Clan-Kriminalität

Clan-Kriminalität: Wir haben Araber in Berlin gefragt, was sie von der Debatte halten

"Ich lebe hier seit 40 Jahren, ich bin noch nie mit 'nem Messer rumgelaufen."

von Matern Boeselager
04 Februar 2019, 4:30am

Alle Fotos: Grey Hutton

Der Clan-Kriminalität entkommt aktuell niemand – zumindest der Berichterstattung darüber. Obwohl das Problem schon seit Jahren bekannt ist, bekommt es gerade so viel Aufmerksamkeit wie nie.

Das liegt zum einen an Ereignissen in der echten Welt: die Ermordung des Intensivtäters Nidal R. im September, der Prozess um den Goldmünzenraub, der gerade läuft. Zum anderen aber auch an nicht ganz so echten Dingen: an der Serie "4 Blocks" zum Beispiel. Oder die in vielen Medien verbreitete Behauptung, die Verhaftung von Arafat Abou-Chaker, der nach knapp zwei Wochen wieder auf freiem Fuß war, sei ein "schwerer Schlag gegen die Clan-Kriminalität" gewesen.

Keine Frage: Die Probleme sind real. Aber spätestens, wenn ein Experte im Cicero erzählen darf, Frauen Säure ins Gesicht zu werfen sei "in den Augen der Clans ein Kavaliersdelikt", muss man sich fragen: Geht es bei dieser Debatte eigentlich noch um kriminelle Strukturen? Oder geht es mittlerweile um eine ganze Kultur, die der deutsch-arabischen Gemeinschaft, die am Pranger steht?

Um herauszufinden, was diese Menschen selbst von der Debatte halten, sind wir zur Sonnenallee gefahren und haben sie einfach gefragt.

Hassan, 40, Ladenbesitzer

VICE: Verfolgst du, was in den Medien gerade über Clans geschrieben wird?
Hassan: Ja ja. Das ist so ein Quatsch alles, dieses Clan-Gerede. Das wird alles wahnsinnig aufgebauscht. Du hast da 'ne Familie mit hundert Leuten, und da bauen vielleicht drei oder vier Jungs Scheiße, und dann reden die von "kriminellen Clans". Und da leiden dann alle drunter.

Ein Supermarkt an einer Ecke der Sonnenallee
Leider wollte wirklich keiner unserer Gesprächspartner sich von uns fotografieren lassen, weshalb wir zur Illustration nur Straßenszenen von der Sonnenallee anbieten können. Aber die sind sehr stimmungsvoll!

Findest du die Berichterstattung unfair?
Ja, das ist unfair, weil wir alle in einen Topf geworfen werden. Ich kann mir schon vorstellen, dass jemand im Osten oder so denkt, dass die Araber hier alle immer mit Messern rumlaufen oder was weiß ich. Ich lebe hier seit 40 Jahren, ich bin noch nie mit nem Messer rumgelaufen.

Ist das aber nicht auch die Schuld von denen, die eben wirklich Mist bauen?
Ja, total. Das Problem ist: Die Strafen sind viel zu lasch! Wenn da einer Drogen dealt oder Einbrüche macht, dann muss der viel länger weggesperrt werden. Die kommen ja alle am nächsten Tag wieder raus!

Die Polizei behandelt uns deshalb mittlerweile auch ganz anders, die Beamten sind viel aggressiver geworden. Kann ich auch verstehen: Du verhaftest einen wegen Drogen, und am nächsten Tag steht der wieder auf der Straße. Da haben die auch irgendwann keinen Bock mehr. Aber leider kriegen wir das alle ab. Aber trotzdem: Wenn du keine Scheiße baust, dann hast du eigentlich auch nichts zu befürchten.

Yasmin, 40, Inhaberin eines Friseurladens

VICE: Sind kriminelle Clans ein Thema bei euch?
Yasmin: Du, ich habe neulich 4 Blocks gesehen, und ich war total geschockt – ich kenne so was überhaupt nicht! So sind wir auch nicht aufgewachsen. Wir arbeiten hier seit 15 Jahren auf der Sonnenallee, und ich habe noch nie etwas in der Art erlebt.

Ein Schaufenster mit Handtaschen und Puppen mit Kopftüchern

Glaubst du, dass so was das Bild von euch prägt?
Das macht uns einen schlechten Ruf. Dabei gibt es überall schwarze Schafe, wir sind nicht alle so! Wir zum Beispiel sind hier schon in der dritten Generation. Wir sind integriert, wir arbeiten wie alle anderen auch, meine Kinder haben gute Noten in der Schule.

Aber ich habe eine deutsche Kundin, die kommt aus Brandenburg, und deren Freunde da fragen die immer, wie sie denn nur in Neukölln wohnen kann. Ob das nicht total schlimm sei hier, wie Bürgerkrieg. Und sie sagt denen dann immer, dass das hier total schön ist und sie nur nette Nachbarn hat.

Zwei Frauen vor einem Shisha-Händler

Begegnest du im Alltag vielen Vorurteilen?
Ja, man wird komisch angekuckt und sogar angepöbelt. Mein Sohn wird jetzt 19, der hat mir gesagt: "Mama, es ist peinlich zu sagen, dass man Araber ist." Dann habe ich zu ihm gesagt: "Nein, du sagst, dass du Araber bist, damit du den Leuten zeigst, dass es auch gute gibt." Es gibt so viele Politiker mit arabischem Hintergrund, die Gutes für die Stadt tun, aber es wird immer nur über das Schlechte geschrieben, wenn es um uns geht.

