Zwei junge Frauen und ein junger Mann gehören zu den Leuten, die uns erzählt haben, warum sie während der Coronakrise ihr Studium abgebrochen haben
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Menschen

Diese jungen Menschen haben während der Coronakrise ihr Studium abgebrochen

"Ich war schon im letzten Semester und musste nur noch die letzten 3.000 Wörter meiner Bachelorarbeit schreiben."
16.3.21

Die Corona-Pandemie hat den Alltag vieler Studierenden komplett über den Haufen geworfen. Statt normaler Vorlesungen und wilder Partys sind derzeit nur endlose Zoom-Calls und Social Distancing angesagt. Und das ohne Aussicht auf einen konkreten Plan der Behörden zu Corona und den Universitäten. Während die meisten Studierenden versuchen, das Beste aus der Situation zu machen, ist die Belastung für die Psyche dennoch ungemein groß – teilweise so groß, dass einige Studentinnen und Studenten zumindest temporär ihr Studium hinschmeißen.

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Hier erzählen vier junge Menschen aus Belgien, warum sie genau das gemacht haben.

Julia, 21, hat Sozialwissenschaften studiert

Eine junge Frau mit blondem Haar und Brille schaut über ihre Schulter in die Kamera

Das ist Julia

Ich hätte niemals gedacht, dass ich mein Studium abbrechen würde. Ich war schon im letzten Semester und musste nur noch die letzten 3.000 Wörter meiner Bachelorarbeit schreiben. Mein Abschluss war quasi in greifbarer Nähe. Trotzdem hatte ich meine Motivation komplett verloren.

Mir wurde erst zwei Tage vor der Abgabe klar, dass ich es nicht schaffe. Ich wachte auf und hatte nur einen Gedanken im Kopf: "Ich will nicht mehr." Ich bin mir sicher, dass das an der Pandemie lag, weil ich vorher nie Probleme mit meinen Hausarbeiten hatte.


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Die Entscheidung fiel mir trotzdem nicht leicht. Es tut weh, wenn ich daran denke, wie viel Geld meine Eltern in mein Studium investiert haben. Ich hatte auf jeden Fall das Gefühl, sie zu enttäuschen. Aber egal wie sehr ich mich im letzten Semester auch reinhängte, ich konnte einfach nicht mehr weitermachen. Zum Glück unterstützt meine Mutter meine Entscheidung.

Ich wünschte, die Universität hätte uns mehr Transparenz und Unterstützung geboten. Im April und Juni 2020 gab es Zeiten, in denen ich kein Licht am Ende des Tunnels sah. Ich glaubte, dass ich die Einzige war, die aufgeben wollte. Normalerweise trifft man sich in einer solchen Situation mit anderen Studierenden und hilft sich gegenseitig, solche Gefühle zu verstehen und zu verstehen, dass man mit seinen Problemen nicht alleine ist. Diese Möglichkeit hatten wir nicht. 

Es ist aber nicht alles schlecht. Vor Kurzem habe ich mich auf einer Kunsthochschule eingeschrieben, das wollte ich nach meinem BA-Abschluss sowieso machen. Mir geht es jetzt viel besser.

Ela, 21, hat Journalismus studiert

Eine junge Frau mit dunklem Haar und weißem T-Shirt lächelt in die Kamera

Das ist Ela

Wenn man auf eine Journalistenschule geht, muss man für seine Aufgaben meistens das Haus verlassen. Das macht mir während der Pandemie viel Angst, weil ich wegen meiner Diabetes-Erkrankung Risikopatientin bin. Ich fiel in den Fächern durch, bei denen man im echten Leben mit Leuten interagieren musste, und mein Notendurchschnitt fiel in den Keller. Meine Motivation ging flöten. Als ich dann ein zweites Mal durch meine Prüfungen gefallen war, entschied ich mich, mein Studium abzubrechen.

Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht, ich befürchtete, das Ganze später zu bereuen und ohne Abschluss keinen Job zu bekommen. Auch meine Mutter stand nicht ganz hinter mir. Sie riet mir, ein paar kürzere Kurse zu belegen, um zumindest ein bisschen was auf dem Papier zu haben. Das wollte ich aber nicht. Nach meinem Studiumsabbruch fing ich direkt an, einen Job zu suchen – und das hat zum Glück recht schnell geklappt. Derzeit arbeite ich in der Kundendienstabteilung eines Supermarkts. Ich wollte finanziell unabhängig sein, mein Job ermöglicht das.

Durch den Abbruch fiel mir ein großer Stein vom Herzen. Außerdem schätzen mich meine neuen Kollegen und Kolleginnen, das tut gut. Man darf nie die Hoffnung verlieren – und sollte immer daran denken, dass Aufgeben nicht gleich Scheitern ist.  

