Menschen

Wie Corona unsere Wahrnehmung von Körperkontakt verändert

"Wir haben eine Furcht vor Nähe entwickelt", sagt die Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme.
2.3.21
Nackte Körper berühren sich und stellen Nähe her, was uns gemäß einer Neurowissenschaftlerin gerade fehlt
In dieser Serie werfen wir einen Blick in die Zukunft nach dem Ende der Corona-Pandemie

In einer neuen Kampagne erklären die Berliner Verkehrsbetriebe was eineinhalb Meter Abstand bedeutet. Zwischen zwei Menschen mit 1,5 Meter Abstand passen drei Corgis oder ein Pony oder zwei Dönerspieße. Das kann man sich vorstellen. Das klingt einfach. 

Aber eigentlich ist es etwas schwieriger. Wenn wir bei einem Spaziergang Freunden begegnen, winken wir, obwohl wir einander am liebsten in die Arme fallen wollen. Wir schütteln keine Hände zur Begrüßung oder zum Dank. Wenn uns auf der Straße jemand entgegen kommt, dann machen wir einen großen Bogen umeinander. Nähe ist zur Bedrohung geworden. Corona hat unseren Begriff von Nähe verändert. Doch das Bedürfnis bleibt. Welche Konsequenzen das hat, weiß Rebecca Böhme. Sie ist Neurowissenschaftlerin am Zentrum für soziale und affektive Neurowissenschaften in Linköping, Schweden, und Autorin. 2019 erschien ihr Buch Human Touch - Warum körperliche Nähe so wichtig ist

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Wir haben mit Rebecca Böhme gesprochen, um herauszufinden, wie wir uns nach dem Lockdown begegnen und wie wir im Leben nach Corona mit Nähe umgehen sollen.


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VICE: Wie verändert der Lockdown den Stellenwert von Nähe in unserem Leben? 
Rebecca Böhme:
Der Lockdown hat uns ein Gefühl dafür gegeben, wie wichtig körperliche Nähe ist. Davor waren Berührungen etwas, was wir mochten, das für uns aber eine Nebenrolle gespielt hat. Jetzt haben wir durch dieses Berührungsverbot gemerkt, wie sehr uns Nähe fehlt. Insofern würde ich nicht sagen, dass sich der Stellenwert verändert hat. Vorher waren uns Berührungen genauso wichtig, wie sie uns jetzt sind. Aber jetzt ist uns der Stellenwert bewusster geworden. 

Werden wir anders auf Fremde oder Bekannte zugehen, wenn der Lockdown vorbei ist?
Ich würde vermuten, dass es da noch eine Art Nach-Effekt gibt. Wir haben uns eine Distanz angewöhnt. Da kann es Zeit in Anspruch nehmen, bis wir uns das wieder abgewöhnt haben. Wir haben eine Furcht vor Nähe entwickelt. Das ist natürlich ganz normal und verständlich. Wir haben jetzt ein neues Gefühl dafür, was wir als "zu nah" sehen. Das wieder abzulegen, kann eine Weile dauern.

Wird es deshalb schwieriger sein, neue Leute kennenzulernen?
Es gibt beide Möglichkeiten. Es könnte einerseits sein, dass wir tatsächlich die Furcht haben und dadurch von Dingen Abstand halten und zurückgezogener sein werden. Man muss sich dann auch erstmal wieder daran gewöhnen, mit anderen Menschen Smalltalk zu führen. Es gibt aber andererseits auch die Vermutung, dass eine Art "Goldene Zwanziger"-Effekt stattfinden wird. Weil wir jetzt gemerkt haben, wie sehr wir Nähe vermissen, könnte es sein, dass wir dann so richtig rausgehen, uns nahe kommen und offen sind.

Welche Rolle spielen Alltagsberührungen wie Begrüßungen oder Händeschütteln zum Dank in unserem Leben?
Die sind sehr wichtig, weil sie Rituale sind, die wir nutzen, um Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen. Natürlich kann man auch andere Rituale finden und sich anders begrüßen. Aber um dann tatsächlich Nähe herzustellen, gerade mit Menschen, die einem auch emotional nahe stehen, wie Freunde oder Familie, dafür benötigt man dringend Berührungen. Man merkt ja wie schwer es einem fällt, dass man nahe Freunde oder Verwandte nicht umarmen und ihnen nicht näher kommen darf. Denn eigentlich ist das so wichtig für die Beziehung.

