Drei junge Männer sitzen an der felsigen Küste der einsamen Pazifikinsel 'Ata, wo sie nach acht Tagen auf dem Meer gestrandet waren und 15 Monate lang überleben mussten
Drei der sechs jungen Männer zeigen, wie sie auf der einsamen Pazifikinsel 'Ata überlebt haben | Alle Fotos, sofern nicht anders angegeben: John Carnemolla
Menschen

Ich war 15 Monate lang auf einer einsamen Insel gestrandet

Das ist die Geschichte von sechs Teenagern, die ein Boot klauten und in einem heftigen Sturm die Orientierung verloren.
8.4.21

1966 machte sich der australische Krebsfischer und Abenteurer Peter Warner in einem Boot auf zur eigentlich unbewohnten tongaischen Insel 'Ata. Zu seiner großen Verwunderung traf er dort auf sechs Teenager, die – wie er später erfuhr – seit 15 Monaten als vermisst galten.

Wie die Teenager erklärten, hatten sie im Hafen der 160 Kilometer nordöstlich gelegenen tongaischen Hauptstadt Nuku'alofa ein Boot entwendet, um eine Spritztour zu machen. Dabei gerieten sie in einen Sturm und strandeten nach acht Tagen ohne Essen und Wasser auf 'Ata. Dort bauten sie eine kleine Hütte, machten Feuer und überlebten dank Meeresfrüchten, Fischen, Bananen und Papayas.

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Damals machte die Geschichte der sechs Jungs weltweit Schlagzeilen. Der in Sydney lebende Fotograf John Carnemolla wurde sogar zusammen mit den Teenagern auf die Insel geschickt, um zu dokumentieren, wie sie während der 15 Monate gelebt haben. Irgendwann geriet die Story aber in Vergessenheit, bis sie der berühmte Autor Rutger Bregman im März 2020 in einem seiner Bücher erneut aufgriff.

Zu den sechs Jugendlichen gehörte auch der heute 74 Jahre alte Sione Filipe Totau. Mit uns hat er zum allerersten Mal überhaupt in einem Podcast über seine Erfahrungen als 19-Jähriger auf der Insel 'Ata gesprochen. Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Interview, die ganze Folge von 'Extremes' – einem VICE-Podcast, den es exklusiv auf Spotify gibt – kannst du hier hören.

Einer der Teenager sitzt oben auf einer Klippe der einsamen Pazifikinsel 'Ata und blickt auf das Meer hinaus

Einer der Teenager sitzt oben auf einer Klippe und blickt auf das Meer

Ich bin auf der kleinen tongaischen Insel Ha'afeva aufgewachsen. Die Insel ist mit rund zwei Quadratkilometern Fläche echt winzig, deswegen kamen mir Fidschi, Neuseeland und Australien im Erdkunde-Unterricht total riesig vor. Und ich dachte mir immer: "Wie komme ich hier am schnellsten weg?" Ich wollte die Welt entdecken. 

Eines Tages sagte ein Freund in der Schule zu mir: "Wir fahren rüber auf Fidschi, kommst du mit?" Er meinte damit, dass sie ein Boot klauen wollten. Meine Antwort: "OK, ich bin dabei!" Als der Unterricht vorbei war, gingen wir zum Hafen und schauten uns die verschiedenen Boote an. Es gab einen Mann, der sein Segelboot jeden Tag gegen 18 oder 19 Uhr an der gleichen Stelle anlegte. Als er an diesem Abend nach Hause ging, schnappten wir uns sein Boot und segelten los.

Wir waren zu sechst und alle zwischen 15 und 19 Jahre alt. Der Vater von einem von uns besaß das gleiche Boot, deshalb war dieser Freund am Steuer. Wir setzten das Segel und verließen den Hafen. Es blies ein ordentlicher Wind.

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Als wir die Lichter von Nuku'alofa nicht mehr sahen, war es bereits mitten in der Nacht. Der Wind wurde immer stärker, die Wellen schlugen immer höher. Ein Sturm zog auf und wir dachten leider nicht daran, das Segel wieder einzuholen. So wurde es durch den heftigen Wind weggefetzt.

Ein junger Mann schnitzt auf der einsamen Pazifikinsel 'Ata eine Holzbüste

Als der Fotograf John Carnemolla 1966 mit den Teenagern auf die Insel zurückkehrte, zeigten sie ihm, wie sie die Zeit mit dem Bau von Musikinstrumenten und Holzschnitzereien totgeschlagen haben

Am nächsten Tag regnete es leicht und wir trieben ohne Segel übers offene Meer. Zum Glück fanden wir an Bord einige Dosen, in denen wir Regenwasser auffangen konnten. Zu essen hatten wir jedoch nichts. Einige von uns weinten, wir konnten einfach nichts tun. Zwar versuchten wir, die Hoffnung nicht aufzugeben, aber ich rechnete fest damit, dass wir sterben würden.

So trieben wir acht Tage lang umher, bis wir schließlich 'Ata erblickten. Ich glaube, es war ungefähr 9 Uhr morgens, die Insel war noch weit weg. Aber im Laufe des Tages brachte uns der Wind ganz langsam immer näher.

Als wir endlich an der ziemlich steilen Vulkaninsel ankamen, war es schon dunkel, vielleicht 23 Uhr. Wir beteten, dann sagte ich zu den Jungs: "Verlasst das Boot erst, wenn ich herausgefunden habe, was es auf der Insel gibt."