Ahmad, 25, Student

VICE: Findest du, das Problem Clan-Kriminalität kommt in den Medien richtig rüber?
Ahmad: Alter, das wird so krass übertrieben! Völlig verrückt! Wenn ich Spiegel TV schaue, dann denke ich ja selbst, was für Arschlöcher, was machen die für asoziale Sachen. Aber ich habe auf jeden Fall das Gefühl, dass die Medien sich die Täter mit arabischem Migrationshintergrund raussuchen. Als gäbe es keine anderen!

Hat das Auswirkungen auf dein Leben?
Na klar, das färbt total auf die Anständigen von uns ab. Ich studiere auf Wirtschaftsingenieur und habe nichts mit solchen Leuten zu tun. Trotzdem ist es für mich schwieriger, mich auf Stellen zu bewerben, weil ich einen arabischen Namen habe.

Ali, 33, Mitarbeiter im Sicherheitsdienst

Die Hand von Ali, der eine Zigarette hält

VICE: Bekommst du die Debatte um Clan-Kriminalität mit?
Ali: Ja, das ist nicht OK, vor allem diese Drogendealer. Die Leute müssen viel härtere Strafen kriegen, die kommen alle viel zu schnell wieder raus.

Du bist nicht der einzige, der das sagt.
Ich verstehe die auch nicht. Warum benehmen die sich nicht? Ich bin vor neun Jahren aus dem Libanon gekommen, und ich lebe hier einfach vier Millionen Mal besser. Hier hast du Regeln, und du hast deine Ruhe. Man kann sich hier eine Zukunft aufbauen.

Glaubst du, dass sich diese Clan-Kriminalität schlecht auf normale Leute wie dich auswirkt?
Ja, das ärgert mich sehr, diese Leute machen ein schlechtes Bild. Die Deutschen hier in Neukölln wissen, was hier wirklich läuft. Aber draußen: Die sehen, dass ein Araber was Schlechtes tut, und dann sagen sie, dass alle Araber schlecht sind. Dabei müssten gerade die Deutschen das doch verstehen, dass das nicht fair ist: Es gibt ja auch Leute die sagen, alle Deutschen sind Nazis. Das stimmt ja auch nicht. Es gibt überall solche und solche.

Halbe Hammelkörper im Schaufenster eines Metzgers

Nadine, 35, Friseurin

VICE: Beschäftigt dich das Thema Clan-Kriminalität?
Nadine: Ja, das ist schlimmer geworden! Das sieht man ja jeden Tag in der B.Z., dass das immer krimineller wird! Ich finde das schlimm. Das ist ganz schlecht für uns, wenn dauernd so was geschrieben wird. Ich schaue mir dann die Kommentare an, und die Deutschen schreiben immer: "Typisch Ausländer, typisch Araber!" Da kriege ich die Wut, da habe ich keinen Bock mehr zu lesen. Ich meine, nicht mal die Finger einer Hand sind alle gleich!

Zwei Frauen vor Plakaten eines libanesischen Sängers

Bekommst du manchmal Probleme, weil du Kopftuch trägst?
Also, die Deutschen denken immer erst, dass ich Flüchtling bin. Die fragen mich immer, ob ich Deutsch verstehe, dabei bin ich hier geboren. Als ich meine Ausbildung zur Friseurin machen wollte, habe ich erstmal drei Monate Maßnahme gemacht (Anmerkung d. Red.: Ein Berliner Qualifizierungsprogramm, dass sich vor allem an Jugendliche mit Migrationshintergrund richtet), und dann haben die gesagt, ich darf die Ausbildung nicht machen – weil ich Kopftuch trage! Ich bin zum Jobcenter gegangen, die mussten eine Stunde mit der Schule reden, und dann durfte ich die Ausbildung doch machen. Ist doch unglaublich!

Hast du das Gefühl, dass Leute Angst vor euch haben?
Also, ich kenne auch Deutsche, die hier leben, die finden das total cool, hier zu leben, die lieben Multi-Kulti. Nur die, die noch nie hier waren, die haben Angst vor Neukölln.

Khalil, 45, Ladenbesitzer

VICE: Was hältst du von der Debatte um Clan-Kriminalität?
Khalil: Das wird total übertrieben. Also, ich glaube, so was gibt es schon hier in der Gegend. Dass zum Beispiel immer mal wieder einer versucht, Schutzgeld zu holen. Die gehen zu einem Laden hin und probieren es einfach – schauen, ob der sich Angst machen lässt. Und wenn der Schiss hat, dann nehmen die bisschen Geld mit.

Ein arabisches Restaurant auf der Sonnenallee

Aber du hast noch nie was gezahlt?
Niemals! Wo bin ich denn hier? Ich bin jetzt seit 21 Jahren auf dieser Straße. Ich arbeite doch nicht für die!

Aber hast du das Gefühl, dass so was euch alle betrifft?
Ja, die machen einen schlechten Namen für uns! Aber das ist Unsinn, es gibt überall gute und schlechte Menschen. Aber ich verstehe auch nicht, warum es in Deutschland so einfach ist, nicht zu arbeiten. Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet! Ich verstehe nicht, warum da junge Männer sind, die einfach nicht arbeiten, und dann wird denen die ganze Wohnung bezahlt. Warum? Die sollen sich Jobs suchen.

Im Cicero sagt jemand, Frauen Säure ins Gesicht werfen ist bei Großfamilien ein Kavaliersdelikt.
Das ist so ein Quatsch. So ein krasser Quatsch. Bei uns Arabern geht niemand an die Frauen oder Kinder, das ist eine absolute rote Linie. Selbst wenn du vorher recht hattest, wenn du so was bringst, dann hast du nachher für immer unrecht.

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