Drogen

Der Darknet-Dealer, der mit Drogen 380.000 Bitcoins verdiente

Maikel Slomp galt als der "Pablo Escobar der Silk Road". Dann stellte ihm das FBI eine Falle.
Tim Fraanje
Amsterdam, NL
7.4.21
Ein junger Mann mit Baseball-Cap und Camouflage-Hemd vor einer Computer-Kamera
Screenshot aus dem Zoom-Interview mit Maikel Slomp

Für kurze Zeit war Cornelis Jan "Maikel" Slomp ein sehr reicher Mann. Zwischen 2012 und 2013 hatte der niederländische Informatiker mit nur 22 Jahren ein Bitcoin-Vermögen im Wert von mehreren Millionen Euro angehäuft. Als SuperTrips verkaufte er auf dem legendären Darknet-Marktplatz Silk Road MDMA und andere Drogen. Slomp war dabei so erfolgreich, dass er bald "der Pablo Escobar der Silk Road" genannt wurde. Aber schon 15 Monate nachdem er ins Geschäft eingestiegen war, wurde er 2013 vom FBI verhaftet und zu zehn Jahren in einem US-Gefängnis verurteilt. Im selben Jahr kam auch das Ende von Silk Road.

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Slomp ist vor Kurzem vorzeitig entlassen worden. Er war mit einer Corona-Erkrankung auf die Intensivstation eingeliefert worden, aber hat sich inzwischen komplett erholt. Jetzt lebt er wieder bei seiner Familie in Woerden, einer niederländischen Gemeinde mit 50.000 Einwohnern. Er hat VICE die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt.


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Momentan ist Slomp damit beschäftigt, seine Geschichte verschiedenen Filmstudios anzubieten. "Ich bin bekannt und wenn ich damit etwas Geld machen kann, habe ich kein Problem damit", sagt er. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass er von einem Schauspieler gespielt wird. 2017 war er unfreiwillig Protagonist des niederländischen Fernsehfilms Silk Road. Seine Anwälte gingen juristisch gegen den öffentlich-rechtlichen Sender NPO vor, der den Film ausgestrahlt hatte. Slomp störte sich an der negativen Darstellung seiner Person.

Ironischerweise hatte NPO Slomp erst zu seinem Vorstoß ins Drogengeschäft inspiriert: "Ich habe von Silk Road in einer Folge von Spuiten en Slikken erfahren", sagt er. Die beliebte und kontroverse Fernsehsendung, deren Titel zu Deutsch "Spritzen und Schlucken" heißt, drehte sich um Sex und Drogen und lief von 2005 bis 2018. Die Folge, auf die Slomp sich hier bezieht, erklärte, wie man die Silk-Road-Seite findet und mit Bitcoin bezahlt.

"Ich wollte etwas MDMA kaufen, aber niemand hat es angeboten, also habe ich angefangen, das selbst zu übernehmen", sagt Slomp. "Alkohol oder Rauchen mag ich überhaupt nicht, aber meine Erfahrung mit Ecstasy hat bei mir den Eindruck vermittelt, dass jeder das probieren sollte. Von da an lief es dann einfach."

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In den Niederlanden wird das meiste MDMA der Welt produziert. Das bedeutete, dass Slomp die Drogen relativ billig in Amsterdam kaufen und online mit Gewinn in andere Länder verkaufen konnte. "Ich habe große Pakete DVD-Hüllen gekauft und die vakuumierten Drogen dort reingetan", sagt er. Diese DVD-Hüllen steckte er dann in Umschläge und schickte sie ins Ausland.

Slomp war damals Programmierer, das Drogengeschäft sollte nur ein kleiner Nebenverdienst werden. Nachdem er aber im ersten Monat 15.000 Euro verdient hatte, kündigte er sofort seinen Job. Mit mehr Zeit zur Verfügung baute Slomp sein Geschäft aus. Wenn jemand ihn zu seinem plötzlichen Erfolg befragte, erzählte er, dass er eine Software-Firma habe, die sehr gut laufe. Er habe damals nicht besonders viel Geld ausgegeben, sagt Slomp. "Ein paar Autos" kaufte er sich allerdings schon – darunter ein Bentley, zwei Audis und ein Mercedes. Das zog auch die Aufmerksamkeit seiner Nachbarn auf sich.

2013 verdiente Slomp 380.000 Bitcoins, das waren damals 3 Millionen Euro. Laut Gerichtsunterlagen hatte er um die 104 Kilogramm MDMA verkauft, 566.000 Ecstasy-Pillen, vier Kilogramm Kokain und "substanzielle Mengen" Amphetamine, LSD, Gras, Ketamin und Xanax.

