Nacktfotos von Nicole sind im Internet gelandet: Tom umarmt sie
Fotos: Rafael Heygster
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Tom fand Nacktfotos seiner Frau im Netz, jetzt jagt das Paar den Uploader

190 Nacktfotos. Sieben unerlaubt veröffentlichte Sexvideos. Ein mutmaßlicher Täter. Und kaum eine Chance.
17 Dezember 2019, 12:34pm

Am 12. August 2019 setzte Tom sich an den Holztisch im Esszimmer und klappte den Bildschirm seines grauen Sony-Laptops auf. Die letzten drei Wochen hatte er damit verbracht, ehrenamtlich für Europol zu arbeiten. Er gehört zu einer Gruppe Freiwilliger, die auf Fotos nach Gegenständen suchen, die bei der Überführung von Pädophilen hilfreich sein könnten. "Diese Gegenstände geben ein Rätsel auf. Wenn man dieses Rätsel lösen kann, ist das ja auch eine Bestätigung für einen selbst", sagt er.

An diesem Tag jagte er jedoch keine Spielplatzfotos für Europol durch die Bildsuchmaschine Yandex, sondern ein Bild von sich und seiner Frau Nicole. Er trägt darauf einen schwarzen Zylinder, sie lacht in die Kamera. Am Wochenende zuvor waren die beiden gemeinsam auf einem Gothic Festival gewesen und seien oft fotografiert worden. Er findet eine Reihe Bilder, scrollt hindurch. Dabei fallen ihm zwei Bilder auf. Sie sind anders als die anderen. Sie zeigen eine Frau. Auf einem Bild trägt sie schwarz-weiße Dessous, schaut in die Kamera, die Arme in die Hüften gestützt. Sie lächelt. Auf dem zweiten Bild dieselbe Frau. Obenrum in einer roten Corsage. Untenrum ist sie nackt. Es ist Nicole.

Anfangs erinnert Nicole sich nicht an die Aufnahmen. Sie hatte sie verdrängt.

Tom und Nicole, die eigentlich anders heißen, aber die wir zu ihrem Schutz so nennen wollen, wohnen in einer Gegend, in der man das Gefühl hat, nicht einmal unbemerkt ein Kaugummipapier fallen lassen zu können. In der noch ein Zigarettenautomat am Straßenrand steht, der so durchschnittlich bestückt ist wie die Stadt, in der er sich befindet, groß und die Häuser dort schön sind. Von ihrer Terrasse aus kann man über weite Felder schauen. Genau hier fragte Tom seine Frau an jenem 12. August, ob sie wisse, dass erotische Aufnahmen von ihr im Netz zu finden sind. "Ich war in dem Moment total geschockt", erinnert sich Nicole. Die Stimmung zwischen ihnen beiden sei in dem Moment sehr angespannt gewesen. Erst als Tom ihr einige der Bilder zeigte, habe sie sich wieder erinnern können. "Ich hatte die Aufnahmen verdrängt", sagt die 38-Jährige.

In den letzten Monaten stellte sich heraus: Es sind mindestens 190 Nacktfotos, sieben Sexvideos, 85 Bildtexte mit erniedrigenden Beleidigungen, drei Blowjob-Compilations, 20 BDSM- und zehn Blowjob-Fakes, die suggerieren, dass Nicole die Akteurin sei – verteilt auf insgesamt 1.983 unterschiedlichen URLs. Tom hat all das gezählt, wir haben es stichprobenweise überprüft und keine Zweifel an der Richtigkeit seiner Angaben.

Sie sitzen an seinem Esstisch, während sie von den Geschehnissen erzählen. Der Laptop, mit dem Tom die letzten Monate nach Nacktaufnahmen seiner Frau suchte, alles fein säuberlich dokumentierte, steht aufgeklappt neben ihm. Er sei im ersten Moment einfach entsetzt gewesen. "Aber nicht darüber, dass Nicole die Aufnahmen gemacht hat", sagt er.

Sex spielte in Nicoles erster Ehe eine große Rolle. Das wusste Tom.

