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Hinter den Kulissen des Musikantenstadls: Vier Jahre Schlager haben mich geprägt

Was ich zwischen besoffenen Bläsern, dem vermeintlich trippenden König von Mallorca und Speiseresten auf Mikrofonen alles erlebt habe, muss endlich erzählt werden.

von Christoph Benkeser
25 Januar 2019, 5:21pm

Foto: Noisey

Es ist kurz vor 20 Uhr am letzten Tag des Jahres 2014. Eine Mischung aus Schweiß, Bier- und Bratenfettgeruch weht durch die Messehalle in Graz. 3.000 Menschen klatschen unkoordiniert in die Hände, prosten sich mit randvollen Krügen zu und schunkeln auf Bierbänken hin und her, aus den Lautsprechern prügelt "Atemlos durch die Nacht" auf sie ein. Sie genießen das, schließlich sind sie gekommen, um es zum Jahresende noch mal richtig krachen zu lassen. Ohne Böller und Raketen, dafür mit ihren Stars im Musikantenstadl. Und ich bin mittendrin.

Da habt ihr es: ein Noisey-Redakteur, der sich mit Schlager zudröhnt. Das gibt es doch gar nicht. Tja, gibt es eben doch. Denn ich habe vier Jahre lang für den Musikantenstadl gearbeitet. Das habe ich erlebt:

Mit beiden Beinen voran in die glitzernde Fernsehwelt

Ich war seit einem Jahr in Wien, als eine Bekannte fragte, ob ich nicht Lust hätte, fürs Fernsehen zu arbeiten – und zwar als Inspizient. "Als was?", fragte ich. Sie erklärte es mir: Inspizienten müssen vor einer Sendungen auf die Stars aufpassen, sie zu ihrem Auftritt ins Studio führen und ab und an ein paar Dinge auf die Bühne tragen. Das war's. Und gut bezahlt sei der Job auch noch.

Ich war Feuer und Flamme – damit kann man Geld verdienen? Die Bekannte gab meine Telefonnummer an ihren Chef weiter, zwei Wochen später saß ich beim Bewerbungsgespräch und bekam den Job.

Musikantenstadl-Stadlshow
Foto: Noisey

Im Nachhinein muss ich dazu sagen: Damals hielten die Leute noch was vom Fernsehen. Als Kamerafrau, TV-Redakteur oder eben als Inspizient konntest du mit deinem Job beim Abitreffen oder morgens in der Schlange beim Bäcker angeben. Kleine Kinder bekamen ehrfurchtsvoll leuchtende Augen, wenn sie erfuhren, dass sie der nächste Schulausflug auf den sagenumwobenen Küniglberg, das Kommandozentrum des ORF, führen sollte. Selbst meine Oma wälzte sich vor Stolz fast auf dem Boden, als ich ihr zu Weihnachten von meinem neuen Job erzählte.

Den legendären Musikantenstadl kannte ich natürlich schon. Mit fünf durfte ich abends länger aufbleiben, um die Schunkelsendung mit meinem Opa zu schauen. Von der ersten Sekunde an zog mich diese beschwipste Scheinwelt in ihren Bann, zumal sie es schaffte, die Bedürfnisse eines volksmusikbegeisterten 70-Jährigen und die eines fünfjährigen Volksschülers auf wundersame Weise zu vereinen. Der Stadl, wie er von allen genannt wurde, war die perfekte Samstagabend-Show. Kein endloses Gelaber wie bei Wetten, dass ..?, sondern ausgelassene Zeltfest-Stimmung, in der Sorgen keinen Platz hatten und man den Alltag wegtröten konnte.

Ein schrecklich netter Stadl

Zu Silvester 2014 fuhr ich das erste Mal zum Stadl. Als ich die Messehalle in Graz betrat, die Lichter und die dekorierte Bühne sah, beamte mich ein Flashback zum Fernsehabend mit Opa zurück. Alles war so, wie ich es mir vorgestellt hatte, nur kleiner. Die unzähligen Biertische mit ihren kleinkarierten Tischtüchern, die Showtreppe, das Orchester – alles war da und sah nett aus. Nicht grell leuchtend und groß wie damals im Fernsehen, sondern einfach nur nett. Und nett ist bekanntlich die kleine Schwester von scheiße.

