddy von MJ einen Geheimhaltungsvertrag unterschreiben, bevor es auch nur an den ersten Abschlag gehen würde. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Jordan etwas Verbotenes getan hat oder jemals eine Wette eingegangen ist, die für ihn eine Nummer zu groß war. "Habe ich mit Schlägertypen gewettet, die einen schlechten Ruf hatten? Ja, das habe ich", erzählte Jordan dem Autor Bob Greene 1992. Dagegen gibt es kein Gesetz, ja nicht mal eine NBA-Regel. Doch es sind eben solche Charakterzüge, die Leute fesseln – und die sie oftmals verurteilen.

"Wir haben in dieser Mannschaft keine schlechten Menschen", stellte Bulls-Manager Jerry Krause gegenüber der New York Times klar, als Esquinas' Anschuldigungen erstmals auftauchten. "Wir haben klasse Leute, Leute mit Charakter. Wir sind extrem stolz darauf, wie sie auf bestimmte Situationen reagieren. Michael Jordans persönliche Gewohnheiten waren ausgezeichnet." Krause gab später zu, dass er keine Ahnung hatte, ob Esquinas' Anschuldigungen der Wahrheit entsprachen, aber das spielte kaum eine Rolle. Jordan hatte schon vor dem Buch und nach den Berichten um Bouler and Dow seinen Ruf als obsessiver Spielertyp weg. Schon früh war klar, dass man Jordans Heldentaten auf dem Court nur dann in Gänze verstehen konnte, wenn man auch verstand, dass seine Größe als Spieler seinen Preis hatte, und zwar auf persönlicher Ebene. Den des fast krankhaft getriebenen Wettbewerbtyps.