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Der Erfolg wurde Slomp aber bald zu viel. "Da habe ich aufgehört, es wurde einfach zu stressig", sagt er. "Ich habe 16 Stunden am Tag geackert, obwohl ich ein paar Leute hatte, die für mich arbeiteten." Aber da war es schon zu spät, das FBI war ihm auf der Spur. Sie hatten seine Fingerabdrücke auf den DVD-Hüllen entdeckt. Slomp sagt, jemand habe ihm angeboten, seinen Account-Namen zu kaufen und sein Geschäft auf der Website zu übernehmen. Es war eine Falle. Er flog in die USA, um den Deal abzuschließen. Statt im Lamborghini, den er sich gemietet hatte, verließ er den Flughafen im Polizeiauto.

Slomp war schon zuvor von der niederländischen Polizei befragt worden, mehr war aber nie passiert. "Ich habe mich dadurch für unantastbar gehalten", sagt er. Einmal war er bei einer Party verhaftet worden, aber da er nur eine geringe Menge Drogen bei sich hatte, verbrachte er nur das Wochenende im Gefängnis. "Sie hätten mein Haus durchsuchen können, aber das haben sie nicht", sagt Slomp. "Irgendwann denkst du dir, dass die niederländische Polizei nur ein Haufen Amateure ist. Ich habe damals schon eine Menge Geld verdient."

Wenn es wirklich hart auf hart gekommen wäre, hätte er sich nur vor einem niederländischen Gericht verantworten müssen. Er rechnete, wenn überhaupt, mit einem oder zwei Jahren Knast. "Aber verdammt, die sind verrückt in den USA", sagt er. Er wurde zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt, bekam dann allerdings eine Strafminderung, nachdem er seine Bitcoins freigegeben hatte. Menschen erinnern ihn heute immer wieder daran, dass diese jetzt Milliarden wert sein könnten. Für Slomp war die Freiheit aber immer wichtiger. "Was bringen dir ein paar Hundert Millionen Euro, wenn du im Gefängnis sitzt?"

Ross Ulbricht, der US-amerikanische Gründer von Silk Road, kam wesentlich weniger glimpflich davon. Er erhielt zweimal lebenslänglich und 40 Jahre. "Eine höhere Haftstrafe als El Chapo", sagt Slomp. Im Gefängnis selbst war Slomp überrascht, dass ihn die Leute wie einen Helden behandelten. "Alle interessiert nur, wieviel Geld du gemacht hast", sagt er. "Die Leute, die da drüben im Gefängnis sind, haben nie auch nur von einer Million gehört. Die werden für ein paar Gramm verurteilt." Slomp sagt, selbst die Polizisten und die Staatsanwaltschaft hätten immer wieder gesagt, dass das, was er getan hat, unglaublich gewesen sei. "Nicht ein einziges Mal hat jemand mal etwas Schlechtes gesagt", so Slomp.

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Trotz seines guten Rufs war die Zeit im Gefängnis nicht einfach. Er sei ständig von einer Ecke des Landes zur anderen transferiert worden. Oft habe man ihn im Unklaren darüber gelassen, was vor sich geht, sagt er. Um der Überbelegung entgegenzuwirken, werden US-Insassen immer wieder ohne Vorwarnung in öffentliche und private Haftanstalten transferiert, wo sie sich an ein neues System und an eine neue Umgebung anpassen müssen. Slomp sagt außerdem, dass er einmal vier Monate in Einzelhaft gekommen sei, weil er sich Kontaktlinsen ins Gefängnis geschmuggelt hatte.

Grüße aus dem Cyberbunker

Trotz all der Jahre hinter Gittern findet Slomp nicht, dass er etwas Falsches getan hat: "Menschen werden immer Drogen konsumieren. Aber auf Silk Road wussten die Leute, dass es gute Qualität war. Ich habe den ganzen Kram testen lassen", sagt er. Wie auf jedem anderen Online-Marktplatz konnten auch Silk-Road-User die Profile der Verkäuferinnen und Verkäufer bewerten.

Wieder auf freiem Fuß sagt Slomp, dass er nicht vorhabe, erneut in den Drogenhandel einzusteigen. "Alle wissen, wer ich bin. Ich wäre viel zu auffällig", sagt er. Stattdessen arbeite er jetzt an einer Karriere als Häftlingsberater, um US-Gefangenen dabei zu helfen, sich in dem chaotischen System zurechtzufinden. "Es wäre komisch, zurück in ein Büro zu gehen und wieder mit dem Programmieren anzufangen", sagt er. "Meine Arbeitgeber würden mich googeln und nur den kriminellen Kram sehen."

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