Musikantenstadl-Stadlshow-ORF-Oesterreich
Foto: Noisey

Unser Inspizienten-Team bestand aus sechs Personen: zwei für den Instrumentenaufbau auf der Bühne, zwei für die Betreuung der Künstlerinnen und Künstler, und zwei Springer, die immer aushelfen sollten, wo man sie gerade brauchte.

Ich war einer der Springer, der zweite zählte aber nicht. Während der Proben saß der Kollege meist sternhagelvoll auf einer Bierbank. Wenn er doch mal aufstand, schwankte er so sehr, dass er es nicht mehr schaffte, ein Keyboard – geschweige denn ein Schlagzeug – aufzustellen. Wieso man den armen Schluckspecht trotzdem jedes Mal mitnahm, weiß ich nicht. Wir haben das nie infrage gestellt. Schließlich bot er uns immer seinen verdünnten Multivitaminsaft an und war auch sonst ein lieber Mensch.

Einsatz unter Konfetti-Beschuss

Fortan sausten ich und die anderen Inspizienten wie aufgezogene Spielzeugroboter vor, auf und hinter den Bühnenflächen herum, schraubten Schlagzeuge zusammen, hievten Keyboards aus Instrumentenkoffern und verklebten während der Proben unzählige kleine bunte Sticker auf dem Bühnenboden.

Diese Markierungen halfen uns, die unzähligen Mikros, Gitarrenständer und Schlagzeuge auseinanderzuhalten und zur richtigen Zeit an den vorgesehenen Ort zu stellen. Das funktionierte bei den Proben ganz gut, bei der Sendung war das allerdings ein aussichtsloses Unterfangen, denn spätestens nach einer Stunde beschoss man die Bühne mit tonnenweise buntem Konfetti. Wir fanden die Markierungen dann meist nicht mehr und wuchteten die Instrumente einfach nach Gefühl auf die Bühne. Was zum Glück niemandem auffiel.

Sie machen durch bis morgen früh und singen Bumsfallera

Die Probenarbeit brachte auch sonst einige Problemen mit sich. Vor allem mit den Blaskapellen, die trötend und klampfend jede Sendung eröffneten. Entweder waren die Kapellmeister (in all den Jahren hatte ich es mit einer Kapellmeisterin zu tun) schon bei den Proben gut im Saft und konnten sich den vorgesehen Weg durch die Halle auch nach dem zwölften Anlauf nicht merken. Oder sie watschelten brav mit und besoffen sich danach. In beiden Fällen kam es auf's Gleiche raus: Am nächsten Tag erinnerten sich die Kapellen weder an ihren Weg durch die Halle noch an mich.

Der Vollrausch war auch für viele andere Künstlerinnen und Künstlern keine Ausnahme. Die Gruppen brachten kistenweise Bier oder Schnaps mit und rüsselten sie zwischen den Proben weg. Anschließend wurde in der zum Gasthaus umfunktionierten "Stadlwirtschaft" fröhlich prustend weitergesoffen.

Leider konnte der überdurchschnittliche Alkoholkonsum nichts daran ändern, dass die Quoten der Sendung immer tiefer in den volksmusikalischen Keller rasselten.

Der Musikantenstadl wird zum All-You-Can-Eat-Buffet

Viele Leute wissen nicht, dass hinter einer Live-Sendung in der Größenordnung des Musikantenstadls meist drei, vier Tage Probenarbeit steckten. Die Generalprobe am Vorabend der Show war öffentlich. Besonders leidenschaftliche Fans konnten das Spektakel also schon einen Tag vor allen anderen erleben. Das wollten überraschend viele.

