Film

'Lords of Chaos' ist ein liebevoll-verstörender Blick auf Mayhem und Black Metal

Wir haben mit Regisseur Jonas Åkerlund über seine von VICE Studios produzierte Kino-Interpretation der Szene-Saga gesprochen.

von Grayson Haver Currin
21 Februar 2019, 11:49am

Standbild aus Lords of Chaos | VICE Studios

Jonas Åkerlund hatte nie vor, mit Lords of Chaos einen Film für Szene-Jünger und Fanboys zu machen. Als der erfahrene Musikvideo-Regisseur und frühere Bathory-Drummer vor etwa zehn Jahren mit dem Gedanken zu spielen begann, die Entstehungsgeschichte der norwegischen Black-Metal-Szene zu verfilmen, wusste er, dass ein reines Biopic nie reichen würde. Immerhin waren die Geschichten von Varg Vikernes und Mayhem-Gründer Øystein "Euronymous" Aarseth bereits in vielen Dokumentationen und Büchern erzählt und romantisiert worden. Das berühmteste und umstrittenste Werk zur Szene lieferte dem Film schließlich auch seinen Namen. Åkerlund wollte die turbulente Geschichte einem neuen Publikum präsentieren – einem, das den Unterschied zwischen Fantoft und Filosofem nicht kennt.

Der daraus entstandene Film Lords of Chaos, produziert von VICE Studios, ist ein liebevolles und gleichzeitig verstörendes Fan-Fiction-Tribute an die Black-Metal-Szene Norwegens, das sich an den bekannten Fakten orientiert, Details und Dialoge aber neu interpretiert. Åkerlund lehnt es in seinem Film ab, die bisweilen problematischen politischen Tendenzen der Szene eingehender zu betrachten – oder ihr musikalisches Erbe –, die Geschichte wirkt stellenweise reißerisch. Dem Regisseur ist es allerdings gelungen, den Figuren ein menschliches Antlitz zu geben, nicht zuletzt auch dank eines verworrenen Liebesgeflechts.

Varg Vikernes, bekannt für sein Faible für Mittelalter-Cosplay und modernen Faschismus, kommt in Lords of Chaos als impulsiver Teenager rüber, der alles vögelt, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Euronymous, gespielt von Rory Culkin, ist dagegen der rationale Marketing-Guru, der am Ende wie ein glücklich verliebter John Lennon samt Yoko aussieht.

Wir haben mit Åkerlund über die Vermischung von Wahrheit und Fiktion gesprochen – und über die Gefahr, beiläufig Faschismus zu romantisieren.

VICE: Wie macht man einen Film über Black Metal, für den sich nicht nur die Metal-Szene interessieren soll?
Jonas Åkerlund: Die Story hat mich unglaublich fasziniert und mitgerissen. Wie viele andere dachte ich: "Das ist meine Story. Ich bin so nah dran. Ich kenne sie besser als alle anderen." Aber irgendwann habe ich erkannt, dass ich einen Spielfilm machen muss.

Damit bekam ich einen Fokus, den ich bis dahin nicht hatte Recherche macht Spaß. Das Entwickeln der Figuren macht Spaß. Die Musik macht Spaß. Die ganzen Dokus anzugucken, macht Spaß. Aber die haben alle gesehen und sie sind alle gleich: ein bisschen Feuer und eine tiefe Stimme, die von Mord und Brandanschlägen erzählt. Mir wurde klar, dass ich den Fokus auf die Beziehung zwischen den drei Jungs legen muss. Ich wollte sie wieder menschlich machen und uns daran erinnern, dass sie verdammt jung waren. Sie hatten keine Entschuldigung für ihre Taten. Sie sind nicht misshandelt worden und wuchsen unter annehmbaren Zuständen auf. Sie sind keine Monster.

Aber hat sich jemand wie Varg, der seit Jahrzehnten faschistische, nationalistische und antisemitische Ideen verbreitet, nicht zu einem Monster entwickelt?
Ich lasse ihn nicht gut aussehen. Ich wollte in dem Film aber versuchen herauszufinden, was passiert ist und was dazu geführt hat. Es geht um diese kleinen Entscheidungen, die man im Leben trifft. Damit kann ich mich identifizieren. Ich hatte das Glück, ein paar gute Entscheidungen getroffen zu haben. Viele Freunde hatten eher Pech. Die Entdeckung des Filmschnitts hat mein Leben geprägt. Aber es waren Zufälle oder Unfälle. Ich hätte auch bei der Musik und den Drogen bleiben können, ich hätte die falschen Leute kennenlernen können.