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Kommunikation funktioniert ja nicht nur verbal, sondern auch durch diese Berührungen. Wie überbrücken wir diese verlorene Ebene?
Ich glaube, dass man das nicht ersetzen kann. Das ist etwas, was wir uns auch ganz klar machen müssen. Die Art und Weise wie wir Emotionen über Berührung kommunizieren, ist etwas, was sich nicht ersetzen lässt, indem wir sagen "Hey, das tut mir Leid!". Worte haben nicht denselben Effekt, wie wenn ich jemanden in den Arm nehme kann. Gerade für die Emotionen Liebe und Mitgefühl benötigen wir eigentlich Berührungen, um das Gefühl nicht nur rational zu vermitteln. Wenn wir mit jemandem sprechen und sagen: "Ich liebe dich." oder "Tut mir jetzt Leid, dass es dir nicht gut geht." Dann ist das zwar kognitiv vermittelt, aber es fehlt die leibliche Komponente von Mitgefühl oder Liebe.

Wir verbinden die Nähe zu anderen Menschen mit einer Bedrohung. Welche Konsequenzen hat diese Assoziation?
Es ist tatsächlich eine sehr tiefe Angst, die da hervorgerufen wird. Letztendlich eine Gefahr für unser Leben. Insofern ist das eine sehr starke Assoziation, die wir da hergestellt haben zwischen Nähe und Lebensgefahr. Ich kann mir vorstellen, dass es durchaus eine Weile dauern wird, bis wir das wieder ablegen können. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass die leibliche Nähe und das Bedürfnis, anderen Menschen nahe zu kommen, auch biologisch gegeben ist. Es ist nicht nur etwas kulturelles, sondern wir haben tatsächlich ein biologisches Bedürfnis danach. Es kämpfen also zwei Instinkte miteinander. Auf jeden Fall wird es einen Effekt haben. Ich kann mir auch vorstellen, dass das für bestimmte Menschen langandauernde Folgen haben wird. Manche werden diese Furcht für eine sehr lange Zeit behalten, während andere sie einfach hinter sich lassen können. Wir gehen ganz individuell damit um.

Gibt es Verhaltensweisen, die wir uns wegen Corona angeeignet haben und im Leben danach möglicherweise trotzdem beibehalten?
Es gibt durchaus viele Menschen, die diese Lockerungen der Berührungsrituale eigentlich sehr angenehm finden. Denn man muss natürlich auch bedenken, dass Berührung nicht immer nur positiv ist. Es gibt viele Menschen, die Berührung als übergriffig empfinden. Es hängt sehr stark von der Situation ab. Ich habe von vielen gehört, dass sie es als sehr schön und angenehm empfinden, dass sie zur Begrüßung jetzt nicht mehr Hände schütteln oder umarmen müssen. Insofern könnte man das auch als Chance begreifen, diese Rituale und eingespielten gesellschaftlichen Begebenheiten ein bisschen aufzulockern. Natürlich bleibt Berührung wichtig. Wir sollten sie nicht komplett verbannen. Wir sollten uns aber offenhalten, dass Menschen unterschiedliche Berührungsbedürfnisse haben. So können wir Lockerungen und Variabilität in die Art hineinbringen, wie wir uns begrüßen.

Wie sollen wir nach dem Lockdown mit Nähe umgehen? 
Insgesamt offener. Nach dem Lockdown können wir unser Berührungsverhalten anpassen. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass wir weniger berühren sollen. Wir sollten vielleicht sogar mehr berühren. Das schafft Empathie und Nähe auch zu Menschen, die uns nicht ganz so nahe stehen. Man muss aber natürlich ganz vorsichtig und achtsam miteinander umgehen, damit man keine Grenzen überschreitet.

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