Musikantenstadl-Stadlshow-ORF-live
Foto: Noisey

Nach Ende der Generalproben kam es immer wieder zu bizarren Szenen. Manch unermüdliche Schlagerfans verließen die Halle nicht sofort, sondern blieben nach dem letzten Bummsfallera sitzen, um in einem günstigen Moment über die Dekoration der verwaisten Bühne herzufallen. Man erkannte diese Menschen schon von Weitem. Meist waren es ältere Frauen mit krausen Dauerwellen und ausgewaschenen Faltenröcken, die zum Bühnenrand trampelten, in die Kisten mit dem Blumenschmuck grapschten, das bunte Alpenkraut herausrissen und davondackelten, als wäre nichts.

Es war beeindruckend. Sie bedienten sich an unserer Bühnendekoration wie an einem schäbigen All-You-Can-Eat-Buffet und hinterließen ein blumenloses Schlachtfeld. Die Bühnenausstatterin war oft den Tränen nahe.

Facelifting für ein jüngeres Publikum

Musikantenstadl-Stadlshow-ORF-live
Foto: Noisey

2015 sollten die Verantwortlichen versuchen, den Mief vergangener Tage zu entlüften. Der alte Musikantenstadl war tot, lang sollte die neue Stadlshow leben, die erste Sendung im neuen Format ging im deutschen Offenburg über die Bühne. Man unterzog den Stadl einem schmerzhaften Facelifting, indem man die alte Bühne mit den vermoderten Holzschindeln verramschte und eine neue, riesengroße Bühne auskotzte, die in ihrer schlichten Aufmachung eher an die Landhaus-Abteilung einer IKEA-Filiale erinnerte als an das Ambiente einer volkstümelnden Schlagersendung.

Musikantenstadl-Stadlshow-ORF-live
Foto: Noisey

Außerdem wagten sich die Macherinnen und Macher der Sendung an eine unvernünftige Herztransplantation: Sie rissen den Moderator Andy Borg, der für den Stadl lebte und unnachahmliche Entertainer-Fähigkeiten besaß, aus der Sendung. Er sei mit 54 zu alt, um ein jüngeres Publikum anzusprechen. Dafür schüttelten sie ein neues Moderatoren-Duo aus dem ausgeleierten Trachtenärmel: Francine Jordi, eine Schweizer Schlagersängerin, und Alexander Mazza, den manche vielleicht noch als Sam-Moderator auf ProSieben kennen, sollten in Zukunft durch die Schlagersendung führen.

Francine-Jordi-Alexander-Mazza-Silvesterstadl-Stadlshow
Foto: imago | Star Media

Das Massaker von Offenburg

Das Allerfürchterlichste an der runderneuerten Stadlshow war aber, dass die Künstlerinnen und Künstler wirklich singen sollten. Also in echt, mit ihrer eigenen Stimme – ohne Playback, zu dem man nur charmant ein bisschen die Lippen tänzeln lassen musste. Keine Ahnung, wer auf die Idee kam. Schließlich reden wir hier immer noch von heiterem Geschunkel zwischen Bier, Brez'n und Ballaballa. Den Besucherinnen und Besuchern, die sich freiwillig auf diese vorgegaukelte Hüttengaudi einließen, war fast alles egal, außer eins: dass das Ganze so klang wie auf ihrer perfekt gemischten CD zu Hause im Hobbykeller.

Abgesehen davon, dass durch die Live-Trällerei jede Probe zusätzlich nach einem Soundcheck verlangte, bekamen viele Künstlerinnen und Künstler diese neue Herausforderung einfach nicht gebacken. Fürchterlich, was einige da an schiefen Tönen und falschen Einsätzen rausposaunten. Ich kann mir gut vorstellen, dass zwei Tage vor der Sendung fünf Leute vom Ton verzweifelt aus dem Heuboden sprangen, nachdem sie kapierten, dass sie aus der Sache nicht mehr rauskamen.

Am Ende des Probentags war uns immerhin klar: Das wird auch bei der Sendung ziemlich scheiße klingen.