Du hast selbst in der Band Bathory gespielt. 1988 hast du dein erstes Musikvideo für die schwedische Band Candlemass gedreht, in dem auch Dead aufgetreten ist, kurz bevor er nach Norwegen zog und Sänger von Mayhem wurde. Wie haben deine persönlichen Erfahrungen den Film beeinflusst?
Der erste Teil des Films, als alles noch verspielt ist, sie ihren Sound suchen, sich die Haare färben, das Logo malen, sich unbeholfen mit Mädchen anstellen und Partys im Garten feiern, ähnelt sehr der Zeit, als ich selbst in Bands gespielt habe. Wir hatten auch düstere Texte und liebten Horrorfilme. Wir spielten mit Symbolen und wollten angsteinflößend und cool sein. Der große Unterschied war allerdings, dass wir Realität und Fantasie voneinander trennen konnten. Das haben sie in Norwegen nicht gemacht. Ich hatte das Gefühl, diese Figuren zu kennen, ihnen nahezustehen.

Seit du mit der Arbeit an dem Film begonnen hast, hat der Faschismus international Zulauf bekommen. Insbesondere durch Varg Vikernes' Hang zum Paganismus und Hakenkreuzen ziehen sich diese Ideen auch durch den Film. Hattest du die aktuelle Entwicklung im Hinterkopf?
Ich habe diese Theorie – und damit kann ich auch komplett danebenliegen –, dass sie damals keine echte politische Agenda hatten. Die politische Agenda, die sie heute haben, ist über die Jahre gewachsen. Am Anfang spielten sie einfach mit diesen Symbolen rum. Ich habe Fotos von ihren Zimmern gesehen. Die Flaggen, die Bilder, die umgedrehten Kreuze: Es fühlte sich alles sehr jugendlich und voller Widersprüche an. Natürlich geht vor allem Varg heute sehr offen und eindeutig damit um, welche politische Einstellung er hat. Damals hatte er sie meiner Meinung nach noch nicht.


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Hast du nicht befürchtet, dass der Film Faschismus oder Nazismus romantisieren könnte?
Ich finde nicht, dass wir das tun. Meiner Meinung nach zeigen wir einen sehr traurigen Aspekt der Story, einen sehr unglamourösen. Ich bin bei so vielen Festivalvorführungen im Kino gewesen und habe bei keiner eine derartige Energie im Saal gespürt.

Auch das gleichnamige Buch ist umstritten. Nicht nur, was die Faktenlage angeht, sondern auch weil Autor Michael Moynihan mehrfach Sympathien für neurechte Gruppierungen und faschistische Ideen bekundet hat. Gab es jemals die Überlegung, den Namen zu ändern?
Wir haben überlegt, die Rechte zu anderen Büchern zu kaufen. Die Geschichte selbst ist gemeinfrei, aber für uns war es besser, die Rechte zu kaufen. Lords of Chaos war das bekannteste und zugänglichste Buch zu jener Zeit. Ich weiß, dass es umstritten ist und viele es nicht mögen, aber wir haben uns einfach in den Titel verliebt. Wir haben mehrfach versucht, ihn zu ändern, sind aber am Ende wieder auf Lords of Chaos zurückgekommen. Das Buch selbst nur eine von vielen Quellen.

Im Vorspann des Films heißt es "Based on truth, lies, and what actually happened". Kannst du das genauer erklären?
In meiner ersten Version hieß es: "Basiert auf der Wahrheit". Und dann dachte ich mir, "oh, Moment mal, da steht auch ein Haufen Schwachsinn drin". Also wurde daraus "Basiert auf der Wahrheit und auf Lügen". Der Teil mit der Wahrheit bezieht sich auf die ganzen Recherchen und Berichte. Mir ist dann bewusst geworden, dass ein Teil dieser Wahrheit die Wahrheit anderer Menschen ist. Menschen haben verschiedene Perspektiven. Also habe ich "und was wirklich passiert ist" ergänzt, weil es ein paar Dinge gibt, die nicht zur Diskussion stehen. Menschen sind gestorben, Kirchen abgebrannt und eine Menge trauriger Personen auf der Strecke geblieben.