"Ich wusste aber auch, dass Nicole schon einmal vor einem Glas mit Schlaftabletten saß", sagt er. Immer wieder betont er, dass die Bilder für ihn nichts Verwerfliches seien. Seine Frau sitzt neben ihm. Er habe Angst gehabt, was die Aufnahmen mit ihr machen würden. Und mit ihm. "Und mit unserer Ehe", sagt Tom.

"Ich bin zwar das Opfer, aber ich habe mich schuldig gefühlt", sagt Nicole.

Am 13. August, einen Tag später, gingen die beiden zur Polizei. Nicole erstattete Anzeige gegen ihren Ex-Mann, eine schriftliche Bestätigung liegt VICE vor. Im ersten Moment habe sie sich sehr geschämt, die Aufnahmen damals gemacht zu haben, sagt Nicole: "Ich bin zwar das Opfer, aber ich habe mich schuldig gefühlt." Dabei ist es ja nicht schlimm, Sexvideos zu drehen. Sie ohne Einverständnis weiterzuverbreiten, hingegen schon. Nicole bat darum, mit einer Polizistin sprechen zu können. Dem kam die Polizei nach. Trotzdem wurde sie enttäuscht. Sie beschreibt die Beamtin als sehr harsch, wenig empathisch. "Ich habe das so hingenommen, weil ich erstmal nur wollte, dass mir geholfen wird", sagt sie. Tom pflichtet ihr bei. Er sagt: "Ich hatte das Gefühl, dass der Polizistin das Thema unangenehm war." Insbesondere als er ihr einige der Aufnahmen auf seinem Handy zeigte. Für die Polizistin schien es hier nicht um Persönlichkeitsrechte zu gehen, nicht um Scham. Stattdessen nannte sie das, was sie sah, eine "Kunsturheberrechtsverletzung". Nicht ihre Aufgabe. Sie hat damit Recht, wie sich später herausstellt. Doch in diesem Moment hätten sich Tom und Nicole eine andere Reaktion gewünscht. Das Paar sagt, die Beamtin habe den Fall dann einer anderen Sachbearbeiterin zugewiesen.

Drei Tage später meldete sich die zuständige Kommissarin per Mail bei Nicole, bittet um eine zeitnahe Zurverfügungstellung von Links und Screenshots. Außerdem um Informationen zum Entstehungsort der Aufnahmen. Telefonisch habe sie dem Paar später geraten, die Plattformen nicht zur Löschung der Videos aufzufordern. Am 29. August 2019 habe Tom ihr einen USB-Stick mit seinen Rechercheergebnissen überreicht. Auf dem Stick befanden sich knapp 780 Links zu Nacktaufnahmen und Sexvideos. In dem Moment hätte Tom sich zurücklehnen, die Beamten ihre Arbeit machen lassen können. Aber er entschied sich, weiter zu suchen. Er wolle es eben sehr sorgfältig machen, sagt er.

Toms Suche nach den vermeintlichen "Rachepornos" wird zur Sucht

Fünf Stunden täglich saß Tom in den folgenden Wochen vor seinem Laptop. Er findet immer mehr Material. Dokumentiert. Macht Screenshots. In dieser Zeit notierte er knapp 2.000 unterschiedliche URLs. Einige Aufnahmen wurden auf Pornhub veröffentlicht, andere auf xHamster, YouPorn, x3vid und imagefap. Ob sie gezielt auf verschiedenen Plattformen veröffentlicht oder von anderen Nutzern weiterverbreitet wurden, ist schwer zu sagen. Ein Foto zeigt Nicole mit Babybauch, entstanden während der Schwangerschaft mit ihrem und Toms ersten gemeinsamen Kind – jemand muss es bei Facebook runtergeladen haben. Jetzt befindet es sich auf x3vid. Das ungeborene Baby wird in der Bildunterschrift als "Bastard" bezeichnet. Nicole als "Fettschlampe". Unter dem Bild ruft der Uploader zu einer "Massen-Besamung" auf – nennt Nicoles Heimatort und eine Uhrzeit.