Musikantenstadl-Stadlshow-ORF-live
Foto: Noisey

Jürgen Drews völlig losgelöst

Selbst der "König von Mallorca" konnte das Stadlruder nicht rumreißen. Jürgen Drews, der junggebliebene Schlagersänger, der seit gefühlt 500 Jahren "Ein Bett im Kornfeld" trällert, bescherte mir bei der Sendung in Offenburg dafür einen Once-in-a-lifetime-Moment. Zuerst war alles normal. Er begrüßte mich mit einer lässigen Kopfbewegung, die sein langes, braunes Haar in Wallung versetzte, und schwang sein Banjo um die Hüften wie einen Hula-Hoop-Reifen.

Wir standen hinter der Bühne und machten Smalltalk. Auf einmal wandte sich Jürgen von mir ab und starrte die Rückwand der Bühne an. Er tapste näher an sie heran, berührte die Plastikmauer in abgeraspelter Holzoptik mit dem Zeigefinger und sagte nur "Wow".

Vielleicht sah ich einfach nicht das, was er sah. Ich muss in dem Moment einen ziemlich überforderten Eindruck gemacht haben. Immerhin stand Jürgen gerade staunend hinter der Bühne und machte einen auf E.T mit seinem Zauberfinger.

Jürgen musste sich weggeschossen haben, dachte ich – mit was auch immer. Wie sonst sollte ich mir erklären, dass er kurz vor seinem Auftritt breit wie Albert Hofmann nach seiner ersten LSD-Verkostung wirkte?

Es wurde langsam knapp. Wir stiegen die Treppe zu seiner Auftrittsposition hoch. Noch waren wir hinter der Bühne, niemand konnte uns sehen. Wir hätten umdrehen und davonlaufen können. Aber er grinste mich nur breit an. "Das wird super." Ich sagte nichts. Ich war mir sicher, dass das gar nicht "super" werden sollte. Das Playback-Intro ballerte aus den Lautsprechern, ich bekam das Zeichen für seinen Auftritt, riss die Tür auf und er sprang mit seinem Banjo wie ausgewechselt hinaus ins Scheinwerferlicht.

Bis heute weiß ich nicht, was sich in diesem Moment genau abspielte. Der Mann, der wenige Sekunden zuvor noch weggetreten vor einer Plastikwand stand, gab auf einmal wie selbstverständlich den Entertainer und bewegte seine Lippen textsicher zu seinem neuen Ballermann-Hit:

"Heut' schlafen wir in meinem Cabrio
verrückt sind wir doch beide sowieso
Komm wir fahren einfach weg
nur die Sterne als Verdeck"

Zugegeben, diese lyrischen Großtaten hätte ich mit drei, vier Bieren intus vielleicht auch noch passabel mitgrölen können. Aber Jürgen war something else. Ich bin noch immer beeindruckt, mit welcher Präzision er dieses schmale Mindstate-Fenster zwischen absolutem Abfuck und brillanter Performance getroffen hat.


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Die Stadlshow fällt durch den doppelten Heuboden

Die neue Stadlshow floppte total. Die Quoten fielen zumindest in Deutschland und in der Schweiz noch schlechter aus als zuvor, was sich von den Verantwortlichen offenbar niemand erklären konnte. Eigentlich hätte ihnen klar sein müssen, wie grottenschlecht und peinlich die neue Sendung war. Der verstorbene Erfinder und langjährige Moderator der Sendung, Karl Moik, rotierte wahrscheinlich unaufhörlich im Grab angesichts dieser Verschandelung seines Lebenswerks.

Man muss sich das mal vorstellen: Da läuft die Sendung seit 1981 mit über 170 Folgen immer mit Musik aus der Dose – und auf einmal will man aus den Playback-Stars die neuen Mariah Careys und John Legends der Schlagerwelt machen. Das konnte nur schiefgehen.

Zur Silvestersendung 2015 in Linz schaffte man die Live-Einlagen wieder ab. Vielleicht wäre mir von dem unerträglichen Gekreische sonst auch der Kopf explodiert. Schon an den Probentagen merkte ich, wie sich eine Grippe an meinem Immunsystem zu schaffen machte. Zwei Feierabende lang versuchte ich vergebens, mit Zirbenschnaps gegen sie anzukämpfen. Am Sendungstag schwitzte ich wie ein Schwein in der Sahara, hatte Kopfschmerzen, als wäre ein Laster über meine Birne gedonnert, und musste ich mich im Laufe des Tages fünfmal in großen Schwallen erbrechen.

