Popkultur

Die Pseudo-Doku dieses Impfgegners kommt in Schweizer Kinos und Ärzte laufen Sturm

Der Film will zeigen, dass bestimmte Impfungen zu Autismus führen können.
9.6.17

Titelbild: Screenshot von YouTube

Seit Donnerstag zeigt das Stüssihof-Kino im Zürcher Niederdorf eine Dokumentation mit dem Namen Vaxxed – die schockierende Wahrheit. Der Film behandelt eine Theorie, die seit Jahren im Umlauf ist. Diese besagt, dass Impfungen zu Autismus führen können. Für diese Behauptung gibt es keine wissenschaftlichen, empirischen Beweise und sie gehört in den Bereich der Verschwörungstheorien, gleich neben die Lizard People. Professor Adriano Aguzzi vom Universitätsspital Zürich sagt dazu "Autismus zeigt sich im Gehirn schon lange bevor die Kinder jemals eine Impfspritze gesehen haben. Von aussen ist Autismus aber erst später sichtbar." Der Film wird von dem kleinen Cinema Libre Studio vertrieben.

Verantwortlich dafür, dass diese Überzeugung herumgeistert, ist Andrew Wakefield, ein ehemaliger Arzt. Er publizierte 1998 eine Studie, in der er die These verfolgte, dass der MMR-Impfstoff Autismus verursacht. MMR steht für Masern, Mumps und Röteln und erfordert zwei Impfungen. In der Schweiz haben 93 Prozent der Zweijährigen die erste Impfung erhalten und 86% auch die zweite. Die Behauptung Wakefileds wurde von über 100 Studien widerlegt und Wakefield bekam sogar ein Berufsverbot. Trotz der Diskreditierung von Wakefield und seiner unwissenschaftlichen Studien, gibt es weiterhin Leute, die an diese Verbindung glauben. Dieser Glaube richtet echten Schaden an. Bei einem Masernausbruch in Italien mussten 2002 und 2003 über 5.000 Personen im Krankenhaus behandelt werden. Eine wissenschaftliche Studie hat Wakefields falsche These sogar als "(…)perhaps, the most damaging medical hoax of the last 100 years" bezeichnet. Wichtig über die Dokumentation zu wissen ist, dass Wakefield selbst Regie geführt hat.

Ärzte in der Schweiz sind empört darüber, dass Schweizer Kinos den Film zeigen möchten. Wie 20 Minuten berichtet, haben sich mehrere Ärzte an die Zeitung gewandt, um vor dem Film zu warnen. Sie befürchten, dass die Dokumentation die Bevölkerung verunsichern könnte. Immerhin scheint die Unsicherheit so gross zu sein, dass das Bundesamt für Gesundheit in seiner Broschüre Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Masern tatsächlich den Punkt "Kann Autismus durch die MRR-Impfung verursacht werden?" behandelt.
Laut Professor Aguzzi ist das Impfen ein riesiges Thema in der Schweiz. "Vor 20 Jahren war es eine kleine Gruppe, die glaubte, dass Impfungen Autismus hervorrufen können. Heute sind es zwar immer noch wenige Leute, aber durch die sozialen Medien ist es einfacher für sie geworden, ihre Meinung zu verbreiten", sagt er auf Anfrage von VICE. Professor Aguzzi möchte den Film nicht verbieten, die Meinungsfreiheit gehe vor. "Aber man muss auch die Freiheit haben, dagegen argumentieren zu können."

Peter Preissle führt das Kino Stüssihof, das zur Arena Kinokette gehört. Er kann die Aufregung um den Film nicht ganz nachvollziehen. "Mich haben einige Reaktionen betroffen gemacht. So hat man den Film als 'Lügenfilm' bezeichnet. Das finde ich sehr bedenklich, wenn man sich die Assoziationen dieses Begriffs vor Augen führt", sagt er auf Anfrage von VICE. Der Film wende sich nicht gegen Impfungen an sich, sondern nur gegen die Dreifachimpfung Masern, Mumps, Röteln. Preissle selbst ist Vater von drei geimpften Töchtern.

Die ganze Aufregung um den Film relativiert sich etwas, wenn man sich die bisherigen Besucherzahlen in der Schweiz anschaut: Am Donnerstag sassen zwei Besucher im Kinosaal des Stüssihofs. Am Freitag bestand das Publikum bisher aus fünf Personen. "Der Film wird keine Massen anziehen. Scheinbar sind die Leute intelligenter, als die Medien denken. Trotzdem sollte man den Film einem aufgeklärten Publikum nicht vorenthalten. Ob die Behauptungen im Film jetzt wahr oder falsch sind – die Leute sollen sich ihre Meinung selbst bilden können. Vor allem junge Leute. Das ist wichtiger denn je", meint der Betreiber des Stüssihof. Am Freitagabend startet der Film ausserdem im Kino City in Uzwil, einem Kino mit zwei Sälen.

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