Eine Figur, die jedenfalls teilweise erfunden ist, ist Ann Marit, eine Fotografin und Euronymous' Freundin. Wann habt ihr euch entschieden, sie in die Geschichte aufzunehmen?
Das war Teil meiner Nachforschungen. In vielen alten Fotos tauchte immer wieder ein Mädchen auf. Ich habe rumgefragt und niemand kannte sie. Aber dann habe ich jemanden kennengelernt, der drei Wochen vor dessen Ermordung mit Euronymous zusammengelebt hatte. Der hat mir erzählt, dass Euronymous zu der Zeit eine Freundin hatte. Ich habe von der Quelle genug Informationen erhalten, um daraus eine Figur für den Film zu machen. Sie ist einer der Gründe, warum sich Euronymous am Ende des Films in einer Art Aufbruch befindet. Er schneidet sich die Haare kürzer. Er schreibt einen Brief an seine Fans, in dem er bekanntgibt, mit Mayhem noch einmal neu zu starten und Varg per Vertrag loszuwerden. Ich hatte genug Material zusammen, um den Eindruck zu bekommen, dass er vor einer Veränderung steht. Und sie hatte etwas damit zu tun.

Glaubst du, er hat diese Vermenschlichung mehr verdient als sein Mörder, Varg?
Noch einmal, sie waren sehr jung. Sie hatten noch ihr ganzes Leben vor sich. Ich behaupte nicht, dass Euronymous ein Heiliger war. Er hat auch viel bescheuerten Mist angestellt und war verantwortlich für vieles, was passiert ist.

Irgendwann im Film erklärt Varg einem Journalisten etwas unbeholfen sein finsteres Weltbild, als sie von einem Kumpel unterbrochen werden, der fragt, ob jemand Tee möchte. War Humor für dich auch eine Art, diese Jugendlichen zu vermenschlichen?
Diese Ernsthaftigkeit der Szene wird unfreiwillig komisch, wenn du einen Schritt zurücktrittst. Du kannst keinen Film über Teenager und Rock'n'Roll machen, ohne irgendwelche bescheuerten und komischen Dinge einzubauen. Wir muten dem Publikum schon eine Menge zu, ein gewisser Sinn für Humor darf da schon mal sein. Im Schnitt habe ich eine Version ohne Witze ausprobiert. Der Film wurde komplett düster und hoffnungslos.

In dem Film zeigst du, wie Euronymous mit Herzblut eine Marke aufbaut, während Varg sich seiner Musik und der zugrundeliegenden Ideologie verschreibt. Was davon ist in deinen Augen wichtiger für das Überleben dieser Szene-Saga?
Euronymous war bekannt dafür, sehr zielgerichtet zu arbeiten und gut darin zu sein, seine Dinge der Welt zu präsentieren. Er hat es geschafft, seine Band lange vor dem Internet extrem berühmt zu machen. Das Mayhem-Logo kennt man heute auf der ganzen Welt. In Disneyland laufen Leute mit den T-Shirts rum. Er hat Sachen gemacht, von denen heutige Werber nur träumen können. Wahrscheinlich war er viel besser darin, als er es jemals als Gitarrist oder Songwriter war. Über Varg würde ich das Gegenteil sagen. Er war ein großartiger Musiker und sehr zielgerichteter Songwriter.

Was hätte Euronymous von den Bands gehalten, die seinen Sound in so viele verschiedene Richtungen weiterentwickelt haben?
Er meinte es ernst. Er wollte seine Musik veröffentlichen. Alle Künstler und Entertainer wollen das, egal, was sie sagen. Darum geht es, deine Werke unter Leute bringen. Euronymous hätte der Film gefallen und wohin Black Metal sich entwickelt hat. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Du hast mal gesagt, dass du nie ein großer Mayhem- oder Black-Metal-Fan gewesen bist. Wie sieht das heute aus?
Es ist fast, wie klassische Musik oder eine Oper zu hören. Zuerst ist es anstrengend und auch irgendwie scheiße, aber wenn du dem Ganzen eine Chance gibst und du dich eine Weile damit beschäftigst, wird es großartig. Sie haben da ein sehr spezielles Genre erschaffen. Der Sound ist einzigartig. Viele Menschen haben versucht, genau so zu klingen, aber Mayhem sind immer noch die beste Black Metal Band, die es gibt. Andere Bands sind gut, aber sie kommen einfach nicht an die Originale ran.

Lords of Chaos läuft seit dem 20. Februar in deutschen Kinos.

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