Es ging mir so elend, dass ich für einige interessante Änderungen im Sendungsablauf gesorgt hätte, wäre da nicht meine aufmerksame Kollegin gewesen. Sie korrigierte meine Fehler und kümmerte sich um mich.

Musikantenstad-Stadlshow-ORF-live
Foto: Noisey

Die Stimmung war trotzdem nicht gut. Nach dem Premieren-Massaker in Offenburg fielen die Quoten auch für Show zu Silvester nicht viel besser aus. Ein Schuldiger für den Untergang des Volksmusiktankers war bald gefunden: Alexander Mazza, der moderierte, als präsentiere er seinen Freunden die Landschafts-Fotos aus dem letzten Nordseeküsten-Urlaub, musste den Stadl verlassen. Francine Jordi, die als hauptberufliche Schlagersängerin auch im neuen Stadl gut aufgehoben war, durfte bleiben. An ihre Seite stellte das Produktionsteam Jörg Pilawa, der von Quizsendungen über Herzblatt bis Frag doch mal die Maus schon so ziemlich alles moderiert hat, was in Deutschland über Bildschirme flimmert.

Sag noch einmal "Ti Amo"

Allerdings gab es die Stadlshow von nun an nur noch zu Silvester. Die Verantwortlichen hofften wohl, so würde das volksmusikalische Desaster keiner Menschenseele auffallen, weil das Fernsehpublikum beduselt in Heizsocken auf dem Sofa säße. Da müssten die Quoten doch stimmen. Taten sie nicht.

Dabei gaben sich die Menschen hinter der Sendung wirklich Mühe. Nicht nur große Namen wie DJ Ötzi und Nik P. sollten dem Publikum einen "beschwingten, abwechslungsreichen und launigen TV-Abend mit unbeschwerter Unterhaltung" bieten, wie es in der Ankündigung der Silvestershow hieß. Auch die kleinen Namen der Schlagerszene sollten mitmischen – und sich dabei mit seltsamem Benehmen in meine Erinnerungen brennen.

Bands mit kreativen Namen wie Holdrioo oder Oesch's die Dritten beeindruckten mich mit der Liebe, die sie ihren Instrumenten entgegenbrachten. Sie puderten und putzten, streichelten und liebkosten sie. Zärtlich versenkten sie ihr Instrument nach dem Playback-Auftritt im Koffer.

Ich war von ihrer fürsorglichen Hingabe sehr angetan und gab den Musikerinnen und Musikern auch gerne lobende Worte mit. Das zog eine ausführliche Erklärung ihres Instruments nach sich, auf die ich gerne verzichtet hätte. Die Gespräche liefen in etwa so:

"Das ist eine Hohner Bravo III."

"Ja, toll, ich muss aber ..."

"Die hat 37 Diskanttasten."

"Super, vielleicht haben wir spä ..."

"Und 96 Bässe."

An dieser Stelle kramte ich mein Handy aus der Hosentasche, gaukelte einen Anruf vor und flüchtete hinter die nächste Kulisse.

Musikantenstadl-Silvesterstadl-ORF-live
Foto: Noisey

Besondere Freude bereiteten mir die Mikrofone. Einige Sängerinnen und Sänger nahmen die Playback-Einlagen etwas zu ernst und pressten ihre Münder ganz dicht ans Mikro, sodass es aussah, als würden sie es verschlingen wollen.

Der Windschutz, der am Mikrofon angebracht war, triefte nach manchen Auftritten nicht nur von rausgesülzten Spuckefäden, sondern war auch ganz verklebt mit Essensresten. Das hinterlassene Essens-Mosaik lagerte sich fest im Schaumstoff des Windschutzes ab. Ich hätte die Mikros am liebsten mitsamt dem unverdauten Abendessen der Künstler verbrannt und die kümmerlichen Reste hinter der Halle verscharrt.