Tom und Nicole vor einem pinkfarbenen Hintergrund

Das Material ist aber nicht nur auf bekannten Pornoplattformen zu finden, sondern auch in der sogenannten "Slut Exposer"-Szene. In einer Online-BDSM-Community tauschen Männer und Frauen Bilder und Videos anderer Frauen aus – in einer Grauzone zwischen Legalität und Missbrauch. Unter die Bilder der Frauen schreiben sie "please expose me" – eine Aufforderung, sie bloßzustellen. Häufig schreiben die Uploader unter die Bilder auch Sätze wie "exposed with her permission". Sie nennen sich selbst "Slut-Exposer". Ob die Frauen wirklich darum gebeten haben, öffentlich "bloßgestellt" zu werden, lässt sich von außen schwer beurteilen.

Unter manchen Bildern von Nicole ruft der Uploader andere Nutzer dazu auf, sie auszudrucken und auf öffentlichen Toiletten auszuhängen. Mindestens ein Nutzer kam dieser Aufforderung nach, wie ein Foto zeigt. Außerdem forderte ein Uploader andere Männer dazu auf, zu Nicoles Bildern zu masturbieren. Mehrere von ihnen luden daraufhin Videos der sogenannten "Cum Tributes" hoch.

Seine Frau habe er vor der Recherche weitestgehend abschirmen wollen, sagt Tom. "Es hat sie sichtlich schwer belastet." Nicole sagt: "Ich wollte das Leben vor Tom und unserer Tochter eigentlich hinter mir lassen." Als ihr Mann die Nacktaufnahmen fand, sei es über ihr hineingebrochen. Weil sie sich erinnerte, wie sie entstanden sind.

"Mein Ex-Mann hat sie gemacht", sagt Nicole.

Wie viele genau, habe sie in dem Moment nicht gewusst. Ob er sie auch veröffentlicht hat? Tom und Nicole glauben das. Beweisen können sie es nicht.

Tom und Nicole beschuldigen ihren Ex-Mann, doch sie können es nicht beweisen

Nicole war noch nicht volljährig, als sie Ende der 90er mit ihrem ersten Mann zusammenkam. Sie trafen sich in einer Kirche. Björn, so nennen wir ihn hier, arbeitete dort als Jugenddiakon. "Ich war damals 17, er Mitte Dreißig, Jugenddiakon, verheiratet und Vater zweier Kinder", sagt Nicole. Sie sei immer etwas "fülliger" gewesen als die anderen. Alle Mädchen hätten einen Freund gehabt – außer ihr. "Plötzlich war da jemand, der mich mochte und der männlich war. Da hat sich mir eine neue Welt eröffnet", erklärt sie. Wenige Jahre später heirateten die beiden.

Nicole sagt, dass sie Björn in dieser Ehe hörig gewesen sei. "Ich war das junge, dumme Mädchen." Er habe viel getrunken. "Wenn er nicht gerade arbeitslos war, war er auf dem besten Weg, es zu werden", sagt sie. Sie arbeitete damals als Erzieherin und habe mit ihrem Einkommen jahrelang seinen Alkoholismus finanziert. Trotzdem sei die Angst vorm Alleinsein größer gewesen als die Angst davor, bei ihm zu bleiben. Deswegen habe sie auch zugelassen, dass er Nacktbilder von ihr machte und Sexvideos drehte. Das war 2009. "Spaß hatte ich dabei nie", sagt sie. Auch nicht an den Swingerpartys, zu denen ihr Ex sie überredet habe. "Ich hatte einfach Angst, dass er mich sonst verlässt", sagt sie.

Wenn Nicole von Björn spricht, wirkt er wie ein furchtbarer Mensch, die Beziehung wie ein jahrelanger Missbrauch. Wieso hielt sie so lange an dieser Beziehung fest? "Ich weiß es nicht", sagt sie. Sie habe immer wieder über eine Trennung nachgedacht. 2010 schaffte sie es. An diesem Tag sei sie in der Stadt unterwegs gewesen. "Ich hatte einfach Spaß, war shoppen", sagt sie. Er sei währenddessen zu Hause gewesen, habe getrunken. "Als ich wiederkam, habe ich ihm gesagt, dass es vorbei ist", sagt sie. Seine Reaktion? Er habe ihre Mutter angerufen, damit diese sie zum Bleiben überredet. Sie tat es nicht. Nicole ging und ließ sich scheiden.