Zwei junge Männer beißen auf der einsamen Pazifikinsel 'Ata in rohen Fisch

Zwei der Jugendlichen zeigen, wie sie nach der Ankunft auf der Insel rohen Fisch gegessen haben

Ich sprang aus dem Boot und schwamm durch die Wellen. Als ich am Ufer ankam, drehte sich die Insel plötzlich. Das lag jedoch an mir: Nach acht Tagen ohne Essen und Trinken war ich einfach total fertig. Als ich endlich wieder zu mir kam, rief ich den Jungs zu: "Hey, ich bin hier!" Sie schafften es alle lebend zu mir rüber. Wir beteten, umarmten uns und weinten.

Dann schliefen wir am Strand ein und wachten erst wieder auf, als am nächsten Tag die Sonne aufging. Als erstes mussten wir einen Weg zum höchsten Punkt der Insel finden. Also begannen wir zu klettern. Dabei trat ich auf ein nasses Stück Holz. Ich hob es auf, zerbrach es in mehrere Teile und drückte die Teile so lange mit der Hand zusammen, bis ich das Wasser von meiner Haut lecken konnte. Das war mein erstes Trinken nach acht Tagen.

Als wir oben angekommen waren, blickten wir über die Klippen um uns. Dabei fühlten wir uns total lebendig. Wir hatten endlich wieder trockenen Boden unter den Füßen. Dadurch kehrte auch die Hoffnung zurück.

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Wir wollten ein Feuer machen, waren aber noch zu schwach. Wir versuchten es jeden Tag aufs Neue und suchten zudem das Meer nach Meeresfrüchten ab. Außerdem fanden wir einige Papayas und Kokosnüsse. Nach drei Monaten hatten wir schließlich wieder genug Kraft, um einige Holzstücke so fest aneinander zu reiben, dass sie Feuer fingen. Endlich konnten wir wieder etwas Warmes essen.

Sechs junge Männer posieren auf der einsamen Pazifikinsel 'Ata mit einer selbstgebauten Ukulele vor ihrer Hütte

Die Teenager mit ihrer selbstgebauten Ukulele vor ihrer Hütte

Als Nächstes mussten wir uns ein Dach über dem Kopf bauen. Ich wusste, wie man Kokosnussblätter ineinander webt. Damit konnten wir Wände hochziehen. Ich brauchte zwei Wochen, bis ich alles zusammengebaut hatte, danach teilten wir das Innere unserer Hütte auf. In der Mitte war die Feuerstelle und mit Bananenblättern richtete sich jeder ein Bett ein. Dann organisierten wir alle Aufgaben nach einem genauen Plan – etwa, wer sich um das Feuer kümmert, wie wir beten und wie wir die Bananenstauden nicht kaputtgehen lassen. Wir arbeiteten so zusammen, als müssten wir eine sehr lange Zeit auf der Insel verbringen.

Ich bin mit der Insel nie wirklich warm geworden, ich wollte immer zurück nach Hause zu meiner Familie. Deswegen bauten wir auch ein Floß: Wir fällten einige Bäume und brannten die Äste weg. Es war jedoch unmöglich, das Floß ins Meer hinauszuschieben. Es trieb in den Wellen nur am Strand entlang – und uns wurde klar, dass wir wirklich auf der Insel festsaßen.

Ein junger Mann liegt auf der einsamen Pazifikinsel 'Ata auf einer selbstgebauten Langhantelbank und trainiert

Neben der Hütte bauten sich die Teenager auch eine Langhantelbank

Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie lange wir schon auf 'Ata waren, und hoffte jeden Tag aufs Neue, dass uns jemand rettet. Rückblickend fühlte es sich nicht wie 15 Monate an.

Eines Tages sahen wir dann ein Boot, das der Insel immer näher kam. Steven, der das Boot zuerst erblickt hatte, sprang ins Wasser und schwamm ihm entgegen. Der Kapitän Peter Warner erzählte uns später, dass jemand aus seiner Crew wohl unsere Stimmen gehört hatte. Warner tat das allerdings als Vogelgeräusche ab. Dann sahen sie Steven im Wasser und blickten rüber zur Insel, wo fünf weitere langhaarige Jungs am Strand standen. 

Ich kann nicht beschreiben, was ich in diesem Moment gefühlt habe. Wir waren außer uns vor Freude, denn wir hatten die Zeit auf 'Ata überlebt und würden unsere Familien auf Tonga wiedersehen.

Zu Hause feierten wir dann drei Tage lang. Die erste Feier wurde von unseren Familien veranstaltet, die zweite von der Kirche und die dritte von den Inseloberhäuptern.

Sione Filipe Totau ist einer der sechs Jugendlichen, die 1965 auf der einsamen Pazifikinsel 'Ata strandeten und dort 15 Monate überleben mussten

So sieht Totau heute aus | Foto: Julian Morgans

Wenn ich heute an die Zeit auf der Insel zurückdenke, weiß ich, wie viel wir dort gelernt haben. Wenn ich das mit der Schule vergleiche, hat mir 'Ata viel mehr beigebracht. Denn dort habe ich gelernt, mir selbst zu vertrauen. Mir ist jetzt bewusst, dass es egal ist, wer du bist, welche Hautfarbe du hast oder welcher Ethnie du angehörst. Wenn du ein echtes Problem hast, dann wirst du irgendwann erkennen, was nötig ist, um zu überleben.

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