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Ja, Rauchen ist schlecht – alles andere aber auch

Wozu die Liebe zu Zigaretten unterdrücken, wenn unsere moderne Gesellschaft sowieso vor dem Zusammenbruch steht?

von Brandy Jensen
05 März 2019, 8:49am

Symbolfoto: Free-Photos | Pixabay | Public Domain

Ich rauche schon seit Jahren. Auch, weil ich so verdammt cool dabei aussehe. Aufhören möchte ich nicht. Warum sollte ich? Das ist gar nicht schnippisch gemeint. Ich bin wirklich neugierig. Natürlich ist Rauchen scheiße. Falls du vorhaben solltest, damit anzufangen – tu es nicht. Allein schon deshalb, weil es wirklich ungesund ist. Was allerdings jede Raucherin und jeder Raucher im krankheitsanfälligen Herz spürt, ist Liebe. Liebe für die Zigarette.

Ich liebe es, an einem kühlen Herbstmorgen auf meiner Feuertreppe zu sitzen, einen Kaffee zu trinken und dabei die erste Zigarette des Tages anzuzünden. Ich liebe diesen kleinen Moment der Aufregung, wenn eine Person, die ich gut finde, ebenfalls raucht. Ich liebe es, mich von Partys wegzuschleichen, um mir mit dieser Person eine Zigarette zu teilen. Ich liebe es, wie viel Struktur das Rauchen in meinen Tag bringt, weil ich viel von zu Hause aus arbeite.

All diese Gründe haben mich davon abgehalten, wirklich mit dem Rauchen aufzuhören – auch wenn ich vor anderen Leuten immer wieder davon rede. Ich will diesbezüglich aber ehrlicher sein, weil ich es inzwischen richtig absurd finde, überhaupt zum Aufhören befragt zu werden. In solchen Momenten lautet meine Standardantwort jetzt: "Warum sollte ich mit etwas aufhören, was mir Halt gibt, während die Menschheit langsam aber sicher auf ihr Ende zuschlittert?"

"Warum meditierst du nicht stattdessen?", entgegnete mir eine gesundheitsbewusste Freundin vor Kurzem. Ihr Argument ist nicht neu und zeigt deutlich, dass es zwei Arten von Bewältigungsmechanismen gibt – gesunde und ungesunde. Und nur eine Art ist gesellschaftlich akzeptiert. Wenn wir uns mal etwas "Böses" gönnen wollen, greifen wir zur Zigarette, zum Alkohol oder zum Fast Food. Nach einem Scheißtag oder einem Beziehungsende ist das auch voll OK. Zur Routine darf das Ganze aber nicht werden, sonst macht man sich angreifbar. Nur: Warum? Wieso verlangen wir voneinander, auf "gesunde" Art und Weise mit politischen Hiobsbotschaften und dem Klimawandel umzugehen?

Angenommen, das Ende unserer Tage ist nicht mehr abzuwenden. Wie würdest du dich da nach der Apokalypse verhalten? Manche Leute haben sich für diesen Fall schon einen ausgeklügelten Plan zurechtgelegt – und sie werden dir bei Partys genau darüber ein Ohr abkauen. Aber dann gibt es auch Menschen wie mich, die diesen Wunsch nach dem Überleben gar nicht erst erspüren.


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Zum einen scheint man nämlich während des postapokalyptischen Lebens immer viel rennen zu müssen (schlecht für Raucher!), zum anderen bietet einem die postapokalyptische Welt keinen Komfort mehr. Lebensmittel sind knapp, Alkohol wenn überhaupt nur noch eine seltene Belohnung. Stell dir den Alltag der Überlebenden vor und wie sie ihre Körper in dieser Welt nur noch nach Produktivität und Effizienz bewerten. Nein, danke.

Vielleicht treibe ich meinen eigenen Zerfall voran, indem ich weiter rauche. Ich bin aber nicht so nihilistisch, wie die Menschen, die schon jetzt so leben, als ob es sich quasi für nichts mehr zu leben lohnt. Rauchen ist doch genau die richtige Menge Zynismus für unsere Zeit. Es zeigt, dass ich für meinen unwahrscheinlichen Ruhestand nicht gesund sein muss. Gleichzeitig bin ich noch nicht entmutigt genug, um auf alles zu scheißen und etwas Härteres zu nehmen.

Auch für uns stinkende Raucherinnen und Trinker müssen wir um die Menschenwürde kämpfen.

Manchen Menschen macht es Spaß, enthaltsam zu leben. Ich gehöre nicht dazu. Dass man das Jetzt opfert, nur um noch länger verzichten zu können, ist für mich schon immer in Ignoranz verwurzelt. Jeder Mensch wird irgendwann mal sterben, auch die Wellness-Gurus, die Fitness-Freaks und die Detox-Teetrinker. Für mich kommt es deswegen darauf an, das Beste aus unserer Zeit auf der Erde machen.

Was mich ernsthaft darüber nachdenken lässt, mit dem Rauchen Aufzuhören, ist die Überlegung, wie mein gesunder Körper anderen helfen kann. Und damit meine ich nicht als möglichst effektive Arbeitskraft, sondern als Instrument, mit dem ich ander unterstützen und für andere da sein kann. Dafür würde ich gerne so lange wie möglich leben. Nicht, um die derzeitige Welt auszuhalten, sondern um auf eine bessere Welt hinzuarbeiten.

Aber wie würde eine bessere Welt aussehen? Für mich ist das eine Welt, in der wir den moralischen Instinkt ignorieren, andere Menschen aufgrund ihrer Lebensumstände und ihres Umgangs damit entweder zu akzeptieren oder direkt abzuschreiben. Auch für uns stinkende Raucherinnen und Trinkerinnen müssen wir um die Menschenwürde kämpfen – und überhaupt für alle, die versuchen klarzukommen und dabei zu zweifelhaften Mitteln greifen.

Vielleicht klingt das alles jetzt nur wie eine ausführlichen Rechtfertigung für meine schlechte Angewohnheit. Aber so ist das eben mit persönlichen Essays. Irgendwann höre ich bestimmt mit dem Rauchen auf. Nicht, weil ich mich doch dem Gesundheitswahn oder den Fragen derer hingebe, die sich angeblich um mich sorgen. Nein, ich bin einfach zu eitel. Und Rauchen verursacht Falten.

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