Nach der Trennung habe sie große Angst vor ihrem Ex-Mann gehabt, sagt sie. Manchmal sei sie aus Angst, verfolgt zu werden, über rote Ampeln gefahren. Seitdem Nicole von den veröffentlichten Videos und Bildern weiß, habe sie wieder Angst. Angst, die Wohnung zu verlassen. Angst davor, von Fremden erkannt zu werden. Angst vor der Haustürklingel. Es gebe Wochen, sagt sie, in denen sie gar nicht rausgehe. Und wenn, dann am liebsten mit Sonnenbrille.

Nur wenn er Zweifel hatte, hat Tom den Ton der Videos angestellt, um seine Frau am Stöhnen zu erkennen

Das früheste Upload-Datum, das Tom fand, liegt im Jahr 2013. Nicole und ihr Ex-Mann sind da schon lange geschieden. Immer wieder spielte Tom die Videos ab, suchte nach Details, an denen er eindeutig seine Frau identifizieren konnte. Zu Beginn habe er die Videos immer ohne Ton geschaut. Nur wenn er sich anhand der Bilder nicht sicher sein konnte, habe er ihn angestellt, um zu sehen, ob er seine Frau am Stöhnen erkennt. "Ich konnte das alles sehr professionell von mir wegschieben", sagt Tom. Trotzdem plagen ihn seitdem Bauchschmerzen und Darmbeschwerden.

Wenn heterosexuelle Männer Pornos gucken, denken sie sich den anderen Mann häufig weg. Das sagt zumindest der Psychologe Ulrich Clement. "Wenn ich Blowjob-Szenen geguckt habe, habe ich mir vorgestellt, dass ich der Mann bin", sagt Tom. So seien die Aufnahmen für ihn nicht so schwer zu ertragen gewesen. Bis zum dem Tag, an dem er Nicoles Ex in einem der Sexvideos sah. "Ab diesem Moment konnte mein Gehirn das nicht mehr trennen", sagt er.


Auch bei VICE: Die Geschichte des "Cleveland Stranglers" und seiner vergessenen Opfer


Nicole und Tom lernten sich über eine Singlebörse kennen. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, sagt Tom. Schon eine Woche später machte er ihr einen Heiratsantrag. Sieben Tage nachdem er sie zum ersten Mal sah? "Ja", sagt Tom, "Nicole ist meine Seelenverwandte." Das ist jetzt fünf Jahre her. Beide lebten vor und während ihrer Ehe mit psychischen Erkrankungen. Depressionen, Burnout, Panikattacken. Tom verlor seinen letzten Arbeitsplatz. Nicole ist seit mehreren Monaten wegen eines Burnouts krankgeschrieben. "Die Videos sind eine Belastung für uns, aber nicht auf Beziehungsebene", sagt Nicole. Ihre Beziehung sei daran gewachsen. "Ich weiß, dass Tom mich wegen dieser Scheiße niemals verlassen würde."

Trotzdem wird während des Gesprächs deutlich, dass der Fund nicht spurlos an ihrer Beziehung vorbeigegangen ist. Die beiden erzählen, dass es in ihrer Ehe früher nur selten zu Streit gekommen sei. Das habe sich während Toms Suche geändert. Gebeten hatte Nicole ihn nicht darum. Trotzdem sagt sie, dass sie ihm sehr dankbar dafür sei, dass er sich so tiefgehend und gründlich mit dem Thema beschäftigt hat – ihr zuliebe. Sie sagt aber auch: "Ich kam öfter an den Punkt, an dem ich fand, es reicht." Aber Tom hörte nicht auf.

Seit Tom in den Videos Nicoles Ex-Mann sah, hat er Erektionsprobleme. "Ich bin meiner Fantasien beraubt worden", sagt er. Wenn die beiden Sex haben, muss jetzt immer das Licht eingeschaltet sein. "Ansonsten drängen sich immer wieder Bilder von dem Scheiß hier in meinen Kopf", sagt Tom. Auch Pornos würden ihn nicht mehr anmachen. Trotzdem ist nicht er das Opfer in dieser Geschichte, sondern Nicole. Auch wenn die Suche nach den vermeintlichen Rachepornos sichtlich Spuren bei Tom hinterlassen hat.

