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Verkaufen mehrere deutsche Möbelläden eine Hakenkreuz-Deko?

Der Hersteller selbst spricht von einer "Swastika", sieht darin allerdings kein Problem.

von VICE Staff
08 Januar 2020, 8:34am

So hing der Wandteller Ende 2019 im Mömax in München | Foto: privat

Es ist wieder da. Vielleicht war es auch nie weg. Selbst 75 Jahre nach Kapitulation der Nazis taucht das Hakenkreuz andauernd in Deutschland auf.

Aufmerksame entdeckten es in den letzten Jahren auf alten Kirchturmglocken, beim Blick durch Dresdner Wohnungsfenster, auf einem Pulli von Tokio Hotels Tom Kaulitz und in Freizeitparks im Schwarzwald. Mal steckt menschenverachtende Absicht dahinter, mal ein Versehen, ein anderes Mal die Geschichte. Nicht immer ist die Sache so klar wie die deutsche Niederlage dereinst. Auch im Falle einer Wanddeko, die derzeit in mehreren deutschen Möbelgeschäften verkauft wird.

Ende 2019 meldet sich ein Leser anonym bei VICE. Während eines Einkaufs in der Münchner Mömax-Filiale Ende Dezember sei er auf die Deko gestoßen, die er sich wohl nicht mal gegen Geld zu Hause aufhängen würde: Das mitgeschickte Foto zeigt eine Kombination aus mehreren Eisentellern, zwei kleine in Schwarz, zwei größere in Grau-Weiß mit Mustern. Während den einen mehrere Linien zieren, die gerade auf die Mitte zulaufen, trägt der andere ein Kreuz von vier Strängen, die erst senkrecht von der Mitte weglaufen, dann scharf und eckig nach links biegen und schließlich in Schwingen nach außen laufen – ein Sonnenrad beziehungsweise, so hat es den Anschein, ein Hakenkreuz.

Er fühle sich an einen "Thor-Steinar-Home-Pop-up-Store" erinnert, schreibt der Leser. Verkauft Mömax also Hakenkreuz-Teller?


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Die Pressestelle von Mömax schreibt auf Anfrage, man nehme den Hinweis "sehr ernst". Man habe sich den Artikel erneut angesehen, "auch in natura". Das Urteil: Es sei abwegig, "diesen mit der von Ihnen assoziierten Symbolik in Verbindung zu bringen". Auch wenn das natürlich im Auge des Betrachters liege.

Bislang habe man zudem keinerlei Hinweise dieser Art von Kunden oder Mitarbeitenden erhalten, schreibt das Unternehmen. Ein einzelner kritischer Kommentar auf der Facebook-Seite des Unternehmens blieb bislang unbeantwortet.

Die Wanddeko sei ein toller Blickfang "im Ethno-Look"

Die Wanddeko heißt "Irving". Und obwohl es einen bekannten britischen Holocaust-Leugner mit diesem Namen gibt, haben die Teller wohl nichts mit ihm zutun.

Neben Mömax verkaufen auch Bauhaus, Trends und Moebel-Shop.de das spezielle Design. Und zumindest bei Bauhaus muss irgendjemandem aufgefallen sein, dass sich hinter dem Motiv in jedem Fall eine abstrahierte Sonne verbirgt.

Laut der Beschreibung auf der Website von Bauhaus wecke das Arrangement der Linien "verschiedene Eindrücke und erinnert an Sonnen oder Planeten, aber auch an alte Skulpturen". Kurzum: Das Wandobjekt könne "an jeder Wand strahlen" und setze "aufregende Akzente".

Bauhaus antwortet auf eine VICE-Anfrage, man verkaufe den Artikel seit September 2019 und könne den "Hakenkreuz-Vergleich" nicht nachvollziehen, was die Pressestelle anhand dreier Punkte belegen will: Anders als beim NS-Hakenkreuz strebten die Linien nämlich "ganz klar nach links", seien obendrein kreisförmig – und nicht gradlinig. Hintereinander gestaffelt stellten sie "eher ineinander verschwungene Strukturen" dar.

In dieser Ansicht sei Bauhaus auch von seinem Lieferanten bestätigt worden.

Der Hersteller von "Irving" ist die BOLTZE Gruppe aus Schleswig-Holstein. Die Marketingabteilung von BOLTZE gibt gegenüber VICE unumwunden zu, dass es sich bei "Irving" um eine "sogenannte Swastiska" handelt.

Dann folgen mehrere Sätze Erläuterung über das Aussehen und die Verwendung des Symbols, die sich wortgleich auch auf Wikipedia finden. Demnach ist die Swastika im Hinduismus und im Buddhismus etwa ein Glückssymbol.

"Das nationalsozialistische Hakenkreuz", schreibt schließlich auch BOLTZE, "geht immer in die andere Richtung und ist rechtwinklig – also eindeutig nicht wie das Symbol auf dem Artikel."

Das ist korrekt. Die Nationalsozialisten benutzten ein nach rechts zeigendes Hakenkreuz als Symbol. Dessen Verwendung ist heute verboten. In Deutschland sind allerdings zahlreiche Abwandlungen ebenfalls verboten, darunter nach links zeigende und/oder geschwungene Hakenkreuze.

Doch BOLTZE verwendet das Design nicht exklusiv. Bei einer Rückwärtssuche für das Bild landet man bei Etsy, türkischen Lifestyle-Blogs und der New York Times. Unter anderem verkauft eine Non-Profit-Organisation Schalen mit einem nahezu identischen Design, hergestellt von afrikanischen Frauen. Andere Shops schreiben, das Design stamme aus dem ostafrikanischen Land Ruanda.

Auch in seinem Webshop bietet Mömax "Irving" an. Dort schreibt das Unternehmen von einem tollen Blickfang "im Ethno-Look". Ob das jetzt geschmackssicherer ist, sei mal dahingestellt.

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