Mit einer Arschbombe straight in den Fettnapf

Richtig peinlich sollte es für mich bei der Silvestersendung 2017 werden. Als Stargast war Johnny Logan dabei. Bevor du Google bemühen musst: Der irische Sänger gewann in den 80ern zweimal den Eurovision Song Contest und schrieb später für eine andere Teilnehmerin den Siegersong. Leider versank er bald in der Bedeutungslosigkeit. Nach Geldsorgen und einem ernsthaften Alkoholproblem fand er im Laufe der 2000er Jahre neuen Halt im Schlager und tingelte seither mit seinem Evergreen "Hold Me Now" über die Hinterbühnen Europas.

Zur Silvestersendung in Graz drückte er mit diesem Schmachtfetzen dem Stadlpublikum die ein oder andere Träne aus den Drüsen. Auch als wir kurz vor Mitternacht die Polonaise starteten, war Logan vorne mit dabei.

"Wir ziehen los mit ganz großen Schritten,
Und Erwin faßt der Heidi von hinten an die Schulter.
Das hebt die Stimmung, ja, da kommt Freude auf.
Los, Oma, hak' ein."

Ein Brüller. Das Publikum rastete aus, warf einander die Hände auf die Schultern und schlängelte sich in langen Bahnen durch die Messehalle. Dann zählten alle runter. Zehn, neun, acht ... Prosit! Überall flirrten Konfettistreifen durch die Luft.

Musikantenstadl-Stadlshow
Foto: Noisey

Die Stimmung war auf dem Höhepunkt, es herrschte heilloses Durcheinander. Alle Künstlerinnen und Künstler verteilten sich auf der Bühne oder im Publikum, wo bärtige Lederhosenträger mit herausgeputzten Dirndlträgerinnen auf Bierbänken herumwackelten. Alle bekamen von uns ein Glas Sekt in die Hand gedrückt, um auf das neue Jahr anzustoßen. Dabei fühlte ich zum ersten Mal, dass das wirklich alle ernst meinten. Die bröckelige Mauer der Illusion und der künstlichen Überspitzung stürzte ein und ich sah die ehrlichen, auch mal gerührten Menschen hinter der ganzen Schlager-Maschinerie.

Auf einmal bemerkte ich Johnny Logan, wie er verloren auf der Showtreppe stand und ins Leere starrte. Es sollten doch alle gute Laune haben! Ich sprintete mit zwei randvollen Sektflöten zu ihm hin und bot ihm eine davon an.

Er schaute mich an, als hätte ich ihm eine ménage à quatre mit den Amigos angeboten. Dabei wollte ich ihn doch nur aufheitern.

"No, thanks."

"Why? You don't drink?", fragte ich leider wirklich.

Er blickte mich entgeistert an. "I am sober now."

Fuck! Das ging anständig in die Lederhose.

"OK, good luck with that!" Ich wusste sofort, dass das keine sehr originelle Antwort war.

Für mich war die Begegnung mit Johnny Logan der peinliche Abschluss einer Reise, die mich über vier Jahre durch die Mehrzweckhallen von Deutschland und Österreich führte. Es war eine schöne Zeit, in der ich viel gelernt habe. Heute weiß ich, wie man in 25 Sekunden ein Schlagzeug zusammenbastelt, wie man mit besoffenen Blasmusikanten ein respektables Gespräch führt und dass der Silvesterstadl ein legitimer Ort für eine Silvesterparty sein kann – vorausgesetzt, man säuft.

Mein volksmusikalisches Basiswissen mutierte in dieser kurzen Zeit zu einem unendlichen Schlager-Kosmos, wo "Mond" und "Sterne" noch zum "Lieben" anstiften und das "Paradies" irgendwo hinter vielen "Bergen" am "Bauernhof" oder im "Garten Eden" zu finden ist. Ich kann zwar auch nach vier Jahren niemanden verstehen, der sich dieser urigen Scheinwelt freiwillig länger als zwei Minuten aussetzt, aber ich habe gelernt, diese Menschen zu respektieren. Mit oder ohne trötender Volksmusik.

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