Wenn Tom in den letzten Wochen zu viel Zeit am Laptop verbrachte, sei es zu Reibereien zwischen den beiden gekommen. "Nicole hätte in dieser Zeit eigentlich Familienzeit gebraucht", sagt Tom. "Ich habe dann in der Zeit YouTube-Videos auf meinem Handy geguckt", sagt Nicole. Tom wirkt, als täte ihm die Intensität seiner Recherche leid. Sein Verhalten hat etwas von einem Drogenabhängigen, der weiß, dass er bei jedem Schuss sterben könnte und sich trotzdem nach mehr verzehrt.

Polizei und Staatsanwaltschaft können bei der Löschung nicht helfen

In den folgenden Wochen wurde der Fall von Dienststelle zu Dienststelle geschickt. Erst Mitte Oktober landete er bei einem Beamten, der sich zuständig fühlte. In einem Telefonat habe Tom den Beamten gefragt, wie dieser mit seinen Rechercheergebnissen verfahren wolle. Er habe mitgeteilt, vorerst weder an einem Treffen noch an den Daten interessiert zu sein. Er wolle erst einmal den Beschuldigten vorladen. Sie könnten die Pornoseitenbetreibenden ruhig kontaktieren und eine Löschung der Fotos und Videos beantragen. Am nächsten Tag schickte Tom ihm trotzdem mehrere URLs zu Bildern und Videos seiner Frau.

Wenn man mit ihm spricht, wird deutlich, dass Tom sich in diesem Fall nicht auf die Polizei verlässt. Die Polizei wollte sich gegenüber VICE nicht zu dem Fall äußern, da es sich um ein laufendes Ermittlungsverfahren handelt. Tom kritisiert das Vorgehen der Beamten stark. Seiner Meinung nach handle sich in diesem Fall um Internetkriminalität. "Alle Indizien werden sich online und auf seinem Rechner befinden", sagt er. Auf seinem Rechner, das heißt, auf dem Rechner von Nicoles Ex-Mann. Er fordert eine Hausdurchsuchung.

Nicole sagt, sie wünsche sich, dass die Aufnahmen aus dem Internet verschwinden. Dennoch wirkt es, als hätte sie bereits aufgegeben. "Wenn ein Video gelöscht wird, taucht am nächsten Tag woanders wieder eins auf", sagt sie. Obwohl die Polizei dem Paar sagte, dass sie die Pornoplattformbetreibenden zur Löschung der Videos auffordern sollten, haben sie bisher keinen angeschrieben. Einige der Links führen zu Seiten, auf denen die Videos längst nicht mehr verfügbar sind. Dennoch sind Ausschnitte von ihnen als Vorschaubilder zu sehen. Diese Thumbnails zu löschen, ist nicht einfach. Aber sollte man es deshalb gar nicht erst versuchen?

Nicole und Tom, ihre Hände umfassen den Kopf des Anderen

Die beiden wenden sich auch an die Staatsanwaltschaft, beschreiben detailliert ihr Problem. Am 20. November teilte die zuständige Staatsanwaltschaft Nicole in einem Schreiben, das VICE vorliegt, mit, dass sie dem Fall nicht nachgehen werde, da er nicht von öffentlichem Interesse sei. Es sei ihr aber offen gestellt, Privatklage zu erheben. Im Gespräch mit VICE begründet eine Pressesprecherin das Vorgehen der Staatsanwaltschaft damit, dass die Fotos und Videos einvernehmlich während der Ehe entstanden sind. Nicoles Ex-Mann sei zu den Vorfällen befragt worden. Er habe angegeben, dass die beiden eine offene Beziehung führten und einen gemeinsamen Account angelegt haben, auf dem sie Nacktaufnahmen von Nicole veröffentlichten.