Nicolas, 17, ging noch zur Schule

Ein junger Mann mit langen, dunklen Haaren, Schnurrbart und Brille schaut in die Kamera

Das ist Nicolas | Foto: Clara Montay

Es gibt mehrere Gründe, warum ich die Schule geschmissen habe. Es war dort ziemlich elitär, die Lehrer machten mich oft nieder und es herrschte großer Konkurrenzdruck. Ich höre gerne Metal und habe lange Haare, mit meinem Style passte ich da nicht rein. Ganz ehrlich, ich habe mich in der Schule noch nie wohl gefühlt. Ich bin sauer auf das Bildungssystem und komme nicht damit klar, wie einem die Dinge da beigebracht werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass das komplette System überholt werden muss, um wieder zeitgemäß zu sein.

Weil ich das Schuljahr dennoch abschließen wollte, meldete ich mich auf einem Internat an. Dort hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, richtig lernen und Hausaufgaben machen zu können. Dann kam am Ende meiner ersten Woche allerdings der Lockdown. Ich kehrte nach Hause zurück, wo ich meine Hausaufgaben wieder nicht mehr erledigte. Ich wollte das alles nicht wahrhaben. Mein Verantwortungsgefühl schien sich einfach in Luft aufgelöst zu haben. Keine Ahnung, wieso.

Am Ende des Schuljahres wollte ich eine Hausarbeit einreichen, mit der meine Lehrer entscheiden sollten, ob ich das Jahr bestehe. Ich schrieb ein Essay über die Wikinger, inklusive vieler Informationen zu Geschichte, Sprache, Religion und so weiter. Meine Lehrer wollten die Arbeit nicht akzeptieren und setzten mich enorm unter Druck. Mein Vater und ich mussten richtig kämpfen, damit meine Arbeit angenommen wurde. Ich bestand das Jahr, war aber durch den ganzen Prozess total entmutigt – und entschied, nie wieder zur Schule zu gehen.

Diese Entscheidung bereue ich bis heute kein bisschen. Ich kontaktierte die Organisation SAS Parenthese, die jungen Menschen weiterhilft, die die Schule geschmissen haben. Wir fotografieren viel, zeichnen und besuchen Kunstausstellungen. Mir wurde dort sogar gezeigt, wie man richtig rudert. Demnächst steht zudem ein Schreibworkshop an, das finde ich super.

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Vielleicht gehe ich eines Tages wieder zur Schule, aber eigentlich weiß ich genau, was ich in Zukunft machen will: Ich bin großer Fan der mittelalterlichen Geschichte und der skandinavischen Kultur und will später als Schmied arbeiten.

Fien, 19, hat Psychologie studiert

Eine junge Frau mit blondierten Haaren lächelt in die Kamera

Das ist Fien

Ich hatte schon vor der Pandemie ein großes emotionales Päckchen zu tragen: Ich leide nach traumatischen sexuellen Übergriffen, einem schwierigen Beziehungsende und einer komplizierten Familiensituation seit vier Jahren an Depressionen.

Das Verfahren gegen meinen Vergewaltiger fand während des ersten Lockdowns statt. Wegen der Einschränkungen hatte ich allerdings keinen Zugang zu meiner normalen therapeutischen und psychiatrischen Hilfe. Alles lief online ab, was nicht gerade weiterhalf. Und da meine Familie komplett im Homeoffice war, gingen wir uns ständig auf die Nerven. Ich verzog mich in mein Zimmer und fing vor lauter Langeweile an, Hausaufgaben zu machen. Für mich eine Form der Realitätsflucht.

Zuerst beruhigte es mich noch, meine Komfortzone nicht zu verlassen. Während des zweiten Lockdowns hatte ich dann aber einen Nervenzusammenbruch. Ich brauche für meinen Heilungsprozess Leute um mich, für uns Studierende war das aber nicht möglich. Irgendwann klangen die ganzen aufmunternden Nachrichten auch alle gleich. Ich sehnte mich nach einer tiefgreifenden Konversation mit einer Person, die in echt neben mir saß. Ich rutschte immer mehr in einen Teufelskreis der negativen Gedanken ab und verlor meinen Appetit.

Ende Dezember 2020 knallte es dann richtig. Ich fühlte mich leer, konnte nicht mehr schlafen und nichts mehr essen. Dazu kamen Panikattacken. Ich kam nicht mehr aus meinem Bett und weinte den ganzen Tag. Letztendlich war es mein Psychiater, der mir empfahl, mein Studium zu pausieren. Ich gab meiner psychischen Gesundheit oberste Priorität und ließ mich in eine psychiatrische Klinik einweisen. Ohne den ganzen Druck fühlte ich mich direkt besser.

Zuzugeben, dass ich das Studium abbrechen wollte, war nicht einfach. Ich bin Perfektionistin und habe große Versagensängste, deswegen gehe ich immer hart mit mir selbst ins Gericht. Ich fürchtete mich davor, meine Eltern zu enttäuschen. Außerdem war ich sauer auf das Bildungsministerium und die Regierung: Wenn die die Dinge dort anders gemacht hätten, würde ich heute vielleicht noch studieren.

Am 22. Januar durfte ich die Klinik verlassen, jetzt denke ich über meine Zukunft nach. Ich will wieder "normal" studieren, aber derzeit fühle ich mich dazu noch zu schwach.

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