Das stimme, sagt Nicole. "Wir hatten während unserer Ehe einen gemeinsamen JOYClub-Account." Das ist eine Sex- und Erotik-Community. Dort habe sie genau zwei Bilder von sich online gestellt.

In Deutschland gibt es bisher kein Gesetz, das Opfer von sogenanntem "Revenge Porn" speziell schützt

Das Problem ist nun: Nicole hat einer Veröffentlichung von Nacktbildern zugestimmt. Technisch ist es möglich, dass nicht Nicoles Ex-Mann, sondern andere Nutzer für die Verbreitung der Aufnahmen verantwortlich seien. "Das Material ist seit Jahren online, wie will man da sicher sagen, dass der Ex-Mann verantwortlich ist?", sagt die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft. Nicole aber sagt, dass es sich nicht um die beiden Bilder des JOYClub-Accounts handelt, sondern um viele andere, deren Veröffentlichung sie nie zugestimmt habe. "Meines Wissens nach wurde in dieser Zeit auch keines der Bilder an andere Personen verschickt", sagt sie.

Der Berliner Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht Kai Jüdemann sagt gegenüber VICE: "Das Strafrecht hilft uns in solchen Fällen nicht, da in den meisten Fällen der Nachweis der Täterschaft nicht erbracht werden kann." Auch einer Privatklage steht er daher skeptisch gegenüber. Man könne zwar Schmerzensgeld- und Schadensersatzansprüche geltend machen, die Aussichten seien jedoch in den meisten Fällen wegen fehlender Beweise schlecht.

In Deutschland gibt es bisher kein Gesetz, das Opfer von sogenanntem "Revenge Porn" speziell schützt. Kai Jüdemann beschreibt es so: "Lädt jemand unerlaubt ein Bild hoch, handelt es sich bei einer berechtigt hergestellten Aufnahme um einen Verstoß gegen das Recht am eigenen Bild." Also um einen Verstoß gegen das Kunsturhebergesetz. Egal, ob man darauf nackt ist oder nicht.

Laut Staatsanwaltschaft sei es in diesem Fall außerdem zu prüfen, ob es sich bei den Nacktaufnahmen zusätzlich um eine Verletzung des persönlichen Lebensbereichs handelt. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn die Aufnahmen unbefugt in einer Wohnung oder in einem besonders geschützten Raum entstanden sind. In diesem Fall wurden die Fotos und Videos aber einvernehmlich erstellt. Nicole hat gewusst, dass sie fotografiert und gefilmt wird.

Der einzige Schutz für Nicole wäre laut Staatsanwaltschaft gewesen, die Bilder nach Beendigung der Beziehung zu löschen. "Wenn das nicht möglich ist, ist das das eigene Risiko", sagt die Pressesprecherin. Kai Jüdemann sagt: "Wenn die Katze einmal aus dem Sack ist, hat man kaum eine Chance."

Trotzdem wollen Tom und Nicole nicht aufgegeben. Tom sagt, es ginge ihm nicht nur darum, Björn zu bestrafen. "Ich möchte, dass alle deutschen User, die das Material weiterverbreitet haben, haftbar gemacht werden", sagt er. "Wir möchten, dass die Möglichkeiten des Rechtssystems vollends ausgeschöpft werden." Nicole hofft, zu einem Präzedenzfall zu werden.

Das Paar sucht jetzt eine Kanzlei, die auf Revenge Porn spezialisiert ist. Sie hoffen, den Fall dann endlich mit einem gutem Gefühl aus der Hand geben zu können. "Wenn wir uns mit dem Thema beschäftigen, sind wir angespannt und legen jedes Wort des anderen auf die Goldwaage", sagt Tom.

Tom und Nicole leiden auf unterschiedliche Weise unter den Nacktaufnahmen und Sexvideos. Er, weil er sich zwei Monate lang täglich mit den Aufnahmen befasste. "Ich bin ein 'Co-Betroffener'", sagt Tom. Und Nicole? Sie ist es, deren teils erniedrigende Aufnahmen im Internet sind. Öffentlich zugänglich. Ohne ihr Einverständnis. "Ich kann erst mit der Sache abschließen, wenn die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurden", sagt sie.

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